Fotos: Dr. Karin Rasmussen, Saskia-Marjanna Schulz, Alexandra Gräfin Dohna

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Sonntag, 9. Juni 2013

Diesmal über Moral, Wahrheit und Wissenschaft

Liebe Lilli,

herzlichen Dank Dir für Deine immer wieder schwungvollen Denk-Kreise! Sie zu lesen bereitet mir so viel Vergnügen, dass ich bei jeder neuen Runde (ich lese immer mehrmals, was Du mir schreibst) in Gedanken mit Dir spreche. 

Manchmal sind das abendfüllende Diskussionen. Und natürlich rede ich auch mit Freunden und Bekannten über unseren Austausch – es eröffnen sich immer wieder neue Horizonte! Und zwar genau durch das, was auch Dich so begeistert: das Andere. Nicht die Gleichheit der Gedanken macht es so interessant, sondern die Erweiterungen, Ausdeutungen, Assoziationen und – ja – auch die Widersprüche! Und manches, was im ersten Hören/Lesen irgendwie nicht „richtig“ erscheint, stellt sich als wertvolle Wahrheit heraus, genauso wie umgekehrt auch Wahrheiten widerlegt werden können.

Ich bin Dir sehr dankbar für Deine zwei Geschichten von Hochbegabten, die es moralisch ganz wichtig fanden, auch die Wahrheit über ihre Schwächen auszusprechen: Da ist die außergewöhnlich kluge, Nobel-Preis-verdächtige Physikerin, die mit ihren Haaren nichts anzufangen weiß (haha, ist das vielleicht ein Einstein-Paradoxon?) und dann Uwe, der wegen seiner sächsischen Muttersprache beinahe auf eine tolle Job-Chance verzichtet hätte.

Nun ja, auch ich kenne die Abwehr-Reaktion von Hochbegabten auf Lob: „Ich bin gar nicht so toll, ich habe auch Schwächen.“ Natürlich bin ich wie Du der Meinung, dass es möglich ist, wirklich kritisch und zugleich wertschätzend zu sein. Auch zu sich selbst! Aber was verbirgt sich denn hinter diesen einschränkenden, abwehrenden und abwertenden Wahrheiten? Ist es der Versuch, das „Ganze“ zu sehen, auch die zweite Seite der Medaille ins Kalkül zu ziehen, oder ist es eher dem Wunsch nach Gemeinschaft und Gleichheit geschuldet? Ist es das Bedürfnis, von anderen als normal, als Ihresgleichen akzeptiert zu werden, nobody is perfect? Oder soll damit gar den zu hohen Erwartungen der Anderen vorgebeugt werden, dass man ständig und in jeder Beziehung Großartiges zu leisten imstande wäre? Genügt man eher der Konvention, bescheiden aufzutreten? Wie moralisch sind solche Wahrheiten? Und wie nachhaltig?

Du erzählst ein Beispiel vom sächsischen Ingenieur, der lieber zu Hause bleiben wollte statt einem tollen Arbeitsangebot nach Süddeutschland zu folgen mit der Begründung: „Die können meine Sprache nicht verstehen.“

Als ich das las, fielen mir die zahlreichen unseligen „Witze“ ein, die über andere Kulturen einschließlich verschiedener Mundarten so kursieren. Es muss gar kein anderes Volk, keine andere Religion sein, wir finden ja bereits den Nachbarn komisch, der einen anderen Dialekt hat als wir – und schon geht das Lästern los. Dabei war Sächsisch mal eine (europäische) Weltsprache! Und wenn man heute in Afrika, Asien oder woanders in der weiten Welt einem sächsisch sprechenden Fachmann begegnet, dann ist man erfreut und stolz, dass er in Deutschland studiert hat? Da hat man plötzlich nichts mehr zu lästern? Nein, ganz besonders nicht, wenn man die Muttersprache dieses Fachmannes selber gar nicht beherrscht!

Du schreibst: „Gleichwohl gibt es doch hier und da gelungene Annäherungsversuche... Ich denke, wenn wir den Mut haben auf unsere innere Stimme zu hören, dann werden wir den richtigen Weg für uns finden. Und die innere Stimme ist ja bei Menschen mit Hochbegabung besonders gut ausgeprägt. Hochsensibel und feinsinnig wie sie halt sind. Wertschätzung tut gut.“

Allerdings, liebe Lilli: Bei mir ist die innere Stimme oftmals ein übender Chor! Es sind viele Stimmen und sie sind nicht auf Anhieb harmonisch. Geht es Dir auch manchmal so? Da kommen Gedanken und Gefühle, die irgendwie nicht so ganz zueinander passen wollen. Exoten sozusagen: Kratzig schön manchmal, ungewohnt, fremd.



Fremd und kratzig schön! © bei Karin Rasmussen


Eben: Ungewohnt, fremd, aber nicht falsch und auch nicht gleich böse! Das ist wahrscheinlich das Wichtigste, was ich im Lauf meines Lebens gelernt habe. Nicht immer ist sofort klar, was das Beste, was das Richtige oder das Gute ist. Und meist gehören Widersprüche zur Normalität. Auch Probleme zu haben, ist kein Fehler, den man sofort berichtigen muss. Im Gegenteil - so wie ein Chor bei nur einer Probe keine wahre Meisterschaft erringen kann, sondern erst nach einem intensiven Lern- und Abstimmungsprozess die erwünschte Harmonie  erreicht, braucht auch die innere Stimme manchmal mehrere Versuche für eine akzeptable Lösung. Bei Hochbegabten kann das sogar noch etwas länger dauern, denn die Vielzahl der Argumente und Gefühle kann durchaus ein beträchtliches inneres „Stimmengewirr“ erzeugen.

Und dann bin ich immer sehr froh, wenn sich ein geduldiger und wertschätzender Gesprächspartner findet. Jemand, der/die nicht mit dem wohlfeilen Rat kommt „Du musst doch wissen, was Du willst!“ oder gar eine/r, der/die mir sagt „also ICH an Deiner Stelle würde…“

Sondern ein Mensch mit gesundem Selbstbewusstsein, der offen sein kann für Ungewohntes. Und der mir dadurch hilft, mich selbst besser zu verstehen. Und mich danach wieder zurecht zu finden und einzuordnen in das Gemeinsame, das Ganze. Also jemand, der nicht aus meiner Fremdheit oder meinem Anders-Sein gleich einen Fehler machen muss, um sich dadurch selber gut zu fühlen. Und der auch nicht erwartet, nur Bekanntes von mir zu hören.
Da ich keinen Chef habe, muss ich mir diese Offenheit auch nicht von einem Vorgesetzten für mich wünschen. Aber ich wünsche sie mir immer für meine Coachees! Ich wünsche ihnen Manager/innen, von denen sie „ernst gemeintes positives Feedback, möglichst zeitnah und nachvollziehbar bekommen. Die Ausgrenzungen und Lästereien verhindern und offen sind für Verbesserungsvorschläge.“ (1)  Diese Hoffnung haben nämlich die meisten. Sie vertrauen ihren Vorgesetzten so lange, bis sie enttäuscht werden. Und dann ist es oft unsere Aufgabe als Coach, das verloren gegangene Selbstvertrauen wieder herzustellen, die Selbstachtung zu unterstützen und zu ermutigen – kurz: Die vorhandenen Ressourcen und Potenziale wirksam zu machen, indem wir ihnen die gebührende Wertschätzung erweisen. Mögen sie auch noch so ungewohnt und fremd erscheinen. Vielleicht steckt ja in einer exotischen Idee der Keim für ungeahnten Fortschritt?


Es wird… was? © bei Karin Rasmussen


Möglicherweise verbirgt sich da ein Nutzen für die ganze Menschheit? Es soll auch schon Erfindungen gegeben haben, die nicht von Nobelpreisträgern kamen! (Bitte verzeih die Ironie, ich denke gerade an die Sicherheitsnadel, aber das ist nur ein Beispiel). (2)

Aber selbst wenn es nicht gleich um revolutionär Neues oder besonders Schönes geht – oft kann einfaches wertschätzendes Zuhören und Akzeptieren schon den von Dir aus der Gallup-Studie von 2012 erwähnten Schaden verhindern! (3)

In meinen Seminaren kann ich immer wieder feststellen, dass es auch Führungskräfte gibt, die anerkennen wollen, aber nicht wissen, was und wie. Warum fragen die nicht danach einen Coach? Wir sind ja eher nicht zur „Fehlerbehebung“ da, sondern unsere Aufgabe ist es, die vorhandenen Ressourcen und Potenziale wirksamer zu machen! Das geht auch indirekt.
Wenn Chefs oder Hochbegabte denken: „Wer lobt mich denn? Wer hat denn Zeit für mich? Wer hat denn ein offenes Ohr für mich“, dann haben sie schon mal selbst empfunden, dass es eben wichtig ist. Dann fehlt ihnen was. Und das können sie – genau wie jeder andere – auch bei einem Coach kennen lernen. Oder, wie Du schreibst: Manchmal tut es auch das richtige Buch.

Der alte Knigge kann da gar nicht historisch genug sein – schon die Einleitung seines Werkes „Über den Umgang mit Menschen“ könnte ebenso gut nach dem Besuch einer Mensa-Veranstaltung wie nach einem Manager-Kongress entstanden sein: „Wir sehen die klügsten, verständigsten Menschen im gemeinen Leben Schritte tun, wozu wir den Kopf schütteln müssen. Wir sehen die feinsten theoretischen Menschenkenner das Opfer des gröbsten Betrugs werden. Wir sehen die erfahrensten, geschicktesten Männer bei alltäglichen Vorfällen unzweckmäßige Mittel wählen, sehen, dass es ihnen misslingt, auf andre zu wirken, dass sie, mit allem Übergewichte der Vernunft, dennoch oft von fremden Torheiten, Grillen und von dem Eigensinne der Schwächeren abhängen, dass sie von schiefen Köpfen, die nicht wert sind, ihre Schuhriemen aufzulösen, sich müssen regieren und misshandeln lassen, dass hingegen Schwächlinge und Unmündige an Geist Dinge durchsetzen, die der Weise kaum zu wünschen wagen darf. Wir sehen manchen Redlichen fast allgemein verkannt. Wir sehen die witzigsten, hellsten Köpfe in Gesellschaften, wo aller Augen auf sie gerichtet waren und jedermann begierig auf jedes Wort lauerte, das aus ihrem Munde kommen würde, eine nicht vorteilhafte Rolle spielen, sehen, wie sie verstummen oder lauter gemeine Dinge sagen, indes ein andrer äußerst leerer Mensch seine dreiundzwanzig Begriffe, die er hie und da aufgeschnappt hat, so durcheinander zu werfen und aufzustutzen versteht, dass er Aufmerksamkeit erregt und selbst bei Männern von Kenntnissen für etwas gilt.“ (4)



Lichtstreifen, quer zum Horizont! © bei Karin Rasmussen


Wie es scheint, wird dieses Thema seine Aktualität so schnell nicht verlieren. Bloß gut, dass es seit Knigge immer wieder Autoren gegeben hat, die neben streng logischen Wissenschaftlern, linientreuen Politikern und demagogischen Ideologen auch mit Witz und Humor darüber schreiben konnten. Danke, Danke für den Tipp „Manieren“ von Asfa-Wossen Asserate, eine köstliche Bereicherung! (5)

Wie Du, liebe Lilli, denke ich, dass Mut dazu gehört, sich selbst zu überwinden und der Wertschätzung einen größeren Raum zu gewähren. Und damit den inneren Frieden zu gewinnen, die Souveränität, über uns selbst hinauszuwachsen. Und vielleicht – wer weiss – selbst zur Legende zu werden. Ohne den Umweg über „Premierministerin“ oder „Kanzler“ gehen zu müssen. Laut Duden sind Legenden glorifizierende Erzählungen. Heißt das, dass Legenden nicht wahr sind, weil sie die „Fehlerseite“ vernachlässigen?

Ganz zufällig hatte ich in dieser Woche ein passendes Erlebnis, dieses Mal mit einem Akademiemitglied!  Prof. Volker Gerhardt vom Institut für Philosophie der Humboldt-Universität zu Berlin wurde in seiner Akademie-Vorlesung „Der Wert der Wahrheit wächst“ von einem jungen Ökonomen eine spannende Frage gestellt: Wächst der Wert der Wahrheit, weil die Nachfrage steigt oder wird das Angebot knapp?

Welche Antwort würdest Du geben? Die philosophische Antwort des Referenten war vorhersehbar mehrdeutig und lautete sinngemäß: Beides trifft unter bestimmten Bedingungen zu bestimmten Zeiten in bestimmten Kreisen zu – es gibt mit zunehmender wissenschaftlicher Erkenntnis ein wachsendes Bedürfnis nach Wahrheit bei gleichzeitig steigenden Möglichkeiten, diese Wahrheit nach eigenen Maßstäben zu „gestalten“. Daraus ergibt sich eine erhöhte moralische Verantwortung im Umgang der Menschen miteinander. (6)
Klasse!

Prompt kam natürlich die Frage einer Naturwissenschaftlerin nach der Relativität der (wissenschaftlichen) Wahrheit, da ja unsere modernen Erkenntnisse schon viele früheren Wahrheiten als falsch offenbart haben und das auch so weitergehen wird. Wir irren immer zu einem gewissen Teil – auch wenn Mehrheiten glauben, im Besitz der Wahrheit zu sein und damit Maßstäbe für die Allgemeinheit setzen zu dürfen.

Dennoch: Das Vorbild des bedeutenden Forschers, des besonders erfolgreichen Politikers oder herausragenden Künstlers schwebt immer mal wieder vor unserer inneren Stimme als Muster, als Aufforderung, nach Höherem zu streben, Besonderes zu vollbringen. Und dann sind wir unzufrieden mit uns selbst, wenn uns dies nicht zu gelingen scheint – besonders häufig trifft das scheinbar Menschen, die wissen, dass sie hochbegabt sind!

Dabei sind Heldentaten so oft ganz alltäglich und gerade deshalb so schätzenswert: Wie jetzt in der Hochwasserkatastrophe Tausende auf Schlaf und Vergnügen verzichten, um anderen zu helfen. Wie sie Zeit, Kraft und Geld selbstlos einsetzen, ohne Gewissheit zu haben, dass es sich lohnt. Wie manche sogar ihre Gesundheit riskieren ohne zu zögern, weil sie es für ihre moralische Pflicht halten, für andere da zu sein – das  ist legendär! Das wird vielleicht für zukünftige Generationen den Stoff liefern für neue legendäre Vorbilder, die sich ohne eigenen Vorteil für den ganz „normalen“ unbekannten Mitmenschen eingesetzt haben – und die ähnlich wie Lady Godiva in Büchern, Liedern und Bildern besungen werden . Hier sind sie dabei, wahr zu werden: Liebevolle Legenden. (7)


Die da unten sieht man doch! © bei Karin Rasmussen


Denn: Der Alltag der meisten Menschen ist stilles Heldentum. (8) Ich bin sehr froh darüber, dass uns unser Beruf immer wieder mit diesen ungenannten Helden zusammen führt, dass sie sich uns zeigen und wir sie überall entdecken können!

Ich umarme Dich,
Deine Karin

 Gallup-Studie aus dem Jahr 2012 zitiert in ZEIT ONLINE
5 Asfa-Wossen Asserate: Manieren, 
6 Akademie-Vorlesung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen der Reihe „Moral, Wissenschaft und Wahrheit“ am 06.06.13 http://www.bbaw.de/veranstaltungen/2013/Juni/wahrheit
8 Anna Magnani, zitiert nach: 1997: Harenberg Lexikon der Sprichwörter und Zitate, Ausgabe 3, ISBN 9783709302101, Seite 23 (Verlag Harenberg)

Sonntag, 26. Mai 2013

Wie Kühnheit siegen kann


Liebe Karin,

oh, danke! Danke! Danke! Ich wusste, dass Du wieder Bonbons von Deinem Mensa-Jahrestreffen mitbringen würdest. 

Diesmal aus einer Stadt des „Westfälischen Friedens“: Münster. Und da überraschst Du mich gleich mit dem Gedankengut von Thomas Metzinger. (1)  Speziell mit seiner Forderung nach einer  Neuro- und Bewusstseinsethik der Zukunft. Bravo! Da mache ich doch gleich auf seine Downloads aufmerksam. In deutscher und englischer Sprache. (2)



Foto: Saskia-Marjanna Schulz


Und dann dieser erstaunliche Satz von Dir – dieser Satz, der mich erst einmal verblüfft hat: „Spannend ist, was anders ist.“ Das habe ich schon sehr lange nicht mehr gehört. Eher das Gegenteil: „Ich habe total spannende Leute kennen gelernt. Stellen Sie sich mal vor: Die lieben ebenfalls die Toskana (oder Sylt oder Mallorca), fahren dieselbe Automarke wie ich und haben ebenfalls Marcel Proust, Honoré de Balzac und Charles Baudelaire auf dem Nachttisch liegen.“ Getreu dem Motto: Gleich und gleich gesellt sich gern. Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten werden als Bestätigung der eigenen Einstellungen und Verhaltensweisen deklariert.

Natürlich darf da auch mal ein etwas anderer Gedanke dazwischen sein – so als Anregung, als Ergänzung. Aber: „Spannend ist, was anders ist.“  - das ist ja richtig aufregend. Gut, ich gebe zu, ich spreche von den Menschen, die das Andere schon gesehen haben: die Sehenswürdigkeiten dieser Welt, die politisch von links nach rechts gewandert sind (wenn wir noch in diesen Kategorien denken wollen: links/rechts) oder umgekehrt. Und auch sonst die eine oder andere Herausforderung nicht ausgelassen haben. Aber dann irgendwo eine Markierung gefunden haben, eine Location,  in der eher das Gleiche spannend ist. Du jedoch sagst über die Hochbegabten, die Du getroffen hast: „Und diese Spannung, dieses Interesse ist das Gemeinsame, das Verbindende, der VORTEIL.“ Ja, das ist auch eine Art zu denken und zu erleben.

Mit anderen Worten könnte eine  Annahme bei Hochbegabten sein: "Gegensätze ziehen sich an". Vielleicht nicht als generelle Aussage? Aber so für ein paar Tage ist es genau die Anregung, die die Faszination ausmacht? Es kommt auf die Dosierung an?

Der dritte Gedanke in diesem Kontext ist die von Dir geliebte Wertschätzung: „Es geht – und das ist für mich eine immer wichtigere Frage -  um die Wertschätzung dessen, was den Einzelnen ausmacht.“ Chapeau! Dies ist auch eines meiner Themen: Wertschätzung.

Was heisst das? Ich verstehe darunter,  Menschen mit Respekt, Wohlwollen und Freundlichkeit zu begegnen. Unabhängig von Geschlecht, Status, Leistung, Alter und Ethnie. Menschen zu achten, Interesse zu haben und dies zu zeigen. Mir ist aufgefallen, dass Menschen, die sich selbst achten und wertschätzen – anderen Menschen eher wertschätzend begegnen als Menschen, die sich mit der Selbstanerkennung schwer tun. Und mir ist aufgefallen, dass Menschen, die sich selbst und andere wertschätzen, zufriedener, beliebter und im landläufigen Sinne des Wortes erfolgreicher sind.

Mir ist weiterhin aufgefallen, dass hochbegabte Menschen sich selbst öfter mit einer ausgefeilten kritischen Haltung gegenüberstehen. Und es ihnen nicht immer so gut gelingen will, „fünf gerade sein zu lassen“. Ich denke jedoch, dass es möglich ist, wirklich kritisch und zugleich wertschätzend zu sein. Nicht selten erlebte ich, dass die Hochbegabten, die ich kennen lernen durfte, sich zunehmend unwohl fühlten, wenn sie gelobt wurden. Ja, sie hielten mich für oberflächlich, weil ich ihre Fehler nicht sehen würde. Oder ihre Unzulänglichkeiten.

Doch tue ich.

Aber wieso kann ich z.B. einen hochbegabten Menschen nicht wertschätzen – und es sagen – auch wenn ich im gleichen Atemzug den Eindruck habe, dass hier und da etwas optimiert werden dürfte? Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Ich erinnere mich daran, einmal einer Naturwissenschaftlerin begegnet zu sein, die  atemberaubende „Dinge“ gemacht hat. Für mich persönlich pure Wunder. Experten, die auf diesem Gebiet mehr Wissen haben als ich, sehen Sie verdächtig nahe an einem Nobelpreis. Und sie? Sie läuft gleich weg wie ein Kleinkind, wenn Fachleute ihre „Kunst“ ähnlich bestaunen wie ich. Und erklärt dann, dass ihre deutsche Aussprache miserabel sei und sie mit ihren Haaren nichts anzufangen wüsste. Hallo? Wir sprachen über einen Nobelpreis in Physik – die Rede war nicht von einem Academy Award - Oscar genannt.

Damals dachte ich noch: einem Mann würden solche Worte wohl kaum über die Lippen kommen. Bis ich Uwe kennen lernte. Er sass in Leipzig in meinem Seminar. Mit dem Rücken zu mir starrte er unentwegt an die Wand – und vermied es, mich anzusehen und mit mir zu reden. In der Pause sprachen wir dann miteinander. Und mir fiel gleich auf: Er liebte (!) seine Landesprache auf eine ganz eigene Art. Das sogenannte Hochdeutsch wollte nicht über seine Lippen kommen. Seit Tagen quälte er sich mit folgendem Problem: Ein nicht ganz unbekannten Autobauer aus einem südlichen Bundesland hatte ihm beruflich ein Angebot gemacht, dass er fast nicht ablehnen konnte. Fast. Denn immer mehr hatte er sich zu der Entscheidung durchgerungen, doch lieber zu Hause zu bleiben. Begründung: „Die können meine Sprache nicht verstehen.“



Foto: Saskia-Marjanna Schulz


Mag sein. Auch die Bewohner dieses Bundeslandes sprechen eine Sprache, die ich nicht immer verstehen kann. Gleichwohl gibt es doch hier und da gelungene Annäherungsversuche. Meine Antwort auf die Frage: Soll ich – oder soll ich nicht?

Selbstverständlich JA! JA! JA! Es sei denn: In der Stellenbeschreibung steht: Die Sprache des Landes Sachsens ist in unserem Hause unerwünscht – und das wird wohl kaum je in einem Vertrag stehen. Richtig.

Drei Wochen später sahen wir uns wieder. Er packte gerade seine Koffer – Umzug nach Süddeutschland. Den Vertrag zeigte er mir stolz und mit Freudentränen. Ein Hochbegabter hatte sich selbst gefunden.

Ich denke, wenn wir den Mut haben auf unsere innere Stimme zu hören, dann werden wir den richtigen Weg für uns finden. Und die innere Stimme ist ja bei Menschen mit Hochbegabung besonders gut ausgeprägt. Hochsensibel und feinsinnig wie sie halt sind. Wertschätzung tut gut.

Wie gut Wertschätzung für die Gesundheit ist, konnte ich kürzlich auf der Seite einer Krankenkasse lesen: „Der große Wert der Wertschätzung. Ohne die wichtige Seelennahrung ‚Wertschätzung‘ geht der Mensch ein wie eine Primel. Wir brauchen Anerkennung, Feedback und soziale Eingebundenheit, das motiviert uns und macht uns stark. Wertschätzung scheint uns ein bisschen verlorengegangen zu sein - wir müssen sie wieder in unseren Alltag zurückholen.“ (3) Und dann folgen Tipps wie etwa: „Ernst gemeintes positives Feedback, möglichst zeitnah und nachvollziehbar. Ausgrenzungen und Lästereien verhindern. Seien Sie offen für Verbesserungsvorschläge.“ (4)

Ja und gerade diese Offenheit haben Manager/innen nicht immer. Dabei dürfte es Führungskräften nicht entgangen sein, das nach einer Gallup-Studie aus dem Jahr 2012 nahezu jeder vierte Arbeitnehmer innerlich gekündigt hat. Studienautor Marco Nink spricht Klartext, wenn er sagt: "Diese Menschen quälen sich morgens zum Job und fragen schon am Dienstag: Wann ist endlich Wochenende?" (5)

Selbstredend sind diese Mitarbeiter gesundheitlich weniger stabil, haben weniger positive Ausstrahlungskraft auf ihre Kollegen und „verursachten damit einen gesamtvolkswirtschaftlichen Schaden von bis zu 124 Milliarden Euro im Jahr.“ (6) Liebe Chefinnen und Chefs: Aufwachen! Die Mitarbeiter warten auf Wertschätzung: Offene Ohren, Lob und Anerkennung!



Foto: Saskia-Marjanna Schulz


Wo ist das Problem? Führungskräfte können nicht immer gleich gut mit Menschen wie mit Zahlen umgehen. Schlimmer noch als die fehlende soziale Kompetenz ist die mangelnde Einsicht. Chefs denken oft: Wer lobt mich denn? Wer hat denn Zeit für mich? Wer hat denn ein offenes Ohr für mich? Nein, nicht jeder Manager sollte deswegen gleich zum Coach rennen – obschon mir einmal ein Arzt und Bildungspolitiker sagte: „Jeder Mensch sollte sich coachen lassen!“

Manchmal tut es auch das richtige Buch.

Zum Beispiel ein Werk mit dem schönen Titel: „Über den Umgang mit Menschen.“ Eine Karrierefibel, in der es auch um soziologische und sozialpsychologische Fragen geht. Für Menschen, die das „Bestreben (haben), in der Welt fortzukommen, eigenes und fremdes Glück zu bauen (…) und die dennoch mit diesem allen verkannt, übersehn werden, zu gar nichts gelangen“. So der Autor in seiner Einleitung.

Was werden wir in dieser Schrift lesen? Zum Beispiel:

O "Achte Dich selbst, wenn Du willst, dass Andre Dich achten sollen!" (7)

O "Ohne Enthusiasmus, der die Seele mit einer gesunden Wärme erfüllt, wird nie etwas Grosses zu Stande gebracht werden." (8)

O "Sehr kluge und verständige Menschen tun oft im gemeinen Leben Schritte, bei denen wir den Kopf schütteln müssen." (9)

Ich frage mich, ob damit hochbegabte Menschen gemeint sind. Eben jene, die den Mut haben, ihren eigenen Weg zu gehen.

O "Vor allen Dingen soll man nie vergessen, dass die Gesellschaft lieber unterhalten, als unterrichtet sein will." (10) Also den Zeigefinger schön in der Tasche lassen!

O "Vor einem grauen Haupte sollst Du das Deine beugen!" (11)

O "Wer immer in Zerstreuungen lebt, wird fremd in seinem eignen Herzen." (12)

Liebe Karin, wie ich Dich kenne, wirst Du schmunzeln und wissen, von wem hier die Rede ist. Adolph Freiherr von Knigge: „Über den Umgang mit Menschen.“ Und wer mag, kann gleich weiterlesen, denn: Das Werk ist in 60 Kapiteln kostenfrei online (13)

Wem diese Lektüre zu historisch ist – mag sich vielleicht über eine andere Publikation freuen. Ja, freuen. Obschon sie sich nach einem Ratgeber anhört, liegt der Schmunzelfaktor bei 8 von 10 Punkten. Oder wie Gustav Seibt (Literaturen) schreibt:  es geht um den „proustischen Blick auch (auf) die komischen Seiten aller Umgangsformen.“ (14) Umgangsformen?

Susanne Mayer (Die Zeit) ergänzt: „Manieren kommt als Plauderei daher, als köstliche Unterhaltung, es bietet alles andere als einen Kanon mit komplizierten Verhaltensvorschriften, wie sie üblicherweise hierzulande verordnet werden. (…) Der Mann schreibt elegant und witzig, auf Deutsch.“ (15)

„Manieren“ heisst der Titel. Und der Mann – auch hier sehe ich schon, dass Du es längst auf Deinem inneren Bildschirm aufgeschlagen hast – der Mann ist ein Prinz aus dem Morgenland: Asfa-Wossen Asserate, Unternehmensberater, promoviert in Frankfurt am Main. Und für seine „Manieren“ ist er in Deutschland mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet worden. Sein Lebensmotto lautet: „Niemals zurückblicken und Gott vertrauend in die Zukunft sehen.“ (16)

Manieren? Brauchen wir „Manieren“? Oder: Was versteht Asfa-Wossen Asserate darunter? „Manieren sind nichts anderes als der ästhetische Ausdruck der Moral. Sie wurden erfunden, damit die Menschen sich nicht als Tiere, sondern wie zivilisierte Wesen begegnen. In der europäischen Gesellschaft leiten sich Manieren aus dem christlichen Satz ab: Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst.“

Und weiter: „Tagsüber, im Job, muss ein Wirtschaftsboss mit der globalisierten Welt fertig werden. Abends, im privaten Rahmen, schaltet er im besten Fall um. Selbst ich darf in meiner Funktion als Unternehmensberater einem Klienten nicht empfehlen, dem Mitbewerber doch bitte den Vortritt zu lassen. Das wäre unrealistisch. Dennoch kann man auch im Wirtschaftsleben darauf achten, fair und anständig zu sein. Leider muss ich oft beobachten, mit welch äusserlicher Eleganz abgefeimtes Mobbing in Unternehmen betrieben wird. Da möchte man verzweifeln.“ (17) Aber Asfa-Wossen Asserate verzweifelt nicht, sondern schreibt ein Buch, das uns köstlich unterhält und uns Gedanken zum Nachdenken schenkt.

Wie gesagt: „Wahrhaft elegant geschrieben – in herrlichem Deutsch, humorvoll, gelehrt und unterhaltsam, von dezidiert persönlichem Charme und geradezu universellem Reiz.“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) (18)



Foto: Saskia-Marjanna Schulz


Ich denke, es gehört viel Mut dazu, sich selbst zu überwinden und der Wertschätzung einen grösseren Raum zu gewähren. Nicht nur weil sie gesund ist, beliebt und wohlhabend macht – ich halte den inneren Frieden, der damit erreicht wird, für die noch grössere Faszination. Mit innerem Frieden haben wir die Souveränität über uns selbst hinauszuwachsen. Und vielleicht – wer weiss – selbst zur Legende zu werden. Ohne den Umweg über „Premierministerin“ oder „Kanzler“ gehen zu müssen.

Gleich als ich von „Deinen Legenden“ las, musste ich mich an die „Lieblosen Legenden“ (19) von Wolfgang Hildesheimer erinnern. Die haben wir mal in der Schule gelesen. Und ich sehe noch, dass der Lehrer den Titel zum Thema machte – und sagte: Also: „lieblos“ können Legenden nicht sein. Sie sind immer liebevoll.

Was sind Legenden? Die Universität Duisburg-Essen schreibt dazu: „Legenden waren ursprünglich mittelalterliche Leidensgeschichten von Märtyrern, Heiligen und religiösen Autoritäten, die bei kirchlichen Anlässen verlesen wurden. Später wurde der Begriff vor allem zur Sammelbezeichnung für die schriftlich fixierten 'Viten' (Lebensgeschichten) der Heiligen.“ (20)

Im Weiteren erfahren wir, dass es seit dem 15. Jahrhundert auch Legenden im nicht kirchlichen Sinne gibt. Dies sind z. B. kunstvolle Geschichten. (21) Heute sprechen wir von Legenden im Sinne von bekannten „Personen“ oder „Sachen“. Ebenso sind Legenden „glorifizierende Erzählungen“ (Duden).

Durch Hildesheimer wurden „Legenden“ für mich zu einem Wert, dem ich besondere Aufmerksamkeit schenke. Eine meiner Lieblinge: LADY GODIVA. Der Legende nach war Godiva im 11. Jahrhundert eine mutige Frau, die ihren Mann motivierte, die Steuern für die Bürger von Coventry (UK) zu senken. UM IHRER BITTE NACHDRUCK ZU VERLEIHEN, SOLL SIE NUR MIT IHREM LANGEN HAAR BEKLEIDET DURCH DIE STADT GERITTEN SEIN. MIT ERFOLG. DER GATTE SENKTE DIE STEUERN!



Foto: Saskia-Marjanna Schulz


In Prozessionen, Gemälden, Statuen, Liedern und Gedichten lebt LADY GODIVA bis in die Gegenwart. (23)

Ich denke, dass viele Hochbegabte  ähnliche Träume haben. Und ich hoffe darauf, dass sie wahr werden: Liebevolle Legenden. Dir danke ich dafür, dass Du uns immer wieder ermutigst unseren Weg zu gehen!

Ich umarme Dich,
Deine Lilli

PS Deine neue Homepage: http://www.icfl.de (24) à la bonne heure!

2 Downloads von Prof. Dr. Thomas Metzinger deutscher und englischer Sprache
3 Techniker Krankenkasse zur „Wertschätzung“
Siehe dazu auch: Einer Studie zufolge, die  „in 48 Ländern durchgeführt“ durchgeführt wurde,
geht es heute immer mehr um „sinnstiftende Werte“ – „weg vom Materialismus hin zum Idealismus“ http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/Die-Lust-auf-puren-Luxus-schwindet/story/12259778
4 a.a.O.
5 Gallup-Studie aus dem Jahr 2012 zitiert in ZEIT ONLINEhttp://www.zeit.de/karriere/beruf/2012-03/gallup-studie-mitarbeiterzufriedenheit
6 a.a.O.
7 Freiherr von Knigge, Adolph: Über den Umgang mit Menschen. Erstes Buch, 2. Kapitel, Ueber den Umgang mit sich selbst. 5. Ausgabe. Hannover: Hahn, 1878. Seite 67
8 Freiherr von Knigge, Adolph: Über den Umgang mit Menschen. Erstes Buch, 3. Kapitel, Von verschiedenen Temperamenten, Gemütsarten und Stimmungen des Geistes und Herzens. hg. von Karl Goedeke. 16. Ausgabe. Hannover: Hahn, 1878. Seite 108
9 Freiherr von Knigge, Adolph: Über den Umgang mit Menschen. Einleitung. hg. von Karl Goedeke. 16. Ausgabe. Hannover: Hahn, 1878. Seite 1
10 Freiherr von Knigge, Adolph: Über den Umgang mit Menschen. Erstes Buch, 1. Kapitel, Allgemeine Bemerkungen. hg. von Karl Goedeke. 16. Ausgabe. Hannover: Hahn, 1878. Seite 26
11 Freiherr von Knigge, Adolph: Über den Umgang mit Menschen. Zweites Buch, 1. Kapitel, Verschiedenheit des Alters. hg. von Karl Goedeke. 16. Ausgabe. Hannover: Hahn, 1878. Seite 121
12 Freiherr von Knigge, Adolph: Über den Umgang mit Menschen. Erstes Buch, 1. Kapitel, Über den Umgang mit sich selbst. hg. von Karl Goedeke. 16. Ausgabe. Hannover: Hahn, 1878. Seite 64
13 Freiherr von Knigge, Adolph: Über den Umgang mit Menschen. SPIEGEL ONLINE http://gutenberg.spiegel.de/buch/3524/1
14 Asfa-Wossen Asserate: Manieren
15 a.a.O.
16 a.a.O.
17 Süddeutsche.de: "Manieren sind Ausdruck einer inneren Haltung" http://www.sueddeutsche.de/karriere/etikette-manieren-sind-ausdruck-einer-inneren-haltung-1.601113
18 Asfa-Wossen Asserate: Manieren
19 Hildesheimer, Wolfgang: Lieblosen Legenden
21 a.a.O.
22 Siehe dazu z. B. BBC NEWS
23 LADY GODIVA - irish folk punk
24 Dr. Karin Rasmussen: Entfaltung im Blick: Intelligentes Coaching für Leistungsträger
25 Saskia-Marjanna Schulz http://yesbusinesscoach.blogspot.de/

Sonntag, 28. April 2013

Gottes Soldat und die Amazone

Liebe Karin,

BRAVO! Das ist ja ein spannender Vergleich: Der „Eiserne Kanzler“ und die „Eiserne Lady“. Bismarck als einer der politischen Hauptakteure des 19. Jahrhunderts in Preussen/Deutschland – Thatcher als eine ebensolche Figur im 20. Jahrhundert des Vereinigten Königreichs. 

Beide scheinen beseelt von ihrer Pflicht,  ihren Visionen und Herausforderungen gewesen zu sein: Die Vormachtstellung Preussens und die Einigung des Deutschen Reiches – hier. Das Leben als  „Retterin der britischen Wirtschaft“ (1) – dort.

Und was es sonst noch alles gewesen war, werden wir von den Historikern erfahren. Im Laufe der Zeit. Es wird weiterhin Interpretationen mit unterschiedlichen Pointierungen und Nuancen geben. Wir dürfen gespannt bleiben. Und sehen, wie unsere Fragen beantwortet werden.

Zweifellos: Beide Politiker waren „ganz normale Menschen“ – oder wie der Bischof von London, Richard Chartres, bei der Trauerfeier für Margaret Thatcher  sagte: „Die Verstorbene sei in der Kirche ‚eine von uns, mit dem gleichen Schicksal wie alle Menschen‘“. (2)

Aber was heisst das: ‚Eine von uns‘? „Mit dem gleichen Schicksal wie alle Menschen“? Zwei Menschen mit ganz normalen Bedürfnissen und Wünschen: Hunger, Durst, Schlaf – Liebe, Bewegung? Sicher. Aber eben auch noch einiges darüber hinaus. Denn bei ganz ‚normalen Menschen‘ kommt zumeist nicht die Queen zur Beerdigung, schweigt nicht der Big Ben – und ist die Gesellschaft nicht bis ins Mark gespalten.

Und bei Bismarck? Bei einem ganz normalen Menschen, greift kein Theodor Fontane der Zeitgeschichte zum Stift und dichtet:

„Nicht in Dom oder Fürstengruft,
er ruh' in Gottes freier Luft
draußen auf Berg und Halde,
noch besser, tief, tief im Walde
Widukind lädt ihn zu sich ein:

‚Ein Sachse war er, drum ist er mein,
im Sachsenwald soll er begraben sein.‘

Der Leib zerfällt, der Stein zerfällt,
aber der Sachsenwald, der hält,
und kommen nach dreitausend Jahren
Fremde hier des Weges gefahren
und sehen geborgen vorm Licht der Sonnen,
den Waldgrund in Efeu tief eingesponnen
und staunen der Schönheit und jauchzen froh,
so gebietet einer: ‚Lärm nicht so! -

Hier unten liegt Bismarck irgendwo.‘“ (3)

Und welcher Kaiser hätte je gesagt: „Es ist nicht leicht, unter einem solchen Reichskanzler Kaiser zu sein.“? Kaiser Wilhelm I. – und mit Reichskanzler war – selbstredend – Bismarck gemeint. (4)

Wie war Bismarck, dass es – im 19. Jahrhundert in einer autoritären Kultur – für einen Kaiser „nicht leicht“ war, mit ihm klar zu kommen?  Oder anders gesagt: Was machte Bismarck so stark? So grenzenlos? So selbstsicher?


Foto: Saskia-Marjanna Schulz

Auffallend ist des Schönhauseners Unbeirrbarkeit in der grossen Linie, seine Willensstärke im Grossen und Ganzen, auffallend ist sein Mut. Durch wen oder was wurde seine Grösse gespeist?  Durch sein Selbstbewusstsein. Aber auch dieses war an eine Quelle angeschlossen: Gott.

Wir alle kennen diesen Satz aus seiner Rede im Reichstag: „Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt!” (5) Das war für Bismarck  nicht immer so. Persönliche Briefe bezeugen: In der Jugend gab es Zeiten, in denen er sich innerlich leer fühlte und das Beten verlernt hatte. (6) Als er jedoch Johanna von Puttkammer heiratet - eine tief religiöse Protestantin - sagt Bismarck, er habe "den Glauben an einen persönlichen Gott, an ein Jenseits und an die christliche Heilslehre wieder gewonnen". (7)

Im Gespräch mit Gott und als „Gottes Soldat“ (8) zieht er dann in die Kriege. In die Kriege, die er gewinnt. Im Glauben an seine eigene Unverwundbarkeit?  Verwundbar scheint er in seiner Seele zu sein. Aber auch mit ihr ist er ins Reine gekommen: "Ohne mich hätte es drei große Kriege nicht gegeben, wären 80000 Menschen nicht umgekommen, und Eltern, Brüder, Schwestern, Witwen trauerten nicht. Das habe ich indes mit Gott abgemacht." (9)

Bismarck kämpfte  als Gottes Soldat für den König. Und gewann. Denn Gott persönlich war an seiner Seite – so seine Überzeugung. Bismarcks „Gott wird mit uns sein!“ (10) machte den „Eisernen Kanzler“  über weite Strecken unangreifbar machtvoll und erfolgreich. Altruistisch? Als ich sehr jung einmal in Friedrichsruh an seinem Schreibtisch stand, war ich von seiner Kraft, seiner Unermüdlichkeit und seinem Lebenswerk beeindruckt. Altruismus? Da müsste ich sehr viel tiefer graben.

Margaret Thatcher? Auch eine beeindruckende Lebensleistung – für die einen. Für viele ihrer Landsleute genau das Gegenteil. Ebenfalls ein Mensch, der die Menschen nicht unberührt liess.


Foto: Saskia-Marjanna Schulz

„Sie glaubte, gewissermaßen die Welt gerettet zu haben, und das spricht für große Egozentrik“, sagte ihr Biograph Charles Moore (11).  Ganz offensichtlich war sie von glühender Begeisterung für sich selbst, suchte „sehr“ das Abenteuer und „war erfüllt vom Bestreben, die Männerwelt zu erobern“. (12) In einer Zeit, in der andere Frauen gerade mal entdeckt hatten, dass sie (zumeist) nicht die gläserne Decke nach oben durchbrechen können – sagte Maggie Thatcher den Jungs den Kampf an. Und gewann.

Und das nicht nur auf dem frisch gebohnerten politischen Parkett in London, sondern auch noch ein paar Tausend Kilometer weiter entfernt im südlichen Atlantik: der Sieg auf den Falkland-Inseln sicherte auch ihr politisches Überleben auf der heimischen Insel. SelbstbewusstseinXXL mag zwar nicht immer zum Sieg führen, aber mit gewissen Methoden, Einstellungen und Verhaltensweisen im Portfolio war Thatcher zu dieser Zeit auf der richtigen Seite des Erfolgs.

Immer perfekt frisiert, schmuckreich gestylt und immer mit der legendären schwarzen Handtasche – wer hätte sich vorstellen können, dass Sie Schocks liebt? Biograph Moore:  „Sie liebte es, schockiert zu werden. (…) So angepasst sie nach außen hin auch wirkte, betrachtete sie das Ganze als ein gigantisches Abenteuer. Trotz ihrer ernsten Züge flirtete sie gern (…)“. (13)

Eine Amazone in 10 Downing Street.

Auch hier frage ich mich: Woher kam Ihr Selbstbewusstsein? Ihre Selbstsicherheit? In einer Zeit, in der die Frauen in Mitteleuropa anfingen, das Wort Emanzipation zu buchstabieren? Wir werden wohl darauf warten, was die Historiker im Laufe der Zeit ans Licht bringen. Einen ersten Hinweis habe ich bei ihrem Biographen entdecken können: Thatcher „liebte die King-James-Bibel“. (14) Ihr Vater war Politiker und Laienprediger. War die „Eiserne Lady“ – ähnlich wie Bismarck – im steten Gespräch mit Gott? Und bezog sie von dort ihre Kraft, ihren Mut und ihren Eigensinn?

Beides keine Menschen wie Du und ich – oder doch?

Mit ihrem eigenwilligen Leben haben Bismarck & Thatcher grosse Erfolge, Siege und Ansehen erreicht. Für Gott, die Krone – und naja auch für das Vaterland.


Foto: Saskia-Marjanna Schulz

So glänzend sie auch dastehen in der Welt – die andere Seite der Medaille ist zumeist weniger hochglanzpoliert.

Von Bismarcks „Hölle“ haben wir schon gelesen. Und von der Unfähigkeit zu erkennen, dass seine schmerzenden Wangen – er liess sich deshalb einen mächtigen Vollbart stehen – schreibt der Spiegel bereits 1950 (15) – „nur“ Zahnschmerzen waren: Bismarck hatte Angst zum Zahnarzt zu gehen. Wer kann das nicht nachvollziehen?

Ebenso wie die schlaflosen Nächte. Weil er sich hat übermannen lassen von einem abgrundtiefen Hass: auf wirkliche und eingebildete Feinde. Ja, einen guten Coach an seiner Seite hätte er wirklich brauchen können. Und natürlich auch einen fähigen Zahnarzt.

Und Margaret Thatcher? Sie machte fast alles mit ihrem Willen: "Man muss mit einem eisernen Willen daran gehen, diese Schwierigkeiten zu überwinden." (16) Aber nicht nur: „Ja, sie war auch sehr nachdenklich. (…) Sie hatte außerdem die Einstellung, immer nach vorn zu schauen. (…) Sie wollte keine Schwachstellen zeigen.“ (17) Aber: wer will das schon?

Also: Ja, Karin! Beide – Bismarck und Thatcher – sind aus ähnlichem Holz geschnitzt. Wie wahrscheinlich auch noch andere Ausnahmepersönlichkeiten, die in der Politik zu Hause sind.

Politiker wissen, dass sie anders ticken als normale Menschen. Es gibt da eine „Betriebsanleitung“, die sicher jeder Mensch im Politikbetrieb vom ersten Tag an gelernt hat: "Die Politik bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmass zugleich." (18) Ein starkes langsames Bohren. Disziplin. Von harten Brettern. Fleiss. Fleiss. Fleiss. Mit Leidenschaft und Augenmass. Begeisterung. Planung. Bescheidenheit.


Foto: Saskia-Marjanna Schulz

Der Klassiker aus Max Webers Werk „Politik als Beruf“.

Du fragst: „Brauchten sie keine „Hilfe“? Probleme, Leid und Schmerz hatten sie doch auch? Oder hatten sie ganz selbstverständlich immer Helfer um sich, die ihnen die Kraft und auch mal den entscheidenden Rat zur Überwindung ihrer schweren Stunden geben konnten?“

Früher – und damit meine ich vor allem Bismarck – waren die Politiker zumeist beratungsresistent. Wenn sie je einen anderen Menschen in ihre Nähe gelassen haben, dann musste dies eine sehr grosse Persönlichkeit sein. Wie etwa Friedrich II. – der alte Fritz – der Voltaire in seinem Schloss willkommen hiess, ihn goutierte. Aber ihn dann - seiner überdrüssig - nach Hause schickte.

Wer hätte Bismarck das Wasser reichen können? Wenn selbst ein Kaiser – auch wenn es im Spass gemeint sein sollte – sich ihm unterlegen fühlte? Bismarck vertraute seiner Frau. Und von ihr konnte er auch einen Rat annehmen. Der Arzt Ernst Schweninger konnte seine Gesundheit positiv beeinflussen.

Auch wenn es auf den ersten Blick anders wirkt, Bismarck liebte die Stille. Und er gönnte sich Spaziergänge. Und nicht nur die. Manchmal kehrte er Berlin wochenlang den Rücken, um in die Stille zu gehen. Nach Hause. In die Familie. In die Wälder. Heute einfach unvorstellbar.

Auch Maggie Thatcher muss ihre Mussezeiten geliebt haben. Es ist bekannt, dass sie die Romantik liebte. Gedichte, die sie auswendig kannte. In der Kirche musste sie nicht ins Gesangbuch schauen – sie kannte die Texte auswendig. Irgendwann muss sie auswendig gelernt haben.

An die Stille denke ich in diesen Wochen recht oft. Und an Menschen, die immer mehr die Ruhe suchen – und finden. Schön, dass Dich ebenfalls solche Gedanken erreichen.

Zurück zum Politikbetrieb: Ich habe die Erfahrung gemacht, mit dem „Eisern sein“  gegen Krankheit, Leid und Schmerzen kann es ähnlich sein wie beim Laufen. Irgendwann hat man den Punkt überwunden, an dem die Beine weh tun – man läuft dann einfach weiter: Marathon.


Foto: Saskia-Marjanna Schulz

Die Light-Version der beiden Politiker Bismarck und Thatcher habe ich in meinem nächsten Umfeld erlebt: Ich war dabei als eine Abgeordnete nach über 30 Stunden Arbeit vors Mikrofon trat – und während ihrer Rede schliesslich zusammenbrach. Auch das ist, wie wir wissen, heute keine Seltenheit mehr. Im Gegenteil: Wir wissen, wie rasant Burnout-Erkrankungen zunehmen.

Jahre später war ich (fast) täglich in Bundestagsbüros, im Politischen Presseclub und in Ministerien. Als wir einmal an einer Rede arbeiteten und ich erst um vier morgens das Bundestagsbüro verliess, war ich nicht erstaunt, dass in anderen Büros noch ernsthaft gearbeitet wurde – und in wieder anderen Büros die Arbeit schon begonnen hatte. Es gab kein Zeitgefühl. Gab es ein Schmerzgefühl? Ich erinnere mich nicht daran.

Ob diese Menschen gelitten haben? Ich weiss es nicht. Wir haben nie darüber gesprochen. Ich habe es nie erlebt. Richtig gelitten haben sie allerdings, wenn sie nicht arbeiten durften. Es wäre allerdings zu kurz gegriffen, wenn ich sagen würde: Workaholiker.

Sie verstanden ihre Visionen als Herausforderung, als Ziel, das sie unbeirrt erreichen wollten. Sie mussten nicht. Sie wollten. Sie kämpften für eine – in ihren Augen – bessere Welt: Chancengerechtigkeit, Bildung, Umwelt.

Es ist wie Du sagst: „Ich glaube, das ist nicht nur für Hochbegabte typisch. Diejenigen, die auf Pflicht, Verantwortung und Leistung orientiert sind, nehmen auch Schwierigkeiten auf sich.“

Und da sie in ihrem Leben erlebt hatten, dass sie kleine Probleme spielend lösen konnten, wagten sie sich an immer grössere Themen und Herausforderungen. Gedankliche Quantensprünge – das war ihr Leben. Gleichwohl blieb immer noch (ein wenig) Zeit für Freunde, Theater, Reisen – tauchen, wandern, Marmelade einkochen. Nicht immer ein glückliches – aber ein erfülltes Leben.

Erfüllung. Das ist mehr als sich die meisten anderen Menschen, die ich kenne,  erlauben.

Ich danke Dir für den Gedanken des Klagens: „Lassen wir doch unsere Coachees einfach mal klagen! Sie brauchen das, denn auch sie leiden, nicht nur in ihrer Einbildung.“ Ich denke auch, dass es wichtig ist, erst einmal zuzuhören. Einfach reden lassen und zuhören. Aufmerksam sein. Und schauen, wann es möglich ist, selbst zu reden. Geduld haben.

Einfach reden lassen und zuhören – das habe ich auch jetzt auf meiner Auslandsreise erlebt. Dort habe ich besondere Menschen getroffen. Und die Gespräche mit ihnen durchwandern noch immer meinen Geist. Mit zwei Wissenschaftlern teilten wir die Mahlzeiten. Einer von ihnen ist Literaturprofessor – Lessing, Goethe, Schiller – Tolstoi und Dostojewski. Ich hatte viele Fragen – und bekam Antworten. Beim Abschied gab es eine Bitte an mich. Noch während er geheimnisvoll sprach, fragte ich mich: Welche BITTE? Literatur?! Ein Leckerbissen? Ein Fundstück? Ein Geheimnis?

Er sah meine Fragen in den Augen und wiederholte: Er habe eine Bitte an mich. Na, das muss ja wohl etwas ganz besonderes sein! Mein Goethe-Herz frohlockte … „Meine Bitte: Beten Sie.“ (Wie bitte? Beten? Beten? Beten?) Er wiederholte: „Meine Bitte: Beten Sie für alle verzweifelten Menschen.“


Foto: Saskia-Marjanna Schulz

Liebe Karin, ich bin sicher, dass Du wieder ein atemberaubendes Mensa-Wochenende - Jahrestreffen in Münster – gehabt hast. Ich freue mich schon jetzt auf Deinen Bericht. Und ich wünsche Dir hinreissende Tänzer beim TANZ IN DEN MAI!

Alles Liebe,
sei umarmt,
Deine Lilli

  
1 Margaret Thatcher
2 Trauerfeier für Margaret Thatcher: Letzter Gruß von Enkelin Amanda
3 Der Spiegel 1950: Auch ein verlorener Sohn
4 a.a.O.
5 „Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt!”: Bismarck spricht zum Reichstag (6. Februar 1888)
6 Der Spiegel 1950: Auch ein verlorener Sohn
7 a.a.O.
8 a.a.O.
9 a.a.O.
10 „Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt!”: Bismarck spricht zum Reichstag (6. Februar 1888)
12 a.a.O.
13 a.a.O.
14 a.a.O.
15 Der Spiegel 1950: Auch ein verlorener Sohn
16 Krieg um die Falklands: Thatchers wichtigste Schlacht
17 FAZ
18 Weber, Max: Politik als Beruf. München und Leipzig: Duncker & Humblot, 1919, S. 66