Fotos: Dr. Karin Rasmussen, Saskia-Marjanna Schulz, Alexandra Gräfin Dohna

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Sonntag, 10. Juni 2012

Karin, ich habe einen Traum!


Liebe Karin,

ich finde das echt cool, wie Du die Situationen analysierst. Und ich freue mich über die Gemeinsamkeit. Forschung ist auch meine Leidenschaft.

Liebe Karin, ich habe einen Traum. Und ich erinnere mich an andere Menschen, die Träume hatten. Ich erinnere an den 28. August 1963 als ein afroamerikanischer Mann [1] vor dem Lincoln Memorial in Washington D.C. eine Rede hielt. Er sprach von der Ungerechtigkeit, die Menschen mit schwarzer Hautfarbe erleiden müssen. Er sprach davon, dass „unsere müden Leiber nach langer Reise in den Motels an den Landstraßen und den Hotels der großen Städte keine Unterkunft finden.“ Er sprach davon, dass „unsere Kinder ihrer Freiheit und Würde beraubt werden durch Zeichen, auf denen steht: ‚Nur für Weiße‘.

Damals sagte dieser afroamerikanischer Mann: „Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können.“

Knapp 50 Jahre später sehen wir, dass aus diesem Traum Wirklichkeit geworden ist.

Ein anderer Traum, den Menschen träumten, ging schneller in Erfüllung. Nach langem, zähem Ringen. Aber dann fast schon über Nacht. Ich denke an die Zeit der atomaren Hochrüstung und an die Friedensdekade von 1980. Ich denke an die wöchentlichen Friedensgebete in der Nikolaikirche [2] . Und ich denke an die Montagsdemonstrationen in Leipzig – später auch in anderen Städten wie etwa in Dresden, Magdeburg, Rostock, Potsdam und Schwerin. Das Ziel: „Wir sind ein Volk!“ 1990 fiel die Mauer.

Was ist das Ziel der Hochbegabten? Wir wissen es noch nicht. Wir werden daran arbeiten, es in Erfahrung zu bringen. Aber wir haben schon einmal Dein (vorläufiges) Ziel für die Hochbegabten: „Ich wünsche mir zunächst einfach nur mehr sachkundiges Verständnis für ‚die Hochbegabten‘. Damit meine ich tatsächlich mehr Wissen über das Phänomen Hochbegabung in den Köpfen der Allgemeinheit.“

Und nun sage ich Dir meine Ziele:

Ich stelle mir vor: Die Hochbegabten wissen, dass sie hochbegabt sind.

Ich stelle mir vor: Die Hochbegabten wertschätzen, dass sie hochbegabt.

Ich stelle mir vor: Die Hochbegabten holen ihre Hochbegabung aus dem Versteck.

Ich stelle mir vor: Die Hochbegabten leben ihre Hochbegabung.

Ich stelle mir vor: Menschen können entspannt mit sich und anderen umgehen: mit der wertgeschätzten Individualität des jeweils anderen. Mit Talenten, Begabungen, Charakterstärken.

Paulo Coelho schreibt in seinem Buch ‚Der Dämon und Fräulein Prym‘:
„Sie hatte herausgefunden, dass es zwei Dinge gibt, die einen Menschen daran hindern, seine Träume zu verwirklichen: der Glaube, sie seien ohnehin unerfüllbar, oder wenn diese durch eine unerwartete Drehung des Schicksalsrades plötzlich doch erfüllbar werden. In solchen Augenblicken bekommt man Angst vor einem Weg, von dem man nicht weiß, wohin er führt, vor einem Leben voller unbekannter Herausforderungen, davor, dass vertraute Dinge für immer verschwinden könnten.“

Überwinden wir unsere Angst vor der eigenen Grösse. Frei nach Hermann Hesse bedeutet dies, dass wir keine Angst haben, wenn wir mit uns selbst „einig“ sind. Holen wir unseren Mut aus dem Keller. Holen wir unsere Stärke aus dem Trockner und unser Selbstbewusstsein vom Dachboden. Wenn wir wollen und uns zu uns bekennen, werden wir siegen. Selbst dann, wenn wir zwischendurch mal hinfallen. Wir müssen einfach wieder aufstehen. Wie sagte es Jawaharlal Nehru?Wir scheitern nur, wenn wir unsere Ideale, Ziele und Prinzipien vergessen.“ Setzen wir uns Ziele. Holen wir die Träume aus unserem Tagebuch. Und erinnern wir uns an unsere Prinzipien.

Wer sagt eigentlich, dass das nicht möglich ist?
Barack Obama hat kein Monopol auf „Yes, we can!“.

Menschen mit einem IQ > 130 werden vielleicht nicht für die Interessen der Hochbegabten auf die Strasse gehen. Aber sie demonstrieren schon. Und sie erheben ihre Stimme. Für ihre Ziele und gegen Ungerechtigkeiten. Diese Demonstrationen spielen sich z. B. im Internet ab. In Blogs, bei Twitter und in Foren. Und Du kannst förmlich sehen, wie sich immer mehr hochbegabte Menschen anschliessen, um ihre Interessen und Rechte ins Licht zu rücken.

Als Saskia-Marjanna Schulz und ich im Juni 2006 das Forum „Hochbegabung - Drama oder Erfolgsstory ?“[3] eröffneten, waren wir eine Handvoll Menschen, die sich über dieses Thema austauschen wollten. Bis dahin liefen die Hochbegabung betreffenden Fragen per Mail oder Anruf bei uns ein – wir recherchierten die Antworten. Gaben die Tipps und Hilfen dann weiter. Nach einer Weile dachten wir: Das geht auch einfacher. Und riefen dieses Forum ins Leben. Da die Mitgliedschaft zwar kostenfrei ist, aber nur wenige sich für das Thema interessierten, blieben wir erst einmal eine klitzekleine Gruppe. Ein paar Menschen aus dem Rheinland, aus der Gegend um Bremen und aus Baden-Württemberg.

Ich träumte davon, dass wir 100 sein würden. Wow, 100 Menschen, die sich über Hochbegabung austauschen können. Wie kühn! So dachte ich damals.

Und dann sprach man plötzlich über das Forum. Es hiess: Hier kann man Menschen fragen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Hier kann man Berichte lesen, schreiben und erkennen: Es geht nicht nur mir so. Auch die etwas Schüchternen wollten mitdiskutieren. Hochbegabte schrieben uns: „Ich habe im Forum meine geistige Heimat gefunden. Endlich!“ Luxemburg kam hinzu. Und Menschen aus den Niederlanden, aus der Schweiz.

In diesen Tagen im Juni 2012 sind es rund 12.500 Beiträge und ich denke, bald werden es  3.000 Menschen sein: aus allen Kontinenten dieser Erde.

Und aus Dialog wurde ein Multilog.
Multilog. Gefällt mir gut. Du beschreibst das so schön. Danke dafür.

Die Frage „Was wollen Menschen und wie kann man das erreichen?“ hat mich mein ganzes Leben begleitet. Schon als Schülerin habe ich erste Fragebogen-Aktionen durchgeführt und mit anderen über die Ergebnisse diskutiert.

Um die Fragen „Was wollen Hochbegabte? Wo drückt der Schuh? Und wie stellen wir eine Situation her, von der diese Menschen träumen?“ angemessen beantworten zu können, werden wir weitere professionelle Hilfe brauchen. Ich denke da an eine Universität in Zusammenarbeit mit einem privaten Forschungsinstitut.

Deshalb wird eine der nächsten Fragen sein: Wer können die möglichen Partner und Geldgeber sein? Staatliche Organisationen, europäische Einrichtungen, Stiftungen, Wirtschaftsunternehmen, Privatpersonen? Welche Interessen haben diese Personen und Institutionen, sich mit unseren Zielen auseinander zu setzen? Welche Eigeninteressen werden sie verfolgen? Inwieweit sind diese mit unseren kompatibel? Wo sind unsere Gemeinsamkeiten? Usw. usw. usw.

Wir dürfen bei Partnern, Freunden und Verbündeten anfragen. Wir werden neue Kontakte suchen und finden. Wir werden also Gespräche führen, um das Forschungsbudget auf die Beine zu stellen.

Und uns noch einmal an Paulo Coelho erinnern, der im Alchimist sagte: „Erst die Möglichkeit, einen Traum zu verwirklichen, macht unser Leben lebenswert.“

Ich freue mich so, dass Dir der Dorf-Gedanke gefällt. Danke dafür. Wir werden wohl mit einem Pilotprojekt starten und dann in Serie gehen.

Image. Image. Image. Springen wir doch einfach mal ins Jahr 2022. Es mag sein, dass es so ist wie Du sagst: die Hochbegabung ‚braucht‘ dann kein besonderes Image mehr. Aber sie wird eins ‚haben‘. Wie jede Person, Gruppe, jede Stadt, jedes Land, jeder Kontinent ein Image hat. Image als Gesamteindruck – vor allem basierend auf den Eindrücken, die Frauen und Männer von diesem Thema haben.

Ist es heute nicht so, dass Menschen eher verhalten reagieren angesichts der Hochbegabung? Möglicherweise werden sie sich daran erinnern, dass andere in der Schule besser waren. Dass andere den tollen Job bekommen haben oder die Aufmerksamkeit der Sympathieträger. Hochbegabt werden sie hören – und Hochleistung werden sie denken. Und dann kommt auch noch Neid ins Spiel. Klar: Da sind Menschen, die etwas haben, das man selbst gerne hätte. Und meint, es nicht bekommen zu können.

Schönheiten, Multimillionäre und Hochbegabte werden ob ihrer Begabung bzw. ihres Zustandes oft beneidet. Das ist für die Betroffenen nur selten angenehm. Vielmehr kann das auf Dauer sehr unangenehm sein. Was tun diese Menschen deshalb? Sie „verstecken“ ihre Begabungen und Gaben.

Dies mag ein Schutz sein. Es mag aber auch so sein, dass es ihnen gefällt, bescheiden aufzutreten. Einfach weil sie sich wohl fühlen in Jeans, schwarzem Rolli und Turnschuhen.

Der Zeitgeist ‚Bescheidenheit‘ ist nicht neu. Der Berufsverband Deutscher Markt- und Sozialforscher e.V.  sagte bereits in den 70er Jahren  das Lebensgefühl ‚Bescheidenheit‘ voraus. Die deutsche VOGUE startet die 90er Jahre mit einer umfassenden Reportage zur neuen Bescheidenheit. Und viele folgten ihr.

Hochbegabte Menschen mit ihrer feinen Wahrnehmung für Zeitströme mögen sich schon seit längerem an diesem Geist angeschlossen fühlen. Und so kann es sein, dass ihr Sensorium bewusst oder unbewusst auf dieser Welle surft. Nicht Selbstverleugnung ist dann das Thema, nicht “Licht-unter-den-Scheffel-stellen“ sondern ganz einfach der Tanz in der Zukunftsmusik.

Ich denke, ich muss da meinen Geist etwas weiter aufmachen und über die Frage ‚Kann es  sein, dass viele erwachsene Hochbegabte ihre Talente ablehnen?‘ hinauswachsen. Vielleicht ist auch beides richtig: Talentablehnung UND Zeitgeisterleben?

Natürlich ist es nicht wirklich lustig, von anderen Menschen beneidet zu werden. Wer sich als hochbegabt geoutet hat, wird nicht selten mit Spott und Häme verfolgt, wenn mal nicht alles so läuft wie geplant. Frei nach dem Motto: Hochbegabte MÜSSEN auch Hochleister sein und sowieso alles wissen und können. IMMER.

Und gerade diese Polemik möchte man vermeiden angesichts von Pannen, Pech und Problemen. Wenn schon kein Mitgefühl – dann wenigstens nicht noch diese Schadenfreude.

Also lieber schweigen? Nun ja: Auch Multimillionäre kommen zumeist nicht daher und legen ihre Kontoauszüge auf den Tisch. Deshalb denke ich: Es kommt darauf an. Wer stark, selbstsicher und unerschütterlich ist (wer ist das schon?) – der mag es sich eher gönnen als der, der etwas schüchtern ist, hochsensibel und dessen Grad der Hochbegabung nicht mit dem seiner Eloquenz korreliert. Es kommt auf die Menschen an und wie sie mit Situationen umgehen können und wollen. Ich bin jetzt gespannt, was unsere Studie dazu sagen wird.

Tja, die Studie. Manchmal denke ich schon: Das klingt alles ganz schön verrückt mit diesem Traum und dieser Studie. Wenn es nun anders läuft als ich denke?

Und dann erinnere ich mich daran, dass ich einmal eine Studie ehrenamtlich in einer Woche realisiert habe. Einschliesslich Präsentation beim OB von Köln. Mit Hilfe von 50 Managern, die ebenfalls ehrenamtlich gearbeitet haben. Einen Tag lang blieben 50 Chefsessel in Köln leer. Weil die Jungs und Mädels mit mir auf die Strasse gegangen sind. Die haben sogar erst noch eine Schulung über sich ergehen lassen müssen. Bevor sie hinaus durften: Passantenbefragung für einen guten Zweck. Mir geht heute noch das Herz auf, wenn ich daran denke. Und mit all diesen wunderbaren Menschen haben wir doch tatsächlich an einem Tag in Köln auf der Schildergasse 1000 Passanten befragt. Nachts haben wir die Fragebogen kontrolliert. Und beim ersten Hahnenschrei waren wir schon im Rechenzentrum der Uni. Abends hatten wir die Ergebnisse. Und meine Partnerin durfte im Rathaus die Ergebnisse diskutieren.

Ach, ich denke: Das geht schon. Mit der Uni und dem Forschungsinstitut und all den Menschen, die jetzt schon an unserer Seite sind.

Der Philosoph Stanislaw Lem sagte einmal: „Das Fliegen wird erst möglich, wenn zuvor vom Fliegen geträumt wurde.“ Träumen wir also und fiebern wir dem Start entgegen -  dem Ready for take-off!

Freust Du Dich auch so auf die EM? Oder lieber Wannsee? Dir wünsche ich eine spannende und eine entspannte Zeit.

Herzliche Grüsse
Deine
Lilli




[1] Martin Luther King Jr. erhielt 1964 den Friedensnobelpreis http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/peace/laureates/1964/
[2] Der 9. Oktober 1989 aus Sicht der Nikolaikirche
[3] Internetforum Hochbegabung - Drama oder Erfolgsstory ? https://www.xing.com/net/hochbegabung