Fotos: Dr. Karin Rasmussen, Saskia-Marjanna Schulz, Alexandra Gräfin Dohna

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Freitag, 23. Dezember 2011

Start: Warum wissen geschätzte 99% der Hochbegabten gar nicht, dass sie hochbegabt sind?

Liebe Lilli,

ja, die Frage ist wirklich sehr interessant: Warum wissen geschätzte 99% der Hochbegabten gar nicht, dass sie hochbegabt sind?

 
Ich glaube, dafür gibt es viele Gründe. Zum Einen ist es wahrscheinlich für jeden Menschen schwierig, über sich selbst Bescheid zu wissen. Wir denken doch sehr viel mehr darüber nach, wie andere sind – als uns klar zu machen, wer und wie wir selber sind. Die Frage „wer bin ich“ ist nicht einfach zu beantworten. In meinen Seminaren und Coachings stelle ich immer wieder fest, dass viele Menschen ein Problem damit haben, sich selbst zu beschreiben. Außer den Fakten wie Alter, Familienstand, Ausbildung, Tätigkeit usw. erfährt man von ihnen selbst wenig über sie. Erst wenn sie ins Erzählen kommen, tauchen Sätze auf wie „… meine Mutter hat immer gesagt, ich bin …“ oder „Andere halten mich für …“ also Aussagen darüber, wie man von anderen gesehen wird.

Und falls diese Sicht der Anderen, dieses Fremdbild nicht akzeptabel erscheint, widerspricht man einfach. Dabei sind die Gründe, warum man das Fremdbild nicht akzeptieren will, oft moralischer Natur. Bei Hochbegabung ist dies möglicherweise so eine Art falscher Bescheidenheit: Ich glaube nicht, dass ich hochbegabt bin, weil ich dann ja etwas Besonderes wäre und das wäre unbescheiden, eventuell sogar arrogant. Und deshalb will ich es auch gar nicht wissen – selbst wenn es meine Eltern, meine Lehrer, meine Freunde für wahrscheinlich halten. Ich bin nichts Besonderes.

Manchmal verbindet man mit dem Begriff der Hochbegabung auch die Erwartung von Höchstleistung, also Spitzenwerte in jeglichem Wettbewerb, von der Schule über die Freizeit bis zur beruflichen Karriere. Und wer das nicht vorzuweisen hat, kann eben gar nicht hochbegabt sein.

Demzufolge sind die vielen unauffälligen, „normal“ erfolgreichen Hochbegabten, die gelegentlich auch Fehler machen oder Niederlagen verkraften müssen, einfach unerkannt. Sie fallen nicht genügend auf, um den Verdacht einer möglicherweise vorliegenden Hochbegabung zu erwecken.

Und wo Höchstleistung für sie tatsächlich möglich wäre, gelangen sie so gar nicht erst hin. Sie machen sozusagen eine normale (das bedeutet leider oft durchschnittliche oder sogar schlechtere) Ausbildung, ergreifen einen unspektakulären Beruf, bilden sich in geringem Maße weiter wenn es verlangt wird -  und holen sich das Futter für ihr gefräßiges Gehirn in der Freizeit, die leider noch immer für die intellektuelle Persönlichkeitsentwicklung als zweitrangig angesehen wird.

Ja, und schließlich – das ist Dir sicher auch schon begegnet – gibt es noch die Hochbegabten, die von den Menschen in ihrer Umgebung falsch oder gar nicht verstanden werden. Deren Gedankengängen und ungewöhnlichen Interessen man nicht folgen kann. Die man zunächst für „seltsam“ und später für „nicht richtig im Kopf“ hält. Und die dadurch oft in die Isolation getrieben werden, weil sie tatsächlich glauben, nicht in Ordnung zu sein. Alle anderen sind scheinbar ja ganz anders und Mehrheiten haben nun mal Recht. Mancher dieser unverstandenen Hochbegabten wird in wohlmeinender Absicht, aus ihm/ihr einen „normalen Menschen“ zu machen, leider auch in seiner Persönlichkeit sehr beschädigt. So dass der Glaube an sich selbst völlig schwindet und man sich eher für „dumm“, „beschränkt“ oder gar psychisch krank hält – nur nicht für hochbegabt!

Aber ich glaube, die meisten Menschen haben überhaupt noch nie wirklich über ihren IQ, ihre Intelligenz nachgedacht. Wozu auch? Wer mit dem Leben einigermaßen fertig wird, seine Aufgaben zufriedenstellend meistert, Freunde hat und für sich selber sorgen kann, der kann doch nicht dumm sein? Und wer nicht dumm ist, muss doch intelligent sein? Warum also weiter darüber nachdenken? Außerdem müsste man ja, wenn man es genau wissen wollte, einen IQ-Test machen. Und das klingt sehr nach Prüfung! Und Prüfungen können schief gehen! Was, wenn dabei herauskommt, dass man einen niedrigeren IQ hat, als man selber hofft? Dem muss man sich ja nicht aussetzen! Also lieber nicht weiter darüber nachdenken, was soll’s!

Überhaupt: was hat man denn davon, hochbegabt zu sein?
Haha, Du wirst lachen: Genau diese Frage hat mir heute einer meiner Coachees direkt gestellt. So als müsste er belohnt werden, weil er im IQ-Test einen Wert über 130 erreicht hat. Das ist übrigens ein interessanter Typ. Ich glaube, er vereint in sich alle Klischees, die es über Hochbegabte gibt. Aber dazu später mehr – ich will ihn erst noch genauer kennen lernen.

Du bist hoffentlich bei guter Gesundheit? Deine Einladung in diesen Blog hat mich sehr gefreut. Und ich hoffe, wir können mit diesem Gedankenaustausch etwas mehr Klarheit über ein spannendes Phänomen ist die Welt bringen, indem wir einfach aus dem Leben plaudern. Schon jetzt freue ich mich auf Deine nächste Nachricht. Bleib‘ so hartnäckig aktiv, wie ich Dich schätzen gelernt habe und ich werde Dich gern dabei unterstützen.

Liebe Grüße, (ach, beinahe hätte ich es wieder vergessen):
Besinnliche Feiertage und einen guten Start in das Neue Jahr wünscht
Deine Karin