Fotos: Dr. Karin Rasmussen, Saskia-Marjanna Schulz, Alexandra Gräfin Dohna

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Sonntag, 17. Februar 2013

Ein Quantum Frohsinn


Liebe Karin,

ausgezeichnet! Exzellent! Du hast es mal wieder bemerkenswert auf den Punkt gebracht: Wir Menschen stehen immer wieder zwischen Pflicht und Neigung. Und nicht nur das: Wir stehen immer mehr und immer öfter in der Pflicht. 

Unser Leben wird zunehmend differenzierter. Uns reicht es nicht mehr zu wissen, was in unserer Gemeinde los ist, in unserem Bundesland und in der gesamten Republik. Wir wollen heutzutage auch informiert sein, was in unseren Nachbarländern vor sich geht, in Europa. In der Welt.

Mehr Pflicht als Neigung?

Es gab mal eine Zeit, in der wir täglich eine Zeitung gelesen und die Tagesschau gesehen haben. Heutzutage lesen nicht nur Hochbegabte – im Internet – die Newsletter von einem halben Dutzend Medien, haben nebenher n-tv oder N24 eingeschaltet – manchmal auf einem weiteren TV-Gerät auch noch BBC oder CNN. Und wir lassen uns die BREAKING NEWS per SMS schicken.

Wir wollen Bescheid wissen. Und wir wissen Bescheid. Wir kennen die News dieser Welt zumeist besser als unsere Grosseltern. Wir wissen, wer wo gerade welche Politik macht, kennen stets die aktuellen Börsendaten und behalten den Überblick, wer wo im Sport soeben gewonnen hat.

Geistig locker aufgearbeitet, verfolgen wir sodann mühelos die einschlägigen Talkshows zu fast allen Themen dieser Welt. Manche von uns auch noch gleich in drei bis fünf Sprachen und Kulturen. Wir sind Weltbürger und wissen Bescheid. Bravo! Bravo?

Nicht selten haben wir darüber vergessen, was in uns selbst vor sich geht. Wie es um uns steht. Um unseren Körper. Unsere Seele. Unser Leben. Wie eine soeben veröffentlichte Studie zeigt, hat unsere Belastung in den letzten zwei Jahren erkennbar zugenommen. Und so wundern wir uns nicht, dass es heisst: Fast die Hälfte der Deutschen klagt einer Umfrage zufolge über wachsenden Stress am Arbeitsplatz. Jeder Vierte verzichtet sogar auf Pausen.“ (1).

Mehr Pflicht als Neigung.
Wie gehen Hochbegabte damit um?

Auch die Belastungen im Privatleben nehmen zu und differenzieren sich immer weiter. Um unsere Kinder angemessen begleiten zu können, sind wir zunehmend zu Bildungspolitikern geworden (ganz zu schweigen von ADHS-ADS-Gelehrten), für unsere Grosseltern werden wir immer öfter zu Gesundheitsexperten und für unser eigenes Leben? Wir managen unsere Love Story, unsere Karriere, unseren täglichen Lebensablauf, unsere Hobbys, unseren Urlaub.

Aber auch das Gegenteil ist der Fall. Wir fühlen uns mit all diesen Anforderungen überfordert, verlieren den Durchblick und Überblick. Und werden schliesslich bewegungslos, wenn wir vergessen haben, rechtzeitig die Handbremse zu ziehen.
Entschleunigung ist zunehmend zum Modewort geworden.  SPIEGEL ONLINE spricht von „Entschleunigung: Der Trend zu weniger Tempo“ (2), ZEIT ONLINE schreibt über die „Einladung zur Langsamkeit“ (3) und das ERSTE DEUTSCHE FERNSEHEN (ARD) hat zum Thema in diesem Monat eine eigene Sendung aufgelegt: „Planet Wissen: Entschleunigung für Anfänger!“ (4).

Pflicht und Neigung. Entschleunigung als Verpflichtung? Und wie geht es weiter?

Warum können – wollen – wir uns nicht mehr Freizeit, Auszeit, Sabbatical erlauben? Oder den Eintritt in eine andere Zeitqualität, wie es uns Benedictus PP. XVI gerade vorgemacht hat?

Ich erinnere mich an einen ehemaligen Instituts-Kollegen – Psychologe – der uns immer wieder motivierte, Frei-Stunden und freie Tage einzulegen. Um in die Stille zu gehen. Um wieder zu uns selbst zu kommen. Um locker zu bleiben für die Anforderungen, die noch vor uns stehen. Denn Herausforderungen können wir nicht nur am Schreibtisch bestehen. Die deutsche Lyrikerin Else Pannek sagte einmal: „In die Stille zu horchen, lässt Antworten finden.“

Ich habe das erst noch lernen dürfen. Aber inzwischen habe ich auch die Erfahrung gemacht: Wenn wir eine Lösung finden wollen. Wenn wir dauerberieselt sind. Wenn wir gefangen sind im inneren und äusseren Lärm. Dann hilft ein Schritt in die Freiheit. In die Stille (5).



Foto: Saskia-Marjanna Schulz

In der Stille können wir auch leichter einen neuen Blick werfen auf Pflicht und Neigung. Wir können uns anregen, weit über den Tellerrand hinaus zu blicken. Bis ins 18. Jahrhundert. Nebenbei einem Staatsminister des Herzogtums Sachsen-Weimar ein wenig über die Schultern schauen. Wir sehen: Der Minister liebt es, sich in seiner Freizeit der Dichtkunst hinzugeben. Und so werden wir Augenzeuge, wie er gerade seine Heldin formt: Iphigenie (6).

Kein wirklich neuer Stoff, der ihm da eingefallen ist. Daran haben sich schon andere Denker versucht – Euripides zum Beispiel. Doch was unser Staatsdiener hier in dieses leicht verstaubte Drama einwebt - ist wirklich neu: das klassische Humanitätsideal. Und so lässt der „Feierabend-Dichter“ Iphigenie über sich hinauswachsen. Nach überstandenem Leid, inneren Kämpfen und Katharsis wächst die einst Todgeweihte zu ihrer wahren Grösse:  Iphigenie rettet das Leben ihrer Lieben wie ihr eigenes Leben.

Und mit Menschlichkeit, Anstand und Würde macht sie (!) sich (!) selbst (!) den Weg frei. Kein Deus ex machina („Gott aus der/einer Maschine“) muss gerufen werden. Mit der Macht ihrer Einstellung und Haltung hat sie die Kraft die Situation angemessen zum Guten zu wenden. Es gelingt ihr, Pflicht und Neigung in Harmonie zu bringen. Und dem Minister – Goethe – Du weisst es längst – gelingt hier ein Meisterwerk.



 Foto: Saskia-Marjanna Schulz

Dass es in der realen Welt nicht immer möglich scheint, das Leben noch zum Guten zu wenden, erfahren nicht nur wir beide als Coach Tag für Tag. Und auch: Dass eine Wendung zum Besseren öfter möglich ist als zunächst gedacht.

Für Deinen „Trick“ – wie Du es nennst – bin ich Dir sehr dankbar – ebenso wie für diese Zeilen: „Bei meinen Coachees wird deshalb gelegentlich ein Trick wirksam: Sie finden sich „meistens“ gut! Du kennst das sicher. Hier soll durch ein ÜBERWIEGEND positiv klingendes Selbstbild gleich auch der Selbstzweifel minimiert werden. Damit wollen sie den Eindruck einer soliden Selbstsicherheit, der prinzipiellen Selbstannahme und des stabilen Selbstvertrauens erwecken.“

Wie hilfreich das ist, sich selbst gut zu finden, zeigt auch eine Studie über die „Bild der Wissenschaft“  am 15.06.2012 berichtet: „Studie belegt: Wer sich in positiven Lebenseinstellungen übt, steigert seine Lebensqualität“ (7) Und weiter: „Wer demnach positive Lebenseinstellungen wie Neugier, Dankbarkeit, Optimismus, Humor und Enthusiasmus regelmäßig übt, steigert sein geistiges Wohlbefinden, berichten die Psychologen um Willibald Ruch von der Universität Zürich.“

Viele Untersuchungen haben bereits gezeigt, dass eine positive Haltung mit psychischem Wohlergehen in Verbindung steht. Jedoch: „Dass sie sich aber ursächlich auf die Lebenszufriedenheit auswirken und dass ihr Training eine Steigerung des Wohlbefindens zur Folge hat, haben Willibald Ruch und seine Kollegen nun erstmals wissenschaftlich nachgewiesen.“ (8)

Mit anderen Worten: Wenn wir uns auf bestimmte Themen und deren Inhalte konzentrieren, steigern wir unser Wohlbefinden! Neugier, Dankbarkeit und Humor stehen dabei ganz oben auf der Hitliste. Wie gut, dass wir unser Schicksal – auch – selbst bestimmen können. Was können wir nicht alles erreichen, wenn wir uns täglich ein wenig darin üben?

Wie wäre es denn, wenn wir mit LACHEN beginnen würden? In Köln geboren ist mir der Humor mit in die Wiege gelegt worden. Und das Lachen ist für mich so selbstverständlich wie das Zähneputzen. Und ebenfalls sehr gesund:

  • Lachen kann Stress abbauen.
  • Lachen entspannt.
  • Lachen soll Glückshormone freisetzen. (9)


Die Süddeutsche.de schreibt: „Eine Dosis Lachen, bitte: Ärzte in den USA haben herausgefunden, dass Lachen gegen Herz- und Gefäßkrankheiten helfen kann. Ein lustiger Film am Tag genügt.“ (10)

Das ist nicht wirklich neu. Schon Aristoteles (384 - 322 v. Chr.) wusste: „Lachen ist eine körperliche Übung von großem Wert für die Gesundheit.“


Foto: Saskia-Marjanna Schulz (11)

Auf denn! Gönnen wir uns täglich unser Quantum Frohsinn.

Mein Schneemann und ich grüssen Dich mit einem lachenden Herzen.
Deine Lilli


3 Einladung zur Langsamkeit
4 Planet Wissen: Entschleunigung für Anfänger!
5 Hier können wir Anregungen finden:
Die grosse Stille
Israel "IZ" Kamakawiwoʻole: Somewhere over the Rainbow
JOSEPH VON EICHENDORFF: Die Stille
6 Iphigenie auf Tauris von Johann Wolfgang von Goethe
Projekt Gutenberg
7 Polierte Einstellungen lassen das Leben glänzen
8 a.a.O.
9 Vgl. dazu: Darum ist Lachen so gesund
10 Lachen als Therapie
11 Saskia-Marjanna Schulz http://yesbusinesscoach.blogspot.de/

Sonntag, 3. Februar 2013

Du bist gut – so wie Du bist!

Liebe Lilli,
danke, dass Du nach unserer „Feiertagspause“ so pünktlich, zuverlässig und herzlich wieder eine spannende Antwort für mich hast! 

Ich muss gestehen, die Pause hat mir gut getan – Dir hoffentlich auch? Ich hatte über den Jahreswechsel so viele unterschiedliche Eindrücke und Anregungen, dass ich erst mal sortieren musste: Was ist gut und hilft weiter, was ist eine zu lösende Aufgabe, was stört, wer braucht was und worauf kann verzichtet werden? Immer, wenn ich darüber grübele, was ich in unseren Gedankenaustausch einbinde, wird für mich vieles klarer. Es gibt ja tatsächlich unendlich viele spannende Themen, Ereignisse und Herausforderungen – und das nicht nur zum Thema Hochbegabung. Manchmal denke ich sogar, dass dieses Sortieren und Entscheiden, womit ich mich gründlich beschäftigen möchte, eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt ist. 

Will ich vor allem Spaß haben? Dann beschäftige ich mich mit vielen „unnützen“ Sachen. Will ich lieber anderen nützlich sein? Dann habe ich viel weniger Spaß (weil die nützlichen Sachen oft nur einen geringen Neuigkeitswert haben und viel Routinearbeit erzwingen), aber ich bekomme mehr Anerkennung. Und wenn ich darüber nachdenke, wobei ich Spaß und Nutzen verbinden könnte, dann fallen mir wieder ganz andere dringende Sachen ein, die auch spannend und wahrscheinlich sogar nützlich wären, aber z. B. an Zeitmangel scheitern. Denn ich weiß ja, meine Lebenszeit ist begrenzt und ich will sie sinnvoll nutzen.

Und genau jetzt kommst Du mit Deiner Frage: „Warum ist das nicht selbstverständlich, dass Menschen denken: Ich bin gut!?“

Nun, wahrscheinlich genau deshalb. Wir alle verbringen unseren Alltag mit einem Wechsel zwischen Pflicht und Neigung (1), weil uns die Harmonie von beidem so selten gelingt. Und immer wenn uns das klar wird, sind wir frustriert oder wir haben ein schlechtes Gewissen. Wir haben entweder unsere Pflicht erfüllt, ohne Spaß daran zu haben. Oder wir sind unserer Neigung gefolgt, hatten Spaß und haben uns zu wenig um unsere Pflichten gekümmert. Und darum, weil wir gerade wieder mal das „Falsche“ getan haben, sind wir eben nicht gut! Wenn das anderen auffällt, dann lassen sie uns das auch wissen: Eigentlich ist doch ständig irgendjemand von uns enttäuscht. Das wollten wir zwar nicht, aber es ist nun mal so – letztendlich haben wir uns vielleicht sogar selbst enttäuscht. Daher die Gelbe oder Rote Karte, die wir uns selbst verpassen, wenn wir mal auf den Gedanken kommen „Du bist gut.“

Es stimmt eben nur manchmal.
Bei meinen Coachees wird deshalb gelegentlich ein Trick wirksam: Sie finden sich „meistens“ gut! Du kennst das sicher. Hier soll durch ein ÜBERWIEGEND positiv klingendes Selbstbild gleich auch der Selbstzweifel minimiert werden. Damit wollen sie den Eindruck einer soliden Selbstsicherheit, der prinzipiellen Selbstannahme und des stabilen Selbstvertrauens erwecken.

Sogar der erfolgreiche Professor in Deiner Geschichte wurde mit diesem Trick ermutigt: „Du bist ein KLEINER ‚Lieber Gott‘. Du schaffst es!“
Natürlich nur ein „kleiner“ Gott! Natürlich nicht allmächtig, wie der wahre Gott. Nur allmächtig für bestimmte Ziele, Aufgaben, Erfolge im eigenen Leben! Und wer da versagt, der ist „auch nur ein Mensch!!!“ Oder die Umstände sind schuld! Denn an uns selbst liegt es ja nicht. Als „kleiner“ Gott können wir eben doch nicht ALLES.

Mancher versucht mit diesem Euphemismus seinen Perfektionismus zu überwinden.
Aber was ist nun mit: WOW! Wir sind alle Götter? Und mit Johannes:  „Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben …“ (2)? Du meinst, man muss sich helfen lassen wollen. Und dass das Schwerstarbeit sei für Hochbegabte.

Nun ja, wir beide wären ja schon längst verzweifelt, wenn wir nicht immer wieder um Hilfe gebeten würden. Es gibt sie, die Menschen, die bei uns Hilfe suchen. Nur ist es eben mit den Hochbegabten ziemlich anstrengend: Sie erwarten von uns eine Hilfe, die sie woanders oft schon vergeblich gesucht haben. Sie haben Bücher gelesen, mancher hat sogar extra Psychologie studiert, andere haben Berater und Therapeuten „verschlissen“. Und das Ergebnis? Nichts und Keiner hat geholfen! Ich werde häufig damit konfrontiert, dass jede meiner Fragen beantwortet wird mit: Kenne ich schon, hat nicht funktioniert weil…, bringt nichts wegen…, geht nicht denn…  Du kennst das auch, zunächst muss man erst mal das eigene Wissen vor dem Coach ausbreiten. Ihn/Sie beeindrucken mit der eigenen Kompetenz und damit zeigen, dass man eigentlich nur ein ganz kleines bisschen Hilfe braucht. Und dass man sich diese Hilfe eigentlich auch selbst geben könnte, wenn … Und dass man einen Coach auf keinen Fall für einen „Gott“ hält, auch nicht für einen kleinen!

Liebe Lilli, wir beide wissen, dass auch wir uns dafür nicht halten. Wir sind keine Götter, sondern wir sind stolz auf unser Menschsein. Mit allen Unvollkommenheiten. Und warum sollten wir auch nicht stolz darauf sein? Warum können so viele Menschen darauf einfach nicht stolz sein?

Weil es nichts Besonderes ist!
Weil es nichts Besonderes ist???
Jeder einzelne Mensch ist etwas Besonderes! Buchstäblich jeder ist unverwechselbar einzigartig! Dafür muss man noch nicht mal hochbegabt sein! Und selbst wenn man es ist, so ist man doch immer noch einer von Vielen! (3)

Soll man „große“ Taten vollbringen, ein Held sein? Muss man aus der Hochbegabung „etwas machen“?

Oder muss man, um etwas Besonderes zu sein, besonders schwerwiegende, kaum zu lösende Probleme haben? Muss man sich die Aufmerksamkeit, Zuwendung und Anerkennung von Anderen erkämpfen, erarbeiten, ertrotzen, verdienen durch den Nachweis von etwas Besonderem?

Ich glaube, macheiner lässt sich gerade durch den Mangel an Akzeptanz, den er/sie durch andere erfährt, zu diesem Gedanken verleiten. Und versucht dann mit allen Mitteln, das ganz Besondere zu sein – was die anderen scheinbar oder wirklich nicht sehen. Von seltsamen Verhaltensauffälligkeiten bis zu extremer Lebensweise gibt es unendlich viele Beispiele dafür, wie Menschen versuchen, sich künstlich von anderen abzuheben. Dabei sind sie doch von Natur aus anders als jeder andere!

Und wenn wir uns alle gegenseitig genauer, aufmerksamer und respektvoller zur Kenntnis nehmen würden, dann wäre dieser ganze Selbstdarstellungsaufwand gar nicht nötig. Dann müssten wir beide nicht verletzte Seelen kurieren, die Rechte von Hochbegabten auf Förderung und Anerkennung vertreten (denn die hätten sie automatisch genau so wie jeder andere) und auch nicht in Ordnung bringen, was andere oder unsere Coachees selbst beschädigt haben.

Dazu, liebe Lilli, sind wir frei! Wir dürfen und sollen (und wir beide wollen) auch jeden Menschen so akzeptieren, wie er/sie ist. Auch wenn unsere Sozialisation uns immer wieder als Tatsache weismachen will, was nur ein theoretisches (un-)moralisches Konstrukt ist: „Alle Menschen sind gleich“! Nein, das sind sie nicht! Aber sie sind gleich viel wert! Und kein Mensch sollte den anderen bewerten, weil er sich damit über den anderen stellt. Was wir bewerten und „nach unserem Bilde“ gestalten sollen und dürfen, ist unser eigenes Leben – nicht das Leben der Anderen. Und ich stimme Dir zu: Wer frei sein will, muss auch mutig sein. Bloß gut, dass wir mit dieser Meinung nicht alleine sind. Und dass es so schöne Musik, Bilder und Geschichten gibt, um den Menschen diesen Mut immer wieder zu stärken.(4)

Denn diese Freiheit ist von keinem politischen System, von keinem Schulabschluss oder Kommissionsbeschluss abhängig: Den anderen ehrlich zu achten und zu respektieren können wir beschließen, ohne eine Erlaubnis zu haben.

Aber wie schnell sind wir dabei, Bedingungen und Forderungen aufzustellen, die der/die andere gefälligst erst mal zu erfüllen hat – ehe er/sie Anspruch auf unsere Achtung und unseren Respekt erheben kann! Und wie viele Regeln muss er/sie einhalten, damit wir unsere Achtung oder unseren Respekt nicht entziehen?

Mir ist zufällig genau an diesem Wochenende ein schöner Schnappschuss dazu  gelungen: Ich war beruflich mal wieder in Leipzig. Dort ist mitten im Stadtzentrum an einem sehr geschichtsträchtigen Ort gegenüber der Leipziger Oper, neben dem Gewandhaus und dem mdr-Rundfunkhochaus (ein ehemaliges Universitätsgebäude, früher mal der „Weisheitszahn“ genannt) auch der Mendebrunnen(5) (auch so eine Verleumdungslegende) und davor ein sichtbares Zeichen heutigen Kleingeistes anzutreffen, siehe unten rechts. (6)

Und gleich daneben, spaßiger weise durch eine grüne Ampel zum Betreten freigegeben, als Mahnung und Einladung zugleich eine Wiedererneuerung der unter Walter Ulbricht abgerissenen Paulinerkirche (7).  So zeigt Leipzig auch in seinen Bauten, wie nahe Freiheit und Begrenzung zusammen liegen, wenn Menschen die Menschen regieren. Und wie die Geschichte von Menschen gemacht ist …

Deshalb lass uns immer wieder darauf verweisen, dass auch Hochbegabte in erster Linie „normale“ besondere Menschen sind. Und lass unsere Coachees verstehen, dass die Besonderheit der Hochbegabung ihnen genau so viel Akzeptanz und Respekt einbringt, wie sie anderen Menschen für deren Besonderheiten entgegenbringen. Denn nur so können wir aus dem ewigen Kreislauf der gegenseitigen Unfreiheit herausfinden. Und nur so kommen wir zu wirklicher Zuwendung und Anerkennung.

Liebe Lilli, der Winter macht gerade mal eine kleine Pause und es gibt auch in Berlin ein paar Sonnenstrahlen. Das macht Hoffnung auf baldigen Frühling und
sofort denke ich an „unseren“ Goethe „Vom Eise befreit …“
Mögen auch Herzen und Gedanken immer freier werden.
oto
Ich grüße Dich von Herzen
Alles Gute, sei umarmt
Deine Karin


Foto 1



Foto 2


1 Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, in: Immanuel Kant, Werke in sechs Bänden, hrsg. v. W.
  Weischedel, Bd. IV, Darmstadt 1983, S. 18 f
3 In Deutschland entsprechen die 2% der Bevölkerung, die einen IQ von 130 und mehr haben,  etwa 1,6 Mio. Menschen – und das ist nur die willkürlich festgesetzte Definition von   
  Hochbegabungsnachweis im Intelligenztest.
4 Nena: Du bist gut http://www.nena.de/news/2316
  Marius Müller Westernhagen: Freiheit http://www.youtube.com/watch?v=queDnG9ZeNk
5 http://de.wikipedia.org/wiki/Brunnen_in_Leipzig#Mendebrunnen 
6 S. Foto 1 Zwischen Kultur, Religion, Wissenschaft und Geschichte ist Radfahren verboten!
7 S. Foto 2 In Memoriam Paulinerkirche

Samstag, 19. Januar 2013

Das Erfolgsgeheimnis des amerikanischen Professors


Liebe Karin,

das war eine gelungene vorweihnachtliche Überraschung: drei neue Strophen für den Hochbegabungssong! (1) Meine Bewunderung! Hier noch einmal zum Mitsingen:

„Ich war nie wirklich klein, das hab ich nur gedacht.
So wie ich bin, bin ich o.k. Die Klarheit gibt mir Kraft.
Ich mach mich nicht mehr klein, ich zeige was ich kann.
Weil es so viel zu tun gibt, pack ich es mutig an.

IQ kann dabei helfen, ich nutze was ich hab –
und gebe so das Beste für alle andern ab.
Die andern können auch sehr viel, ich nehme gerne an.
Was andere so leisten ist auch sehr gut getan

Niemand wird klein geredet – ob schön, ob jung, ob klug
Wir brauchen jeder jeden, zu tun gibt es genug.
So kann ein jeder wachsen nach seinem Potenzial
Was er für andre leistet, ist seine eigne Wahl!“

Selbstbewusstsein. Selbstsicherheit. Selbstvertrauen.
Altruismus. Respekt. Wertschätzung.
Vision. Evolution. Freiheit.

Grossartig!

Und dann war da noch Deine Geschichte von „Du bist gut!“ (2), die sich als Motivation perfekt anschliesst. Danke.

Warum ist das nicht selbstverständlich, dass Menschen denken: „Ich bin gut!“? Warum kommen Menschen erst gar nicht auf den Gedanken? Und wenn er sich einschleicht – warum bekommt er dann gleich die gelbe – wenn nicht die rote – Karte? Klar, Zweifel sind auch gut. Reinigend. Klärend. Also nützlich. Aber immer?

In Biografien grosser Persönlichkeiten lesen wir auch von Zweifeln. Von Misserfolgen. Von Problemen, die nicht bewältigt werden konnten. Aber überwiegend von einer soliden Selbstsicherheit, Selbstannahme und Selbstvertrauen.

Eine solche Persönlichkeit habe ich einmal erleben dürfen. Und gefragt, was das Erfolgsgeheimnis ist. Und das kam so:

In den 90er Jahren forschte unser Institut gemeinsam mit einem deutschen Wirtschaftsmagazin nach den Ursachen des Erfolgs. So wollten wir u.a. wissen, wer in den internationalen Medien als „Papst auf seinem Gebiet“ deklariert wird. Das war damals noch etwas aufregender als heute: die Welt von Google war noch nicht geboren. Und so stiegen wir in die Archive, in die Bibliotheken und fragten Experten am Telefon. Einer dieser „Päpste“ war ein amerikanischer Wissenschaftler. Er hatte vier Studiengänge absolviert. Promoviert. Habilitiert. Professor und stellvertretender Rektor einer Universität. Weltweit wurde er als Coach und Berater angefragt. Irgendwann kam er auch nach Deutschland.

Im Laufe der Recherche lud er mich zu seinen deutschen Freunden ein. Wir sprachen auch über Persönliches und so fragte ich ihn: „Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?“ Er musste lachen. Und wollte zunächst nicht wirklich darauf antworten. Er meinte, die Frage sei zu intim. Leider war ich hartnäckig. Nun, sagte er, mein Vater. Ihr Vater? „Ja, mein Vater.“

Als er die Fragezeichen in meinen Augen sah, wurde er deutlicher: „ Mein Vater hat mir als Kind gesagt: ‚Da oben im Himmel gibt es den lieben Gott. Und Du, mein Sohn, bist ein kleiner ‚Lieber Gott.‘ Und immer, wenn ich nicht weiter wusste, eine Prüfung bestehen musste oder so richtig Probleme hatte  - dann sagte ich mir: Du bist ein kleiner ‚Lieber Gott‘. DU schaffst es!“

Ich war nicht so erstaunt wie mein Gegenüber es erwartet hatte. Ich hatte einen Lehrer. Der legte uns einen Bibelsatz aus dem Psalm 82 ans Herz: „Ich habe gesagt: Götter seid ihr, und Söhne des Höchsten seid ihr alle…“ (3) und ergänzte, dass auch die Töchter gemeint sind. WOW! Wir sind alle Götter?

Später habe ich dann bei Johannes 11.22 nachgelesen, was das bedeuten kann. Ich las: „Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben …“ (4)

Nee, das stimmt doch nicht. Besser gesagt: Es stimmt nicht immer. Aber: Von was ist es abhängig, dass Wünsche erfüllt werden? Liegt es daran, wie, wann und/oder für wen oder was ich bitte?

Selbstbewusstsein.
Foto: Saskia-Marjanna Schulz (11)


Ich schaute mal wieder bei unseren Lieblingsdichter Johann Wolfgang von Goethe rein und bekam hier eine klare Antwort: „Ich darf sagen, ich kam nie leer zurück, wenn ich unter Druck und Not Gott gesucht hatte.“ Also ist Gott so eine Art „Notarzt“? Die 112 für unsere Seele?

Nicht nur, wenn man Voltaire glauben will: „Ich habe bisher nur ein einziges kurzes Gebet zum Herrn gesprochen: ‚Oh Herr, bitte mache alle meine Feinde recht lächerlich.‘ Und Gott erhörte mich.“

Plausibel erscheint mir, was Hildegard von Bingen sagt: „Wenn du willens bist, zu Gott zu eilen, wird er dir helfen.“

Aha! Man muss sich helfen lassen wollen.
Oh, das ist Schwerstarbeit für Hochbegabte.




Selbstsicherheit. Selbstvertrauen.
Foto: Saskia-Marjanna Schulz


Aber nicht für alle, wie DER SPIEGEL einmal zu berichten wusste(5). Die Rede ist von Dr. Chauncey Crandall (6),  einem „hoch trainierten Herzspezialist“.  An der Palm Beach Cardiovascular Clinic in Florida betet er „regelmäßig mit seinen Patienten“ (5). Er legt „ihnen die Hand auf die Stirn“ und bittet „mit fester Stimme um göttlichen Beistand“.

Sein Credo: "Das Leiden bekämpfen wir mit konventionellen Methoden, aber auch mit Gebeten." Hilft es? Chauncey Crandall erinnert sich. An einen Mann mit schwerem Herzinfarkt, der bereits 40 Minuten ohne Puls war: "Sein Gesicht, seine Arme, seine Beine waren schon ganz schwarz. Ich sagte, lasst uns aufhören, da ist kein Leben mehr." Aber dann betete Crandall. Ordnete eine letzte Elektroschockbehandlung an – kurze Zeit später: "Und plötzlich zeigte der Monitor einen perfekten Herzschlag."

Ach Karin, wie könnte unser Leben sein, wenn wir die Freiheit hätten, frei zu denken. Wenn wir nicht gebunden wären an die negativen Elemente unserer Sozialisationen. Wenn wir uns befreien könnten von unseren destruktiven Glaubenssätzen – „Ich bin nicht gut genug. Und (deshalb) habe ich auch nichts Gutes verdient“ u.a.m. Wenn wir offen wären und uns die Erlaubnis geben könnten, selbst zu denken.



Vision. Evolution. Freiheit.
Foto: Saskia-Marjanna Schulz



Wie wäre es, wenn wir einfach (wieder) singen:


  • “Die Gedanken sind frei“ (7) – danke, dass Du uns daran erinnert hast.
  • Marius Müller Westernhagen: „Freiheit“ (8)
  • Unheilig: „Freiheit“ (9)

Wer frei sein will, muss auch mutig sein. Zum Beispiel den Mut haben zu fragen: Welche Chancen haben wir, frei zu sein – wenn dies unser Wille ist? In der PRAXIS können wir uns an die Nicolaikirche in Leipzig erinnern - 1989. In der THEORIE mal bei dem Philosophen Niccolò Machiavelli, dem „Denker der Krise“ (FAZ), nachfragen. Ja, bei DEM Niccolò Machiavelli, dessen Name manchmal nur hinter vorgehaltener Hand geflüstert wird. Es ist der Niccolò Machiavelli, der 1513 den Leitfaden für das AUSÜBEN DER MACHT verfasste: „Der Fürst“ (Il Principe) (10). Achtung: Weltliteratur!

Und dieser Machiavelli sagte einmal zum Thema Freiheit: „Wisst ihr denn nicht, dass keine Gewalt den Willen der Freiheit bändigt?“

Hoffnung?
Hoffnung!

Aus unserem kuschelig verschneiten Dorf grüsse ich Dich von Herzen,
Deine Lilli

PS Danke für den Buchtipp: ‚Erlebe Deine Kraft‘ von Thomas Schneider und Karl Werner Ehrhardt! Das Buch liegt schon im Koffer und freut sich mit mir auf meine nächste Lese-Reise.

3 „Nun sag, wie hast du‘s mit den Göttern?“ Eine Forschungsgeschichte zu Ps 82. Diplomarbeit von Sebastian Diez, „die am 05. Mai 2009 an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Julius-Maximilians-Universität Würzburg eingereicht wurde.“
Siehe dazu auch den Textauszug des Internet-Angebots der Deutschen Bibelgesellschaft, gemeinnützige kirchliche Stiftung öffentlichen Rechts: „Wohl habe ich gesagt: Ihr seid Götter und allzumal Söhne des Höchsten …“ http://www.die-bibel.de/online-bibeln/luther-bibel-1984/bibeltext/bibelstelle/Psalm%2082,0/
5 Religion und Medizin. Im Namen der heilenden Kraft
6 Dr. Chauncey Crandall http://chaunceycrandall.com/
Siehe auch: Free mp3 - Leonhard Cohen: Die Gedanken sind frei! http://freiklick.at/index.php?option=com_content&task=view&id=109&Itemid=61
8 Marius Müller Westernhagen: Freiheit http://www.youtube.com/watch?v=queDnG9ZeNk
10 Macchiavellis Buch vom Fürsten by Niccolò Machiavelli http://www.gutenberg.org/ebooks/39816 Siehe auch: Eine Analyse des XVII. Kapitel des "Fürsten" von Matthias Paskowsky
11 Saskia-Marjanna Schulz http://yesbusinesscoach.blogspot.de/

Sonntag, 23. Dezember 2012

Gesegnete Festtage


Foto: Saskia-Marjanna Schulz


Liebe Hochbegabte,

wir wünschen Ihnen und Ihren Lieben gesegnete Festtage.

Ab dem 20. Januar freuen wir uns wieder auf Sie.

Herzlichst 
Ihre 
Karin Rasmussen und Lilli Cremer-Altgeld 

Sonntag, 9. Dezember 2012

Das Hohelied der Begabung



Liebe Lilli,

Herzlichen Dank für Deine spannende Antwort. Ja, das sind faszinierende Themen: Moral, Gehorsam, Mut, Kraft und: Freiheit! Ich meine die Freiheit des Denkens, aber auch des Handelns. 

Der liebe alte Kant hat uns da ein Thema hinterlassen, was weit über das Verständnis seiner Zeit hinaus ging. (Von Hochbegabung war damals wahrscheinlich gar nicht die Rede, und seine Talente auszuleben hatte wohl auch nicht jeder die Chance).

Der Gedanke war von Hannah Arendt: „Wir sind auch für unseren Gehorsam verantwortlich.“ Und das ist die geniale Zusammenfassung einer der schwierigsten Aufgaben im Prozess der Persönlichkeitsentwicklung! Wie das bei Hochbegabten häufig vorkommt, zweifeln sie nämlich auch an der Notwendigkeit von Gehorsam schon sehr früh. In der Folge entwickeln sie nicht selten eine allgemeine Ablehnung von Autorität und Widerstand gegen Autoritäten.

Und schon tun sich die ersten moralischen Fragen auf: Ist Ungehorsam anständig oder unanständig? Ist jede Form von Gehorsam ein Zeichen von Verantwortungslosigkeit? Hannah Arendt sagt: „Kein Mensch hat bei Kant das Recht zu gehorchen“ (1), als wäre es ein Gut, was einem zugesprochen würde – je nach Gutdünken von wem? Wer entscheidet darüber, ob wir gehorchen dürfen, müssen, können?

Ich freue mich gelegentlich an der tiefen Weisheit des alten Volksliedes: 

Die Gedanken sind frei


Die Gedanken sind frei, 
wer kann sie erraten? 

Sie fliegen vorbei 
wie nächtliche Schatten. 
Kein Mensch kann sie wissen, 
kein Jäger erschießen 
mit Pulver und Blei. 
Die Gedanken sind frei! 

Ich denke, was ich will 
und was mich beglücket, 
doch alles in der Still', 
und wie es sich schicket. 
Mein Wunsch und Begehren 
kann niemand verwehren, 
es bleibet dabei: 
Die Gedanken sind frei! 

Und sperrt man mich ein 
im finsteren Kerker, 
ich spotte der Pein 
und menschlicher Werke; 
denn meine Gedanken 
zerreißen die Schranken 
und Mauern entzwei: 
Die Gedanken sind frei! 

Drum will ich auf immer 
den Sorgen entsagen, 
und will mich auch nimmer 
mit Grillen mehr plagen. 
Man kann ja im Herzen 
stets lachen und scherzen 
und denken dabei: 
Die Gedanken sind frei! (2)


Wenigstens das haben doch alle Philosophen gekonnt und getan, sie haben gedacht! Dass nicht jeder seine Gedanken für sich behalten hat, ist für uns heute ein großer Vorteil: Wir müssen nicht jeden Gedanken selbst neu finden, sondern können die der Vordenker auseinandernehmen – und akzeptieren oder widerlegen. Auch das ist nämlich so eine moralische Frage: Wieso glaubt ein Mensch wie Kant, ausgerechnet er könne ein Prinzip finden, das für alle Menschen gleichermaßen gilt? Ist das nicht anmaßend und somit unmoralisch? Ist er denn berufen, anderen Prinzipien zu geben? Wer hätte ihn dazu berufen können?

Arme Sophie (3) (danke Dir, liebe Lilli für den Video- Tipp), da muss sie nun für ihr Referat ausgerechnet mit ihrem persönlichen Dilemma, ihrer Liebe zu einem verheirateten Mann, als Feuerprobe für Kants Moralphilosophie herhalten. Dabei ist Liebe doch eine Naturgewalt! Und die Ehe ist es nicht – sie ist eine zivilisatorische „Errungenschaft“, zu deren Rechtfertigung ganze Gesetzbücher und Ideologien existieren.

Wie schön, wenn man darüber nur philosophieren darf und keine Lösung suchen muss! Denn für moralische Konflikte gibt es nun mal keine Lösung, die für alle Menschen gleichermaßen die  richtige oder die falsche Lösung wäre! Und zum Glück muss auch Sophie nur für sich selbst entscheiden: Verzicht oder bewusster Regelverstoß betreffen ihr Verhalten – und je nachdem wie sie sich entscheidet, wird sie entweder viel Kraft und Mut brauchen oder ziemlich viel leiden müssen. Aber immer wird das, was sie danach erlebt, auf ihre Entscheidung zurückzuführen sein. Sie wird sich selbst sagen können: Ich habe meine Entscheidung getroffen – und dazu stehe ich, auch wenn es nicht jeder versteht oder akzeptiert.

Auch mir hat die Geschichte sehr gut gefallen, denn sie zeigt durch ihre Dialoge neue Perspektiven auf und verhilft so vielleicht manchen Menschen zu mehr Weisheit.

Liebe Lilli, Du hast ja soooo Recht! Ent-Spannung setzt Kräfte frei!
Tatsächlich kenne ich auch verschiedene Varianten, sich mit Tiefenentspannung in den Alpha-Theta- Zustand der inneren Klarheit zu versetzen. Ein von mir sehr geschätzter Freund und Kollege hat mit einem Partner zusammen dazu gerade ein sehr praktisches Buch herausgebracht: Erlebe Deine Kraft. Lass Dein Unterbewusstsein für Dich arbeiten und erreiche alle Deine Ziele (4).

Das ist etwas für diejenigen, die verstehen möchten, was da passiert. Und die sicher sein möchten, dass sie nicht von jemand anderem manipuliert werden – sondern tatsächlich selbst der Kapitän ihres Lebensschiffes sind. Es ist kein Chaka – Zauber- Brimborium, sondern einfach die bewusste Nutzung des eigenen Unterbewusstseins FÜR und nicht GEGEN die eigene Natur.

Denn dort landen ja schließlich auch bei unseren Hochbegabten meist die moralischen Kraftfresser: Im Unterbewusstsein. Und der Gedächtnis-Speicher der vielen anerzogenen „Du darfst nicht“, „Man muss doch“, „Wenn nun jeder“ usw. enthält bei Hochbegabten ein ganz besonders umfangreiches Archiv von (gefälligst zu vermeidenden) Fehler- Risiken. Klar, dass einem diese Fehler bei anderen eher auffallen – aber man möchte ja auch selbst möglichst keine Fehler machen. Also lieber erst noch mal  überlegen…

Und dazu braucht man natürlich außer Zeit auch Kraft: Unser Gehirn verbraucht schon im „Ruhezustand“ (wie geht der? – es gibt keinen „OFF“- Knopf!) 20% der Energie und 50% des Sauerstoffs vom Gesamthaushalt unseres Organismus! Kein Wunder also, wenn uns auch vom Denken manchmal die Kraft ausgeht.

Wie Du hatte ich vor kurzem auch so ein wundersames Erlebnis: Ich war unterwegs zu einem Vorstellungsgespräch bei einem Konzern in Leverkusen. Wie immer klappte die Bahnverbindung nicht zuverlässig und ich musste einen Umweg mit der S-Bahn von Köln fahren. Und wie ich so frustriert aus dem Fenster schaue und versuche, keine unangenehme Stimmung aufkommen zu lassen, fährt da draußen (scheinbar) ein Plakat vorbei: Ein Mädchengesicht und ganz groß der Schriftzug: „Du bist gut!“

Ha, danke dem Erfinder! Und dem Gestalter! Und der Philosophie dahinter!
Denn das ist es, was wir uns immer wieder sagen sollten: Wir sind gut!
Das bedeutet keineswegs „besser als andere“, sondern einfach nur „gut“. Und es gelang mir, genau das zu tun, was Du vorschlägst:

„Schlagen wir dem Stress doch einfach mal ein ‚Schnippchen’! Und das tun wir in erster Linie mit einer neuen Einstellung und Haltung zu uns und unserem Leben.“

Georg Bernard Shaw mag zwar Recht haben: „Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das von sich eine schlechte Meinung hat.“ Aber es geht ja auch anders! Da der Mensch nun mal unausweichlich eine Meinung von sich selber haben muss, warum sollte dies nicht eine gute Meinung sein?

Man muss dazu nicht unbedingt eine „Größe“ sein, ein VIP oder eine exotische Berühmtheit. Die „kleinen“ Heldentaten des Alltags machen uns viel häufiger zu guten Menschen, als uns das bewusst ist.
Egal, ob wir Blut spenden, Nachhilfe-Unterricht geben oder einfach dem Kollegen aus einer verflixten Computerfalle heraushelfen – wir können so vielen andern Menschen nützlich sein. Und deshalb habe ich die Idee, Deinem Song für Hochbegabte eine weitere Strophe hinzuzufügen:

Ich war nie wirklich klein, das hab ich nur gedacht.
So wie ich bin, bin ich o.k. Die Klarheit gibt mir Kraft.
Ich mach mich nicht mehr klein, ich zeige was ich kann.
Weil es so viel zu tun gibt, pack ich es mutig an.

IQ kann dabei helfen, ich nutze was ich hab –
und gebe so das Beste für alle andern ab.
Die andern können auch sehr viel, ich nehme gerne an.
Was andere so leisten ist auch sehr gut getan

Niemand wird klein geredet – ob schön, ob jung, ob klug
Wir brauchen jeder jeden, zu tun gibt es genug.
So kann ein jeder wachsen nach seinem Potenzial
Was er für andre leistet, ist seine eigne Wahl!

(Naja, eine Dichterin wird aus mir wohl doch nicht werden)



Die Linden sind auch nachts grün




Troika mit Tausenden



Wahrheit

Fotos: Karin Rasmussen


Liebe Lilli, das Weihnachtsfest und der Jahreswechsel rücken ungestüm auf uns zu und damit ein weiterer Höhepunkt: Die Mensa-Silvesterparty in Berlin mit jetzt schon mehr als 300 Gästen aus ganz Europa (5) und zahlreichen interessanten, amüsanten, inspirierenden und: verbindenden(!) Veranstaltungen. Ich freu mich riesig! Vielleicht treffe ich sogar ein paar von unseren LeserInnen?

Und Dir wünsche ich eine besinnliche, entspannte, freudvolle Weihnachtspause. Wir werden uns wohl erst im Neuen Jahr wieder unserem Gedankenaustausch widmen. Das ist ganz gut. So können wir mal in  Ruhe Revue passieren lassen, was uns schon alles bewegt hat, Bilanz über die bisherigen Fortschritte ziehen und auswählen, was wir in unser Buch packen.

Lass es Dir also gut gehen.
Sei herzlich umarmt.
Und Danke, dass es Dich gibt.
Alles Liebe

Deine Karin

1 zit. nach: Hannah Arendt im Gespräch mit Joachim Fest. Eine Rundfunksendung aus dem Jahre 1964,
2 Volkslied, ca. 1790 bearbeitet von Hoffmann von Fallersleben, 1841 (Erstdruck 1842)