Fotos: Dr. Karin Rasmussen, Saskia-Marjanna Schulz, Alexandra Gräfin Dohna

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Sonntag, 31. März 2013

Ostergruss mit Wetterkuss


 Foto: Saskia-Marjanna Schulz



Liebe Hochbegabte,

wir wünschen Ihnen und Ihren Lieben gesegnete Ostertage.

Das Wetter lässt sich entschuldigen ;))  
und sendet ein Gedicht.
Um uns aufzuheitern – 
gerne geben wir es weiter:

"Wenn die Schokolade keimt,
wenn nach langem Druck bei Dichterlingen
›Glockenklingen‹ sich auf ›Lenzesschwingen‹
endlich reimt,
und der Osterhase hinten auch schon presst,
dann kommt bald das Osterfest.

Und wenn wirklich dann mit Glockenklingen
Ostern naht auf Lenzesschwingen, – – –
dann mit jenen Dichterlingen
und mit deren jugendlichen Bräuten
draußen schwelgen mit berauschten Händen – – –
ach, das denk ich mir entsetzlich,
außerdem – unter Umständen –
ungesetzlich.

Aber morgens auf dem Frühstückstische
fünf, sechs, sieben flaumweich gelbe frische
Eier. Und dann ganz hineingekniet!
Ha! Da spürt man, wie die Frühlingwärme
durch geheime Gänge und Gedärme
in die Zukunft zieht,
und wie dankbar wir für solchen Segen
sein müssen.
Ach, ich könnte alle Hennen küssen,
die so langgezogene Kugeln legen."

Joachim Ringelnatz (1883 - 1934), eigentlich Hans Bötticher, 
deutscher Lyriker, Erzähler und Maler

Ab dem 14. April freuen wir uns wieder auf Sie.

Herzlichst
Ihre
Karin Rasmussen und Lilli Cremer-Altgeld 

Sonntag, 17. März 2013

Ich. Kann. Das. Garantiert. Nicht. – Und wie es dann doch gelang!


Ich bewundere Deine Begabung als Fotografin!


Liebe Karin,

Du hast mir mal wieder so aus der Seele gesprochen – ich könnte fast Deinen gesamten Artikel wiederholen!

Vom „Berliner Untergrund“ und dem „Urschrei!“ zum Ballet und zum Mailänder Dom, den ich auch besonders liebe.  Von Stefan Frädrich (1) zu  Deinen tollen Freundinnen, die „der Problemfalle entkommen“ – weil sie etwas  „tun was Spaß macht, wann immer es geht. Auch wenn sie stattdessen gerade etwas viel Wichtigeres/Sinnvolleres tun könnten!“  Und wieder zurück zu „Pflicht und Neigung“. Ich musste diesmal dabei an Bismarck (1815-1898) denken. Und seine langen Spaziergänge im Sachsenwald und in Pommern.

Sein Leben: Zuerst Hingabe an die Neigung. Dann erwachten  Berufungen und Begabungen. Die Pflicht übernahm die Führung mit der Selbstdisziplin. Kriege und Siege. Schaffung des Deutschen Reiches. Ein leichter Weg für den klugen Kopf? Keineswegs. Es war ein täglicher Kampf. Bismarcks Selbsterkenntnis: „Ich bin stark (…) Aber schauen Sie nicht, wie es in mir aussieht: Das ist die Hölle.“ (2) Schon 1872 klagte er: „Mein Öl ist verbraucht, ich kann nicht mehr.“ (3)

Seine Spaziergänge mit den Hunden „gönnte“ er sich erst als seine Krankheiten ihn dazu zwangen. Neigung als Pflicht.


Foto: Saskia-Marjanna Schulz


Wir denken oft, dass es die besonders Erfolgreichen leichter haben mit dem Erfolg. Vielleicht weil viele von ihnen auf ihre Haltung achten. Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz: Contenance! Arthur Schopenhauer (1788 - 1860) drückt es so aus: „Das Spiel lehrt Contenance zu halten, indem man zum schlechten Spiel eine heitere Miene aufsetzt.“ Obgleich Contenance ein wenig aus der Mode gekommen zu sein scheint, gilt diese Haltung immer noch für die meisten der Erfolgreichen, Promis, VIPs. Ein Indianer – eine Indianerin – kennt keinen Schmerz? Zumindest darf das Elend nicht gezeigt werden.

Aber hier sehen wir einen entgegengesetzten Trend: Man outet sich zusehends. Mit seiner Krankheit, seinem Leid, seiner Sexualität. Immer öfter gilt: Man will sich auch in schwierigen Situationen mitteilen. Isolationen aufbrechen und mutig kommunizieren, was einst unter der Decke gehalten wurde. Und so erkennen wir, dass wohl alle Menschen Probleme haben. Nur: die einen können damit besser umgehen als die anderen. Die einen lassen Hilfe zu – die anderen meinen das selbst schaffen zu müssen. Was meinst Du: zu welcher Gruppe zählen die Hochbegabten?

Während es im Sport seit langer Zeit selbstverständlich ist, dass ein Coach den Sportlern zur Seite steht – oder kannst Du Dir einen Fussballclub ohne Coach vorstellen? – hat sich der Gedanke an eine Begleitperson auf anderen Feldern erst langsam entwickelt.

Zu Zeiten der klassischen Rollenverteilung zwischen Mann und Frau, liefen auch die Karrierewege im Westen noch in anderen Bahnen. Im Management zum Beispiel. Der Sohn – sehr viel seltener: die Tochter – studierte auch im Ausland, pflegte internationale Kontakte und wurde nicht selten von einem Freund der Familie betreut. Hinzu kamen andere Freunde der Eltern und Grosseltern – zumeist ein Geistlicher, ein Lehrer, ein Politiker, ein Rechtsanwalt und ein Arzt. Der Nachwuchs wurde in entsprechende Netzwerke eingeführt – und das Leben nahm den üblichen Gang: Karriere, Ehe, Kinder. Man nahm sich Zeit und pflegte sich und sein Leben – als Mann.


Privat

Die Emanzipation der Frau, technische Revolutionen und ein neues Bewusstsein beendeten die Idylle. Die Werte verschoben sich – und Mann konnte nicht immer mithalten mit den Neuerungen. Manche Männer verloren erst den Überblick, dann den Job und schliesslich sich selbst. Netzwerke wurden brüchig. Das Vertrauen in Politik und Kirche bekam Risse. Und bald hatte fast jeder nur noch mit sich selbst zu tun.

Ich hörte in den 80er Jahren zum ersten Mal von Coaching. Eine Kollegin – Marktforscherin wie ich – kam gerade mit diesen News aus den USA zurück. Im Management wurde die Methode Coaching soeben langsam aber sicher eingeführt. Heute gehört sie zum Standard in den Unternehmen – aber auch in anderen Feldern ist sie inzwischen zu Hause wie etwa in der Politik, in Schulen, Universitäten.

Wer die Begleitung eines Coaches an seinem Arbeitsplatz in Anspruch nehmen kann, tut sich leichter mit Pflicht und Neigung. Und die anderen?

Die Klugen wussten schon immer, wie und wo sie sich Hilfe holen konnten. Und mit klug meine ich jetzt nicht unbedingt „hochbegabt“. Denn die Hochbegabten meinen, dass sie immer alles alleine machen können und müssen. Nicht selten weil es die Umwelt von ihnen erwartet. Wie oft hören sie die Sätze, die auch dankenswerterweise von Dir in Erinnerung gebracht werden: „für Dich ist das keine Mühe … ich denke Du bist hochbegabt? … wozu bist Du denn hochbegabt?“

Kein Wunder, dass sie gerne auf Hilfe verzichten, weil sie ja gelernt haben, dass sie es „eigentlich“ selbst können und wissen und tun müssen. Aber ist das wirklich so? Wir erleben Tag für Tag, dass Hochbegabte nicht alles wissen, können, tun. Woher auch? Hochbegabung heisst ja nicht Omnipotenz.


Foto: Saskia-Marjanna Schulz


Der Ausweg heisst FREIHEIT! Selbst entscheiden, was ich alleine machen – und was ich lernen will. Und wo ich Hilfe in Anspruch nehme. Denn mal ehrlich: Wir machen ja auch nicht alle eine Ausbildung zum Elektriker, Schumacher und Augenarzt – wenn die Steckdose klemmt, die Schuhsohlen ein Loch haben und wir eine neue Brille brauchen.

Auch bei Pflicht und Neigung gibt es Felder auf denen wir Hilfe brauchen – und Felder, die wir alleine bearbeiten können.

Im Prinzip ist es leichter als man denkt: Nach meiner Erfahrung gibt es ein magisches Dreieck für den Erfolg:


Ziele

Selbstbewusstsein     Handicap



Foto: Saskia-Marjanna Schulz


Ich brauche Ziele, um meine Wünsche, Sehnsüchte und Visionen zu realisieren.
Ich muss selbstbewusst sein, selbstsicher und brauche Selbstvertrauen.
Dann muss ich mir meine Handicaps ansehen, die auf dem Weg liegen.

Und damit ist für die meisten, die sich auf den Weg machen, der Weg auch schon zu Ende. Denn diesen Handicaps ins Auge zu schauen – davor scheuen sich die meisten Menschen. Und selbst wenn ihnen dies gelingt, wissen sie nicht, wie sie diese Handicaps überwinden können. Deshalb bleiben sie gefangen im Hamsterrad – und glauben, wenn sie nur laufen, werden sie das Ziel schon irgendwann erreichen. Schliesslich sind sie fleissig, ausdauernd und zielbewusst. Und natürlich: HOCHBEGABT!

Aber das reicht nicht.
Die wichtige Lektion heisst: Laufen im Hamsterrad führt nicht zum Ziel.
Und so ist die ganze schöne Pflicht nicht wirklich hilfreich.

Hilfreich ist erst: das Handicap zu erkennen. Und den Mut zu haben, es zu überwinden. Das Problem: Man/frau kann den Splitter im Auge des anderen ganz leicht erkennen – den Splitter oder Balken im eigenen Auge jedoch weniger – oder gar nicht.

Wer helfen könnte? Manchmal ein guter Freund. Oder eine Freundin.
Sicherer ein Arzt, Therapeut und Coach. Aber diese Hilfe annehmen – das kann ein hochbegabter Mensch zumeist nicht. Und so bleibt er/sie im Hamsterrad.

Pflicht ohne Neigung.

Traurig. Sehr traurig.

Aber: Wem erzähle ich das? Du wirst es sicher ähnlich erleben bei den Menschen, die zu Dir kommen.


Foto: Saskia-Marjanna Schulz


Ich sage meinen Coachees oft: Die gute Nachricht heisst: Beten hilft. Vielleicht nicht beim 1.,2. oder 3. Mal. Aber: Beten hilft. Politiker und andere Promis gehen nicht nur deshalb in Kirche, weil die Presse in der Nähe sein könnte. Und ein Kirchgang gut zum Image passt. Sondern weil sie glauben und von der Kraft des Gebetes überzeugt sind. Funktioniert übrigens auch von zu Hause aus. Oder bei Spaziergängen. Und dann erkennt man Chancen und Möglichkeiten, die bei aller Intelligenz lange übersehen worden sind.

Danke, dass Du uns daran erinnert hast: „Jeder ist seines Glückes Schmied“! Wie wahr. Dazu eine kleine Geschichte aus meinem Seminar: Eines Morgens trat die  Konrektorin einer Schule aus Norddeutschland – sie war ebenfalls Seminarteilnehmerin – vor das Frauenseminar und las ein Gedicht vor. Der Autor ist Josef Reding und das Gedicht beginnt wie folgt:

„Es kommt kein Prinz, der dich erlöst,
wenn du die Jahre blöd verdöst,
wenn du den Verstand nicht übst,
das Denken stets auf morgen schiebst.“ (4)

An diesem Tag haben wir eine Sonderschicht in „Selbstbefreiung & Selbstvertrauen“ eingeführt. Das Gedicht wurde nicht nur in meinem Seminar fester Bestandteil – auch die anderen Frauen trugen es in ihr Leben hinein.

Du kennst es wohl schon – jedenfalls habe ich bei Deinen Worten daran denken dürfen: „Du musst Dich selbst aufwecken, statt wie viele Hochbegabte es leider tun, als „Dornröschen“ 100 Jahre zu warten und zu träumen, dass ein schöner Prinz kommt und Dich wachküsst.“

Jeder Mensch hat seine eigenen Erfolgserlebnisse, die vor allem für ihn von Bedeutung sind. Das mag ein Examen an einer Schule oder Hochschule gewesen sein. Oder auch eine Prüfung im richtigen Leben. Eine Prüfung bei Herrn Prof. Dr. Alltag – wie einer meiner Lehrer gerne sagte. Eine Prüfung, die wir bestanden haben, weil wir fleissig waren. Und/oder mutig. Und/oder belastbar. Oder weil wir Zivilcourage zeigten, Disziplin, Liebe.

Es hilft im richtigen Leben, dass wir uns erinnern, was wir schon alles meisterten erre – erinnern, welche Prüfungen und Herausforderungen wir schon bestanden haben.

Wenn ich vor einer schwierigen Situation stehe, erinnere ich mich gerne an meinen Feuerlauf. Vor  Jahren kam einmal eine Freundin vorbei und sagte: Lass uns doch mal einen Feuerlauf machen! Feuerlauf? Du meinst mit nackten Füssen über glühende Kohlen laufen? Genau! Im Seminar sind gerade noch zwei Plätze frei.

Obwohl ich fest davon überzeugt war: das geht nicht! – sagte ich: Ich bin dabei.

Wochen später trafen wir uns in Bonn mit anderen Frauen und Männern aus der Gegend und wurden darauf eingestimmt, am Nachmittag über glühende Kohlen zu gehen. Ich hoffte auf eine Creme oder Wundersalbe – aber nichts. Nein. Nur mit nackten Füssen – schlicht und einfach – ohne Schnickschnack standen wir am frühen Abend vor den drei Metern glühend-heissen Kohlen.


Wer wollte, durfte nun bedachtsam und ruhig diese drei Meter beschreiten. Ich glaubte nicht, dass es möglich war. Von Ferne wehte mich an, dass ich beim Malteser Hilfsdienst eine Ausbildung als Sanitäterin absolviert hatte – und ich ging los. Behutsam – aber doch festen Schrittes. Dann frischer und beschwingt. Ich war so begeistert, dass ich sofort noch einmal die drei Meter ging. Und noch einmal. Neun Meter über glühende Kohlen. Gewiss, meine Füsse waren inzwischen mit Kohlenstaub übersät. Dafür gab es Seife. Aber keine Schmerzen. Keine Blasen. Auch später nicht. Nur ein unbeschreibliches Hochbefühl. WOW!!!

Wer einmal „Unmögliches“ getan hat – sieht die Welt mit anderen Augen an! Das erzählen mir auch immer wieder die Hochbegabten. Und wer gerade verzaubert wurde – kann auch einen neuen Blick auf Pflicht und Neigung werfen!

Dir lege ich jetzt den Osterspaziergang unseres Dichterfreundes ans Herz und wünsche Dir

Buona Pasqua, Fuhuo Jie Kuai Le, Срећан Ускрс, Glaedelig Påske, feseh Magied, Happy Easter, Feliĉan pask(fest)on, Hauskaa Pääsiäistä, Joyeuses Pâques,Χριστος ανεστη, Kali Anesti, veselé velikonoce, Wesol`ych S`wia`t, Feliz Pascua!, Christos woskrese,Kellemes Húsvétot, za veliko noc vse najboljse, Pesach Sameach, Tratry ny Paska!, Sretan Uskrs, Glad Påsk!, Paşte fericit, Vrolijke Pasen, Feliz Páscoa!, Pozdrovlaju s voskresenijem!

Vor dem Tor

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dort her sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur.
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlts im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen!
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden:
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß in Breit und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und, bis zum Sinken überladen,
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!

Johann Wolfgang von Goethe, Faust I



Foto: Saskia-Marjanna Schulz (6)


Sei umarmt,

Deine Lilli

 


1 Hier veröffentliche ich regelmässig die News von Stefan Frädrich: Presseportal für Hochbegabung http://hochbegabungspresse.blogspot.de
2 Otto von Bismarck: „Kanzler und Dämon“. Auf dem Ereignis- und Dokumentationskanal Phoenix gesendet
3 Ullrich, Volker: Otto von Bismarck, Reinbek 1998
4 Reding, Josef: Mädchen, pfeif auf den Prinzen! http://globetrotterin.blog.de/2007/10/20/title~3167717/
Sowie „Einschulungsfeier der Von-Zumbusch-Gesamtschule am 22.08.2012“:
5 Ostern für Hochbegabte: Gedichte, Reden sowie: Das perfekte Ei beim Chemischen Institut der Universität Oslo http://osternhochbegabte.blogspot.com
6 Saskia-Marjanna Schulz http://yesbusinesscoach.blogspot.de

Sonntag, 3. März 2013

Wie meine Freundin mit Freude der Problem-Falle entkommen ist


Liebe Lilli,

herzlichen Dank für Deine vielen schönen Anregungen, die wunderbaren Bilder von Saskia-Marjanna Schulz und die Verweise auf interessante Studien! 

Ich hoffe sehr, dass unsere LeserInnen sich einige davon näher anschauen und sich dadurch auch inspiriert fühlen (und nicht einfach nur meinen, wir wollten durch diese umfangreichen Quellennachweise dubiosen Plagiatsvorwürfen entgehen).

Aber: ich bin vorläufig noch nicht fertig mit dem Thema mehr Pflicht als Neigung und wie Hochbegabte damit um gehen?

Es ist ja auch keine Thema, mit dem man fertig werden muss – aber weiterkommen würde ich damit schon gerne, auch im Interesse unserer Gesprächspartner.

Ich erlebe nämlich häufig, dass Gespräche mit Hochbegabten sehr schnell zu Problem-Diskussionen werden. Ja, es scheint sogar erwünscht zu sein und als besonders sinnvoll angesehen zu werden, aus jedem Gespräche eine tiefgründige Diskussion über die Probleme unserer Welt zu machen. Und besonders beliebt sind scheinbar Gespräche über die eigenen oder die Probleme des Gesprächspartners. Da kann man dann so richtig seine intellektuellen Fähigkeiten glänzen lassen: Problemanalyse, Lösungskompetenz, vermeintlich umfassendes Wissen – wovon das Gegenüber natürlich auch entsprechend aufweisen kann – und dann noch die „gute Tat“: Helfer sein!

Komisch nur, dass all die fantastischen Analysen und Lösungsvorschläge so häufig mit „Ja, aber…“ beantwortet werden! Will der/die nicht geholfen kriegen??? Hat der/die überhaupt die neuesten Studien, Bücher oder Artikel zum Thema gelesen? Oder das super-zutreffende Comedy-Video gesehen? Den „Pabst“ (also die anerkannteste Autorität zum Thema) gehört?

Häufig wird aus solchen Gesprächen ein regelrechter Wettbewerb darüber, wer mehr weiß und deshalb mehr Recht hat. Und in der Regel geht dieser Wettbewerb unentschieden aus – wobei sich jeder als Sieger fühlen kann, weil der/die andere ja nicht mal … xyz … wusste, also nicht ganz so intelligent sein kann, wie man selber. Natürlich denkt man das nur! Es auszusprechen würde ja auch nichts bringen.

Du beschreibst sehr schön, wie wir durch das Überangebot an Informationen einerseits überfordert und gestresst werden, andererseits aber sehr gut Bescheid wissen: wir lesen „…die Newsletter von einem halben Dutzend Medien, haben nebenher n-tv oder N24 eingeschaltet – manchmal auf einem weiteren TV-Gerät auch noch BBC oder CNN. Und wir lassen uns die BREAKING NEWS per SMS schicken, ... kennen stets die aktuellen Börsendaten und behalten den Überblick, wer wo im Sport soeben gewonnen hat … Wir sind Weltbürger und wissen Bescheid.“

Nun ja, Fernsehen ist bei vielen Hochbegabten eher out, sogar ziemlich verpönt. Und gedruckte Zeitungen werden auch weniger gelesen, online erfährt man ohnehin immer das Wichtigste. Und dort findet man auch am ehesten das Besondere – die Quellen für das, was mich interessiert, scheinen unerschöpflich.
Für Neugier gibt es also ausreichend Futter. Wir haben gar nicht genug Zeit, alles zu nutzen. Ständig haben wir das Gefühl, ganz Entscheidendes zu verpassen. Und schon ist der Stress wieder da: Noch mehr, noch schneller, noch aktueller, tiefer, breiter informiert zu sein – das ist einfach nicht machbar! Wir stoßen an unsere Grenzen. Und haben endlich wieder ein Problem, über das zu diskutieren lohnt. Und über das jeder mitreden kann. Und will.

Ketzerisch ausgedrückt: Problemlöser brauchen Probleme, und die kriegen sie, egal wie!!!

Diese Falle stellen wir uns immer wieder selbst: Klagen, stöhnen, jammern – und als Begründung Probleme vor uns selbst und vor anderen ausbreiten.




Foto 1 Probleme finden sich überall und immer
Foto: DR. KARIN RASMUSSEN

Dabei wird unsere Neugier schnell zur Versuchung: Müssen/Wollen wir vielleicht aus Neugier Probleme wälzen? Sind wir - wie Du schreibst – „zunehmend zu Bildungspolitikern geworden (ganz zu schweigen von ADHS-ADS-Gelehrten), für unsere Gross-/Eltern immer öfter zu Gesundheitsexperten“ – aus Neugier? Managen wir unsere Love Story, unsere Karriere, unseren täglichen Lebensablauf, unsere Hobbys, unseren Urlaub – um unsere Problemlösungskompetenz unter Beweis zu stellen?
Um zu zeigen, was wir „drauf haben“?
Sind wir wirklich zu all dem gezwungen?
MÜSSEN wir all das tatsächlich tun und sein?

Oder tun wir das alles einfach nur, weil es eben geht? Weil es für all diese Aufgaben und Themen immer bessere Möglichkeiten gibt, sich zu informieren, mitzureden, sich einzumischen?

Und weil wir einen „entgangenen Vorteil“ befürchten, wenn wir es nicht tun? Besonders bei den Eltern hochbegabter Kinder kann man diesen Eindruck leicht gewinnen: sie wollen für ihre Kinder die bestmöglichen Entwicklungschancen und fühlen sich schuldig, wenn sie diese nicht wahrnehmen können.

Wir könnten täglich so viele Dinge tun – und könnten damit so viel erreichen, wenn …
… wir genau wüssten,
was es bringt
ob es sich lohnt
ob wir es schaffen
ob wir nicht etwas „Besseres“ verpassen!

Mir gefällt sehr, wie Stefan Frädrich (1) zum rechtzeitigen Scheitern auffordert! Für mich verbirgt sich dahinter die bewusste Entscheidung, sich mit bestimmten Problemen NICHT zu befassen, auch wenn es möglich wäre. Bewusst auf das Wissen und Können von Spezialisten zu vertrauen, auch wenn ich mir selbst mehr Wissen aneignen könnte (und ihnen dann Paroli bieten dürfte?). Der Aufwand, den ich treiben müsste, um immer und überall gut zu sein und  ernsthaft mitreden zu können, wäre viel zu hoch. Ganz abgesehen davon, ob es mir Vergnügen bereiten würde, ob ich damit glücklicher wäre. Und auch abgesehen davon, ob ich oder irgendjemand es brauchen könnte. Wunderbar, wie er den Begriff der „Opportunitätskosten“ (2) (gemeint ist der fiktive Verlust durch ungenutzte Chancen) auf ganz alltägliche Entscheidungen überträgt.

Ich wünsche mir für unsere hochbegabten Coachees manchmal ein früheres Scheitern bzw. rechtzeitige, also frühe Probleme. Sie würden dann nicht so häufig dem Irrtum unterliegen, dass sie etwas leicht und schnell Gelerntes nun auch „können“. Sie würden nicht hoffen, damit Erfolg zu haben. Und sie würden früher aufhören mit Bemühungen, die sie nicht weiter bringen. Durch rechtzeitiges Scheitern hätten sie die Chance zum Umdenken auf die Frage: Was hat mir besonders lange und viel Spaß gemacht weil es nachhaltig Erfolg brachte?

Und dann könnten sie den für ihre Persönlichkeit so wichtigen sozialen Aspekt dieses Erfolges kritisch analysieren:

Bestand dieser Erfolg aus einem kontinuierlichen Prozess von
  • Zuwendung, anschließender Akzeptanz,  darauf beruhender Anerkennung, wachsendem Respekt, damit verbundener partnerschaftlicher Kooperation, motivierender Forderung nach mehr, angemessener finanzieller Vergütung und zusätzlicher Förderung


oder aber
  • folgte auf Zuwendung herablassende Akzeptanz (von Dir habe ich nichts anderes erwartet), anmaßende Forderung nach mehr (für Dich ist das keine Mühe), emotionale Erpressung (ich denke Du bist hochbegabt?)  am Ende die institutionalisierte Ausbeutung (wozu bist Du denn hochbegabt?)

Wenn der Erfolg gar kein echter Erfolg gewesen ist, sondern eher ihr Selbstbewusstsein beschädigt hat, dann lohnt sich keine weitere Mühe. Dann ist es auch nicht mehr sinnvoll, durch Anstrengung und Durchhalten doch noch beweisen zu wollen, dass die Hochbegabung zu beinahe allem befähigt. Oder sogar den anderen Vorwürfe wegen ihrer Ignoranz zu machen. Sie der Intoleranz oder der Gemeinheit zu bezichtigen. Das alles kostet Energie, schafft neue Probleme und macht nicht erfolgreicher. Denn trotz Hochbegabung hat jede Persönlichkeit ja ihre individuellen Interessen und Stärken, auf die man bauen kann und die sich zu entwickeln lohnt – und manche Schwäche! Aber um die eigenen Stärken zu erkennen, nützt der permanente Wettbewerb mit allen und jedem herzlich wenig!

Dafür ist es viel sinnvoller, wie schon Dein Psychologie-Kollege (und nicht nur der!) gefordert hat, immer wieder „Frei-Stunden und freie Tage einzulegen. Um in die Stille zu gehen. Um wieder zu uns selbst zu kommen.“ Also sich selbst loszulassen, sich die Freiheit zu nehmen für Spaß und Freude, sich etwas Gutes zu tun – einfach weil es gut tut!




Foto 2 Stille-Mitten in Berlin
Foto: DR. KARIN RASMUSSEN

Ich habe da ein paar tolle Vorbilder, wie meine Freundinnen der Problemfalle entkommen. Sie tun was Spaß macht, wann immer es geht. Auch wenn sie statt dessen gerade etwas viel Wichtigeres/Sinnvolleres tun könnten! Eine von ihnen war Silvester mit mir unterwegs – eigentlich schon Neujahr, ein Sektglas in der Hand, den Beutel mit den Stiefeln in der anderen (zum „vernünftigen“ Umziehen waren wir zu faul) im Berliner Untergrund zwischen U-und S-Bahn inmitten eines Stromes fröhlich feiernder Massen. Und plötzlich: ein Urschrei! Das pure Glück schrie aus dieser erfolgreichen Führungskraft, Mutter erwachsener Kinder und gerade wieder Fernstudentin. Worüber sie so glücklich war, dass sie einfach schreien musste? Nun, sie war in Berlin! Silvester! Die größte Party in Deutschland! Mitten drin – ihr Schrei übertönte den allgemeinen Lärm nur für wenige Sekunden, dann wurde er beantwortet! Wie mir schien: Tausendfach. Sie war nicht allein. Es gab viele, die genau in diesem Augenblick genau das Gleiche fühlten wie sie. Und es war ganz unwichtig, wer sie war, was sie wusste, wie sie aussah. Grandios!

So ähnlich habe ich mich auf dem Dach des Mailänder Doms gefühlt: Neben der stillen Freude am Schönen hat mich eine tiefe Dankbarkeit für das Können der vielen Meister erfüllt, die uns solche grandiosen Schätze schaffen und erhalten. Ich war ergriffen vom Glück.

Eine andere Freundin ist begeisterte Ballettliebhaberin. Sie ist weder jung noch hat sie die Voraussetzungen zur professionellen Tänzerin je gehabt, eher im Gegenteil. Aber sie liebt das Ballett. Und weil sie beruflich verantwortlich ist, sich um die kulturellen Belange einer mittelgroßen Stadt in Mitteldeutschland zu kümmern, hat sie natürlich auch hier mit Tänzern, Choreografen, Intendanten usw. zu tun. Ganz begeistert erzählte sie mir kürzlich, dass sie zu einer Ballettprobe eingeladen war und mittanzen durfte. Sie war Gast, sie wird nicht auf der Bühne stehen, die Tänzer sind ihr haushoch überlegen – aber sie hat mit ihnen gemeinsam getanzt und war glücklich! Und das besonders Schöne: die Künstler fühlten sich respektiert und anerkannt, weil mal ein „Funktionär“ sich von ihrer schweren Probenarbeit einen ganz persönlichen Eindruck verschafft hatte! Meine Freundin war so glücklich, dass sie mich gleich anrufen und davon berichten musste. Natürlich wusste sie um ihre tänzerische Unvollkommenheit – sie konnte gemeinsam mit den Künstlern darüber lachen. Aber es war ein Lachen ohne Häme über sich selbst, über eigenes Scheitern, in dem schon der nächste Erfolg steckt.




Foto 3 Freude am Schönen
Foto: DR. KARIN RASMUSSEN

Liebe Lilli, ich bin Dir so dankbar für Deinen Hinweis auf die Forschung von Willibald Ruch und seinen Kollegen (3)! „Wer Neugier, Dankbarkeit, Optimismus, Humor und Enthusiasmus, Kreativität, Sinn für das Schöne, Freundlichkeit, Liebe zum Lernen und Weitsicht regelmäßig übt, steigert sein geistiges Wohlbefinden.“ Toll! Super! Endlich mal ein Programm was nicht nach Problemen, sondern nach Spaß und Freude klingt! Und die Forscher konnten auch nachweisen, dass „vor allem jene Personen profitierten, die im Verlauf der Trainingszeit sowohl ihre Handlungen und Gefühle besser steuern lernten, als auch mehr Enthusiasmus entwickelt hatten.“ Auch Hochbegabte dürfen und sollten zuerst sich selbst verpflichtet sein.

Der Volksmund sagt „Jeder ist seines Glückes Schmied“ und meint: Bring für Dein eigenes Glück selbst die größte Mühe auf, tu für Dich selbst auch das Schwierige. Der „Schmied“ hat also einen schweren Beruf, der macht auch mal müde. Also hast Du die Pausen verdient und die Glücksmomente! Aber auch die musst Du Dir selbst „organisieren“! Du kannst nicht erwarten, dass die Gesellschaft, Dein Chef, die Kollegen, die Familie oder Deine Freunde Dir dieses Glück gefälligst liefern.

Du musst Dich selbst aufwecken, statt wie viele Hochbegabte es leider tun, als „Dornröschen“ 100 Jahre zu warten und zu träumen, dass ein schöner Prinz kommt und Dich wachküsst. (4)  Dann wirst Du sehen: Auch Du kannst wie Goethes Iphigenie über Dich hinauswachsen. Erst nach schweren Kämpfen und Katharsis wächst sie, die einst dem Tod geweiht war,  zu ihrer wahren Größe. Du selbst musst wahrscheinlich gar nicht so dramatische Leiden ertragen und Gefahren überstehen wie Iphigenie. Du wirst vielleicht nie einem anderen das Leben retten müssen. Aber für Deine eigene Rettung kannst und musst  Du etwas tun: Deine besten Eigenschaften erkennen und stärken.

Soweit der Volksmund. Und nun liefert auch noch die Wissenschaft den Beweis, dass das geht.

Liebe Lilli, Dein sympathischer Vorschlag, das Lachen zu steigern kann noch ergänzt werden – denn Hochbegabte können ja auch komplex vorgehen: Wenn sie sich z.B. zunächst nach dem Vorbild der Schweizer Wissenschaftler ein Stärken-Profil erstellen:

Wie stark bin ich auf einer Skala von 1-10 in folgenden Eigenschaften
(1 = ganz schwach, 10 = ganz stark)



·         Neugier
·         Dankbarkeit
·         Optimismus
·         Humor
·         Enthusiasmus
·         Kreativität
·         Sinn für das Schöne
·         Freundlichkeit
·         Liebe zum Lernen
·         Weitsicht


Das ist gar nicht so schwierig, denn hier geht es ja nicht um Leistungsbeurteilung und nicht um Fähigkeiten oder Kenntnisse – sondern um ganz normale menschliche Eigenschaften.

Zu diesen Fragen können sie dann auch noch Freunde, Kollegen, Verwandte in einem entspannten Augenblick um Antwort bitten. Sie werden sich vielleicht nicht über jede Antwort freuen können – aber sie werden Chancen erkennen!
Und dann ein Trainingsprogramm aufstellen, mit dem sie jeden Tag ein bisschen glücklicher und stärker werden können. Dann wird die Freude riesengroß – immer mal wieder.




Foto 4 Land in Sicht
Foto: DR. KARIN RASMUSSEN (5)

Liebe Lillii, jetzt ist die Faschingszeit vorbei und Ostern steht uns bevor – und es wird Frühling! Bei uns scheint schon gelegentlich die Sonne durch das ewige Berliner Grau. Das macht alles gleich viel fröhlicher.
Ich wünsche Dir für jeden Tag mindestens einen Augenblick der Stille und eine gute Nachricht – damit Dir der Frohsinn erhalten bleibt.
Sei umarmt

Deine Karin

5 DR. KARIN RASMUSSEN http://www.icfl.de/HomePage