Fotos: Dr. Karin Rasmussen, Saskia-Marjanna Schulz, Alexandra Gräfin Dohna

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Sonntag, 16. September 2012

Unser Selbst – Hochbegabung (all) inclusive!


Liebe Lilli,

danke für Deinen letzten Brief – wie immer sehnsüchtig erwartet, mit Freude gelesen, in Gedanken mehrmals beantwortet und dann doch bis auf den „letzten Moment“ vor mir hergeschoben - weil einfach zu viel passiert.

Also fange ich meine Antwort jetzt einfach mal in der Reihenfolge Deiner Fragen an:

Die Freundin, mit der ich mich an das Forschungsprojekt wagen werde, ist eine hochbegabte reife Frau, Mutter, IT-Spezialistin und gerade (nach mehreren abgeschlossenen anderen Ausbildungen und Studien) mal wieder Fernstudentin im Fach Psychologie. Da wir beide – wie Du ja auch – immer auf mehreren Baustellen gleichzeitig wirken, soll natürlich auch dieses Forschungsprojekt mehrfachen Nutzen bringen. Neben neuen Erkenntnissen aus der Welt der Hochbegabten wollen wir methodische Erfahrungen sammeln in der Anwendung der neuen Kommunikationstechnik für Forschungszwecke (hurra, als IT-Spezialistin kann sie mich um einiges weiter bringen, als ich es selbst geschafft hätte) und natürlich wird sie unsere Ergebnisse auch für ihre Bachelor-Arbeit nutzen. Zurzeit mühen wir uns in unserer knappen Freizeit um das Forschungskonzept  und sammeln Fragestellungen, die von anderen HB-Forschern bisher nicht betrachtet wurden. Das Feld ist groß – und der Ergebnishorizont vorläufig ganz offen.

Eine meiner aktuellen Baustellen ist besagter Workshop „Hochbegabung verstehen – was ist anders im hochbegabten Gehirn?“, der ja am kommenden Montag in Berlin startet. Ich habe inzwischen so viele Anfragen von Interessenten, die diesen Termin nicht nutzen können, dass mir Deine Idee, das Thema in einem Film zu bearbeiten, hervorragend gefällt. Damit könnten wir tatsächlich sehr viel mehr Menschen erreichen und wahrscheinlich auch viel mehr Erkenntnisse bereitstellen, als es die verbreiteten „Wunderkinder“-Reportagen im TV bisher getan haben. Eine wohltuende Ausnahme war da schon die Sendung mit Richard David Precht und Prof. Gerald Hüther (1) am 2. September im ZDF. Zwar ist die Frage „Macht Schule dumm?“ reichlich provokativ – klar, Quotenjagd – aber die Aussage von Prof. Hüther, dass eigentlich jedes Kind hochbegabt ist und Förderung verdient, bietet einen wunderbaren Einstieg in genauere Untersuchungen zu unserem Thema. Denn das, was heute allgemein als Hochbegabung definiert wird, ist ja in Wahrheit eher intellektuelles Hochleistungs- Potenzial. Und die Frage, welche Rolle das Gehirn – im Unterschied zu und im Zusammenwirken mit Umwelt – bei der Umwandlung von Potenzial in Leistung spielt, sollte doch genau so legitim sein, wie die sportmedizinische Forschung es für die Sportförderung ist. Also: Lass uns diesen Film machen, sobald es geht! Auch wenn er wahrscheinlich mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet: Fragen sind der Ursprung des Wissens!

Du fragst Dich (mit Deiner Erfahrung als Fernsehjournalistin) welche Möglichkeiten es geben kann, den inneren Weg zu sich selbst zu finden. Und warum dieser Weg  so wichtig ist? Und Du verweist auf Miller, Damasio und andere, die nachweisen, wie wichtig Gefühle sind.(2) Auch ich glaube, dass es ohne diese Akzeptanz der eigenen Gefühle keinen Weg zum eigenen, inneren Selbst geben kann. Und dabei hilft es oft, wenn man aus Büchern oder Filmen mit der emotionalen Betroffenheit, die diese Medien bewirken können, zu größerer Klarheit kommt.

Erst kürzlich haben mir mehrere Hochbegabte über ihre persönlichen Gefühlskrisen berichtet. Es war beim 24. Berliner Sommerfest von Mensa e.V. (übrigens wieder ein inspirierendes Highlight voller kultureller und intellektueller Anregungen). In verschiedensten Gesprächen kam wiederholt die Frage auf, wie die Nachricht von einer erwiesenen Hochbegabung verarbeitet wurde. Und fast wörtlich übereinstimmend erzählten meine Gesprächspartner über einen verwirrenden Prozess:

Zuerst wollten sie es nicht glauben, hielten das Ergebnis für einen Irrtum oder Fehler.Dann fingen sie an, sich mit dem Thema anhand von Büchern und Blogs zu befassen und erkannten sich selbst in vielen Schilderungen betroffen wieder. Vor allem die Beschreibungen anderer Hochbegabter über die Probleme mit verständnislosen Eltern, Lehrern, Altersgenossen und die erlebte Einsamkeit, den tiefgreifenden Selbstzweifel (mit mir stimmt was nicht) als auch die fortwährende Langeweile bei „altersgerechten“ Anforderungen schienen ein sicheres Symptom dafür zu sein, dass das Testergebnis doch stimmen könnte. Denn: Genau diese Probleme hatten sie selber auch!

Und dann kam die Wut: Nahezu jeder Mensch aus dem näheren Umfeld hätte doch etwas tun müssen, um dieses Potenzial zu fördern, statt immer nur auf Normalität, Zurückhaltung, Bescheidenheit, ja Durchschnittlichkeit zu bestehen! Man war im Stich gelassen worden! Man hatte schon als Kind keine Chance bekommen, man selbst zu sein. So viel Zeit und so viel Mut waren verloren gegangen.

In einigen Gesprächen konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sogar Hass gegen Eltern oder Lehrer eine Rolle spielte, jedenfalls war es mehr als nur einfache Wut. Der Vorwurf der Unterdrückung war unüberhörbar.

Auf meine vorsichtige Gegenfrage, welche Förderung man sich denn damals gewünscht hätte, herrschte dann doch erst mal betretenes Schweigen. Denn das war (und ist) vielfach unklar. Was wäre denn sinnvoll? Und ist die Erziehung in den Grundfragen menschlichen Zusammenlebens – ich nenne das mal „soziale Basis-Kompetenzen“ – wie z. B. Anstrengung, Ausdauer, Gründlichkeit, Fleiß usw. wirklich schädlich für die Hochbegabung? Wohl eher nicht! Sonst gäbe es ja nicht so viele erfolgreiche Hochbegabte, die von ihrer Hochbegabung gar nichts wissen. In Deutschland könnten etwa 1,6 Mio. Menschen hochbegabt sein, aber wie wenige wissen das von sich? (3)

Zu welcher Förderung wären also die Eltern, Lehrer usw. „verpflichtet“ gewesen, wenn die Hochbegabung doch gar nicht erkannt wurde? Gerald Hüther spricht mir aus dem Herzen, wenn er Förderung für jedes Kind verlangt, und das nicht nur in der Schule. Noch mehr: Wir brauchen ein Ende der Beschränkung! Für die meisten Hochbegabten, ob erkannt oder unerkannt, wäre schon der Wegfall vielfältiger Verbote oder Hindernisse ein großer Schritt zum eigenen Selbst.

Davon konnte ich mich bei der Einschulung meines älteren Enkels wieder mal überzeugen. Die Schulleiterin hatte in ihrer feierlichen Begrüßungsrede symbolisch eine „Zuckertüte“ gepackt mit allerhand nützlichen Dingen. Und unter anderem gab es auch ein paar Süßigkeiten für die Erstklässler, wie sie sagte:“… für die bitteren Momente, wenn mal etwas nicht gleich gelingt oder eine Note nicht so gut ausfällt“. Um dann gleich mit deutlich erhobenem Zeigefinger in der Stimme zu ergänzen: „Aber nicht im Unterricht naschen!“ Ich fragte mich sofort: Wen stört ein Bonbon? Wäre es nicht geradezu sinnvoll, die Situation zu nutzen und etwas über Traurigkeit, Enttäuschung, Trost, Durchhaltevermögen, gegenseitige Hilfe, Lebensmittelhygiene, gesunde Ernährung und/oder die umweltschonende Entsorgung von Bonbonpapier und vieles mehr  zu lehren?

Bei meinen Gesprächen mit den frustrierten Hochbegabten, die erst seit kurzem über ihre Hochbegabung wussten, spielten genau diese ungenutzten Chancen schließlich die größte Rolle: Sie hatten schon als Kind das Vertrauen und die Hoffnung in die Hilfe durch die Erwachsenen verloren – wie hätten sie etwas Sinnvolles von jemand lernen können, der so sinnlose Maximen aufstellte und mit aller Autorität verfocht? Die Liste der Bespiele war kunterbunt und ziemlich lang. Von schlechten Noten für ein richtiges Ergebnis in der Mathearbeit „weil wir den Rechenweg noch nicht behandelt haben“ über Betrugsunterstellungen „weil dieses Englisch nicht dem Niveau der anderen Schüler entspricht“ bis zum Verweigern der Gymnasialempfehlung „weil zu viele außerschulische Aktivitäten die Konzentration beeinträchtigen“ reichte die Palette (und ist bestimmt nicht vollständig).

Du kannst Dir vorstellen, dass ich große Mühe hatte, mich von der Frustration nicht anstecken zu lassen. Denn ich weiß ja, dass es auch viele richtig gute Lehrer gibt, viele engagierte Eltern und viele Förderprogramme und Initiativen, auch für die Begabtenförderung. Dass das alles nicht jeden erreicht ist eher eine Herausforderung, als ein Vorwurf. Und dass man für besondere Unterstützung auch eigene Anstrengungen unternehmen sollte, versteht sich von selbst. Über das Internet können heute die meisten Schulen direkt Informationen zur Begabungsförderung abrufen, sie können Eltern und Schüler dazu beraten und sogar guten Beispielen durch eigene Projekte folgen – aber man muss ihnen eben auch die richtigen Fragen stellen und Interesse am Thema zeigen. Einfach nur selbst zu beschließen, dass Hochbegabung kein Thema ist, führt in die falsche Richtung.

Ich habe schließlich versucht, mit meinen Gesprächspartnern eine ganz andere Frage zu klären. Nachdem ich verstanden hatte, dass die Bestätigung ihrer Hochbegabung sie auch zum Nachdenken über ihr Selbst veranlasst hatte, wollte ich wissen: „Was hätte aus Dir werden sollen, wenn Du eher von Deiner Hochbegabung gewusst hättest? Was glaubst Du, was Dir entgangen ist?“ Die Antworten waren sehr aufschlussreich! Meist begannen sie tatsächlich mit „ich hätte...“ – also mit der Vorstellung, selbst aktiv zu sein, etwas zu unternehmen, anzustreben. Das waren meist bislang unerfüllte Wünsche, sich mit einem bestimmten Wissensgebiet intensiv zu befassen, Kurse zu besuchen, Bildungschancen zu nutzen – die zu höherer Qualifikation und damit besseren Berufschancen oder zu einem früheren Abschluss geführt hätten. Klar, das hat mich nicht überrascht. Aber es ging dann immer noch weiter, und das war für mich in dieser Dichte doch eine neue Perspektive: „Ich hätte weniger Unsinn gemacht!“

???

Die selbstkritische Rückschau auf trotzige Aktionen, Verweigerungen, aber auch auf Rückzugsverhalten und Verheimlichung der eigenen Fähigkeiten! Denn jetzt begannen meine Gesprächspartner langsam zu begreifen, dass ihre Hochbegabung in erster Linie von ihnen selbst genutzt werden muss, ehe sie von anderen erkannt und wertgeschätzt werden kann. Und dieses neue Gefühl der eigenen Verantwortlichkeit  für das innere Selbst, die damit verbundene optimistische Klarheit  ist für die meisten der erste Schritt einer neuen Suche: Wie kann ich Versäumtes möglichst schnell nachholen, Lücken schließen, gekappte Verbindungen wieder herstellen, neue Partner gewinnen? Und welche Aufgabe ist die passende? Wo werde ich gebraucht, wie kann ich mit meinen Fähigkeiten auch für andere nützlich sein? Dass mancher auch bei uns Unterstützung sucht, um sich diese Fragen zu beantworten, kann nur gut sein. Wir helfen ja gerne beim Sortieren, Orientieren, Koordinieren. Aber wir lassen jedem sein Selbst! Und damit die Chance, zu allererst sich selbst zu fördern – im wahrsten Sinne des Wortes – seine Schätze zu heben!

Du schreibst: Heute gibt es immer mehr Menschen, die verstehen!
Ja! Zum Glück werden es täglich mehr. Und schon bald wird Hochbegabung kein exotisches Thema mehr sein, sondern so beliebt und gleichzeitig alltäglich wie Kultur und Sport – in allen Varianten. Ich freu mich drauf.

Liebe Lilli, herzlichen Dank auch für Deinen Tipp zu Paturis schulkritischem Buch! (4) Es hat ja bereits im Vorfeld einiges ausgelöst – ich werde es lesen, sobald es zu haben ist.

Dir alles Gute, vor allem weiter viel Optimismus

Herzlichst
Deine Karin


2 Miller, Alice: Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst.
Eine Um- und Fortschreibung. Frankfurt am Main 1991
4 Felix R. Paturi „Denken unerwünscht. Wie deutsche Schulen hochbegabte Kinder traumatisieren“ http://hochbegabungspresse.blogspot.de/2012/08/hochbegabten-buchtipp-denken.html