Fotos: Dr. Karin Rasmussen, Saskia-Marjanna Schulz, Alexandra Gräfin Dohna

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Sonntag, 25. November 2012

Neu: Ein frecher Song für Hochbegabte


Liebe Karin,

ich bin sehr berührt, durch Dich an den Film „Der Rat der Götter“ erinnert zu werden. Irgendwann in meiner Jugend habe ich tief betroffen davon gehört. Ein Gedanke von Hannah Arendt geht mir durch den Kopf: „Wir sind auch für unseren Gehorsam verantwortlich.“ Wiedergefunden! Danke sehr!

Du hast ja mal wieder spannendes mitgebracht zu unserem Gedankenaustausch. Da fange ich gleich mal an mit den ‚Zielen‘. Du fragst: „Welchen Zielen darf man folgen?“ Und Du fragst nach den Folgen des Handelns.  Auch mir sind diese Gedanken vertraut.

Hier in meinen Räumen gibt es den Kunstdruck von Raffael:  „Die Schule von Athen“. Der Mittelpunkt: Aristoteles – mit seiner Ethik. Neben ihm Platon - mit seinem Timaios: Ethische Organisation und ideelles Prinzip.  Davor bleibe ich hin und wieder stehen, wenn ich denke.

Als Antwort auf Deine Frage nach den ‚Folgen des Handelns‘ musste ich heute an Immanuel Kant denken. Und an seinen ‚Kategorischen Imperativ‘ (1) aus dem Jahre 1788: »Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.« Schön und gut, denke ich. Aber: Was heisst das genau?  Und was hat der Imperativ uns heute noch zu sagen?

Diese Frage stellt sich auch die Philosophie-Studentin Sophie. Sie arbeitet gerade an einem Referat über den kategorischen Imperativ. Und während sie noch liest und denkt – erscheint der Philosoph Kant persönlich (!) und beantwortet ihre Fragen zur Moralphilosophie und Ethik. Soweit die Theorie. Aber was ist mit der Praxis?

Denn so einfach ist das mit dem Imperativ auch nicht für eine Philosophie-Schülerin. Ihr Problem? Sophie ist  verliebt. In einen verheirateten Mann. Die uralte Frage: Was tun, wenn wir zwischen Pflicht und Neigung stehen? Wie soll man handeln, wenn man dem Geiste Kants folgen will?

Diese kleine Story läuft aktuell auf BR alpha und ist jederzeit im Internet (2) abrufbar: Kant, Sophie und der kategorische Imperativ.

Vielleicht denkst Du: Wenn ich Sophies Geschichte gesehen habe -  weiss ich dann, wie ich mich entscheiden soll?

Sagen wir mal so: Die Fragen und Antworten erweitern den Horizont.  Das Handikap wird klarer. Und die gewonnene Sensibilität für das Problem kann neue Erkenntnisse hervorbringen. Denken können wir doch alle selbst.

Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen. Zeigt sie durch tiefer gehende Dialoge neue Perspektiven und so eine Liebe zu den Menschen und der Weisheit.

Gleichwohl mag ich Kants Worte nicht unkritisch stehen lassen. Wenn Du Dich zu diesem Thema hingezogen fühlst, so empfehle ich auch mal einen Blick auf z. B. die Gedanken von Georg Wilhelm Friedrich Hegel (3) und Jürgen Habermas (4) zu werfen.

Auf Wiedersehen, Ihr Philosophen!

Willkommen, Herr Prof. Dr. Alltag! So sagte einer meiner Lehrer manchmal, wenn wir die Theorie verlassen haben und uns wieder dem Alltäglichen zuwenden wollten.

Ich meine jetzt die alltägliche Abwesenheit von Mut, wenn wir wieder einmal vor unserem persönlichen Glück stehen. Oder wie Du es so schön ausdrückst: „Auch ich wundere mich manchmal, warum nicht mehr Menschen den Mut finden, ihrem Herzen zu folgen und ihre Träume zu leben, nach ihrem Glück zu streben? Aber immer wenn ich darüber nachdenke, ertappe ich mich selbst. Auch ich neige dazu, mir manche Hindernisse unüberwindlich auszumalen, gewissermaßen als Rechtfertigung für mein Zögern (und meine Angst vor dem Versagen). Ich will nicht Kraft, Mut, Zeit und Geld in etwas investieren, was sich „nicht lohnt“. Dabei gibt es doch gar keine Garantie für Erfolg. Ich weiß doch genau, dass Erfolg nur eintreten kann, wenn ich es versuche. Aber …“


Ent-Spannung setzt Kräfte frei!

Kann es sein, dass es bei Deinen Gedanken nicht (nur) um Mut, sondern auch um Kraft geht? Nicht selten sind wir heutzutage so gefordert, dass wir auf Reserve fahren. Und kaum wagen wir, noch ein neues Projekt, ein neues Ziel, ins Augen zu fassen. Wissend, dass wir kaum die Kraft haben, es wirklich zu realisieren?

Ich möchte Dir dazu ein Erlebnis aus diesem Sommer erzählen: Während meiner Reise durch Deutschland landete ich auch in einem Kloster. Bücher über Bücher und die schönste Musik durfte ich bestaunen. Magisch angezogen fühlte ich mich von einer CD: „Tiefenentspannung! Von Nicolaus Klein.“ (5) Hurra! Ein weiteres Stück für meine Sammlung. Zu Hause probierte ich die Meditation gleich aus und war sehr angenehm überrascht. Ein neues Wohlgefühl begann sich einzustellen. Nach ein paar Tagen wollte ich nicht mehr auf diese Tiefenentspannung verzichten. Ich hatte das Gefühl: Hier gibt es nicht nur Entspannung. Diese CD ist auch eine Krafttankstelle. Heute gehört die Meditation zu meinen Top Ten.

Was zeichnet diese Tiefenentspannung besonders aus? Meine Coachees sprechen von der angenehmen Stimme des Autors. Und sie sagen, dass sie nach der Meditation eine grössere Leichtigkeit empfinden. Mehr Stabilität und Harmonie. Einer spricht von Befreiung, von abnehmender Angst. Insgesamt erleben die Menschen, dass die Tatkraft (!) gewachsen ist.

Jeder Mensch reagiert anders auf Tiefenentspannung. Und manche mögen sich gar nicht entspannen. Doch bei dieser Meditation habe ich bisher nur positive Rückmeldungen bekommen. Es könnte sein, dass sich die CD zu einem Geheimtipp entwickelt. Besonders jetzt im Advent, in der Zeit zunehmender Strapazen.  Jetzt, wo die Belastungen schon mal die Macht über uns übernehmen.

Wollen wir das zulassen?

Schlagen wir dem Stress doch einfach mal ein „Schnippchen“! Und das tun wir in erster Linie mit einer neuen Einstellung und Haltung zu uns und unserem Leben. Zum Beispiel mit der Haltung: „Es geht mir von Tag zu Tag immer besser und besser.“  Und/oder: „Ich habe Mut, mir geht es gut!“ Und/oder: „In mir sind Ruhe und Gelassenheit und der Friede Gottes durchströmt mich.“

Manchmal geht es auf dem Weg zur eigenen Grösse – zum eigenen Glück -  auch um Handicaps, die ziemlich blöd auf der Strecke liegen. Wie etwa: „Ich bin nicht gut genug – und deshalb habe ich nichts Gutes verdient.“ So kultivieren wir Schuld, Selbstzweifel, Selbstverleugnung.  Georg Bernard Shaw bringt es auf den Punkt: „Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das von sich eine schlechte Meinung hat.“

Wie können wir für unser Glück kämpfen, für unsere Grösse, wenn uns Liebe, Achtung und der Respekt für uns selbst fehlen? Gut, wir können lernen, uns zu lieben und zu achten.

Eine weitere Lösung?

Ich habe erlebt, dass Menschen, die sich für andere einsetzen, über sich selbst hinauswachsen. Ob für den Mann – die Frau – die Kinder, für Freunde oder für Menschen, für die sie Verantwortung übernommen haben.  Dieser Einsatz kann Kräfte freisetzen, die wir selbst nicht für möglich gehalten haben. Und mit dieser Liebe kann sich ein Engagement entwickeln, das uns selbst zu einer neuen Dynamik führt.

Geht es nur mir so oder zeichnet sich da ein Trend ab? Ich sehe zunehmend Menschen, die sich für andere Menschen einsetzen. Wenn sie interviewt werden, wirken sie stark, zufrieden und von ihrem Leben erfüllt. Indem ich gut zu den anderen bin – bin ich gut zu mir?

Die Grössen, die ich in meinem Leben interviewen durfte, wirkten überwiegend zufrieden mit sich und ihrem Leben. Und ausnahmslos setzten sie sich für andere Menschen ein. Das war für sie ganz einfach selbstverständlich. Auch so wuchsen sie über sich selbst hinaus. Edel-Mut macht mutig?

Ganz besondere Menschen, von denen ich vor kurzem hören durfte, sind die tibetischen Mönche aus Mustang: Abt Kunga Tenzin und Lama Tsering Tashi. Sie besuchen alle zwei Jahre Alters- und Pflegeeinrichtungen in der Schweiz und Süddeutschland. Mit Hingabe zaubern sie für die alten und kranken Menschen sowie für die Besucher ein Medizinbuddha Sandmandala. Der Erlös der Spenden, die sie erhalten, trägt zum Fortbestand der Klosterschule in Lo-Manthang bei (6). Meine Kollegin, Saskia-Marjanna Schulz (7), hat die Mönche begleitet und die schönen Fotos mitgebracht.






Fotos: Saskia-Marjanna Schulz

Liebe Karin, ich wünsche Dir eine fröhliche Adventszeit. Mögen Dir Kipferln, Printen und Makronen gut munden. Und ich wünsche Dir eine kraftvolle Zeit: für Deine Pläne, Ziele und einfach zum Vergnügen!

Und einfach so zum Vergnügen stelle ich Dir vor: meinen ersten Song für Hochbegabte:


130 ist die Zauberzahl                                   

1                                                     
Sie ist nicht wirklich schön,                       
Sagt die Mutter:                             
Die Füsse sind zu gross.                           
Und ihr Haar ist zu dünn.                         

Kein richtiges Mädchen,                  
Meint der Vater:                              
Nicht mal kochen kann sie.                       
So kriegt sie keinen Mann.                       

Die haben mich immer klein gemacht.                
Haben mich immer nur ausgelacht.           
Ha, ha, ha, ha, ha.                                    


2                                                    
Ich bin nicht wirklich schön,                     
Sagt die Mutter:                             
Meine Füsse – zu gross.                           
Und mein Haar ist zu dünn.                      

Kein richtiges Mädchen,                  
Meint der Vater:                              
Nicht mal kochen kann ich.                       
So krieg ich keinen Mann.                        

Ich hab‘ mich immer klein gemacht.          
Die haben mich immer ausgelacht.                                       
Ha, ha, ha, ha, ha.

                          
3                                                     
Bin nur der Bücherwurm,                          
So denke ich:                                           
Mathe, Physik, Chemie.                            
Hilbert  und die Curie.                              

Zahlen sind meine Welt,                  
Wird mir jetzt klar:                                   
Chi-Quadrat-Verteilung –                         
Damit lebe ich auf!                                   

Ich hab‘ mich immer klein gemacht.          
Die haben mich immer ausgelacht.                                                 
Ha, ha, ha, ha, ha.


4
Meine Welt ist anders,
aber OK:
Ich liebe die Zahlen.
Ja: Und sie lieben mich.

Zahlen können helfen,
das weiss ich ja:
Sie werden mich befrei’n.
Hab‘ Mut! Mach‘ jetzt den Test!

Ich hab‘ mich immer klein gemacht.
Damit wird jetzt aber Schluss gemacht!
Ha, ha, ha, ha, ha.


5
Du bist ja wirklich klug,
Ruft der Tester:
Du hast 130.
Intelligenzquotient!

Hochbegabt! Hochbegabt!
Ich wusste es!
Ich bin hochbegabt! Und
Nicht allein auf der Welt!

130 ist die Zauberzahl.
Ha! Mein Traum beginnt – ich hab‘ die Wahl!
Ha, ha, ha, ha, ha.


Alles Liebe,
Deine Lilli





3 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich:  Aufsätze aus dem Kritischen Journal der Philosophie. Bd. 2, S. 463.

4 Habermas, Jürgen: Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln, S. 77.

5 Klein, Nicolaus: Meditative Tiefenentspannung (CD) http://www.nicolaus-klein.com/Publikationen.htm

6 Schulverein Lo-Manthang www.lo-manthang.ch

7 Saskia-Marjanna Schulz http://yesbusinesscoach.blogspot.de/

Sonntag, 11. November 2012

Der Rat der Götter oder: Goethe


Liebe Lilli,

hab ganz herzlichen Dank für Deine Antwort mit den vielen Anregungen und den wunderbaren Zitaten! Es ist einfach toll, immer wieder Beispiele berühmter Denker zu entdecken, in denen die kompliziertesten Zusammenhänge in klare und überzeugende Worte gefasst sind.

Deine Lösung: Du fragst Zeus (und sicher oft auch andere), wenn Du mehr Fragen als Antworten im Kopf hast. Mir fiel dazu spontan ein mehrfach preisgekrönter Film aus meiner Jugend  ein (1). In diesem Film wird – wahrscheinlich unbeabsichtigt – ein Problem vieler Hochbegabter analysiert. Welchen Zielen darf man folgen? Kann man andere für die Folgen des eigenen Handelns verantwortlich machen?  Es geht in diesem Film um die historische Schuld und die Rechtfertigung dieser Schuld aus „Befehlsnotstand“.

Was das mit Hochbegabten zu tun hat? Nun, wir wissen, dass Hochbegabte oft ein stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsbewusstsein und ein tief verankertes Gewissen haben. Sie wollen keinem wissentlich schaden, sondern immer „anständig“ handeln. Da sie gleichzeitig aber wissen, dass sie nie alle Folgen ihres Handelns voraussehen können (und nicht sicher sind, nur anständigen Zielen zu folgen bzw. anständigen „Herren zu dienen“), wissen sie oft auch nicht, wie sie handeln können. Sie haben gewissermaßen Furcht vor sich selbst: Furcht, der Verantwortung nicht gerecht werden zu können, unwissentlich Schuld auf sich zu laden, für andere unverständliche und deshalb unbeherrschbare Risiken zu erzeugen. Du zitierst den US-amerikanische Philosophen Ralph Waldo Emerson: „Furcht besiegt mehr Menschen als irgendetwas anderes auf der Welt.“. In diesem Sinne besiegen Hochbegabte sich manchmal selbst, wenn sie glauben, dass es für sie keine Hilfe gibt.
Deshalb nehmen sie meist auch nicht wie Millionen anderer Menschen Woche für Woche am (scheinbar unanständigen) Glücksspiel teil – obwohl sie damit kaum jemandem schaden würden. Stattdessen versuchen sie lieber, vernünftige und anständige Lösungen für die Probleme der anderen zu finden. Du weißt schon, ich meine die „Klugscheißer und Besserwisser“ unter uns, denn denen erscheinen die Probleme der Anderen nun mal lösbarer als ihre eigenen.

Doch wie Du richtig schreibst: Würden Hochbegabte alles wissen und können, würden wir uns sicher nicht so lange über sie unterhalten. Und uns ihre Probleme, Nöte und Sorgen zu Herzen nehmen. Und stetig darauf hinweisen, dass auch ihnen geholfen werden kann. Denn sie haben nun mal Probleme, Nöte und Sorgen, meist mit sich selbst. Ein Thema, welches in diesem Zusammenhang immer wieder auftaucht, ist die von Dir so schön knapp formulierte Frage: Wenn ich meine Begabung erkannt habe – was mache ich dann? Weitermachen wie bisher? Wohl kaum! Veränderungen müssen her! Welche? Wie? Reformen? Oder Revolutionen?

Und das ist auch der Kern der Hilfe, die hier gebraucht wird: 1. Mut und 2. Fragetechniken. Also Gedanken sortieren, Fragen stellen und auswerten. Und aus den Antworten neue Fragen ableiten.  Fragen, die man Zeus, Goethe oder anderen Vorbildern im stillen Zwiegespräch stellen kann, aber auch direkt ganz „normalen“ Menschen oder per Internet dem geballten Wissen der Menschheit. Coaching ist allerdings anders als Beratung und Therapie: Unsere Hilfe besteht eben gerade nicht darin, dass wir unseren Coachees sagen, „was sie ändern sollen.“ Genau das wollen Hochbegabte ja selbst herausfinden. Und damit die Verantwortung für ihre Änderungen auch selbst behalten. Sie wollen und können im Coaching eigene Antworten auf ihre Fragen finden – oder herausfinden, welche Fragen zu stellen sind. Das Beispiel Deiner wiedergefundenen Malerin ist einfach wunderbar: Nachdem sie ihren stärksten Traum erkannt hatte, konnte sie sich konkretere Fragen stellen. Wie komme ich nach Amerika, um dort malen zu können. Was brauche ich an Kontakten, wer kann mir mit Informationen helfen, was kostet es, wo werde ich wohnen usw. - also alles beantwortbare Fragen. Fragen, die man mit etwas Hilfe von anderen lösen kann und deren Antworten den Entschluss zum Handeln erleichtern. Das heißt nicht: es leicht machen! Aber auch hier stimmt Dein wunderbares Zitat von Lucius Annaeus Seneca: „Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.“

Auch ich wundere mich manchmal, warum nicht mehr Menschen den Mut finden, ihrem Herzen zu folgen und ihre Träume zu leben, nach ihrem Glück zu streben? Aber immer wenn ich darüber nachdenke, ertappe ich mich selbst. Auch ich neige dazu, mir manche Hindernisse unüberwindlich auszumalen, gewissermaßen als Rechtfertigung für mein Zögern (und meine Angst vor dem Versagen). Ich will nicht Kraft, Mut, Zeit und Geld in etwas investieren, was sich „nicht lohnt“. Dabei gibt es doch gar keine Garantie für Erfolg. Ich weiß doch genau, dass Erfolg nur eintreten kann, wenn ich es versuche. Aber …

Meine „Aber“ sind häufig gewisse Risiken des Glücks: Neid, Missgunst, eventuell sogar Mobbing. Noch häufiger aber ist es ein Gefühl der Ungerechtigkeit: Es gibt doch so viele, denen es viel schlechter geht als mir. Viel zu viele! Mir geht es doch eigentlich gut! Habe ich das Recht, nach noch mehr Glück zu streben, als ich schon habe? Kann ich nicht mit meinem „kleinen Glück“ (wie demagogisch!) zufrieden sein? Ich will doch, dass alle glücklich sind. Wenigstens will ich nicht am Unglück der Anderen Schuld sein. Und wer Grund hat, mich zu beneiden, ist der nicht unglücklich durch mich?

Aha, ertappt! So viel Macht habe ich gar nicht. Wer mich beneidet, tut dies nicht durch mich und wegen mir! Und eigentlich ist es auch gar kein schlechtes Gefühl, beneidet zu werden. Aber es ist lästig, mancher wird da schon sehr unangenehm. Doch heißt Glück, allen Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu gehen? Nein, sicher nicht. Im Gegenteil – in der Überwindung dieser Furcht und in der Anstrengung für das eigene Glück liegt nicht nur die Chance auf Erfolg. Es ist an sich schon ein Erfolg! Der Mut, sich selbst zu überwinden. Und auch zu akzeptieren, dass nicht jeder andere glücklich darüber ist. Vielleicht kann das ja sogar anderen helfen, ihrerseits die Furcht vor sich selbst zu überwinden.  „Furcht besiegt mehr Menschen als irgendetwas anderes auf der Welt.“ Ich danke Dir sehr für dieses Zitat – und denke dabei auch an so manche meiner Coachees, welche die Schuld an ihrem Un-Glück bisher bei anderen suchten.

Liebe Lilli, Du ziehst Bilanz über 24 Mails in einem Jahr und über unsere Themen Bescheidenheit, Fairness, Respekt, Forschung, Wunder, Selbstkritik, Selbstzweifel, Small Talk, Unwissenheit, Erfolg, Freiheit, Realitätssinn, Rettung und Träume. Ich freue mich sehr, dass aus dieser Mail-Sammlung ein Buch werden wird. Und dann jedes Jahr ein weiteres hinzu kommt. Auch ich hoffe, es erinnert viele Menschen daran, dass Träume wahr werden können. Natürlich wird durch unseren Gedankenaustausch und die daraus entstehenden Bücher allein niemand glücklich werden – wie hochbegabt die Leser auch immer sein mögen. Aber sie können ermutigt werden. Denn auch Hochbegabte brauchen Mut. Mut für „Fehler“, aus denen sie schnell und nachhaltig lernen werden. Mut für Fragen, denn sie können und müssen nicht alles wissen (vor allem nicht vorher). Mut zum Risiko, denn auch sie haben keine Garantie für Erfolg und es wird ihnen nichts geschenkt. Und wir können ihnen helfen, die richtigen Fragen zu finden und die Suche nach den Antworten zu erleichtern im Sinne von Aristoteles: „Wer Erfolg haben will, muss die richtigen, vorbereiteten Fragen stellen.“ Also Mut zur Selbsthilfe in einem Netzwerk kluger Menschen. Und das ganz besonders dann, wenn sie mal wieder glauben, es ginge nicht weiter!

„Wenn die anderen glauben, man ist am Ende, dann muss man erst richtig anfangen!“ Konrad Adenauer

Wir machen auch weiter! Unser Gedankenaustausch ist schon jetzt  für viele unserer LeserInnen Ermutigung und Anregung, in ihrem Leben etwas in Richtung Glück zu ändern. Mit unserem ersten Buch (und allen folgenden) können sie diese Ermutigung vertiefen und weitertragen. Denn auch andere Menschen brauche Hilfe, der Weg zum Glück ist nicht leicht. Mancher fühlt sich dafür nicht stark genug. Siehe Dein Goethe-Zitat „Vor andern fühl ich mich so klein, Ich werde stets verlegen sein.“

Und doch verdanken wir Goethe unter anderem den „Faust“ (Mein Lieblings- Goethe!) mit seinem uns so vertrauten Streben nach Wissen, seinen Gewissensnöten, dem Selbstzweifel und menschlichen Schwächen und der ewigen Frage „was die Welt im Innersten zusammen hält“. Lass sie uns weiter ermutigen. Ich bin ganz sicher, dass mancher Hochbegabte wie Goethe auch, trotz eigener Verlegenheit Großartiges vollbringt.

Was keiner wagt, das sollt ihr wagen
was keiner sagt, das sagt heraus
was keiner denkt, das wagt zu denken
was keiner anfängt, das führt aus. (aus: Der Zauberlehrling, Johann Wolfgang von Goethe)

In diesem Sinne grüße ich Dich ganz herzlich und wünsche Dir
eine karnevalsfreie Zone für Deinen Geist
Deine Karin


Sonntag, 28. Oktober 2012

Lunch mit Zeus


Liebe Karin,

gestern war es mal wieder soweit: Ich traf Zeus zum Lunch. Das mache ich manchmal, wenn es mehr Fragen als Antworten in meinem Kopf gibt. Dann ziehe ich mich in der Mittagspause zurück ins Abenteuerland Hochbegabung. Treffe Zeus. Und nasche an der Götterspeise, während er meine Fragen beleuchtet.

Es ist nicht so, dass er einfach meine Fragen beantwortet. Es ist so als würde er mir eine Schnitzeljagd-Aufgabe mit auf den Weg geben.

Gestern war ein Freudentag!
Gestern habe ich Dank Zeus‘ Hilfe endlich eine hochbegabte Künstlerin wiedergefunden, die ich aus den Augen verloren hatte.
Gestern dachte ich: Die Welt kann zauberhaft sein  – einfach so beim Lunch mit Zeus. Dem Gott der griechischen Mythologie.

Und so musste ich sehr schmunzeln als ich Deine Zeilen las: „Ich gestehe, Du hast mich mit Deinem Zitat „Herr, gib mir die Kraft, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, die Gelassenheit, das Unabänderliche zu ertragen und die Weisheit, zwischen diesen beiden Dingen die rechte Unterscheidung zu treffen“ des Franz von Assisi genau im richtigen Moment „erwischt“.“

Ich bin sehr beeindruckt, dass es Dir möglich ist, Dir helfen zu lassen: „Manchmal muss auch ich – so wie es Anselm Bilgri empfiehlt (1), zu diesem Stoßgebet Zuflucht nehmen.“

Liebe Karin, ebenso wie Du bin ich der Meinung: „… trotz Unmengen an Büchern – von wissenschaftlich bis Ratgeber- Banalitäten  - gibt es scheinbar seit Jahrtausenden auf die Frage nach dem ICH keine endgültige Antwort.“ Wie ich Dir danke für Dein Geständnis!

Und was ist die Folge davon, dass wir keine Antworten haben, die uns allen bekannt sind? Die wir alle in der Schule gelernt haben? Der US-amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson hat einmal gesagt: „Furcht besiegt mehr Menschen als irgendetwas anderes auf der Welt.“.

Ich frage Dich: Warum lassen sich so wenig Menschen helfen? Weil sie glauben, dass sie Hilfe nicht „verdient“ haben? Oder: Weil sie denken, dass es für sie keine Hilfe gibt? OK. Aber: Warum nehmen dann Millionen Menschen Woche für Woche am Glücksspiel teil?

Bei den hochbegabten Menschen sieht es ja etwas anders aus: Sie denken, dass sie alles allein machen MÜSSEN – frei nach dem Motto: Ein hochbegabter Mensch weiss und kann ALLES.

Wie traurig.

Dabei wissen wir längst, dass dieser Gedanke eine reine Erfindung ist. Würden Hochbegabte alles wissen und können, würden wir uns sicher nicht so lange über sie unterhalten. Und uns ihre Probleme, Nöte und Sorgen zu Herzen nehmen. Und stetig darauf hinweisen, dass auch ihnen geholfen werden kann. Wenn sie es denn zulassen.

Manchmal, ganz selten, gibt es Lichtblicke. Da erkennen Menschen mit einem hohen IQ, dass ihr Leben besser laufen könnte, wenn sie etwas ändern. UND SIE WERDEN AKTIV!

Vor vielen Jahren habe ich einmal einen solchen Freudentag erlebt. Irgendwo an einem Meer hatten wir uns am Morgen die Köpfe heiss geredet bei der Diskussion: Wenn ich meine Begabung erkannt habe – was mache ich dann?

Es war mein ‚Seminar speziell für Frauen‘ und wir hatten alles so geplant, dass wir Urlaub mit Coaching verbinden konnten. Mit Hilfe eines Datenerhebungsverfahrens und der modernen Technik lagen an diesem Vormittag alle Begabungsanalysen – noch verschlossen in einem Umschlag - auf dem Tisch. Und nun wurde es ganz still. Die Ladies öffneten ihre Umschläge. Schreie, Lachen, Freudentränen. Alle – aber auch alle – hatten sich unterschätzt. Und durften nun beglückt feststellen, welchen Reichtum sie in ihrem Kopf und ihrem Herzen trugen.

Irgendwann an diesem Morgen kam dann die Frage: Was mache ich jetzt mit meiner Begabung? Weitermachen wie bisher? Wohl kaum! Veränderungen müssen her! Welche? Wie? Reformen? Oder Revolutionen?

Eine Beamtin aus Norddeutschland war so überwältigt von ihrem Ergebnis, dass sie zu einer echten Revolution bereit war. (2) Aber wie bitte geht Revolution?

Gemeinsam entschieden wir noch einen Kurs im Seminar einzulegen. Technik und Methoden: Von der Theorie zur Praxis.

Du ahnst schon die Themen:

1. Mut
2. Fragetechniken.

Gedanken sortieren, Fragen stellen und auswerten gehört zum Alltagsgeschehen von Journalisten und Wissenschaftlern. Es ist das Handwerkszeug. Wie Köche ihre Messer und Pfannen benutzen. Handwerker ihren Schraubenzieher oder Künstler den Pinsel gebrauchen. Banal aber wahr: Wer es gelernt hat, hat es leichter.

Während wir in unserer Kindheit und Jugend mehr oder weniger kochen gelernt haben und auch Pinsel und Schraubenzieher uns nicht wirklich fremd sind, tun wir uns mit dem Fragenstellen schon etwas schwerer. Während uns das „Fach“ MUT (in Philosophie oder Religion oder in Politik) bekannt  sein dürfte – haben wir „Fragetechniken“ eher selten gelernt. Wozu auch?

Ganz einfach: um das zu erhalten, was wir sein oder haben wollen. Alphatiere sind damit auf die Welt gekommen. Die anderen haben es lernen dürfen. Wie wir an diesem Nachmittag im Seminar. 

Für die  Beamtin aus dem Norden der Republik war das Fragen keine Frage. Das konnte sie schon. Aber mit dem Mut fühlte sie sich noch nicht ganz per Du. Es half, ihr vor Augen zu führen, was das Ergebnis schwarz auf weiss ausgedruckt hatte – und wonach ihr Herz schon ihr ganzes Leben rief: Auf nach Amerika, Mädchen! Malen!

Ein halbes Jahr später erhielt ich eine Postkarte (dass es so etwas noch gibt: eine „Postkarte“): Bin umgezogen. Hab den Himmel auf Erden. Grüsse aus NY!

Wenn ich bedenke, dass hier ein Mensch zwanzig Jahren mit einem weinenden Herzen sich das Lebensglück versagt hat und dann nach einem Sommer-Seminar sein Leben auf den Kopf stellt: Auswandert und es „Himmel auf Erden“ nennt. Dann frage ich mich: Warum fragen nicht mehr Menschen nach ihrem Glück? Warum lassen sie ihr Herz verrosten? (Mit ihrem Auto würden sie das nicht tun!)

 „Furcht besiegt mehr Menschen als irgendetwas anderes auf der Welt.“

Was können WIR tun?

Ach, Karin, ich finde es so wundervoll, dass Du fragen kannst. Und bitten. Und so offen bist für Veränderungen.

Lass uns Bilanz ziehen: Mit dieser Mail  haben wir eine Epoche beendet. Die Epoche von 24 Mails in einem Jahr – 12 Mails von Dir – 12 von mir. Wir haben vor allem diskutiert über Bescheidenheit, Fairness, Respekt, Forschung, Wunder, Selbstkritik, Selbstzweifel, Small Talk, Unwissenheit, Erfolg, Freiheit, Realitätssinn, Rettung und Träume. Im nächsten Jahr wird aus dieser Mail-Sammlung ein Buch werden. Und dann kommt jedes Jahr ein weiteres hinzu.

Auch in der Hoffnung, dass Menschen diese Seiten in die Hand nehmen und sich daran erinnern, dass Träume wahr werden können. Dass neben diesem Satz: „Furcht besiegt mehr Menschen als irgendetwas anderes auf der Welt.“ weitere Sätze lebendig bleiben:


  • Wenn die anderen glauben, man ist am Ende, dann muss man erst richtig anfangen! Konrad Adenauer


  • Wer Erfolg haben will, muss die richtigen, vorbereiteten Fragen stellen. Aristoteles


  • Bewegt man sich zuversichtlich in die Richtung seiner Träume und strebt danach, das Leben zu führen, das man sich vorstellt, erlebt man Erfolge, die man nicht erwartet hat. Henry David Thoreau


  • Eine Weltkarte, die das Land Utopia nicht enthielte, verdiente diesen Namen nicht, denn in ihr fehlte das einzige Land, in dem die Menschheit immer landet. Oscar Wilde


  • Das Geheimnis des Erfolgs? Anders sein als die anderen. Woody Allen (Naja, das sind sie schon, die Hochbegabten. Tragen sie allein deshalb das Geheimnis eines Erfolges in sich?)


Für mich ist es eine grosse Freude, die hochbegabte Künstlerin in der ganz realen Welt wieder gefunden zu haben! Denn mit ihrer Hilfe werden manche meiner Arbeiten leichter. Zuerst habe ich alleine versucht, sie zu finden. Ohne Erfolg. Doch dann kam mir der Gedanke, Zeus um Hilfe zu bitten.

Ich danke Zeus für diese Begegnung. Andere Menschen mögen andere Wesen haben, denen sie vertrauen und die ihnen helfen, ihre Wünsche und Träume wahr werden zu lassen: Gott, die Jungfrau Maria, Jesus, Buddha … AMMA oder die Nachbarin von gegenüber. Manche Menschen werden von ihren Tieren geführt oder motiviert. Von Lichtwesen, Heiligen oder Bäumen.

Menschen brauche Hilfe. Denn der Weg auf Erden ist nicht immer leicht. Doch hier dürfen wir weiterdenken – wie es schon Lucius Annaeus Seneca getan hat: „Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.“

Schwer vorstellbar – aber Johann Wolfgang von Goethe soll einmal gesagt haben: „Vor andern fühl ich mich so klein, Ich werde stets verlegen sein.“
Wie wir wissen, konnte Goethe Hilfe annehmen. In ganz realen Gesprächen oder Briefwechsel mit anderen Menschen. Oder mental, wenn er sich z. B. mit Shakespeare unterhielt.

Und mit seinem Wissen kann er – Goethe – uns heute noch helfen: „In dem Moment, wo du dich einer Sache wirklich verschreibst, rückt der Himmel in deine Reichweite.“

Den „Himmel“ erreichte die Beamtin in New York. Mögest Du den Himmel in Berlin besonders köstlich erleben. Und wie im Film „Der Himmel über Berlin“ mögest Du den Menschen neuen Lebensmut einflössen. DU KANNST DAS!

Auf eine neue Epoche!

Grüsse von Zeus und mir,
Deine Lilli



Sonntag, 14. Oktober 2012

Ich gestehe


Liebe Lilli,

herzlichen Dank für Deine inspirierende Antwort! Trotz Deiner knappen Zeit hast Du mir wieder  wunderbare Anregungen  zum Lesen gegeben. Und:

Ich gestehe, Du hast mich mit Deinem Zitat „Herr, gib mir die Kraft, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, die Gelassenheit, das Unabänderliche zu ertragen und die Weisheit, zwischen diesen beiden Dingen die rechte Unterscheidung zu treffen“ des Franz von Assisi genau im richtigen Moment „erwischt“. Manchmal muss auch ich – so wie es Anselm Bilgri empfiehlt (1), zu diesem Stoßgebet Zuflucht nehmen. Denn trotz Unmengen an Büchern – von wissenschaftlich bis Ratgeber- Banalitäten  - gibt es scheinbar seit Jahrtausenden auf die Frage nach dem ICH keine endgültige Antwort. Die wird es auch wahrscheinlich gar nicht geben, weil ja unser Gehirn immer wieder alles was wir erleben neu bewertet, also auch ständig ein neues Selbstbild schafft. Und was wir denken, wird eben immer auch von unseren Emotionen bestimmt.

Wenn ich z. B. in einem dreistündigen Vortrag nichts wirklich Neues erfahre, dann fange ich schon nach kurzer Zeit an, meiner Frustration zu folgen und den Referenten in Gedanken zu kritisieren, zu korrigieren oder sogar abzuwerten. Dann habe ich ein Fremdbild von ihm für mich geschaffen – und Fremdbilder sind leider viel stabiler als Selbstbilder. Er wird es also in Zukunft sehr viel schwerer haben, meine Anerkennung zu gewinnen. Selbst wenn ich mich bemühe, Entschuldigungen für ihn (oder besser: für diesen einen mangelhaften Auftritt) zu finden, ist doch die Erinnerung daran immer mit dem unguten Gefühl verbunden, dass es für mich vergeudete Zeit war. Und es würde noch schlimmer werden, wenn ich sofort meinem inneren Impuls nachgeben und meine Kritik laut äußern würde. Dann wäre ich trotzdem frustriert – und er wahrscheinlich auch: Ich hätte ihn vorgeführt, sein Image beschädigt und vielleicht sogar dafür gesorgt, dass der weitere Verlauf seines Vortrages noch mangelhafter ausfiele oder auch andere Zuhörer jetzt frustriert wären.

Ich gestehe, auch mein Denken wird von Emotionen gesteuert. Schon die Wahrnehmung unterliegt diesem Filter – weil unser Gehirn gar nicht trennen kann, es nimmt immer gleichzeitig Fakten und Gefühle „wahr“. Insofern können Emotionen auch gar nicht falsch sein, denn die Wahrnehmung macht Erlebtes für uns zur Wahrheit. Mag sein, dass mancher darin eine Schwäche sieht. Ich nicht! Ich glaube, es ist wohlfeil, den Menschen „Schwächen“ zu bescheinigen, und diese so zusammen zu fassen.

Wer entscheidet denn, was eine Schwäche ist? Letztendlich doch nur wir selbst, wenn wir uns die Schuld dafür geben etwas nicht geschafft zu haben, was anderen (scheinbar) gelingt. Vielleicht haben die anderen Zuhörer den Vortrag gar nicht als mangelhaft wahrgenommen, also auch gar keinen Grund zur Kritik und damit zur Zurückhaltung. Vielleicht müssen sie sich gar nicht bemühen, „Dinge zu ertragen die sie nicht ändern können“ (denn der Vortrag würde ja durch Kritik nicht besser und bleibt gerade deshalb schwer erträglich)? Vielleicht ist meine Schwäche, meine enttäuschte Erwartung nur mit Anstrengung ertragen zu können, gerade deshalb für andere gar nicht nachvollziehbar. Und vielleicht ist das, was ich dem Referenten gern als „Schwäche“ angekreidet hätte, gar keine?

Du fragst Dich vielleicht, warum mich das so beschäftigt. Nun, es ist eine Erfahrung, die ich mit vielen Hochbegabten teile: Der innere Wunsch, Dinge richtig zu stellen, andere zu korrigieren oder zu kritisieren, entspringt oft nicht nur einem besseren Wissen, sondern auch einer guten Absicht. Wir wollen helfen, optimieren, aufklären, weiterbilden. Das ist doch eine gute Absicht? Warum ist dann die Wirkung häufig weniger gut? Klar, wir haben den anderen verletzt. Obwohl wir das gar nicht wollten, fühlt er/sie sich vorgeführt, blamiert, angegriffen. Und er/sie zweifelt an unserer guten Absicht, denn der Nutzen unserer Kritik ist nicht sofort erkennbar. Besonders dann nicht, wenn wir in unseren Äußerungen auch gleich noch unsere Emotionen mit verpacken.
Ein aggressiver oder herablassender Ton oder Blick, eine belehrende Geste – und schon haben wir trotz bester Absicht Schaden angerichtet. Und das Paradox dabei: Wenn jemand mit uns so umgeht, empfinden wir selbst es auch genau so. Wir sind verletzt und frustriert. Und vergessen dabei völlig, dass auch der andere in diesem Moment überzeugt ist, es „besser zu wissen“.

Ich gestehe, es fällt mir immer noch schwer, nur auf jene Fragen zu antworten, die gestellt werden. Ich weiß so viel mehr, als gefragt wird. Und ich bin so überzeugt, dass meine Antworten helfen würden – wenn nur einer fragen würde! Aber: Wer oder was stellt uns Ziele? Woher können wir wissen, was wir fragen sollen?

Mich freut die besonders gute Nachricht von Peter Olsson: „Jeder Mensch hat ein besonderes Talent.“ (2)  Und natürlich dürfen sich darüber auch die Hochbegabten freuen. Was Sven Henkel von der Universität St. Gallen (3) sagt, ist wohl der Schlüssel für vielfältige Lösungen:
„Jeder hat aufgrund seiner Anlagen das Potenzial, in ausgewählten Bereichen Außergewöhnliches zu leisten.“ Und wenn er empfiehlt: „ Darum solltest du deine Kompetenzen kennen, auf sie setzen und sie gezielt ausbauen“ – dann muss man sich bewusst machen, dass bei den Hochbegabten die außergewöhnlichen Leistungen eben im Bereich des Denkens (nicht des Wissens!) zu erwarten sind. Denn genau das ist ihr besonderes Talent. Sie können besonders gut, nämlich kompetent, zweifeln. Sie können Widersprüche ebenso gut erkennen wie Muster. Sie sind schnell im Wahrnehmen und schaffen es dabei besonders gut, komplexe Zusammenhänge zu erfassen. Sie können zwar auf viele Fragen antworten, aber noch besser können sie Fragen stellen. Hinterfragen, was als sicher angenommen wird.

Ich gestehe, ich weiß nicht wirklich, ob es in unseren Unternehmen schon die Funktion des hauptamtlichen Fragestellers gibt. Und Forschungsprozesse orientieren sich wahrscheinlich auch eher an erkannten praktischen Problemen als an spannenden Fragen (im Umkehrschluss ist natürlich jedes ungelöste Problem eine spannende Frage – nur gibt es noch viel mehr spannende Fragen, zu denen wir noch gar kein Problem erkannt haben und jede Lösung wirft bekanntlich neue Probleme auf, die spannende Fragen enthalten).  Also sind selbst hochbegabte Forscher immer wieder gezwungen, das oben zitierte Stoßgebet in die Welt zu schicken – denn die Kraft, Dinge zu ändern ist ziemlich ungleich verteilt.

Ich gestehe, ich wünsche mir sehr häufig mehr Verbündete, die den Wert des „reinen“ Denkens zu schätzen wissen, auch wenn ein unmittelbarer praktischer Nutzen nicht sofort erkennbar ist. Die Spaß daran haben, in Gedankenspielen eine „bessere“ Welt nicht nur zu wünschen, sondern zu bauen. Und das nicht in der virtuellen Welt, sondern in der realen! In meinem Workshop „Hochbegabung verstehen - Was ist anders im hochbegabten Gehirn?“ ist deutlich geworden, dass ich mit diesem Wunsch nicht alleine bin. Die Teilnehmer an diesem Workshop haben mit ihren Erfahrungsberichten bestätigt:  beim Denken sollte möglichst selten Angst, Langeweile oder Frust aufkommen – Neugier, Spaß, auch Ärger über Unzulänglichkeiten können viel besser Optimismus und Kreativität auslösen und zur Erschließung der besonderen Talente von Hochbegabten führen. Und dann wächst bestimmt auch das Netzwerk mit anderen Talenten zusammen, mit Ingenieuren, Handwerkern, Künstlern, Organisatoren, Forschern oder Archivaren – eben mit den vielfältigen besonderen Talenten der Anderen. Dann müssen wir uns nicht mehr gegenseitig kritisieren und korrigieren, weil irgendjemand die Erwartungen einer „normalen“ (das ist ein sehr ehrliches Wort, denn es meint NORMiert) Umwelt nicht erfüllt, sondern wir können die Selbstbilder ebenso wie die Fremdbilder an den Talenten, Potenzialen und Kompetenzen der Menschen orientieren. Dann werden wir toleranter, gerechter, humaner miteinander umgehen können und deshalb auch weniger negative Emotionen und Gedanken haben. Ganz zu schweigen von unserem Verhalten!

Ich gestehe, das ist der Traum der mich antreibt. Und es ist auch das, was ich am besten kann – Verständnis und Akzeptanz dort entstehen lassen, wo bisher Kritik und Ablehnung vorherrschen. Allerdings, auch das gestehe ich, kostet mich das immer wieder Energie. Eben die Kraft,  die man braucht, um Dinge zu ändern, die man ändern kann.

Liebe Lilli, da habe ich jetzt eine Geständnis-Liste fabriziert, die irgendwie ziemlich dramatisch erscheint. Dabei ist es eigentlich nur eine Beschreibung meines ganz normalen Alltags. Und der ist ganz gewiss nicht außergewöhnlich – ich weiß, dass es auch anderen Menschen ähnlich geht.
Aber, wie gesagt, Du hast mich mit dem Thema Gelassenheit, Kraft und Weisheit gerade im passenden Moment erwischt. Ich arbeite daran! Und mir scheint, ich werde besser. Aber bestimmt ist das eine Lebensaufgabe (nobody is perfect before died). Und ich bin Dir sehr dankbar, dass Du mich daran erinnert hast.

Du hast in den nächsten Wochen besonders viele Baustellen im wahrsten Sinne des Wortes zu bearbeiten. Ich bin in dieser Zeit auch ziemlich viel unterwegs und außerdem häufig mit meiner eigenen Weiterbildung beschäftigt. Es wird ein ereignisreicher Herbst. Lass Dir deshalb ruhig etwas Zeit mit einer Antwort und denk daran, dass auch Deine Kräfte immer mal wieder aufgefrischt werden wollen.

Ich bin in Gedanken bei Dir und wünsche Dir bei all Deinen Unternehmungen Erfolg und Freude. Und gelegentlich Zeit für einen Herbstspaziergang.

Sei umarmt
Deine Karin



Sonntag, 30. September 2012

Was Hochbegabte nach dem Testergebnis wissen dürfen


Liebe Karin,

Deine Worte sind wieder einmal so wunderbar erhellend! Und von so liebevoller wie  intelligenter Stimmung. 

Ich gestehe: Deine Erlebnisse bei dem 24. Berliner Sommerfest von Mensa e.V. sind mir wieder einmal so richtig unter die Haut gegangen. Du schreibst so plastisch. Als sei ich selbst dabei gewesen.

Dabei ist mir bewusst geworden, dass Deine Erlebnisse genau die Themen beschreiben, die mich aktuell beschäftigt haben. Es sind Erkenntnisse von Menschen, die es sich ebenfalls zur Aufgabe gemacht haben, andere Menschen auf ihrem Weg zu begleiten und die ihr Erleben in Büchern festgehalten haben. Auf den ersten Blick scheinen es sehr unterschiedliche Persönlichkeiten zu sein – auf den zweiten Blick erkennt man die Gemeinsamkeiten.

Ich spreche von Anselm Bilgri, Sven Henkel und von Peter Olsson. Der gebürtige Schwede Olsson ist Berater von Prominenten. Er hat mit vielen Spitzensportlern, Stars und Top-Managern gearbeitet  wie z.B. Oliver Bierhoff, Boris Becker und Katja Flint. In seinem Buch „Erkenne Dein Talent“ (1) interviewt er Prof. Dr. Sven Henkel von der Universität St. Gallen (2) und Vice Director des dort angesiedelten Center of Customer Insight. Henkel forscht in den Bereichen Kommunikation und Personalentwicklung. 

Anselm Bilgri studierte Philosophie und Theologie und war Prior im Kloster Andechs. Er schrieb u.a. das Buch: „Entrümple deinen Geist. Wie man zum Wesentlichen vordringt.“ (3) 2004 verliess er das Kloster und gründete das ‚Zentrum für Unternehmenskultur‘ in München. (4)

Du sprichst zu Beginn Deiner Erzählung von einem ‚verwirrenden Prozess‘, den die Hochbegabten nach dem IQ-Testergebnis durchlaufenden haben. Und Du beendest Deinen Gedankengang mit: „Aber wir lassen jedem sein Selbst! Und damit die Chance, zu allererst sich selbst zu fördern – im wahrsten Sinne des Wortes – seine Schätze zu heben!“ 

Genau dieses SELBST und der Umgang damit ist auch das Thema von Anselm Bilgri, Sven Henkel und Peter Olsson. Jenen Autoren, die ich gerade wieder gelesen habe.

Was sagen sie uns? Anselm Bilgri hält den „unverstellten Blick auf das eigene Ich“  für NÖTIG. Er erinnert an  die alten Griechen (Thales von Milet?). Und ihre Aufforderung über dem Eingang des Apollotempels von Delphi: „Erkenne dich selbst!“

Ich frage Dich: Würde der Satz da stehen, wenn es so einfach wäre, sich selbst zu erkennen? Würden wir heute noch darüber reden?

Der ehemalige Prior bringt es auf das Problem der Selbsterkennung auf den Punkt und nennt den Schuldigen: Es ist der Schweinehund. Der innere, der uns die Probleme macht. 

In Anselm Bilgris Sprache heisst die Erklärung dazu: „In meiner klösterlichen Ausbildung, dem Noviziat, habe ich mich mit den ersten Mönchen, den Wüstenvätern, beschäftigt. Faszinierend ist heute noch bei der Lektüre ihrer Biografien und Aphorismen ihr Kampf mit sich selbst. Heute würde man salopp sagen: mit ihrem inneren Schweinehund.“ Die Analogie aus dem Tierreich erklärt er so: es sind die „ungeordneten Gedanken und Gefühle“, die die Menschen bedrängen.

Als Tipp empfiehlt Anselm Bilgri ein – wie er es hier nennt – „originelles Gebet“:

  • „Gib mir die Gelassenheit, Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann.
  • Gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann.
  • Gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“


Denn: „Das Tun und Umsetzen mit Tatkraft und Verstand sind die eigentliche Antwort auf die Frage: Wer bin ich? (…) Erkenne die Möglichkeiten, die in dir sind. Entdecke deine Potentiale und wecke sie. Fördere deine eigene Entwicklung!“

Es ist das, was auch Du gesagt hast im Kreise Deiner Hochbegabten: „Denn jetzt begannen meine Gesprächspartner langsam zu begreifen, dass ihre Hochbegabung in erster Linie von ihnen selbst genutzt werden muss, ehe sie von anderen erkannt und wertgeschätzt werden kann.“

Und so klingt es auch bei Peter Olsson: „Ich bin überzeugt  davon, dass jeder von uns eine besondere Gabe hat. Es ist eine Gabe, die darauf wartet, entdeckt  und entwickelt zu werden. Oft wird Talent als eine Art Mitgift verstanden, aus der sich Kapital in Form von Ruhm und Reichtum schlagen lässt. Aber darum geht es nicht. Talent ist viel mehr als das. Es ist das, was unsere individuelle Existenz ausmacht, es beeinflusst unser Leben und entscheidet darüber wie glücklich und erfüllt dieses sein wird. Wenn Talent sich mit Hingabe und Leidenschaft verbündet, wird dies in den meisten Fällen mit einer bestimmten Form des Gelingens belohnt werden.“

Die besonders gute Nachricht von Peter Olsson: „Jeder Mensch hat ein besonders Talent.“  Und darüber dürfen sich auch die Menschen freuen, deren IQ nicht die Marke von 130 erreicht hat.

Das hohe Lied vom Talent, das jede/r hat, singt auch Sven Henkel von der Universität St. Gallen: „Jeder hat aufgrund seiner Anlagen das Potenzial, in ausgewählten Bereichen Aussergewöhnliches zu leisten.“ Und er empfiehlt: „ Darum solltest du deine Kompetenzen kennen, auf sie setzen und gezielt ausbauen.“  Mit anderen Worten: Erkenne Dich – und mach‘ das Beste daraus!

Seine Tipps?

  • Ehrlich zu sich selbst sein!
  • Sich selbst  fragen: „Wovon träume ich wirklich? Wo entstehen bei mir Gefühle? Was macht mich glücklich? Welche Themen treiben mich an?“
  • Sein Geheimtipp: „Aber du musst deinem Herzen folgen – und deinem Talent. Die Kraft, die du brauchst, bekommst du nicht aus dem Kopf.“


Liebe Karin, fällt Dir etwas auf? Dies sind unsere Themen: Den richtigen Traum träumen. Auf die Gefühle achten. Und neben dem Kopf auch auf das Herz hören.

Mich freut es sehr – sehr - , wie Du Dich begeistern kannst: „Also: Lass uns diesen Film machen, sobald es geht!“ Während mein Herz schon mal erste Szenarien entwickelt, sitzt mein Kopf noch im Büro und arbeitet die Hausaufgaben ab. Er ist zuverlässig. Und deshalb können wir sicher sein: Er kommt nach.

An Deine Forscherfreundin sende ich mit Kopf und Herz dankbare Grüsse. Ich kann es kaum erwarten, das Forschungsdesign zu lesen.

Und Dir wünsche ich Freude und Erfolg für Deinen nächsten Termin am 05.10.:  „Hochbegabung verstehen - Was ist anders im hochbegabten Gehirn?“ (5)

Fühle Dich herzlich umarmt!
Deine Lilli


5 Am 05.10.2012 lädt die Berliner Mensa-Gruppe ab 17.00 Uhr zu 2 Vorträgen in die SRH Hochschule am Ernst-Reuter-Platz 10 in 10587 Berlin ein. Hierbei werden nicht nur die Vereinsaktivitäten von Mensa in Deutschland e.V. (MinD) vorgestellt, sondern auch Aspekte rund um das Thema IQ aufgegriffen. Gabriela Schnell und Dr. Karin Rasmussen geben einen Einblick in die Besonderheiten des Nachweises von Hochintelligenz/Hochbegabung: Gabriela Schnell: IQ, EQ, soziale oder praktische Intelligenz - was ist das, wie misst man es und was sagt es aus? Karin Rasmussen: Hochbegabung verstehen - Was ist anders im hochbegabten Gehirn? Das komplette Programm findet sich unter |www.mensa.de