Fotos: Dr. Karin Rasmussen, Saskia-Marjanna Schulz, Alexandra Gräfin Dohna

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Sonntag, 4. März 2012

Selbstkritik, Selbstzweifel & Einstein

Liebe Karin,

ich muss schon schmunzeln, wenn ich lese, dass Du wiederholt ähnliche Erfahrungen machst wie ich: Von den sorgenvollen Müttern  hochbegabter Kinder bis zu Anfragen von Fernsehproduktionen, die Tipps in Sachen „Superhirne“ erbitten. Wir sind doch keine eineiigen Zwillinge?

Aber – wie erfrischend – ich sehe auch, dass es Unterschiede gibt!
Dazu später.

Wenn es um die Entwicklung von kleinen oder grossen Menschen geht, sehe ich wie Du die > Unsicherheit: Welcher richtige Weg von heute ist der richtige Weg von morgen? Und ich sehe wie Du die Zauberworte „Kraft und Mut“. Jeder Mensch weiss: Im Laufe unseres Lebens gibt es Höhen und Tiefen. Und selbst die besten Ausbildungen reichen nicht aus, wenn sich Fortune von uns abwendet und wir alleine zurechtkommen müssen.

Ja, welches ist nur der richtige Beruf? Welche Karriere bietet die besten Chancen? Wo sind die Hitlisten mit den aussichtsreichsten Branchen? Da muss es doch Wissenschaftler geben, die das erforscht haben, wirst Du wahrscheinlich denken?

Recht hast Du. Allen voran gibt es John Naisbitt.  Der 15-fache Ehrendoktor und Autor des millionenfach verkauften Bestsellers MEGATRENDS. Gemeinsam mit der amerikanischen Trendforscherin Patricia Aburdene hat er 1992 die „Megatrends: Frauen“ geschrieben.

Was meinst Du, welchen Beruf die beiden Forscher empfehlen, wenn sie nach den besten Karriere-Chancen für Frauen gefragt werden? Topmanagerin werden? Im Gesundheitswesen oder im Finanzwesen arbeiten? Naturwissenschaftlerin? Technikerin?

Alles richtig! Aber: Welches ist der grösste Hit? Ich denke, Du ahnst es schon: „Regel Nummer eins heisst deshalb: Verwirklichen Sie Ihren Traum. Der Titel eines spannenden, gut geschriebenen Buches von Marsha Sinetar drückt genau dieses aus: Do What You Love, the Money will Follow. – Wenn die Arbeit Spass macht, kommt der Erfolg von alleine. Die Autorin zeigt Schritt für Schritt, wie Sie Ihren beruflichen Traum in die wirtschaftliche Realität umsetzen können.“

Mir gefällt der Tipp aus zwei Gründen besonders gut:

  1. Frauen können mit ungebremster Begeisterung das tun, was ihnen die grösste Freude bereitet. Ich finde: das ist sehr gesund!
  2. Wer seinen „Traum“ realisiert, wird viel Kraft und Mut aufwenden müssen. Das Kraft-Mut-Kapital, das sich hier aufgebaut wird, kann schwierige Situationen später leichter machen. Ökonomisch und psychologisch gut gedacht.

Und was denkst Du?

Soweit die Frauen. Und was ist mit den Männern? Nun, ich forsche noch. Und denke, dass John Naisbitt, Horst W. Opaschowski, Matthias Horx und Kollegen gute Impulse liefern können.

Warum auch nicht von Vorbildern lernen?

Für Deine nächste Erkenntnis bin ich Dir sehr dankbar: „Ich habe von Vorbildern gelernt!“ Ich auch. Und damit befinden wir uns in bester Gesellschaft.

Ich hatte die Chance, an deutschen universitären Elite-Studien mitzuarbeiten. Du weisst, da werden die Menschen interviewt, die Wissenschaftler als „die Elite“ in Deutschland bezeichnen: Menschen aus der Politik, der Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und dem Sport.

Es war spannend, zu sehen wie sie leben, denken und wie sie die Welt und sich selbst wahrnehmen. Aus den Erfahrungen mit ihnen, den Vor- und Nachgesprächen habe ich auch für mich Erkenntnisse gewonnen.

Die rund 50 Elite-Persönlichkeiten, die ich im Laufe der Zeit näher kennen lernte, zeigten vor allem folgende Einstellungen und Verhaltensweisen:

  1. Sie waren alle international exzellent vernetzt und betrieben aktive Netzwerkarbeit zu einer Zeit als Deutschland in dieser Hinsicht eher ein Entwicklungsland war.
  2. Sie drückten eine starke Wertschätzung gegenüber sich selbst und allen Beteiligten aus. Auch hier waren sie ihrer Zeit voraus.
  3. Sie waren umgeben von Bildern – Fotos und Gemälden – von Vor-Bildern.

Zu den Bildern habe ich sie alle ganz persönlich gefragt: Warum haben Sie hier das Bild von XYZ aufgehängt? Die Antworten: Er motiviert mich. Ich nehme mir ein Beispiel an ihr. Meine Arbeit muss vor ihm bestehen können. Aha.

Die Vorbilder waren Politiker (Friedrich der Grosse, Bismarck, Elizabeth I), politische Denker (Platon, Aristoteles, Hannah Arendt), Naturwissenschaftler, Künstler – seltener: Sportler.

Einer der Interviewpartner erzählte mir, dass er sich immer am Ende des Arbeitstages per Zwiegespräch von seinem Vor-Bild verabschiedet. Erst wenn sein Vor-Bild zufrieden war, verliess er das Büro. Begründung: „Nur durch diese Motivation, Kontrolle und Disziplin habe ich es so weit bringen können.“ Respekt! Denn er sitzt wirklich ganz weit oben.

Seit dieser Zeit bin ich in meinem Büro umgeben von Bildern der Menschen, die mich schon immer fasziniert haben – allen voran: Albert Einstein und Elizabeth I. Und inzwischen spreche ich auch mit ihnen. Ob sie mir nun wirklich antworten oder ob dies selbstkritische Zwiegespräche mit mir sind, vermag ich nicht wirklich zu sagen. Fakt ist aber: Die Reflexionen helfen mir, das Leben auch mal mit anderen Augen zu sehen, die Welt im Allgemeinen und speziellen besser zu verstehen. Dabei erinnere ich mich manchmal daran, dass ein Germanistik-Professor mir einmal gesagt hat: Auch Goethe habe mit Shakespeare Zwiegespräche geführt.

Von ihm – Goethe – habe ich auch die Erkenntnis: „Mit dem Wissen wäscht der Zweifel.“ Zweifeln also vor allem die Gebildeten? Die Wissenden? Die, die sich immer weiter entwickeln? Ist der Zweifel ein Motor für die Weiterentwicklungen unserer Welt?

Brauche ich Selbstzweifel?

Selbstkritik finde ich hilfreich – und notwendig. Und Selbstzweifel auch. Ich bearbeite sie mit Elizabeth. Im Sinne von Alfred Herrhausen, der einmal gesagt hat: "Die meiste Zeit geht dadurch verloren, dass man nicht zu Ende denkt.“ Also denke ich die Zweifel zu Ende - mit Elizabeth, Albert und den anderen. So lange bis ich den Eindruck habe, die Zweifel sind ausgeräumt.

Das ist etwas mühsam. Gewiss. Und es kostet mich Zeit. Viel Zeit. Deshalb kann ich auch nicht wirklich mitreden, wenn meine Freunde die neuesten Tipps über das Marmeladenkochen austauschen. Oder darüber reden, welche Gehstöcke aktuell im Trend liegen, wenn es um die grosse Alpenwanderung geht. Ich weiss auch nicht immer wann welche Ausstellung beginnt, wann welche schliesst und wer gerade da gewesen ist. Aber ich habe dafür das angenehm satte Gefühl, die Selbstzweifel bearbeitet zu haben. Na ja, so lange halt bis die nächsten Zweifel da sind. Und dann gehen die Gespräche wieder von vorne los. Ein Glück, dass meine erlauchten Gesprächspartner so viel Zeit für mich haben.

Und wenn ich Fehler mache? Ich erinnere mich an die Fehlerkultur eines Personalchefs, der in seinem Unternehmer folgende Sätze eingeführt hat: „Machen Sie Fehler! Machen Sie ruhig Fehler! Aber, machen Sie diese Fehler bitte nur einmal.“ Ich habe seine Rede gehört. Und mich nach dem Vortrag im Unternehmen umsehen dürfen. Ich habe mit den Mitarbeitern gesprochen und war sehr beeindruckt von der sozialen Kultur. Die Menschen wirkten hier so befreit und motiviert. Und das Produkt, das sie herstellen ist ein absoluter Bestseller.

Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, dass ein entspannter Umgang mit Kritik, Zweifel und Fehler ein Segen für alle Beteiligte sein kann.

Ganz persönlich haben mir Biografien geholfen. Werke von Politikern, Wissenschaftlern und Künstlern. Sie haben mir geholfen zu erkennen, dass auch andere Menschen trotz Ungerechtigkeit, Benachteiligung und Einschränkungen grosse Ziele ausgedacht und realisiert haben. Zu lesen, wie sie Kritik, Zweifel und Fehlverhalten überwunden haben, hat mich beflügelt

Wenn ich nun an Deine Qualitätsmanagerin denke und an Deine Frage: „Was hättest Du ihr geraten?“ kann ich sagen: Um einen Rat geben zu können, brauche ich tieferes Wissen und ein näheres Gefühl zu ihr. Ein erster Impuls in mir denkt: Ich würde mit ihr eine Analyse ihrer Biografie durchführen. Ich würde danach forschen: wo zeigen sich wie welche Muster? Warum ist das so? Wenn Du von ihr sprichst, gebrauchst Du Worte wie „immer“, „wieder“, „mehrmals wiederholt“. Ich frage mich, ob es sein kann, dass sie sich auch in anderen Zusammenhängen ähnlich verhält. Ob sie ähnliche Einstellungen und Verhaltensweisen hat? Und ob ähnliche Probleme auch in anderen Lebensbereichen aufgetaucht sind oder wahrscheinlich noch auftauchen werden?

Ich bin sicher, dass sie bei Dir in den besten Händen ist!

Wachablösung. Der Mond verschwindet. Nun lichtet sich der Nebel und ganz sanft wagt sich die Sonne an den Tag heran. Guten Morgen, Deutschland. Good morning world.  It's a brand new day ♫☼!

Ein Gedanke, den ich noch nicht zu Ende gedacht habe: Warum unterwerfen sich so viele Hochbegabte dem vermeintlichen (?) Diktat der normal Begabten? Warum leugnen die Hochbegabten ihre Grösse? Warum verstecken sie ihren IQ?

Wie wir alle gelernt haben, heisst der Artikel 1 des Grundgesetzes:
„(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Warum würdigen sich so viele Hochbegabte so wenig?

Mir kommt dazu ein Gedanke, der Nelson Mandela zugeschrieben wird. Das Original schrieb vermutlich Marianne Williamson:

"Unsere tiefgreifendste Angst ist nicht,
dass wir ungenügend sind.

Unsere tiefgreifendste Angst ist, über das
Messbare hinaus kraftvoll zu sein.


Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit,
die uns am meisten Angst macht.

Wir fragen uns, wer bin ich, mich brillant,
großartig, talentiert, phantastisch zu nennen?

... Und wenn wir unser eigenes Licht erscheinen
lassen, geben wir unbewusst anderen Menschen
die Erlaubnis, dasselbe zu tun.

Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind,
befreit unsere Gegenwart automatisch andere."


Wie schön, dass Du Dein Licht leuchten lässt.

Einen sonnigen Sonntag,
Deine Lilli