Fotos: Dr. Karin Rasmussen, Saskia-Marjanna Schulz, Alexandra Gräfin Dohna

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Sonntag, 14. Oktober 2012

Ich gestehe


Liebe Lilli,

herzlichen Dank für Deine inspirierende Antwort! Trotz Deiner knappen Zeit hast Du mir wieder  wunderbare Anregungen  zum Lesen gegeben. Und:

Ich gestehe, Du hast mich mit Deinem Zitat „Herr, gib mir die Kraft, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, die Gelassenheit, das Unabänderliche zu ertragen und die Weisheit, zwischen diesen beiden Dingen die rechte Unterscheidung zu treffen“ des Franz von Assisi genau im richtigen Moment „erwischt“. Manchmal muss auch ich – so wie es Anselm Bilgri empfiehlt (1), zu diesem Stoßgebet Zuflucht nehmen. Denn trotz Unmengen an Büchern – von wissenschaftlich bis Ratgeber- Banalitäten  - gibt es scheinbar seit Jahrtausenden auf die Frage nach dem ICH keine endgültige Antwort. Die wird es auch wahrscheinlich gar nicht geben, weil ja unser Gehirn immer wieder alles was wir erleben neu bewertet, also auch ständig ein neues Selbstbild schafft. Und was wir denken, wird eben immer auch von unseren Emotionen bestimmt.

Wenn ich z. B. in einem dreistündigen Vortrag nichts wirklich Neues erfahre, dann fange ich schon nach kurzer Zeit an, meiner Frustration zu folgen und den Referenten in Gedanken zu kritisieren, zu korrigieren oder sogar abzuwerten. Dann habe ich ein Fremdbild von ihm für mich geschaffen – und Fremdbilder sind leider viel stabiler als Selbstbilder. Er wird es also in Zukunft sehr viel schwerer haben, meine Anerkennung zu gewinnen. Selbst wenn ich mich bemühe, Entschuldigungen für ihn (oder besser: für diesen einen mangelhaften Auftritt) zu finden, ist doch die Erinnerung daran immer mit dem unguten Gefühl verbunden, dass es für mich vergeudete Zeit war. Und es würde noch schlimmer werden, wenn ich sofort meinem inneren Impuls nachgeben und meine Kritik laut äußern würde. Dann wäre ich trotzdem frustriert – und er wahrscheinlich auch: Ich hätte ihn vorgeführt, sein Image beschädigt und vielleicht sogar dafür gesorgt, dass der weitere Verlauf seines Vortrages noch mangelhafter ausfiele oder auch andere Zuhörer jetzt frustriert wären.

Ich gestehe, auch mein Denken wird von Emotionen gesteuert. Schon die Wahrnehmung unterliegt diesem Filter – weil unser Gehirn gar nicht trennen kann, es nimmt immer gleichzeitig Fakten und Gefühle „wahr“. Insofern können Emotionen auch gar nicht falsch sein, denn die Wahrnehmung macht Erlebtes für uns zur Wahrheit. Mag sein, dass mancher darin eine Schwäche sieht. Ich nicht! Ich glaube, es ist wohlfeil, den Menschen „Schwächen“ zu bescheinigen, und diese so zusammen zu fassen.

Wer entscheidet denn, was eine Schwäche ist? Letztendlich doch nur wir selbst, wenn wir uns die Schuld dafür geben etwas nicht geschafft zu haben, was anderen (scheinbar) gelingt. Vielleicht haben die anderen Zuhörer den Vortrag gar nicht als mangelhaft wahrgenommen, also auch gar keinen Grund zur Kritik und damit zur Zurückhaltung. Vielleicht müssen sie sich gar nicht bemühen, „Dinge zu ertragen die sie nicht ändern können“ (denn der Vortrag würde ja durch Kritik nicht besser und bleibt gerade deshalb schwer erträglich)? Vielleicht ist meine Schwäche, meine enttäuschte Erwartung nur mit Anstrengung ertragen zu können, gerade deshalb für andere gar nicht nachvollziehbar. Und vielleicht ist das, was ich dem Referenten gern als „Schwäche“ angekreidet hätte, gar keine?

Du fragst Dich vielleicht, warum mich das so beschäftigt. Nun, es ist eine Erfahrung, die ich mit vielen Hochbegabten teile: Der innere Wunsch, Dinge richtig zu stellen, andere zu korrigieren oder zu kritisieren, entspringt oft nicht nur einem besseren Wissen, sondern auch einer guten Absicht. Wir wollen helfen, optimieren, aufklären, weiterbilden. Das ist doch eine gute Absicht? Warum ist dann die Wirkung häufig weniger gut? Klar, wir haben den anderen verletzt. Obwohl wir das gar nicht wollten, fühlt er/sie sich vorgeführt, blamiert, angegriffen. Und er/sie zweifelt an unserer guten Absicht, denn der Nutzen unserer Kritik ist nicht sofort erkennbar. Besonders dann nicht, wenn wir in unseren Äußerungen auch gleich noch unsere Emotionen mit verpacken.
Ein aggressiver oder herablassender Ton oder Blick, eine belehrende Geste – und schon haben wir trotz bester Absicht Schaden angerichtet. Und das Paradox dabei: Wenn jemand mit uns so umgeht, empfinden wir selbst es auch genau so. Wir sind verletzt und frustriert. Und vergessen dabei völlig, dass auch der andere in diesem Moment überzeugt ist, es „besser zu wissen“.

Ich gestehe, es fällt mir immer noch schwer, nur auf jene Fragen zu antworten, die gestellt werden. Ich weiß so viel mehr, als gefragt wird. Und ich bin so überzeugt, dass meine Antworten helfen würden – wenn nur einer fragen würde! Aber: Wer oder was stellt uns Ziele? Woher können wir wissen, was wir fragen sollen?

Mich freut die besonders gute Nachricht von Peter Olsson: „Jeder Mensch hat ein besonderes Talent.“ (2)  Und natürlich dürfen sich darüber auch die Hochbegabten freuen. Was Sven Henkel von der Universität St. Gallen (3) sagt, ist wohl der Schlüssel für vielfältige Lösungen:
„Jeder hat aufgrund seiner Anlagen das Potenzial, in ausgewählten Bereichen Außergewöhnliches zu leisten.“ Und wenn er empfiehlt: „ Darum solltest du deine Kompetenzen kennen, auf sie setzen und sie gezielt ausbauen“ – dann muss man sich bewusst machen, dass bei den Hochbegabten die außergewöhnlichen Leistungen eben im Bereich des Denkens (nicht des Wissens!) zu erwarten sind. Denn genau das ist ihr besonderes Talent. Sie können besonders gut, nämlich kompetent, zweifeln. Sie können Widersprüche ebenso gut erkennen wie Muster. Sie sind schnell im Wahrnehmen und schaffen es dabei besonders gut, komplexe Zusammenhänge zu erfassen. Sie können zwar auf viele Fragen antworten, aber noch besser können sie Fragen stellen. Hinterfragen, was als sicher angenommen wird.

Ich gestehe, ich weiß nicht wirklich, ob es in unseren Unternehmen schon die Funktion des hauptamtlichen Fragestellers gibt. Und Forschungsprozesse orientieren sich wahrscheinlich auch eher an erkannten praktischen Problemen als an spannenden Fragen (im Umkehrschluss ist natürlich jedes ungelöste Problem eine spannende Frage – nur gibt es noch viel mehr spannende Fragen, zu denen wir noch gar kein Problem erkannt haben und jede Lösung wirft bekanntlich neue Probleme auf, die spannende Fragen enthalten).  Also sind selbst hochbegabte Forscher immer wieder gezwungen, das oben zitierte Stoßgebet in die Welt zu schicken – denn die Kraft, Dinge zu ändern ist ziemlich ungleich verteilt.

Ich gestehe, ich wünsche mir sehr häufig mehr Verbündete, die den Wert des „reinen“ Denkens zu schätzen wissen, auch wenn ein unmittelbarer praktischer Nutzen nicht sofort erkennbar ist. Die Spaß daran haben, in Gedankenspielen eine „bessere“ Welt nicht nur zu wünschen, sondern zu bauen. Und das nicht in der virtuellen Welt, sondern in der realen! In meinem Workshop „Hochbegabung verstehen - Was ist anders im hochbegabten Gehirn?“ ist deutlich geworden, dass ich mit diesem Wunsch nicht alleine bin. Die Teilnehmer an diesem Workshop haben mit ihren Erfahrungsberichten bestätigt:  beim Denken sollte möglichst selten Angst, Langeweile oder Frust aufkommen – Neugier, Spaß, auch Ärger über Unzulänglichkeiten können viel besser Optimismus und Kreativität auslösen und zur Erschließung der besonderen Talente von Hochbegabten führen. Und dann wächst bestimmt auch das Netzwerk mit anderen Talenten zusammen, mit Ingenieuren, Handwerkern, Künstlern, Organisatoren, Forschern oder Archivaren – eben mit den vielfältigen besonderen Talenten der Anderen. Dann müssen wir uns nicht mehr gegenseitig kritisieren und korrigieren, weil irgendjemand die Erwartungen einer „normalen“ (das ist ein sehr ehrliches Wort, denn es meint NORMiert) Umwelt nicht erfüllt, sondern wir können die Selbstbilder ebenso wie die Fremdbilder an den Talenten, Potenzialen und Kompetenzen der Menschen orientieren. Dann werden wir toleranter, gerechter, humaner miteinander umgehen können und deshalb auch weniger negative Emotionen und Gedanken haben. Ganz zu schweigen von unserem Verhalten!

Ich gestehe, das ist der Traum der mich antreibt. Und es ist auch das, was ich am besten kann – Verständnis und Akzeptanz dort entstehen lassen, wo bisher Kritik und Ablehnung vorherrschen. Allerdings, auch das gestehe ich, kostet mich das immer wieder Energie. Eben die Kraft,  die man braucht, um Dinge zu ändern, die man ändern kann.

Liebe Lilli, da habe ich jetzt eine Geständnis-Liste fabriziert, die irgendwie ziemlich dramatisch erscheint. Dabei ist es eigentlich nur eine Beschreibung meines ganz normalen Alltags. Und der ist ganz gewiss nicht außergewöhnlich – ich weiß, dass es auch anderen Menschen ähnlich geht.
Aber, wie gesagt, Du hast mich mit dem Thema Gelassenheit, Kraft und Weisheit gerade im passenden Moment erwischt. Ich arbeite daran! Und mir scheint, ich werde besser. Aber bestimmt ist das eine Lebensaufgabe (nobody is perfect before died). Und ich bin Dir sehr dankbar, dass Du mich daran erinnert hast.

Du hast in den nächsten Wochen besonders viele Baustellen im wahrsten Sinne des Wortes zu bearbeiten. Ich bin in dieser Zeit auch ziemlich viel unterwegs und außerdem häufig mit meiner eigenen Weiterbildung beschäftigt. Es wird ein ereignisreicher Herbst. Lass Dir deshalb ruhig etwas Zeit mit einer Antwort und denk daran, dass auch Deine Kräfte immer mal wieder aufgefrischt werden wollen.

Ich bin in Gedanken bei Dir und wünsche Dir bei all Deinen Unternehmungen Erfolg und Freude. Und gelegentlich Zeit für einen Herbstspaziergang.

Sei umarmt
Deine Karin