Fotos: Dr. Karin Rasmussen, Saskia-Marjanna Schulz, Alexandra Gräfin Dohna

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Sonntag, 5. Februar 2012

Small Talk: Wer ihn liebt, wer ihn nicht braucht und was man stattdessen tun kann. Oder: Wie Freudentränen einer hochbegabten Mutter geholfen haben

Liebe Karin,

ich hätte Dich zu gern lachen gesehen! Bitte beim nächsten Mal auf Video  ;))!

Dann lass uns mal wieder loslegen: Du schreibst zu meiner kühnen Smalltalk-Skilift-Szene – wir erinnern uns: „Guten Morgen allerseits! Was meinen Sie: Sollte ich meinen Kindern zuerst  Einsteins Relativitätstheorie oder erst Goethes Faust II erklären? Und sollte ich da geschlechtsspezifische Unterschiede machen – also das Mädchen zuerst auf Einstein ansetzen oder …? -

„Klar, ich selbst würde mit Ablehnung reagieren.“

OK. Ich würde vielleicht auch so reagieren. Wer wagt es so früh am Skilift meine eigene Gedankenwelt zu stören? Wo ich doch noch im Geiste mit dem Skilehrer beschäftigt bin! Ausserdem habe ich  noch nicht zu Ende gedacht: mit wem will ich am Abend meinen Ingwertee trinken? Und warum habe ich schon wieder meine Sonnencreme vergessen?

Aber dann würde ich neugierig werden auf diese Frau mit den hochbegabten Kids. Und ich würde mir diese Mutter genauer ansehen.

Was sehe ich da? Da steht eine sorgenvolle Frau am Skilift – ihre beiden Kinder an der Hand. Sie ringt um die richtige Erziehung. Warum macht sie es sich so schwer? Und warum gerade hier und jetzt? Die Mutter mag vielleicht ein wenig gewöhnungsbedürftig daher kommen – ein bisschen crazy vielleicht. Aber: Wer spürt, dass sie ein Stück verzweifelt ist, wird ihr helfen wollen.

Und Deine Antwort ist aus meiner Sicht  goldrichtig: „Ich würde mit Goethe anfangen und warten, bis die Einstein-Frage nach Raum und Zeit vom Kind kommt, denn dann ist es soweit für E=mc²!“

Wirklich: eine sehr kluge Antwort. Wenn ich sie mal treffe – diese Mutter – dann werde ich es ihr sagen.

Diese Szene erinnert mich an zwei Themen – mal mit, mal ohne Smalltalk -  die mich gerade jetzt beschäftigen:

1. Hochbegabte Kinder und Jugendliche -  ihre Sorgen
2. Hochbegabte Erwachsene -  ihre Denkstile

Zuerst zu den Kids. Bitte zügele noch einen Augenblick Deine Smalltalk-Neugier. Ich komme gleich mit neuen Ideen darauf zurück.

1. Hochbegabte Kinder und Jugendliche und ihre Sorgen

Gestern erhielt ich die Mail einer hochbegabten 13jährigen. Sie beschrieb darin ihr Leid. Und das klang in etwa so:

Ich bin total überfordert mit der Schule, weil sie so langweilig ist. Weil ich schon fast alles weiss. Das nervt Lehrer und Mitschüler. Weil ich mich langweile, kann ich nicht still sitzen. Da mache ich schon mal Unsinn. Und dann bekomme ich schlechte Noten. Und weil ich schlechte Noten habe, kann ich nicht zum Gymnasium gehen. Wie komme ich aus diesem Dilemma raus?

Kürzlich bekam ich den Anruf eines Irakers mit Zwischenstopp in Deutschland. Sein Begehren: Welches ist für meinen hochbegabten Sohn die beste Universität in den Vereinigten Staaten von Amerika? Und eine Mutter aus Süddeutschland fragte mich nach Fördermöglichkeiten für ihren Erfinder-Sohn (11 Jahre).

Oft beginnen diese Mails mit Sätzen wie: „Es kostet mich grosse Überwindung Ihnen heute zu schreiben, aber …“

Ich habe inzwischen eine Datei mit hilfreichen Adressen – online und offline. Aber da mich solche Mails/Anrufe/Briefe fast täglich erreichen, finde ich die Adressen-Weitergabe ziemlich frustrierend. Das kann man doch noch besser machen! Jedoch: Wie?

Letzte Woche erreichte mich die sehr ausführliche Mail einer besorgten Frau. Besonders hochbegabte Mütter sind oft talentierte Schriftstellerinnen. Sie beschrieb den Schicksalsweg ihres Sohnes – es geht übrigens öfter um Jungs als um Mädels – warum? Sie fragte, wie ich ihr und ihrem Sohn helfen könne. Ich habe gerade bei ihr den Eindruck gehabt, dass es nicht nur um Informationen geht. Sondern auch darum, dass sie in ihrem Leid wahrgenommen, verstanden und aufgenommen werden wollte.

Es geht ganz allgemein darum, mit dem Schicksal nicht alleine zu sein. Austausch mit anderen ist eher selten die Lösung. Es geht besonders darum, dass andere (!) helfen (!!) sollen (!!!). Wie es scheint, haben diese Mütter und Väter bereits so viel gelitten, sich lange allein und hilflos gefühlt, dass sie erwarten, dass andere jetzt einmal etwas für sie tun. Professionell, möglichst kostenfrei, emphatisch. Es geht um Verständnis, Fürsorge, Beratung, Mitgefühl und Hilfe.

Ich kann diesen Kindern, Jugendlichen und Eltern nicht wirklich helfen. Denn ich habe mich auf Coaching/Beratung für Erwachsene und deren Talente, Ziele, Handicaps spezialisiert. Deshalb habe ich die Problematik der hochbegabten Kids bereits an die Regierung in NRW herangetragen. Und an den Bundespräsidenten – zu einer Zeit als ich noch dachte, er interessiere sich für solche Themen. In beiden Fällen: keine Antwort.

Ich denke: eine kostenfreie Hotline wäre vielleicht eine erste Lösung. Man müsste Sponsoren finden. Aber wer könnte das in die Hand nehmen, organisieren und zu einer guten Einrichtung führen? Ich bin gespannt, was Du dazu denkst.

2.   Hochbegabte Erwachsene und ihre Denkstile

Zurück zum Skilift. Während ich über Deine Gedanken nachdenke, erinnere ich mich an die Unterschiedlichkeit der Hochbegabten – an ihre sehr differenzierten Denk- und Handlungsweisen. Will sagen: Hochbegabte sind nicht gleich Hochbegabte. Ebenso wie Berliner nicht gleich Berliner sind. Leipziger nicht gleich Leipziger. Kölner nicht gleich Kölner. Ich denke: Du weisst, was ich meine.

Nicht alle Hochbegabte sind Naturwissenschaftler. Nicht alle Menschen mit einem IQ >130 lieben Mathe (oh, bitte nicht so laut schreien!!!) Ist ja gut. Also: Fast alle Hochbegabte lieben Mathe – ausser so ein paar Hundertausend, die ihre Liebe noch nicht entdeckt haben.

Nicht alle Hochbegabte haben diesen „erblühten Blumenstrauss“ auf ihrem Schreibtisch stehen, der da heisst: erblühte Souveränität,  Selbstsicherheit, Selbständigkeit, erblühtes Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl.

Nicht alle „130er“ können so schnell, kühn und um die Ecke denken wie die „180er“.

Ja, ja. Ich bin immer noch beim Smalltalk. Und bei dem Gedanken: Wie reagieren Hochbegabte auf den Smalltalk? „Die“ Hochbegabten gibt es nicht. Also gibt es dazu auch nicht nur „die“ eine Antwort, sondern viele.

Deshalb hier mein Gedanke einer möglichen Struktur: Wir haben sehr unterschiedliche Talente auch innerhalb der Hochbegabung. Und da das Thema nicht nur den Smalltalk betrifft, sondern weite Strecken unseres Lebens, möchte ich kurz darauf eingehen.

 „Warum verstehen sich meine Physikerfreunde so gut mit meinen Malerfreunden – aber weniger gut mit meinen Musikerfreunden?“ So oder so ähnlich dachte einmal der Amerikaner Ned Herrmann. Er war damals Manager der General Electric Company in den USA und für die Führungskräfteentwicklung verantwortlich. Ned hatte Physik und Musik studiert und war ebenfalls ein angesagter Maler. Sein Lieblingsthema war die Erforschung der Funktionsweisen des Gehirns. Besonders inspirierten ihn die Arbeiten des Neurobiologen Roger Wolcott Sperry - Nobelpreis in Medizin 1981 – sowie des Hirnforschers Paul D. MacLean.

Und zunehmend ging es nicht nur darum, warum denn die einen Freunde so gut miteinander konnten – und die anderen weniger gut.  Es ging auch darum, Antworten für das Management zu finden. Es ging darum in einer Analyse aufzuzeigen, wie wir Menschen mit welchen Dominanzen denken, fühlen, (re)agieren.

20 Jahre später legte Ned eine solche Methode vor. Sie wird nach ihrem Entwickler H.B.D.I./H.D.I./HDI genannt: Herrmann-Dominanz-Instrument. Nun ist dieses Instrument keins, das man in die Hand nehmen oder auf dem man spielen kann. Es ist eine Analyse, basierend auf der eigenen Selbsteinschätzung. (Für die Wissenschaftlerin in Dir: Es ist ein inzwischen weltweit anerkanntes und validiertes Persönlichkeits-Modell.)

Dieses Instrument ist ein einfaches 4-Quadranten-Model. Es zeigt die relative Verteilung unserer bevorzugten Denk- und Verhaltensweisen. Stelle Dir dazu bitte einen Kreis vor – und teile ihn in vier Quadranten.

Nun benennen wir diese Teile: Der obere linke Quadrant ist das A, der untere linke Quadrant das B, der rechte untere Quadrant ist das C – oben rechts ist der Quadrant D. Diesem Modell zufolge sind wir Menschen alle Mischtypten aus A, B, C und D. Jeder Mensch hat Anteile aller vier Quadranten in seinem Modell. Jedoch: die meisten Menschen haben einen oder zwei Quadranten, die  stärker ausgeprägt sind. Seltener sind es drei oder vier Quadranten, die ähnlich stark sind.

Und was bedeutet das für uns? Was haben wir davon, dass wir das wissen? Ganz einfach: wir können uns besser erkennen. Besser im Sinne von sicherer mit uns und anderen umgehen. Nach meinen Erfahrungen „tunt“ es das Selbstbewusstsein. Man ist sich seiner Stärken besser bewusst, kann Talente endlich besser anerkennen und mehr daraus machen.

Fangen wir einfach mal  mit dem A an. Das A besagt, dass dieser Mensch sich „zu Hause“ fühlt in der Technik, der Bewertung, den Finanzen, der Machbarkeit, der kritischen Beurteilung. Menschen mit einer hohen A-Ausprägung arbeiten oft in entsprechenden Berufen: sie sind Naturwissenschaftler, Techniker, Steueranwälte. Die A-Menschen sind die Denker.

Im B ist eher das Gefühl zu Hause: Organisation, Genauigkeit, Verwaltung, Durchführung, Planung, praktische Aufgaben. Hier trifft man nicht selten Verwaltungsangestellte. Wenn ein starker A-Anteil hinzu kommt, ist der Mensch je nachdem Steuerberater und/oder Buchhalter. Mit einem starken C können dies auch Gesundheits- und Krankenpfleger sein.

C zeichnet sich aus durch Begabung in der Kommunikation, Gespür für Bedürfnisse, Teambewusstsein. Das C ist die soziale Kompetenz. Kinderärzte, Psychologen, Musiker sind mit diesen Begabungen ausgestattet. Zumeist auch Coaches. Menschen mit einem hohen C sind herzlich, gesellig, mitfühlend.
(Fussball-)Spieler, Schauspieler, Forscher und auch alle Kreativen wie Designer, Maler, Marketingexperten haben das „D-Gen“. Hier lebt die Leichtigkeit, die Innovation, die Vision. D-Menschen sind die geborenen Smalltalker. Für sie ist das ein Kinderspiel. Wenn ein hohes C dazu kommt, wirkt es herzlich und öffnet die Menschen für die Kommunikation.

Wie gesagt: Zum Glück gibt es keine reinen A-, B-, C- oder D-Menschen. Im Durchschnitt sind die Menschen in zwei Bereichen stark. Und diese Bereiche bringen besonders bei Hochbegabten die spannenden Talente zum Vorschein.
Allgemein gesehen sind die Menschen mit einer starken A-D-Kombi die Chefs – die Vor-Denker, die Top-Manager. Wer stark in B&C ist, mag lieber assistierend arbeiten: Sekretäre, Gesundheits- und Krankenpfleger, Assistenten.

So – und jetzt verstehen wir auch, warum die Freunde von Ned Herrmann sich gut oder auch nicht so gut verstanden haben: A (Physiker) und D (Maler) können glänzend harmonieren. Auch D (Maler) und C (Musiker) verstehen sich zumeist. A und C kommen hingegen nicht so schnell so gut miteinander zurecht: starke Logik trifft grosse Gefühle. Wenn beide sehr weit in ihrer Persönlichkeitsentwicklung voran geschritten sind, kann eine von Respekt, Wertschätzung und Wohlwollen getragene Beziehung entstehen. Wenn einer oder beide nur das Defizit des anderen sehen können, tun sie sich schwer einander mit Achtung und Toleranz zu begegnen.

Ich erinnere mich hier an eine hochbegabte Bibliothekarin (A). Sie hatte im Seminar soeben ihr individuelles H.D.I. erhalten und brach spontan in Tränen aus. Freudentränen – versteht sich. Das ist sehr untypisch für einen Menschen mit einem hohen A und wir waren alle sehr verwirrt. Aber bald schon konnten wir verstehen,  was ihr auf der Seele brannte: Ihr Sohn, ein Musiker, war ihr Problem. Sie litt sehr darunter, dass er nichts mit ihr zu tun haben wollte.

Nun konnte das Missverständnis aufgeklärt werden: Er hat sie nie verstehen können. Und sie hat auch ihn nie verstanden. Warum sollten sie also miteinander reden? Warum sollten sie sich sehen? Aber jetzt war alles anders. Und so wurden wir Zeugen einer langen Mutter-Sohn-Aufarbeitung am Telefon. Es folgten weitere. Und weitere Gespräche. Gabi telefonierte nur noch.

Vor unseren Augen entwickelte sich Gabriele zu einer anderen Frau. Binnen weniger Tage wirkte sie zehn Jahre jünger, entspannter und um einiges hübscher!

Wer arbeitet sonst noch mit dieser Methode? In Deutschland die üblichen Verdächtigen: Grosse Automobilhersteller aus dem süddeutschen Raum, Sparkassen, führende Computerfirmen, Marktführer in der  Telekommunikation, Fernsehanstalten. Die prominenten deutschen Namen eben. Oder mittelständische Unternehmen. Eine der führenden Werbeagenturen in Europa hat das H.D.I.-Profil jedes Mitarbeiters und jeder Mitarbeiterin an der Aussenseite der jeweiligen Bürotür angebracht. Damit der Buchhalter (B) immer weiss, wenn er mit dem Art-Direktor (D) spricht: jetzt muss er Geduld aufbringen – und umgekehrt. Trotzdem oder gerade deswegen fanden  alle Teammitglieder die Ned-Herrmann-Analysen ungemein befruchtend: Von den Azubis (D) über die Buchhalter (B/A/C) bis zu den Chefs (A/C/D).

Wenn wir uns zurück erinnern an den Skilift: Wer hier leicht ins Gespräch kommt, ist der Mensch mit dem hohen D. C-Menschen gehen ebenfalls gerne auf andere Menschen zu und ihnen fallen erste Kontakte förmlich in den Schoss. Menschen mit einer starken B-Ausprägung brauchen die Geborgenheit der Gleichgesinnten oder eine andere Form der Sicherheit, bevor sie warm werden. Aber dann ist die Chance gross, einen treuen, verlässlichen Partner zu finden, mit dem sie ihre  Briefmarkensammlung austauschen können.

Und die A-Menschen? Wie wir wissen, sind hier die Chefs zu Hause. Und die haben so viele Kontakte, dass sie eher nicht auf der Suche sind. Wenn sie Kontakt aufnehmen wollen dann auf Tagungen, auf Messen oder in ihren Clubs. Sollte jedoch mal am Lift ein interessanter Mensch stehen, dann werden sie vermutlich ihre Visitenkarte zücken. Und das machen sie ohne grosse Worte. Man versteht sich unter seinesgleichen ohne Smalltalk.

Zurück bleiben die, die sich nicht trauten. Selbstzweifel – oder nur mit dem falschen Bein aufgestanden? Nach meinen Erfahrungen könnte Selbstzweifel der zweite Vorname der Hochbegabten sein. Auch Du erwähntest kürzlich etwas in dieser Richtung. Selbstzweifel: Lass uns doch mal darüber nachdenken!

Brrrrrrr. Uns schwirren inzwischen so viele Themen der Hochbegabten durch und über die Köpfe – wir sollten Bücher schreiben!

Der kleine See vor meiner Haustür wirkt so still und friedlich in der Sonne. Er ist eingefroren. Mal testen, ob ich da Schlittschuh laufen werde.  Welche Möglichkeiten gibt es jetzt in Berlin? Du hast ja Chancen ohne Ende! Was wirst Du machen bei diesem herrlichen Sonnenschein?  In der Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten  ?

Arrivederci,
Deine Lilli