Fotos: Dr. Karin Rasmussen, Saskia-Marjanna Schulz, Alexandra Gräfin Dohna

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Sonntag, 19. August 2012

Emotional kompetente Hochbegabte, bitte melden!


Liebe Lilli,

das war ja wieder eine tolle Rundum-Gedanken-Tour und zugleich ein brennendes Thema  in
Deiner Antwort. 

Herzlichen Dank für die Reise von Gulliver zu den Stoikern bis zu Stefan Zweig! Bei diesem möchte ich gleich mal bleiben:

 „Wer einmal zu sich selbst gefunden hat, der kann nichts auf dieser Welt mehr verlieren.“

Ich glaube nämlich: das genau ist es, wonach so viele Hochbegabte – und nicht nur sie – suchen. Wer bin ich, was kann ich, was bedeute ich in der Welt in der ich lebe und was wird von mir bleiben?

Und bei der Suche nach den Antworten auf diese Fragen geraten sie dann immer wieder in Zweifel. Das sind nicht immer Zweifel an ihrem Wissen und Können, sondern eben oft auch Zweifel, die aus emotionalen Dissonanzen entstehen. Darf ich mich so gut finden? Darf ich von mir glauben, mehr zu können als andere, bin ich nicht arrogant, wenn ich so denke? Dein Zitat von dem schwedischen Regisseur Ingmar Bergmann mag auf viele Menschen zutreffen:  „Wir sind Analphabeten, wenn es um Gefühle geht. Wir lernen … kein Wort über die Seele. Wir sind bodenlos und ungeheuer unwissend, wenn es um uns selbst und andere geht. Wie soll man jemals andere verstehen, wenn man nichts über sich selbst weiß.“ Dein Coachee Alexander sagt sinngemäß: Mein IQ hat irgendwann mal meinen EQ erschlagen.

Nun ja, ich glaube, so schlimm ist es in Wahrheit nur selten. Es ist wohl eher ein weit verbreitetes und inzwischen in zahlreichen wissenschaftlichen Studien widerlegtes Klischee, dass hohe Intelligenz mit verminderter Sozialkompetenz einhergeht. Der so genannte EQ oder die emotionale Kompetenz ist doch nur eine Komponente der Persönlichkeit und es kann schon vorkommen, dass die kognitive Intelligenz die emotionale Intelligenz eine Zeit lang „überholt“. Doch bei genauem Hinsehen ist emotionale Intelligenz ja die Anwendung der allgemeinen Intelligenz auf emotionale Sachverhalte. Aus dieser intellektuellen Leistung entsteht dann Sozialkompetenz – oder auch nicht. Und hier komme ich zu Gulliver:

So wie er gefesselt am Boden liegt und sich trotz seiner überlegenen Kräfte nicht wehrt, mag er hilflos wirken. Aber seine Kraft ist doch nicht verloren! Er ist immer noch genau so stark wie vorher. Und die Menschen in Lilliput fühlen das genau – deshalb haben sie ihn ja gefesselt! So wie viele von uns gefesselt werden von moralisierenden „Lilliputanern“ mit Bescheidenheits-, Demuts-, Zurückhaltungs- oder Unauffälligkeits-Forderungen. Und wie Gulliver wehren auch sie sich ganz freiwillig nicht dagegen, denn sie selbst wollen doch keinem schaden, niemanden verletzen, nicht auffallen!

Obwohl Gulliver durchaus erkennt, dass der Lilliputanerstaat ganz genau so funktioniert wie seine britische Heimat (sie haben ein Parlament und politische Parteien, es gibt Fürsten und Minister, sie debattieren und intrigieren und befehden sich. Ja, man führt auch Krieg mit Nachbarstaaten), so erscheint ihm dies alles doch lächerlich, ja sogar verachtenswert – weil sie so winzig sind!

Manchmal habe ich im Gespräch mit Hochbegabten den Eindruck, dass es ihnen in Bezug auf ihre Umgebung genau so geht. Und gleichzeitig schämen sie sich dieser Empfindungen. Denn ihre eigene „Größe“ haben sie nicht erworben oder erarbeitet, sie ist einfach da… Und ihre eigene Welt funktioniert auch genau so wie die der anderen, nach den gleichen – nicht nur moralischen – Grundsätzen und Strukturen. Worin also sollten ihre Überlegenheitsgefühle eine akzeptable Rechtfertigung finden?
Erinnerst Du Dich, warum Gulliver bei der Kaiserin von Lilliput in Ungnade fällt? Er löscht einen Brand in ihrem winzigen Palast mit einer natürlichen Körperfunktion, was bei seiner Größe und dem Fassungsvermögen seiner Blase einer Sintflut gleichkommt. Doch er kann nicht stoppen!

So geht es wohl, wenn man seine „natürlichen Kräfte“ – im Fall der Hochbegabung eben die Intelligenz – ungezügelt wirken lässt. Gerade unsere deutsche Geschichte kennt ja nicht nur positive Beispiele dafür. Und es ist verständlich, wenn selbst Hochbegabte manchmal vor ihrer eigenen Intelligenz erschrecken, weil sie spüren, dass sie nicht „stoppen“ können. Sie wollen helfen, verbessern, vielleicht sogar retten, was ihrer Meinung nach falsch läuft – wissen aber genau, dass sie damit anderen bedrohlich oder schädlich erscheinen. Daher die Hilflosigkeit gegenüber den eigenen Gefühlen. Und oft auch der Eindruck, dass ihre gute Absicht nicht gesehen, nicht verstanden wird.

Was aber, wenn sie ihre Kraft – also ihre kognitive und emotionale Intelligenz – einsetzen, um diese emotionalen Dissonanzen aufzulösen?

Ich erlebe hier in meinem Netzwerk ein wunderbares Beispiel dafür, dass das geht. Eine junge hochintelligente Frau mit ähnlichen Problemen wie Dein Coachee Alexander, die häufig ihre eigenen emotionalen Reaktionen und die der anderen gar nicht wahrnimmt. Da sie Schwierigkeiten hat, Mimik und Gestik situationsbezogen zu verstehen und ihr Intellekt vor allem kognitiv funktioniert, sucht sie immer wieder vergeblich nach rationalen, logischen Deutungen für das Verhalten. Aber nachdem sie das mit Hilfe einiger kluger Menschen in ihrem Umfeld und viel eigener Analyse-Arbeit erkannt hatte, begann sie einen intensiven Lernprozess.

Sie kam zu mir erst ziemlich am Ende dieses Prozesses mit der Frage, ob ihre Hochbegabung „Schuld hat“ an ihrer emotionalen Hilflosigkeit. Nun, ich konnte ihr zunächst zu dieser Frage nur gratulieren – denn Fragen fördern die Erkenntnis. Und da sie wirklich gefragt hatte und nicht nur eine Bestätigung ihrer vorgefassten Meinung suchte, konnte ich sie zugleich beruhigen: Es ist keine Frage der Schuld, sondern der Chancen! Sie kann wie alle Hochbegabten die Aufgabe des Verstehens vom Instinkt auf den Verstand übertragen – was zwar zunächst Mühe bedeutet, dann aber auch Erleichterung bringt. So wie es Blinden hilft, ihr Gehör viel besser zu trainieren als Sehende, können emotionale und kognitive Intelligenz gezielt trainiert werden und somit unterschiedliche Anteile an einer Gesamtleistung (Verständnis für mich selbst, für andere, für die Welt…) erbringen. Nur sind sich leider viele Hochbegabte dessen gar nicht bewusst. Ich habe mich deshalb entschlossen, einen Workshop zu dem Thema „Was ist anders im hochbegabten Gehirn?“ anzubieten.(1) Denn wenn die Betroffenen selbst genauer wissen, was die Hochbegabung „mit ihnen macht“, können sie ihr auch besser gerecht werden. Sie müssen sich nicht mehr als zu große oder zu kleine Fremdlinge in einer anderen Welt fühlen und Angst haben, mit ihrer Besonderheit anderen Menschen gefährlich zu erscheinen. Ja: sie können lernen, so wie Du es auch Alexander ermöglicht hast, intelligent mit ihren eigenen Gefühlen und denen der anderen umzugehen!

Und jetzt habe ich gleich noch eine erfreuliche Nachricht: Unser Forschungsprojekt scheint doch mehr Interessenten zu finden als es zunächst schien.

Ich werde gemeinsam mit einer Freiwilligen (vielleicht kommen noch mehr dazu?) bis zum Jahresende ein Forschungskonzept entwickeln, um mit hoffentlich vielen Hochbegabten genau dieser Frage nach der Wechselwirkung von IQ und EQ auf den Grund zu gehen. Natürlich werden im Ergebnis auch einige Schlussfolgerungen darüber möglich sein, welche spezifischen Anforderungen Hochbegabte an ihre Förderung bezüglich der emotionalen und sozialen Kompetenz haben. Unsere Leser hier sind herzlich eingeladen, sich mit ihren Ideen oder Vorschlägen für unsere Forschung an mich zu wenden.

Und ich bin ziemlich sicher: Wenn es immer mehr Hochbegabten gelingt, dem stoischen Lebensgrundsatz von Marc Aurel zu folgen (2), dann werden immer weniger von ihnen sich gezwungen fühlen, sich klein zu machen oder ihre Fähigkeiten zu verbergen. Sie müssen allerdings nicht nur nach dem Guten in sich selbst suchen, sondern das Gefundene dann auch zeigen. Sichtbar machen, was sie Nützliches oder Vergnügliches oder einfach Neues für das Gute in der Welt beitragen. Um dieses Gute in sich selbst zu finden und die „Quelle des Guten“ nicht versiegen zu lassen, sollten sie ihre Intelligenz nutzen. Dass diese Intelligenz da ist, reicht allein nicht aus und bedeutet nicht per se etwas „Gutes“. Sie ist aber die Chance, Gutes zu erreichen.
Mir gefällt das Arthur Schopenhauer zugeschriebene Zitat, welches Dir Alexander entgegengehalten hat:  „Hätte wohl je ein großer Geist sein Ziel erreichen und ein dauerhaftes Werk erschaffen können, wenn er das hüpfende Irrlicht der öffentlichen Meinung, d.h. der Meinung kleiner Geister, zu seinem Leitstern gemacht hätte?“ Ich glaube nämlich, dass Hochbegabte leider zu selten nach den lohnenden Leitsternen in ihrer Umgebung und bei sich selber suchen. Aber einfach ganz allgemein jeden Widerspruch und jede Kritik als die ungerechtfertigte Äußerung „kleiner Geister“ abzutun ist mit wahrer Intelligenz nicht vereinbar.

Die Auswahl der Leitsterne jenseits von Mode und Mainstream, das Finden von Vorbildern, Mentoren oder eben auch eines passenden Coaches, das ist eine selbst zu erbringende Leistung, für die sich der Einsatz von Intelligenz allemal lohnt. Gemeinsam kann dann die Quelle des Guten in jedem gefunden und zu anhaltendem Sprudeln gebracht werden – und davor bewahrt werden, zu verschmutzen oder gar verstopft zu werden.

Liebe Lilli, ich freue mich jetzt auf das 24. Berliner Sommerfest von Mensa (3) und hoffe, dass der Sommer so lange hält, was er im Moment verspricht. Da werden wieder viele Hochbegabte miteinander Spaß haben, dabei miteinander und voneinander lernen und sich – vielleicht zunächst unmerklich – wieder ein wenig verändern.

Und gleich danach geht es an die Vorbereitung für den Internationalen Tag der Intelligenz (4), der wieder viele interessante Aktivitäten in vielen Städten zu bieten hat. Außerdem stehen natürlich auch weitere Coaching- Aufträge an und unser Forschungsprojekt wird in Angriff genommen. Ich werde Dich und unsere Leser auf dem Laufenden halten.

Ach ja, Du fragtest, wie mir denn die Queen als Bond-Girl gefallen hat? Naja, wenn ich nicht so viel Respekt vor ihr als Persönlichkeit hätte, würde ich sie wohl rein auf ihren Unterhaltungswert reduzieren. Und da fand ich ihre Geburtstagsparaden passender. Eine fliegende Großmutter ist zwar ganz lustig, aber leider zu schnell ganz unten.

Liebe Lilli, ich hoffe, Du kannst auch noch ein wenig den Sommer genießen und trotz Arbeit und Verpflichtungen vielleicht Deine stoischen Grundsätze ein wenig pflegen. Ich werde das tun – und trotz einer gewissen gefühlten Ungeduld auf Deine Antwort in aller Ruhe warten.

Sei lieb gegrüßt bis zum nächsten Mal

Deine Karin

2  Marc Aurel; Blicke in dein Inneres. Da ist die Quelle des Guten, die niemals aufhört zu sprudeln, wenn du nicht aufhörst zu graben.