Fotos: Dr. Karin Rasmussen, Saskia-Marjanna Schulz, Alexandra Gräfin Dohna

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Sonntag, 3. März 2013

Wie meine Freundin mit Freude der Problem-Falle entkommen ist


Liebe Lilli,

herzlichen Dank für Deine vielen schönen Anregungen, die wunderbaren Bilder von Saskia-Marjanna Schulz und die Verweise auf interessante Studien! 

Ich hoffe sehr, dass unsere LeserInnen sich einige davon näher anschauen und sich dadurch auch inspiriert fühlen (und nicht einfach nur meinen, wir wollten durch diese umfangreichen Quellennachweise dubiosen Plagiatsvorwürfen entgehen).

Aber: ich bin vorläufig noch nicht fertig mit dem Thema mehr Pflicht als Neigung und wie Hochbegabte damit um gehen?

Es ist ja auch keine Thema, mit dem man fertig werden muss – aber weiterkommen würde ich damit schon gerne, auch im Interesse unserer Gesprächspartner.

Ich erlebe nämlich häufig, dass Gespräche mit Hochbegabten sehr schnell zu Problem-Diskussionen werden. Ja, es scheint sogar erwünscht zu sein und als besonders sinnvoll angesehen zu werden, aus jedem Gespräche eine tiefgründige Diskussion über die Probleme unserer Welt zu machen. Und besonders beliebt sind scheinbar Gespräche über die eigenen oder die Probleme des Gesprächspartners. Da kann man dann so richtig seine intellektuellen Fähigkeiten glänzen lassen: Problemanalyse, Lösungskompetenz, vermeintlich umfassendes Wissen – wovon das Gegenüber natürlich auch entsprechend aufweisen kann – und dann noch die „gute Tat“: Helfer sein!

Komisch nur, dass all die fantastischen Analysen und Lösungsvorschläge so häufig mit „Ja, aber…“ beantwortet werden! Will der/die nicht geholfen kriegen??? Hat der/die überhaupt die neuesten Studien, Bücher oder Artikel zum Thema gelesen? Oder das super-zutreffende Comedy-Video gesehen? Den „Pabst“ (also die anerkannteste Autorität zum Thema) gehört?

Häufig wird aus solchen Gesprächen ein regelrechter Wettbewerb darüber, wer mehr weiß und deshalb mehr Recht hat. Und in der Regel geht dieser Wettbewerb unentschieden aus – wobei sich jeder als Sieger fühlen kann, weil der/die andere ja nicht mal … xyz … wusste, also nicht ganz so intelligent sein kann, wie man selber. Natürlich denkt man das nur! Es auszusprechen würde ja auch nichts bringen.

Du beschreibst sehr schön, wie wir durch das Überangebot an Informationen einerseits überfordert und gestresst werden, andererseits aber sehr gut Bescheid wissen: wir lesen „…die Newsletter von einem halben Dutzend Medien, haben nebenher n-tv oder N24 eingeschaltet – manchmal auf einem weiteren TV-Gerät auch noch BBC oder CNN. Und wir lassen uns die BREAKING NEWS per SMS schicken, ... kennen stets die aktuellen Börsendaten und behalten den Überblick, wer wo im Sport soeben gewonnen hat … Wir sind Weltbürger und wissen Bescheid.“

Nun ja, Fernsehen ist bei vielen Hochbegabten eher out, sogar ziemlich verpönt. Und gedruckte Zeitungen werden auch weniger gelesen, online erfährt man ohnehin immer das Wichtigste. Und dort findet man auch am ehesten das Besondere – die Quellen für das, was mich interessiert, scheinen unerschöpflich.
Für Neugier gibt es also ausreichend Futter. Wir haben gar nicht genug Zeit, alles zu nutzen. Ständig haben wir das Gefühl, ganz Entscheidendes zu verpassen. Und schon ist der Stress wieder da: Noch mehr, noch schneller, noch aktueller, tiefer, breiter informiert zu sein – das ist einfach nicht machbar! Wir stoßen an unsere Grenzen. Und haben endlich wieder ein Problem, über das zu diskutieren lohnt. Und über das jeder mitreden kann. Und will.

Ketzerisch ausgedrückt: Problemlöser brauchen Probleme, und die kriegen sie, egal wie!!!

Diese Falle stellen wir uns immer wieder selbst: Klagen, stöhnen, jammern – und als Begründung Probleme vor uns selbst und vor anderen ausbreiten.




Foto 1 Probleme finden sich überall und immer
Foto: DR. KARIN RASMUSSEN

Dabei wird unsere Neugier schnell zur Versuchung: Müssen/Wollen wir vielleicht aus Neugier Probleme wälzen? Sind wir - wie Du schreibst – „zunehmend zu Bildungspolitikern geworden (ganz zu schweigen von ADHS-ADS-Gelehrten), für unsere Gross-/Eltern immer öfter zu Gesundheitsexperten“ – aus Neugier? Managen wir unsere Love Story, unsere Karriere, unseren täglichen Lebensablauf, unsere Hobbys, unseren Urlaub – um unsere Problemlösungskompetenz unter Beweis zu stellen?
Um zu zeigen, was wir „drauf haben“?
Sind wir wirklich zu all dem gezwungen?
MÜSSEN wir all das tatsächlich tun und sein?

Oder tun wir das alles einfach nur, weil es eben geht? Weil es für all diese Aufgaben und Themen immer bessere Möglichkeiten gibt, sich zu informieren, mitzureden, sich einzumischen?

Und weil wir einen „entgangenen Vorteil“ befürchten, wenn wir es nicht tun? Besonders bei den Eltern hochbegabter Kinder kann man diesen Eindruck leicht gewinnen: sie wollen für ihre Kinder die bestmöglichen Entwicklungschancen und fühlen sich schuldig, wenn sie diese nicht wahrnehmen können.

Wir könnten täglich so viele Dinge tun – und könnten damit so viel erreichen, wenn …
… wir genau wüssten,
was es bringt
ob es sich lohnt
ob wir es schaffen
ob wir nicht etwas „Besseres“ verpassen!

Mir gefällt sehr, wie Stefan Frädrich (1) zum rechtzeitigen Scheitern auffordert! Für mich verbirgt sich dahinter die bewusste Entscheidung, sich mit bestimmten Problemen NICHT zu befassen, auch wenn es möglich wäre. Bewusst auf das Wissen und Können von Spezialisten zu vertrauen, auch wenn ich mir selbst mehr Wissen aneignen könnte (und ihnen dann Paroli bieten dürfte?). Der Aufwand, den ich treiben müsste, um immer und überall gut zu sein und  ernsthaft mitreden zu können, wäre viel zu hoch. Ganz abgesehen davon, ob es mir Vergnügen bereiten würde, ob ich damit glücklicher wäre. Und auch abgesehen davon, ob ich oder irgendjemand es brauchen könnte. Wunderbar, wie er den Begriff der „Opportunitätskosten“ (2) (gemeint ist der fiktive Verlust durch ungenutzte Chancen) auf ganz alltägliche Entscheidungen überträgt.

Ich wünsche mir für unsere hochbegabten Coachees manchmal ein früheres Scheitern bzw. rechtzeitige, also frühe Probleme. Sie würden dann nicht so häufig dem Irrtum unterliegen, dass sie etwas leicht und schnell Gelerntes nun auch „können“. Sie würden nicht hoffen, damit Erfolg zu haben. Und sie würden früher aufhören mit Bemühungen, die sie nicht weiter bringen. Durch rechtzeitiges Scheitern hätten sie die Chance zum Umdenken auf die Frage: Was hat mir besonders lange und viel Spaß gemacht weil es nachhaltig Erfolg brachte?

Und dann könnten sie den für ihre Persönlichkeit so wichtigen sozialen Aspekt dieses Erfolges kritisch analysieren:

Bestand dieser Erfolg aus einem kontinuierlichen Prozess von
  • Zuwendung, anschließender Akzeptanz,  darauf beruhender Anerkennung, wachsendem Respekt, damit verbundener partnerschaftlicher Kooperation, motivierender Forderung nach mehr, angemessener finanzieller Vergütung und zusätzlicher Förderung


oder aber
  • folgte auf Zuwendung herablassende Akzeptanz (von Dir habe ich nichts anderes erwartet), anmaßende Forderung nach mehr (für Dich ist das keine Mühe), emotionale Erpressung (ich denke Du bist hochbegabt?)  am Ende die institutionalisierte Ausbeutung (wozu bist Du denn hochbegabt?)

Wenn der Erfolg gar kein echter Erfolg gewesen ist, sondern eher ihr Selbstbewusstsein beschädigt hat, dann lohnt sich keine weitere Mühe. Dann ist es auch nicht mehr sinnvoll, durch Anstrengung und Durchhalten doch noch beweisen zu wollen, dass die Hochbegabung zu beinahe allem befähigt. Oder sogar den anderen Vorwürfe wegen ihrer Ignoranz zu machen. Sie der Intoleranz oder der Gemeinheit zu bezichtigen. Das alles kostet Energie, schafft neue Probleme und macht nicht erfolgreicher. Denn trotz Hochbegabung hat jede Persönlichkeit ja ihre individuellen Interessen und Stärken, auf die man bauen kann und die sich zu entwickeln lohnt – und manche Schwäche! Aber um die eigenen Stärken zu erkennen, nützt der permanente Wettbewerb mit allen und jedem herzlich wenig!

Dafür ist es viel sinnvoller, wie schon Dein Psychologie-Kollege (und nicht nur der!) gefordert hat, immer wieder „Frei-Stunden und freie Tage einzulegen. Um in die Stille zu gehen. Um wieder zu uns selbst zu kommen.“ Also sich selbst loszulassen, sich die Freiheit zu nehmen für Spaß und Freude, sich etwas Gutes zu tun – einfach weil es gut tut!




Foto 2 Stille-Mitten in Berlin
Foto: DR. KARIN RASMUSSEN

Ich habe da ein paar tolle Vorbilder, wie meine Freundinnen der Problemfalle entkommen. Sie tun was Spaß macht, wann immer es geht. Auch wenn sie statt dessen gerade etwas viel Wichtigeres/Sinnvolleres tun könnten! Eine von ihnen war Silvester mit mir unterwegs – eigentlich schon Neujahr, ein Sektglas in der Hand, den Beutel mit den Stiefeln in der anderen (zum „vernünftigen“ Umziehen waren wir zu faul) im Berliner Untergrund zwischen U-und S-Bahn inmitten eines Stromes fröhlich feiernder Massen. Und plötzlich: ein Urschrei! Das pure Glück schrie aus dieser erfolgreichen Führungskraft, Mutter erwachsener Kinder und gerade wieder Fernstudentin. Worüber sie so glücklich war, dass sie einfach schreien musste? Nun, sie war in Berlin! Silvester! Die größte Party in Deutschland! Mitten drin – ihr Schrei übertönte den allgemeinen Lärm nur für wenige Sekunden, dann wurde er beantwortet! Wie mir schien: Tausendfach. Sie war nicht allein. Es gab viele, die genau in diesem Augenblick genau das Gleiche fühlten wie sie. Und es war ganz unwichtig, wer sie war, was sie wusste, wie sie aussah. Grandios!

So ähnlich habe ich mich auf dem Dach des Mailänder Doms gefühlt: Neben der stillen Freude am Schönen hat mich eine tiefe Dankbarkeit für das Können der vielen Meister erfüllt, die uns solche grandiosen Schätze schaffen und erhalten. Ich war ergriffen vom Glück.

Eine andere Freundin ist begeisterte Ballettliebhaberin. Sie ist weder jung noch hat sie die Voraussetzungen zur professionellen Tänzerin je gehabt, eher im Gegenteil. Aber sie liebt das Ballett. Und weil sie beruflich verantwortlich ist, sich um die kulturellen Belange einer mittelgroßen Stadt in Mitteldeutschland zu kümmern, hat sie natürlich auch hier mit Tänzern, Choreografen, Intendanten usw. zu tun. Ganz begeistert erzählte sie mir kürzlich, dass sie zu einer Ballettprobe eingeladen war und mittanzen durfte. Sie war Gast, sie wird nicht auf der Bühne stehen, die Tänzer sind ihr haushoch überlegen – aber sie hat mit ihnen gemeinsam getanzt und war glücklich! Und das besonders Schöne: die Künstler fühlten sich respektiert und anerkannt, weil mal ein „Funktionär“ sich von ihrer schweren Probenarbeit einen ganz persönlichen Eindruck verschafft hatte! Meine Freundin war so glücklich, dass sie mich gleich anrufen und davon berichten musste. Natürlich wusste sie um ihre tänzerische Unvollkommenheit – sie konnte gemeinsam mit den Künstlern darüber lachen. Aber es war ein Lachen ohne Häme über sich selbst, über eigenes Scheitern, in dem schon der nächste Erfolg steckt.




Foto 3 Freude am Schönen
Foto: DR. KARIN RASMUSSEN

Liebe Lilli, ich bin Dir so dankbar für Deinen Hinweis auf die Forschung von Willibald Ruch und seinen Kollegen (3)! „Wer Neugier, Dankbarkeit, Optimismus, Humor und Enthusiasmus, Kreativität, Sinn für das Schöne, Freundlichkeit, Liebe zum Lernen und Weitsicht regelmäßig übt, steigert sein geistiges Wohlbefinden.“ Toll! Super! Endlich mal ein Programm was nicht nach Problemen, sondern nach Spaß und Freude klingt! Und die Forscher konnten auch nachweisen, dass „vor allem jene Personen profitierten, die im Verlauf der Trainingszeit sowohl ihre Handlungen und Gefühle besser steuern lernten, als auch mehr Enthusiasmus entwickelt hatten.“ Auch Hochbegabte dürfen und sollten zuerst sich selbst verpflichtet sein.

Der Volksmund sagt „Jeder ist seines Glückes Schmied“ und meint: Bring für Dein eigenes Glück selbst die größte Mühe auf, tu für Dich selbst auch das Schwierige. Der „Schmied“ hat also einen schweren Beruf, der macht auch mal müde. Also hast Du die Pausen verdient und die Glücksmomente! Aber auch die musst Du Dir selbst „organisieren“! Du kannst nicht erwarten, dass die Gesellschaft, Dein Chef, die Kollegen, die Familie oder Deine Freunde Dir dieses Glück gefälligst liefern.

Du musst Dich selbst aufwecken, statt wie viele Hochbegabte es leider tun, als „Dornröschen“ 100 Jahre zu warten und zu träumen, dass ein schöner Prinz kommt und Dich wachküsst. (4)  Dann wirst Du sehen: Auch Du kannst wie Goethes Iphigenie über Dich hinauswachsen. Erst nach schweren Kämpfen und Katharsis wächst sie, die einst dem Tod geweiht war,  zu ihrer wahren Größe. Du selbst musst wahrscheinlich gar nicht so dramatische Leiden ertragen und Gefahren überstehen wie Iphigenie. Du wirst vielleicht nie einem anderen das Leben retten müssen. Aber für Deine eigene Rettung kannst und musst  Du etwas tun: Deine besten Eigenschaften erkennen und stärken.

Soweit der Volksmund. Und nun liefert auch noch die Wissenschaft den Beweis, dass das geht.

Liebe Lilli, Dein sympathischer Vorschlag, das Lachen zu steigern kann noch ergänzt werden – denn Hochbegabte können ja auch komplex vorgehen: Wenn sie sich z.B. zunächst nach dem Vorbild der Schweizer Wissenschaftler ein Stärken-Profil erstellen:

Wie stark bin ich auf einer Skala von 1-10 in folgenden Eigenschaften
(1 = ganz schwach, 10 = ganz stark)



·         Neugier
·         Dankbarkeit
·         Optimismus
·         Humor
·         Enthusiasmus
·         Kreativität
·         Sinn für das Schöne
·         Freundlichkeit
·         Liebe zum Lernen
·         Weitsicht


Das ist gar nicht so schwierig, denn hier geht es ja nicht um Leistungsbeurteilung und nicht um Fähigkeiten oder Kenntnisse – sondern um ganz normale menschliche Eigenschaften.

Zu diesen Fragen können sie dann auch noch Freunde, Kollegen, Verwandte in einem entspannten Augenblick um Antwort bitten. Sie werden sich vielleicht nicht über jede Antwort freuen können – aber sie werden Chancen erkennen!
Und dann ein Trainingsprogramm aufstellen, mit dem sie jeden Tag ein bisschen glücklicher und stärker werden können. Dann wird die Freude riesengroß – immer mal wieder.




Foto 4 Land in Sicht
Foto: DR. KARIN RASMUSSEN (5)

Liebe Lillii, jetzt ist die Faschingszeit vorbei und Ostern steht uns bevor – und es wird Frühling! Bei uns scheint schon gelegentlich die Sonne durch das ewige Berliner Grau. Das macht alles gleich viel fröhlicher.
Ich wünsche Dir für jeden Tag mindestens einen Augenblick der Stille und eine gute Nachricht – damit Dir der Frohsinn erhalten bleibt.
Sei umarmt

Deine Karin

5 DR. KARIN RASMUSSEN http://www.icfl.de/HomePage

Sonntag, 17. Februar 2013

Ein Quantum Frohsinn


Liebe Karin,

ausgezeichnet! Exzellent! Du hast es mal wieder bemerkenswert auf den Punkt gebracht: Wir Menschen stehen immer wieder zwischen Pflicht und Neigung. Und nicht nur das: Wir stehen immer mehr und immer öfter in der Pflicht. 

Unser Leben wird zunehmend differenzierter. Uns reicht es nicht mehr zu wissen, was in unserer Gemeinde los ist, in unserem Bundesland und in der gesamten Republik. Wir wollen heutzutage auch informiert sein, was in unseren Nachbarländern vor sich geht, in Europa. In der Welt.

Mehr Pflicht als Neigung?

Es gab mal eine Zeit, in der wir täglich eine Zeitung gelesen und die Tagesschau gesehen haben. Heutzutage lesen nicht nur Hochbegabte – im Internet – die Newsletter von einem halben Dutzend Medien, haben nebenher n-tv oder N24 eingeschaltet – manchmal auf einem weiteren TV-Gerät auch noch BBC oder CNN. Und wir lassen uns die BREAKING NEWS per SMS schicken.

Wir wollen Bescheid wissen. Und wir wissen Bescheid. Wir kennen die News dieser Welt zumeist besser als unsere Grosseltern. Wir wissen, wer wo gerade welche Politik macht, kennen stets die aktuellen Börsendaten und behalten den Überblick, wer wo im Sport soeben gewonnen hat.

Geistig locker aufgearbeitet, verfolgen wir sodann mühelos die einschlägigen Talkshows zu fast allen Themen dieser Welt. Manche von uns auch noch gleich in drei bis fünf Sprachen und Kulturen. Wir sind Weltbürger und wissen Bescheid. Bravo! Bravo?

Nicht selten haben wir darüber vergessen, was in uns selbst vor sich geht. Wie es um uns steht. Um unseren Körper. Unsere Seele. Unser Leben. Wie eine soeben veröffentlichte Studie zeigt, hat unsere Belastung in den letzten zwei Jahren erkennbar zugenommen. Und so wundern wir uns nicht, dass es heisst: Fast die Hälfte der Deutschen klagt einer Umfrage zufolge über wachsenden Stress am Arbeitsplatz. Jeder Vierte verzichtet sogar auf Pausen.“ (1).

Mehr Pflicht als Neigung.
Wie gehen Hochbegabte damit um?

Auch die Belastungen im Privatleben nehmen zu und differenzieren sich immer weiter. Um unsere Kinder angemessen begleiten zu können, sind wir zunehmend zu Bildungspolitikern geworden (ganz zu schweigen von ADHS-ADS-Gelehrten), für unsere Grosseltern werden wir immer öfter zu Gesundheitsexperten und für unser eigenes Leben? Wir managen unsere Love Story, unsere Karriere, unseren täglichen Lebensablauf, unsere Hobbys, unseren Urlaub.

Aber auch das Gegenteil ist der Fall. Wir fühlen uns mit all diesen Anforderungen überfordert, verlieren den Durchblick und Überblick. Und werden schliesslich bewegungslos, wenn wir vergessen haben, rechtzeitig die Handbremse zu ziehen.
Entschleunigung ist zunehmend zum Modewort geworden.  SPIEGEL ONLINE spricht von „Entschleunigung: Der Trend zu weniger Tempo“ (2), ZEIT ONLINE schreibt über die „Einladung zur Langsamkeit“ (3) und das ERSTE DEUTSCHE FERNSEHEN (ARD) hat zum Thema in diesem Monat eine eigene Sendung aufgelegt: „Planet Wissen: Entschleunigung für Anfänger!“ (4).

Pflicht und Neigung. Entschleunigung als Verpflichtung? Und wie geht es weiter?

Warum können – wollen – wir uns nicht mehr Freizeit, Auszeit, Sabbatical erlauben? Oder den Eintritt in eine andere Zeitqualität, wie es uns Benedictus PP. XVI gerade vorgemacht hat?

Ich erinnere mich an einen ehemaligen Instituts-Kollegen – Psychologe – der uns immer wieder motivierte, Frei-Stunden und freie Tage einzulegen. Um in die Stille zu gehen. Um wieder zu uns selbst zu kommen. Um locker zu bleiben für die Anforderungen, die noch vor uns stehen. Denn Herausforderungen können wir nicht nur am Schreibtisch bestehen. Die deutsche Lyrikerin Else Pannek sagte einmal: „In die Stille zu horchen, lässt Antworten finden.“

Ich habe das erst noch lernen dürfen. Aber inzwischen habe ich auch die Erfahrung gemacht: Wenn wir eine Lösung finden wollen. Wenn wir dauerberieselt sind. Wenn wir gefangen sind im inneren und äusseren Lärm. Dann hilft ein Schritt in die Freiheit. In die Stille (5).



Foto: Saskia-Marjanna Schulz

In der Stille können wir auch leichter einen neuen Blick werfen auf Pflicht und Neigung. Wir können uns anregen, weit über den Tellerrand hinaus zu blicken. Bis ins 18. Jahrhundert. Nebenbei einem Staatsminister des Herzogtums Sachsen-Weimar ein wenig über die Schultern schauen. Wir sehen: Der Minister liebt es, sich in seiner Freizeit der Dichtkunst hinzugeben. Und so werden wir Augenzeuge, wie er gerade seine Heldin formt: Iphigenie (6).

Kein wirklich neuer Stoff, der ihm da eingefallen ist. Daran haben sich schon andere Denker versucht – Euripides zum Beispiel. Doch was unser Staatsdiener hier in dieses leicht verstaubte Drama einwebt - ist wirklich neu: das klassische Humanitätsideal. Und so lässt der „Feierabend-Dichter“ Iphigenie über sich hinauswachsen. Nach überstandenem Leid, inneren Kämpfen und Katharsis wächst die einst Todgeweihte zu ihrer wahren Grösse:  Iphigenie rettet das Leben ihrer Lieben wie ihr eigenes Leben.

Und mit Menschlichkeit, Anstand und Würde macht sie (!) sich (!) selbst (!) den Weg frei. Kein Deus ex machina („Gott aus der/einer Maschine“) muss gerufen werden. Mit der Macht ihrer Einstellung und Haltung hat sie die Kraft die Situation angemessen zum Guten zu wenden. Es gelingt ihr, Pflicht und Neigung in Harmonie zu bringen. Und dem Minister – Goethe – Du weisst es längst – gelingt hier ein Meisterwerk.



 Foto: Saskia-Marjanna Schulz

Dass es in der realen Welt nicht immer möglich scheint, das Leben noch zum Guten zu wenden, erfahren nicht nur wir beide als Coach Tag für Tag. Und auch: Dass eine Wendung zum Besseren öfter möglich ist als zunächst gedacht.

Für Deinen „Trick“ – wie Du es nennst – bin ich Dir sehr dankbar – ebenso wie für diese Zeilen: „Bei meinen Coachees wird deshalb gelegentlich ein Trick wirksam: Sie finden sich „meistens“ gut! Du kennst das sicher. Hier soll durch ein ÜBERWIEGEND positiv klingendes Selbstbild gleich auch der Selbstzweifel minimiert werden. Damit wollen sie den Eindruck einer soliden Selbstsicherheit, der prinzipiellen Selbstannahme und des stabilen Selbstvertrauens erwecken.“

Wie hilfreich das ist, sich selbst gut zu finden, zeigt auch eine Studie über die „Bild der Wissenschaft“  am 15.06.2012 berichtet: „Studie belegt: Wer sich in positiven Lebenseinstellungen übt, steigert seine Lebensqualität“ (7) Und weiter: „Wer demnach positive Lebenseinstellungen wie Neugier, Dankbarkeit, Optimismus, Humor und Enthusiasmus regelmäßig übt, steigert sein geistiges Wohlbefinden, berichten die Psychologen um Willibald Ruch von der Universität Zürich.“

Viele Untersuchungen haben bereits gezeigt, dass eine positive Haltung mit psychischem Wohlergehen in Verbindung steht. Jedoch: „Dass sie sich aber ursächlich auf die Lebenszufriedenheit auswirken und dass ihr Training eine Steigerung des Wohlbefindens zur Folge hat, haben Willibald Ruch und seine Kollegen nun erstmals wissenschaftlich nachgewiesen.“ (8)

Mit anderen Worten: Wenn wir uns auf bestimmte Themen und deren Inhalte konzentrieren, steigern wir unser Wohlbefinden! Neugier, Dankbarkeit und Humor stehen dabei ganz oben auf der Hitliste. Wie gut, dass wir unser Schicksal – auch – selbst bestimmen können. Was können wir nicht alles erreichen, wenn wir uns täglich ein wenig darin üben?

Wie wäre es denn, wenn wir mit LACHEN beginnen würden? In Köln geboren ist mir der Humor mit in die Wiege gelegt worden. Und das Lachen ist für mich so selbstverständlich wie das Zähneputzen. Und ebenfalls sehr gesund:

  • Lachen kann Stress abbauen.
  • Lachen entspannt.
  • Lachen soll Glückshormone freisetzen. (9)


Die Süddeutsche.de schreibt: „Eine Dosis Lachen, bitte: Ärzte in den USA haben herausgefunden, dass Lachen gegen Herz- und Gefäßkrankheiten helfen kann. Ein lustiger Film am Tag genügt.“ (10)

Das ist nicht wirklich neu. Schon Aristoteles (384 - 322 v. Chr.) wusste: „Lachen ist eine körperliche Übung von großem Wert für die Gesundheit.“


Foto: Saskia-Marjanna Schulz (11)

Auf denn! Gönnen wir uns täglich unser Quantum Frohsinn.

Mein Schneemann und ich grüssen Dich mit einem lachenden Herzen.
Deine Lilli


3 Einladung zur Langsamkeit
4 Planet Wissen: Entschleunigung für Anfänger!
5 Hier können wir Anregungen finden:
Die grosse Stille
Israel "IZ" Kamakawiwoʻole: Somewhere over the Rainbow
JOSEPH VON EICHENDORFF: Die Stille
6 Iphigenie auf Tauris von Johann Wolfgang von Goethe
Projekt Gutenberg
7 Polierte Einstellungen lassen das Leben glänzen
8 a.a.O.
9 Vgl. dazu: Darum ist Lachen so gesund
10 Lachen als Therapie
11 Saskia-Marjanna Schulz http://yesbusinesscoach.blogspot.de/

Sonntag, 3. Februar 2013

Du bist gut – so wie Du bist!

Liebe Lilli,
danke, dass Du nach unserer „Feiertagspause“ so pünktlich, zuverlässig und herzlich wieder eine spannende Antwort für mich hast! 

Ich muss gestehen, die Pause hat mir gut getan – Dir hoffentlich auch? Ich hatte über den Jahreswechsel so viele unterschiedliche Eindrücke und Anregungen, dass ich erst mal sortieren musste: Was ist gut und hilft weiter, was ist eine zu lösende Aufgabe, was stört, wer braucht was und worauf kann verzichtet werden? Immer, wenn ich darüber grübele, was ich in unseren Gedankenaustausch einbinde, wird für mich vieles klarer. Es gibt ja tatsächlich unendlich viele spannende Themen, Ereignisse und Herausforderungen – und das nicht nur zum Thema Hochbegabung. Manchmal denke ich sogar, dass dieses Sortieren und Entscheiden, womit ich mich gründlich beschäftigen möchte, eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt ist. 

Will ich vor allem Spaß haben? Dann beschäftige ich mich mit vielen „unnützen“ Sachen. Will ich lieber anderen nützlich sein? Dann habe ich viel weniger Spaß (weil die nützlichen Sachen oft nur einen geringen Neuigkeitswert haben und viel Routinearbeit erzwingen), aber ich bekomme mehr Anerkennung. Und wenn ich darüber nachdenke, wobei ich Spaß und Nutzen verbinden könnte, dann fallen mir wieder ganz andere dringende Sachen ein, die auch spannend und wahrscheinlich sogar nützlich wären, aber z. B. an Zeitmangel scheitern. Denn ich weiß ja, meine Lebenszeit ist begrenzt und ich will sie sinnvoll nutzen.

Und genau jetzt kommst Du mit Deiner Frage: „Warum ist das nicht selbstverständlich, dass Menschen denken: Ich bin gut!?“

Nun, wahrscheinlich genau deshalb. Wir alle verbringen unseren Alltag mit einem Wechsel zwischen Pflicht und Neigung (1), weil uns die Harmonie von beidem so selten gelingt. Und immer wenn uns das klar wird, sind wir frustriert oder wir haben ein schlechtes Gewissen. Wir haben entweder unsere Pflicht erfüllt, ohne Spaß daran zu haben. Oder wir sind unserer Neigung gefolgt, hatten Spaß und haben uns zu wenig um unsere Pflichten gekümmert. Und darum, weil wir gerade wieder mal das „Falsche“ getan haben, sind wir eben nicht gut! Wenn das anderen auffällt, dann lassen sie uns das auch wissen: Eigentlich ist doch ständig irgendjemand von uns enttäuscht. Das wollten wir zwar nicht, aber es ist nun mal so – letztendlich haben wir uns vielleicht sogar selbst enttäuscht. Daher die Gelbe oder Rote Karte, die wir uns selbst verpassen, wenn wir mal auf den Gedanken kommen „Du bist gut.“

Es stimmt eben nur manchmal.
Bei meinen Coachees wird deshalb gelegentlich ein Trick wirksam: Sie finden sich „meistens“ gut! Du kennst das sicher. Hier soll durch ein ÜBERWIEGEND positiv klingendes Selbstbild gleich auch der Selbstzweifel minimiert werden. Damit wollen sie den Eindruck einer soliden Selbstsicherheit, der prinzipiellen Selbstannahme und des stabilen Selbstvertrauens erwecken.

Sogar der erfolgreiche Professor in Deiner Geschichte wurde mit diesem Trick ermutigt: „Du bist ein KLEINER ‚Lieber Gott‘. Du schaffst es!“
Natürlich nur ein „kleiner“ Gott! Natürlich nicht allmächtig, wie der wahre Gott. Nur allmächtig für bestimmte Ziele, Aufgaben, Erfolge im eigenen Leben! Und wer da versagt, der ist „auch nur ein Mensch!!!“ Oder die Umstände sind schuld! Denn an uns selbst liegt es ja nicht. Als „kleiner“ Gott können wir eben doch nicht ALLES.

Mancher versucht mit diesem Euphemismus seinen Perfektionismus zu überwinden.
Aber was ist nun mit: WOW! Wir sind alle Götter? Und mit Johannes:  „Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben …“ (2)? Du meinst, man muss sich helfen lassen wollen. Und dass das Schwerstarbeit sei für Hochbegabte.

Nun ja, wir beide wären ja schon längst verzweifelt, wenn wir nicht immer wieder um Hilfe gebeten würden. Es gibt sie, die Menschen, die bei uns Hilfe suchen. Nur ist es eben mit den Hochbegabten ziemlich anstrengend: Sie erwarten von uns eine Hilfe, die sie woanders oft schon vergeblich gesucht haben. Sie haben Bücher gelesen, mancher hat sogar extra Psychologie studiert, andere haben Berater und Therapeuten „verschlissen“. Und das Ergebnis? Nichts und Keiner hat geholfen! Ich werde häufig damit konfrontiert, dass jede meiner Fragen beantwortet wird mit: Kenne ich schon, hat nicht funktioniert weil…, bringt nichts wegen…, geht nicht denn…  Du kennst das auch, zunächst muss man erst mal das eigene Wissen vor dem Coach ausbreiten. Ihn/Sie beeindrucken mit der eigenen Kompetenz und damit zeigen, dass man eigentlich nur ein ganz kleines bisschen Hilfe braucht. Und dass man sich diese Hilfe eigentlich auch selbst geben könnte, wenn … Und dass man einen Coach auf keinen Fall für einen „Gott“ hält, auch nicht für einen kleinen!

Liebe Lilli, wir beide wissen, dass auch wir uns dafür nicht halten. Wir sind keine Götter, sondern wir sind stolz auf unser Menschsein. Mit allen Unvollkommenheiten. Und warum sollten wir auch nicht stolz darauf sein? Warum können so viele Menschen darauf einfach nicht stolz sein?

Weil es nichts Besonderes ist!
Weil es nichts Besonderes ist???
Jeder einzelne Mensch ist etwas Besonderes! Buchstäblich jeder ist unverwechselbar einzigartig! Dafür muss man noch nicht mal hochbegabt sein! Und selbst wenn man es ist, so ist man doch immer noch einer von Vielen! (3)

Soll man „große“ Taten vollbringen, ein Held sein? Muss man aus der Hochbegabung „etwas machen“?

Oder muss man, um etwas Besonderes zu sein, besonders schwerwiegende, kaum zu lösende Probleme haben? Muss man sich die Aufmerksamkeit, Zuwendung und Anerkennung von Anderen erkämpfen, erarbeiten, ertrotzen, verdienen durch den Nachweis von etwas Besonderem?

Ich glaube, macheiner lässt sich gerade durch den Mangel an Akzeptanz, den er/sie durch andere erfährt, zu diesem Gedanken verleiten. Und versucht dann mit allen Mitteln, das ganz Besondere zu sein – was die anderen scheinbar oder wirklich nicht sehen. Von seltsamen Verhaltensauffälligkeiten bis zu extremer Lebensweise gibt es unendlich viele Beispiele dafür, wie Menschen versuchen, sich künstlich von anderen abzuheben. Dabei sind sie doch von Natur aus anders als jeder andere!

Und wenn wir uns alle gegenseitig genauer, aufmerksamer und respektvoller zur Kenntnis nehmen würden, dann wäre dieser ganze Selbstdarstellungsaufwand gar nicht nötig. Dann müssten wir beide nicht verletzte Seelen kurieren, die Rechte von Hochbegabten auf Förderung und Anerkennung vertreten (denn die hätten sie automatisch genau so wie jeder andere) und auch nicht in Ordnung bringen, was andere oder unsere Coachees selbst beschädigt haben.

Dazu, liebe Lilli, sind wir frei! Wir dürfen und sollen (und wir beide wollen) auch jeden Menschen so akzeptieren, wie er/sie ist. Auch wenn unsere Sozialisation uns immer wieder als Tatsache weismachen will, was nur ein theoretisches (un-)moralisches Konstrukt ist: „Alle Menschen sind gleich“! Nein, das sind sie nicht! Aber sie sind gleich viel wert! Und kein Mensch sollte den anderen bewerten, weil er sich damit über den anderen stellt. Was wir bewerten und „nach unserem Bilde“ gestalten sollen und dürfen, ist unser eigenes Leben – nicht das Leben der Anderen. Und ich stimme Dir zu: Wer frei sein will, muss auch mutig sein. Bloß gut, dass wir mit dieser Meinung nicht alleine sind. Und dass es so schöne Musik, Bilder und Geschichten gibt, um den Menschen diesen Mut immer wieder zu stärken.(4)

Denn diese Freiheit ist von keinem politischen System, von keinem Schulabschluss oder Kommissionsbeschluss abhängig: Den anderen ehrlich zu achten und zu respektieren können wir beschließen, ohne eine Erlaubnis zu haben.

Aber wie schnell sind wir dabei, Bedingungen und Forderungen aufzustellen, die der/die andere gefälligst erst mal zu erfüllen hat – ehe er/sie Anspruch auf unsere Achtung und unseren Respekt erheben kann! Und wie viele Regeln muss er/sie einhalten, damit wir unsere Achtung oder unseren Respekt nicht entziehen?

Mir ist zufällig genau an diesem Wochenende ein schöner Schnappschuss dazu  gelungen: Ich war beruflich mal wieder in Leipzig. Dort ist mitten im Stadtzentrum an einem sehr geschichtsträchtigen Ort gegenüber der Leipziger Oper, neben dem Gewandhaus und dem mdr-Rundfunkhochaus (ein ehemaliges Universitätsgebäude, früher mal der „Weisheitszahn“ genannt) auch der Mendebrunnen(5) (auch so eine Verleumdungslegende) und davor ein sichtbares Zeichen heutigen Kleingeistes anzutreffen, siehe unten rechts. (6)

Und gleich daneben, spaßiger weise durch eine grüne Ampel zum Betreten freigegeben, als Mahnung und Einladung zugleich eine Wiedererneuerung der unter Walter Ulbricht abgerissenen Paulinerkirche (7).  So zeigt Leipzig auch in seinen Bauten, wie nahe Freiheit und Begrenzung zusammen liegen, wenn Menschen die Menschen regieren. Und wie die Geschichte von Menschen gemacht ist …

Deshalb lass uns immer wieder darauf verweisen, dass auch Hochbegabte in erster Linie „normale“ besondere Menschen sind. Und lass unsere Coachees verstehen, dass die Besonderheit der Hochbegabung ihnen genau so viel Akzeptanz und Respekt einbringt, wie sie anderen Menschen für deren Besonderheiten entgegenbringen. Denn nur so können wir aus dem ewigen Kreislauf der gegenseitigen Unfreiheit herausfinden. Und nur so kommen wir zu wirklicher Zuwendung und Anerkennung.

Liebe Lilli, der Winter macht gerade mal eine kleine Pause und es gibt auch in Berlin ein paar Sonnenstrahlen. Das macht Hoffnung auf baldigen Frühling und
sofort denke ich an „unseren“ Goethe „Vom Eise befreit …“
Mögen auch Herzen und Gedanken immer freier werden.
oto
Ich grüße Dich von Herzen
Alles Gute, sei umarmt
Deine Karin


Foto 1



Foto 2


1 Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, in: Immanuel Kant, Werke in sechs Bänden, hrsg. v. W.
  Weischedel, Bd. IV, Darmstadt 1983, S. 18 f
3 In Deutschland entsprechen die 2% der Bevölkerung, die einen IQ von 130 und mehr haben,  etwa 1,6 Mio. Menschen – und das ist nur die willkürlich festgesetzte Definition von   
  Hochbegabungsnachweis im Intelligenztest.
4 Nena: Du bist gut http://www.nena.de/news/2316
  Marius Müller Westernhagen: Freiheit http://www.youtube.com/watch?v=queDnG9ZeNk
5 http://de.wikipedia.org/wiki/Brunnen_in_Leipzig#Mendebrunnen 
6 S. Foto 1 Zwischen Kultur, Religion, Wissenschaft und Geschichte ist Radfahren verboten!
7 S. Foto 2 In Memoriam Paulinerkirche

Samstag, 19. Januar 2013

Das Erfolgsgeheimnis des amerikanischen Professors


Liebe Karin,

das war eine gelungene vorweihnachtliche Überraschung: drei neue Strophen für den Hochbegabungssong! (1) Meine Bewunderung! Hier noch einmal zum Mitsingen:

„Ich war nie wirklich klein, das hab ich nur gedacht.
So wie ich bin, bin ich o.k. Die Klarheit gibt mir Kraft.
Ich mach mich nicht mehr klein, ich zeige was ich kann.
Weil es so viel zu tun gibt, pack ich es mutig an.

IQ kann dabei helfen, ich nutze was ich hab –
und gebe so das Beste für alle andern ab.
Die andern können auch sehr viel, ich nehme gerne an.
Was andere so leisten ist auch sehr gut getan

Niemand wird klein geredet – ob schön, ob jung, ob klug
Wir brauchen jeder jeden, zu tun gibt es genug.
So kann ein jeder wachsen nach seinem Potenzial
Was er für andre leistet, ist seine eigne Wahl!“

Selbstbewusstsein. Selbstsicherheit. Selbstvertrauen.
Altruismus. Respekt. Wertschätzung.
Vision. Evolution. Freiheit.

Grossartig!

Und dann war da noch Deine Geschichte von „Du bist gut!“ (2), die sich als Motivation perfekt anschliesst. Danke.

Warum ist das nicht selbstverständlich, dass Menschen denken: „Ich bin gut!“? Warum kommen Menschen erst gar nicht auf den Gedanken? Und wenn er sich einschleicht – warum bekommt er dann gleich die gelbe – wenn nicht die rote – Karte? Klar, Zweifel sind auch gut. Reinigend. Klärend. Also nützlich. Aber immer?

In Biografien grosser Persönlichkeiten lesen wir auch von Zweifeln. Von Misserfolgen. Von Problemen, die nicht bewältigt werden konnten. Aber überwiegend von einer soliden Selbstsicherheit, Selbstannahme und Selbstvertrauen.

Eine solche Persönlichkeit habe ich einmal erleben dürfen. Und gefragt, was das Erfolgsgeheimnis ist. Und das kam so:

In den 90er Jahren forschte unser Institut gemeinsam mit einem deutschen Wirtschaftsmagazin nach den Ursachen des Erfolgs. So wollten wir u.a. wissen, wer in den internationalen Medien als „Papst auf seinem Gebiet“ deklariert wird. Das war damals noch etwas aufregender als heute: die Welt von Google war noch nicht geboren. Und so stiegen wir in die Archive, in die Bibliotheken und fragten Experten am Telefon. Einer dieser „Päpste“ war ein amerikanischer Wissenschaftler. Er hatte vier Studiengänge absolviert. Promoviert. Habilitiert. Professor und stellvertretender Rektor einer Universität. Weltweit wurde er als Coach und Berater angefragt. Irgendwann kam er auch nach Deutschland.

Im Laufe der Recherche lud er mich zu seinen deutschen Freunden ein. Wir sprachen auch über Persönliches und so fragte ich ihn: „Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?“ Er musste lachen. Und wollte zunächst nicht wirklich darauf antworten. Er meinte, die Frage sei zu intim. Leider war ich hartnäckig. Nun, sagte er, mein Vater. Ihr Vater? „Ja, mein Vater.“

Als er die Fragezeichen in meinen Augen sah, wurde er deutlicher: „ Mein Vater hat mir als Kind gesagt: ‚Da oben im Himmel gibt es den lieben Gott. Und Du, mein Sohn, bist ein kleiner ‚Lieber Gott.‘ Und immer, wenn ich nicht weiter wusste, eine Prüfung bestehen musste oder so richtig Probleme hatte  - dann sagte ich mir: Du bist ein kleiner ‚Lieber Gott‘. DU schaffst es!“

Ich war nicht so erstaunt wie mein Gegenüber es erwartet hatte. Ich hatte einen Lehrer. Der legte uns einen Bibelsatz aus dem Psalm 82 ans Herz: „Ich habe gesagt: Götter seid ihr, und Söhne des Höchsten seid ihr alle…“ (3) und ergänzte, dass auch die Töchter gemeint sind. WOW! Wir sind alle Götter?

Später habe ich dann bei Johannes 11.22 nachgelesen, was das bedeuten kann. Ich las: „Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben …“ (4)

Nee, das stimmt doch nicht. Besser gesagt: Es stimmt nicht immer. Aber: Von was ist es abhängig, dass Wünsche erfüllt werden? Liegt es daran, wie, wann und/oder für wen oder was ich bitte?

Selbstbewusstsein.
Foto: Saskia-Marjanna Schulz (11)


Ich schaute mal wieder bei unseren Lieblingsdichter Johann Wolfgang von Goethe rein und bekam hier eine klare Antwort: „Ich darf sagen, ich kam nie leer zurück, wenn ich unter Druck und Not Gott gesucht hatte.“ Also ist Gott so eine Art „Notarzt“? Die 112 für unsere Seele?

Nicht nur, wenn man Voltaire glauben will: „Ich habe bisher nur ein einziges kurzes Gebet zum Herrn gesprochen: ‚Oh Herr, bitte mache alle meine Feinde recht lächerlich.‘ Und Gott erhörte mich.“

Plausibel erscheint mir, was Hildegard von Bingen sagt: „Wenn du willens bist, zu Gott zu eilen, wird er dir helfen.“

Aha! Man muss sich helfen lassen wollen.
Oh, das ist Schwerstarbeit für Hochbegabte.




Selbstsicherheit. Selbstvertrauen.
Foto: Saskia-Marjanna Schulz


Aber nicht für alle, wie DER SPIEGEL einmal zu berichten wusste(5). Die Rede ist von Dr. Chauncey Crandall (6),  einem „hoch trainierten Herzspezialist“.  An der Palm Beach Cardiovascular Clinic in Florida betet er „regelmäßig mit seinen Patienten“ (5). Er legt „ihnen die Hand auf die Stirn“ und bittet „mit fester Stimme um göttlichen Beistand“.

Sein Credo: "Das Leiden bekämpfen wir mit konventionellen Methoden, aber auch mit Gebeten." Hilft es? Chauncey Crandall erinnert sich. An einen Mann mit schwerem Herzinfarkt, der bereits 40 Minuten ohne Puls war: "Sein Gesicht, seine Arme, seine Beine waren schon ganz schwarz. Ich sagte, lasst uns aufhören, da ist kein Leben mehr." Aber dann betete Crandall. Ordnete eine letzte Elektroschockbehandlung an – kurze Zeit später: "Und plötzlich zeigte der Monitor einen perfekten Herzschlag."

Ach Karin, wie könnte unser Leben sein, wenn wir die Freiheit hätten, frei zu denken. Wenn wir nicht gebunden wären an die negativen Elemente unserer Sozialisationen. Wenn wir uns befreien könnten von unseren destruktiven Glaubenssätzen – „Ich bin nicht gut genug. Und (deshalb) habe ich auch nichts Gutes verdient“ u.a.m. Wenn wir offen wären und uns die Erlaubnis geben könnten, selbst zu denken.



Vision. Evolution. Freiheit.
Foto: Saskia-Marjanna Schulz



Wie wäre es, wenn wir einfach (wieder) singen:


  • “Die Gedanken sind frei“ (7) – danke, dass Du uns daran erinnert hast.
  • Marius Müller Westernhagen: „Freiheit“ (8)
  • Unheilig: „Freiheit“ (9)

Wer frei sein will, muss auch mutig sein. Zum Beispiel den Mut haben zu fragen: Welche Chancen haben wir, frei zu sein – wenn dies unser Wille ist? In der PRAXIS können wir uns an die Nicolaikirche in Leipzig erinnern - 1989. In der THEORIE mal bei dem Philosophen Niccolò Machiavelli, dem „Denker der Krise“ (FAZ), nachfragen. Ja, bei DEM Niccolò Machiavelli, dessen Name manchmal nur hinter vorgehaltener Hand geflüstert wird. Es ist der Niccolò Machiavelli, der 1513 den Leitfaden für das AUSÜBEN DER MACHT verfasste: „Der Fürst“ (Il Principe) (10). Achtung: Weltliteratur!

Und dieser Machiavelli sagte einmal zum Thema Freiheit: „Wisst ihr denn nicht, dass keine Gewalt den Willen der Freiheit bändigt?“

Hoffnung?
Hoffnung!

Aus unserem kuschelig verschneiten Dorf grüsse ich Dich von Herzen,
Deine Lilli

PS Danke für den Buchtipp: ‚Erlebe Deine Kraft‘ von Thomas Schneider und Karl Werner Ehrhardt! Das Buch liegt schon im Koffer und freut sich mit mir auf meine nächste Lese-Reise.

3 „Nun sag, wie hast du‘s mit den Göttern?“ Eine Forschungsgeschichte zu Ps 82. Diplomarbeit von Sebastian Diez, „die am 05. Mai 2009 an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Julius-Maximilians-Universität Würzburg eingereicht wurde.“
Siehe dazu auch den Textauszug des Internet-Angebots der Deutschen Bibelgesellschaft, gemeinnützige kirchliche Stiftung öffentlichen Rechts: „Wohl habe ich gesagt: Ihr seid Götter und allzumal Söhne des Höchsten …“ http://www.die-bibel.de/online-bibeln/luther-bibel-1984/bibeltext/bibelstelle/Psalm%2082,0/
5 Religion und Medizin. Im Namen der heilenden Kraft
6 Dr. Chauncey Crandall http://chaunceycrandall.com/
Siehe auch: Free mp3 - Leonhard Cohen: Die Gedanken sind frei! http://freiklick.at/index.php?option=com_content&task=view&id=109&Itemid=61
8 Marius Müller Westernhagen: Freiheit http://www.youtube.com/watch?v=queDnG9ZeNk
10 Macchiavellis Buch vom Fürsten by Niccolò Machiavelli http://www.gutenberg.org/ebooks/39816 Siehe auch: Eine Analyse des XVII. Kapitel des "Fürsten" von Matthias Paskowsky
11 Saskia-Marjanna Schulz http://yesbusinesscoach.blogspot.de/