Fotos: Dr. Karin Rasmussen, Saskia-Marjanna Schulz, Alexandra Gräfin Dohna

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Sonntag, 2. September 2012

Wie ein begabter Mensch seine Freiheit findet


Liebe Karin,

Du machst mir eine grosse Freude: Dass Du noch in diesem Jahr ein Forschungskonzept entwickeln wirst, begeistert mich. Karin, Du hättest es sehen sollen: Ich bin gleich durchs Büro getanzt. 

Wer ist die forschende Unbekannte, die sich mit Dir an die Arbeit machen will? Wenn Du magst, berichte mir bitte bald mehr davon. Ich bin aufgeregt vor Freude!

Von Deinem spannenden Workshop „Hochbegabung verstehen - Was ist anders im HB-Gehirn?“ (1) lese ich mit einem mich freuenden und mit einem traurigen Auge. Ich freue mich über die coole Idee. Ich freue mich über die spannenden Fragestellungen wie etwa „Was sind IQ-Bausteine und sind diese gleichzeitig HB-Bausteine?“, „Welche Intelligenzbereiche werden mit dem IQ abgebildet und was sagt das über Begabungen?“ und „Welchen Potenzialvorsprung kann man durch HB haben und wie kann man diesen Vorsprung nutzen?“. Mit Dir. Am 17.09.2012 oder 18.09.2012 in Berlin. Dich und andere Hochbegabte näher kennen lernen. Wer wäre nicht gerne dabei? Glückwunsch denen, die das erleben dürfen. Eine brilliante Idee! (Wir feiern am 17./18. in der Familie einen runden Geburtstag – aber ich werde in Gedanken immer mal in Berlin sein.)

Mein trauriges Auge: Was ist mit den hochbegabten Menschen, die nicht in Berlin sein können? Deren Terminkalender einfach mit dem Kopf schüttelt und NO sagt? Zuerst dachte ich: Wir können gemeinsam ein Buch zu diesem Thema schreiben. Mich fasziniert unser Gehirn seit meiner Kindheit. Seit mein Grossvater nach einem Schlaganfall nicht mehr sprechen konnte. Später an der Uni, bei Praktika in Krankenhäusern und während meiner Trainerausbildung. Aktuell arbeite ich an dem Thema „Interaktion mit einem komatösen Hochbegabten“.

Bald kam mir aber ein anderer Gedanke: Ein Film kann dieses Thema – auch für Angehörige der Hochbegabten – besser transportieren. Und so habe ich ein neues Angebot an Dich – wenn ich meine aktuellen Hausaufgaben gemacht habe – wollen wir gemeinsam einen Film über „Hochbegabung verstehen“ machen? Die Erfahrungen aus Deinem Workshop können dann ein Herzstück dieses Films sein.

Wie gefällt Dir die Idee?

Ich kann mir vorstellen, dass wir dadurch auch Deiner Anregung vor dem Hintergrund Stefan Zweigs  „Wer einmal zu sich selbst gefunden hat, der kann nichts auf dieser Welt mehr verlieren.“ näher kommen: „Ich glaube nämlich: das genau ist es, wonach so viele Hochbegabte – und nicht nur sie – suchen. Wer bin ich, was kann ich, was bedeute ich in der Welt in der ich lebe und was wird von mir bleiben?“

Wie aber können wir zu uns selbst finden?  Wir lernen alles Mögliche in den Schulen, in Akademien und Universitäten – aber wo lernen wir: zu uns selbst zu finden?

Marc Aurels Anregung ist gut und schön: „Blicke in dein Inneres. Da ist die Quelle des Guten, die niemals aufhört zu sprudeln, wenn du nicht aufhörst zu graben.“ Aber mal ganz konkret: Wie geht das, in mein Inneres zu blicken? Gibt es dafür ein Rezept? Wie bei einem Kochkurs? Und: Kann ich das alleine? Oder brauche ich Hilfe? Welche? Von wem? Von Ärzten? Psychologen? Philosophen? Pädagogen? Theologen?

Ich erinnere mich noch genau an einen zauberhaften Sommer vor acht Jahren in Niedersachsen. In der Nähe der Nordsee gab es ein kleines Paradies mit Trainingsräumen. Wir hatten gerade mein „Frauen-Coaching-Seminar“ beendet und standen noch eine Weile zusammen. Eine der Frauen sagte nach einer langen Pause: ein solches Seminar sollte im Fernsehen gezeigt werden. Damit mehr Frauen Mut finden, sich selbst zu entwickeln.

Wenig später flatterte der Brief einer der grössten Fernsehproduktionen auf meinen Schreibtisch. Es war die Casting-Anfrage  für ein tägliches Coaching im Fernsehen, das ich dann übernehmen sollte. Der Gedanke gefiel mir auf Anhieb. Allein die Umsetzung wollte  mir nicht einleuchten. Als gelernte Fernsehjournalistin konnte und kann ich mir nicht vorstellen, wie eine seriöse Umsetzung für ein tägliches Millionenpublikum möglich sein kann. Jedoch denke ich immer mal wieder darüber nach.

Ich frage mich: Welche Möglichkeiten kann es geben, den inneren Weg zu sich zu finden. Und warum ist dieser Weg  so wichtig?

Wer sich auf die Suche nach sich selbst begibt, wird früher oder später „Das Drama des begabten Kindes“ (2) der Psychoanalytikerin Alice Miller in den Händen halten. Sie empfiehlt „die Wahrheit unserer einmaligen und einzigartigen Kindheitsgeschichte emotional zu finden.“ Erst die Wahrheit befreit. Wir können unsere Vergangenheit nicht ändern. Aber unsere Einstellungen zu dieser Vergangenheit. Wir können aufhören, vor dem empfundenen Schmerz und dem Leid zu fliehen. Wir können das Land der Illusionen verlassen. Die Illusionen, die uns scheinbar in Sicherheit wiegen. Und wir können lernen, unserer Wahrheit ins Auge zu blicken.

Wie könnte unsere Wahrheit aussehen? Alice Miller schreibt dazu: „Die frühe Anpassung des Säuglings führt dazu, dass die Bedürfnisse des Kindes nach Liebe, Achtung, Echo, Verständnis, Teilnahme, Spiegelung verdrängt werden müssen. Gleiches gilt für die Gefühlsreaktionen auf die schwerwiegenden Versagungen, was dazu führt, dass bestimmte eigene Gefühle (wie z. B. Eifersucht, Neid, Zorn, Verlassenheit, Ohnmacht, Angst) in der Kindheit und dann im Erwachsenenalter nicht erlebt werden können. Dies ist umso tragischer, als es sich hier um Menschen handelt, die an sich zu differenzierten Gefühlen fähig sind.“ (3)

Wer sich seiner Wahrheit stellt, wird belohnt. Miller: „Es gehört zu den Wendepunkten der Therapie, wenn Menschen zu der emotionalen Einsicht kommen, dass all die ‚Liebe‘, die sie sich mit so viel Anstrengungen und Selbstaufgabe erobert haben, gar nicht dem galt, der sie in Wirklichkeit waren; dass die Bewunderung für ihre Schönheit und Leistungen der Schönheit und den Leistungen galt und nicht eigentlich dem Kind, wie es war. Hinter der Leistung erwacht in der Therapie das kleine einsame Kind und fragt sich: ‚Wie wäre es, wenn ich böse, hässlich, zornig, eifersüchtig, verwirrt vor euch gestanden wäre? Wo wäre denn dann eure Liebe gewesen? (…) Von Anfang an war ich ein kleiner Erwachsener. Meine Fähigkeiten – wurden sie einfach missbraucht?‘“ (4)

Ich nehme jetzt meine Gefühle ernst – ist ein Schritt aus dem inneren Gefängnis. Wir erinnern uns daran, dass Generationen von kleinen Jungs – und manchmal auch Mädchen – mit dem scheinbar heroischen Satz gross geworden sind: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ In Wahrheit ist das Gegenteil der Fall: Auch Indianer kennen Schmerzen, weiss Dr. James Blunk (5) zu berichten. Er ist Anästhesist mit Fachgebiet Schmerztherapie und er hält Vorlesungen an der Heidelberger Kinder-Uni in Medizin. Er klärt die Kinder auf und sagt, wie wichtig das Schmerzempfinden ist: „Alle Menschen empfinden Schmerzen. Schmerzen zu haben ist ausserdem nicht peinlich oder gar schädlich, sondern im Gegenteil überlebenswichtig.“

Wissenschaftler informieren zunehmend wie wichtig Gefühle sind. Zum Beispiel der Neurowissenschaftler António Damásio in seinem Buch „Descartes' Irrtum: Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn“. (6) Er zeigt auf, dass Menschen, die das Zentrum für Emotionen im Gehirn verloren haben (durch Unfall/Krankheit), die Fähigkeit verlieren, ihr Leben zu organisieren und Entscheidungen zu treffen. (7)

Wenn die Menschen lernen, wie wichtig ihre Gefühle sind, kann eine Erleichterung einsetzen. Als Kind konnte die Verleugnung der Gefühle von ihm als lebenswichtig gedeutet werden. Heute darf das Kind von damals erkennen und erleichtert wahrnehmen was ehemals vielleicht abgewürgt werden musste. Und wie wichtig es ist, diese Gefühle ernst zu nehmen. Und in diesem Rahmen eigene Rechte erkennen: Schweigen und Einschüchterung – das war gestern!

Verhängnisvoll, wenn der Weg aus dem Gestern zum Heute nicht gegangen werden kann. Wenn Selbstgefühl fehlt und die "unangezweifelte(n) Sicherheit, dass empfundene Gefühle und Wünsche zum eigenen Selbst gehören". (8)

Ich sah einmal in einem Fernsehinterview eine europäische Prinzessin den folgenden Satz sagen: „Es ist schwer seinen Weg zu finden, wenn einen niemand versteht.“

Das war gestern.
Heute gibt es immer mehr Menschen, die verstehen!

Liebe Karin: danke, dass es Dich gibt! Danke für Deine Begleitung. Deine Umsichten und Einsichten. Sonnenschein für Dich!

Herzlichst
Deine Lilli

PS Ich möchte noch auf das neue Buch von Felix R. Paturi aufmerksam machen, das ab dem 19. September im Handel  sein wird: „Denken unerwünscht. Wie deutsche Schulen hochbegabte Kinder traumatisieren“ Es ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem deutschen Schulsystem. http://hochbegabungspresse.blogspot.de/2012/08/hochbegabten-buchtipp-denken.html


1 Hochbegabung verstehen - Was ist anders im HB-Gehirn? http://www.coaching-fuer-hochbegabte.com/SeminarHochbegabung
2 Miller, Alice: Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst.
Eine Um- und Fortschreibung. Frankfurt am Main 1991 http://www.alice-miller.com/bucher_de.php?page=8
3 a.a.O. Seite 22
4 a.a.O. Seite 29
7 Vgl. Miller, S. 166
8 Miller, Alice: Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst. 1. Auflage 1979, Seite 60