Fotos: Dr. Karin Rasmussen, Saskia-Marjanna Schulz, Alexandra Gräfin Dohna

Translate

Sonntag, 19. Februar 2012

Selbstzweifel – das kräfteraubende Bremsmodul

Liebe Lilli,

bitte verzeih, dass ich erst so spät antworte. Ich habe lange über Deinen letzten – sehr ausführlichen – Brief nachgedacht. Ja, es ist in mehrfacher Hinsicht nicht leicht, in jedem Fall zu helfen.

Aber ich glaube, das müssen wir auch nicht. Es gibt (zum Glück) viele gleichgesinnte und hilfsbereite Fachleute, die sowohl online wie offline Verständnis, Beratung und Hilfe für die Probleme von hochbegabten Kindern und Jugendlichen und auch für deren Eltern anbieten. Ich empfehle deshalb bei entsprechenden Anfragen gern weiter oder stelle die mir bekannten Adressen zur Verfügung. Du tust das auch. Wir sind uns also wieder einmal einig.

Natürlich ist es manchmal auch einfach notwendig, zuzuhören. Und manche ehrlich besorgte, tief beunruhigte Mutter eines hochbegabten Jungen (Mädchen sind wirklich seltener sogenannte „Sorgenkinder“) ist schon froh darüber, wenn man ihr vorurteilsfrei zuhört. Zu oft ist sie mit ihrem Bemühen auf der Suche nach dem besten Entwicklungsweg für ihr Kind am Unverständnis der anderen gescheitert. So, als wäre es doch schon ein Riesengeschenk, ein so besonderes Kind zu haben und damit alle Wege in eine glänzende Zukunft für dieses Kind quasi von selbst geebnet. Klagen auf hohem Niveau, selbsterfundene Probleme, Wichtigtuerei? Betroffene wissen, dass dem nicht so ist.

Aber wer kann heute überhaupt noch voraussagen, welcher Weg der beste, welche Entwicklung die erfolgversprechendste ist? Weder bestimmte Schulformen, noch konkrete Berufsfelder garantieren tatsächlich den späteren Erfolg. Es ist sehr schwierig geworden, über mehrere Jahre vorausschauend zu erkennen, welche Entwicklung „sich lohnt“. Es kommt auch sehr darauf an, was man unter einem sinnvollen, erfolgreichen, eben lohnenden Leben versteht.
Ich stimme Dir zu: Es ist – so glaube auch ich – sehr sinnvoll, sich selbst gerecht zu werden. Dazu muss man viel über sich selbst wissen, sich selbst akzeptieren können und häufig muss man auch in der Lage sein, sich selbst „erklären“ zu können. Und man braucht Kraft: Die Kraft, mit Widerständen und Niederlagen umzugehen, sich gegen Angriffe zu wehren und Barrieren zu überwinden. Und den Mut, nicht mit einem leichten, sorgenfreien Leben zu rechnen!

Es gibt leider in unserer Kultur den weit verbreiteten Hang zur Vervollkommnung der anderen.
Wir kritisieren, was das Zeug hält. Wir wissen genau, was andere falsch machen. Ja, auch Hochbegabte beweisen ihre Intelligenz gern, indem sie bei anderen Fehler, Schwächen, Defizite erkennen und benennen. Und sie meinen es damit gut – genau wie all die anderen hilfreichen Kritiker. So hat sich die Vorstellung irgendwie in viele Köpfen fest gesetzt, man müsse/könne nur einfach alles „richtig“ machen, dann hätte man kein Problem. Aber es klappt einfach nicht!
Ist ja auch klar, warum. Fehler werden immer erst erkennbar, nachdem sie passiert sind! Wir alle sind hinterher klüger als vorher. Und was eine Schwäche oder ein Defizit ist, zeigt sich erst im Versagen – wenn es scheinbar zu spät ist. Aber mal ehrlich: Ich habe in meinem Leben aus meinen Fehlern schneller und gründlicher gelernt als aus Lehrbüchern oder wohlmeinenden Erziehervorträgen (von denen es weiß Gott mehr als genug gab und gibt). Und: Ich habe von Vorbildern gelernt! Und damit sind wir beim Thema Selbstzweifel.

Natürlich ärgert sich jeder Mensch, wenn ihm etwas nicht gelingt. Und selbst die sehr kritikfähigen ärgern sich, wenn sie selbst kritisiert werden. Auch dann, wenn sie die Kritik als berechtigt anerkennen müssen. Es tut einfach nicht gut, kritisiert zu werden. Man fühlt sich in seinem Selbstwert angegriffen, meist mit Recht. Denn der Kritiker fühlt sich in diesem Moment sehr überlegen an – und manchmal ist er das auch. Aber bei weitem nicht immer! Du schreibst ganz richtig, dass Hochbegabte nicht gleich Hochbegabte sind. Genaugenommen ist auch schon eine Typisierung – wie die nach dem von Dir erläuterten Hermann-Dominanz-Instrument (HDI) – schwierig und nicht in jeder Situation wirklich hilfreich. Natürlich kann es sehr aufschlussreich sein, seine eigenen vorherrschenden Persönlichkeits-Profil-Bereiche zu kennen, zu berücksichtigen und ihnen weitgehend gerecht zu werden. Deine Beispiele hierzu sind sehr beeindruckend. Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht und weiß, dass derartige Selbsterkenntnis wie eine Erlösung wirken kann. Konflikte werden entschärft, unrealistische Ziele erkannt und durch neue ersetzt, die besser zur eigenen Persönlichkeit passen. Und diese Ziele werden, oft in kurzer Zeit und ohne Selbstquälerei, meist auch erreicht.

Und doch: Immer wieder treten Situationen ein, denen man sich nicht gewachsen fühlt. Immer wieder wird man kritisiert, werden Forderungen laut nach Anpassung, Veränderung, „Vervollkommnung“. Das ist an sich sogar gut, schließlich will sich jeder Mensch ja selbst weiter entwickeln. Aber – wem soll man folgen? Wer hat Recht? Welche Schwäche ist wirklich eine Schwäche? Wenn ein hochbegabtes Kind sich im Unterricht permanent langweilt, weil es schon (fast) alles weiß und seine Zeit lieber sinnvoller mit der Aneignung von neuem Wissen füllen würde – ist das ein Fehler? Wenn es die anderen durch Zappelei und Unsinn stört – will es dann nicht nur Aufmerksamkeit für sein berechtigtes Bedürfnis? Oder wenn ein hochbegabter Mitarbeiter in den Projekten seiner Kollegen Schwachstellen aufdeckt, seine eigenen Projekte aber ständig überarbeitet – ist er dann ein unerträglicher Perfektionist, der nie fertig wird?

Es ist schon wahr, unsere Fehlerkultur führt nicht etwa zu beschleunigten Lernprozessen, sondern in erster Linie zu Ablehnung und Strafe. Und besonders schlimm wird es, wenn einem talentierten Menschen oder einem bekannt hochbegabten etwas schief geht! Das dürfte nämlich eigentlich nicht passieren. Nicht, wenn man Talent hat oder sogar hochbegabt ist. Dann muss man alles wissen, können, richtig machen!!! Die Chance, aus Fehlern zu lernen, steht einem dann gar nicht zu! Schließlich hat man ja schon das Privileg der besonderen Begabung.

Leider, leider haben auch viele Betroffene diese Auffassung schon sehr früh angenommen. Sie glauben selbst, dass Fehler ihnen, gerade ihnen, nicht passieren dürfen. Das lockere „dumm gelaufen“ ist ihnen verboten. Sie verbieten es sich selbst. Sie verzeihen sich selbst keinen Fehler, keine Schwäche, keine Niederlage. Denn sie hätten es besser wissen/können MÜSSEN!

Und dennoch passiert es, auch ihnen! Sie verstoßen gegen ihnen vertraute Regeln – wie z.B. sitz still, stör nicht im Unterricht. Oder sie machen sachliche Fehler – ich z. B. verrechne mich oft, sogar beim kleinen 1X1, andere können die Deutsche Rechtschreibung nicht richtig. Oh, das ist peinlich! Auch „Schlimmeres“ passiert. Die Zensuren sind (zu) schlecht, Termine können nicht gehalten werden oder die Arbeitsleistung lässt zu wünschen übrig. Daher der permanente Selbstzweifel, bis hin zur (Selbst-) Verdächtigung, ein Hochstapler zu sein. Denn immer wieder zeigt sich, dass man es hätte besser machen können. Und oft kann man sich selbst gar nicht erklären, warum man es nicht besser gemacht hat. Die Entschuldigungen der weniger Begabten: nicht ausreichend motiviert, kein wirkliches Interesse, zu wenig Übung/Training, unzureichendes Wissen, zu viele andere Verpflichtungen, Überlastung, Überforderung oder einfach Erschöpfung.
Aber das kann bei einem Hochbegabten doch nicht sein? Dieses „Superhirn“ muss doch besser funktionieren als normale Menschen?

Sind wir wirklich zum Funktionieren verdammt? Misst sich der Wert einer Persönlichkeit tatsächlich daran, was sie „besser“ kann als andere? Ist der Leistungswettbewerb eine Werte-Konkurrenz?

Die Sorgen verzweifelter Eltern, die mit allen Mitteln versuchen, ihren Kindern den „besten“ Entwicklungsweg zu öffnen, verstärken oft noch die ohnehin vorhandenen Selbstzweifel. Denn welches Kind weiß schon, ob es zukünftigen Anforderungen gewachsen sein wird? Wer kann das überhaupt von sich sagen? Die Angst vor dem Versagen wächst, je mehr erwartet wird. Und ganz besonders groß wird diese Angst, wenn man weiß, dass man besonders kritisch beobachtet wird.

Ich wurde in letzter Zeit öfters mal von Medienvertretern gefragt, ob ich nicht den Kontakt zu Hochbegabten mit besonders herausragenden Fähigkeiten herstellen könnte. Man wollte Porträts von „Superhirnen“ fürs Fernsehen, kindlichen Schach-Koryphäen, Klaviervirtuosen im Vorschulalter, Mathegenies mit der Fähigkeit, die dreizehnte Wurzel einer Endloszahl im Kopf zu errechnen usw. Nur keine „normalen“ Hochbegabten. Lilli, kannst Du Dir vorstellen, wie viele solche Talente sich selbst in die Öffentlichkeit drängeln? Keiner, kein einziger! Gelegentlich findet sich einer, der eine bestimmte Begabung intensiv trainiert hat und nun nach vielfältigen Aufforderungen von Eltern, Lehrern oder Freunden endlich das Ergebnis seiner vielen Übungsstunden präsentieren soll. Aber auch diese Kandidaten haben Selbstzweifel und Lampenfieber. Sie wissen aus der Erfahrung ihres Trainings, dass längst nicht jeder Versuch klappt.

Wie viel mehr Selbstzweifel müssen dann Menschen haben, die kein besonders spektakuläres Talent vorzuweisen haben, sondern einfach nur besonders gut denken können? Sie können ja auch in Bezug auf ihre eigenen Fehler-Chancen besonders gut denken! Sie können sich das Risiko der Katastrophe sogar mit mathematischer Genauigkeit ausrechnen! Sie kennen unzählige Varianten von Hindernissen, die sich zwischen ihnen und dem Erfolg auftun können. Und sie wissen, wie tief sie fallen können, wenn das Unvermeidliche eintritt.

Eine gute Freundin von mir hat ein Buch über Risiko-Intelligenz veröffentlicht.  Sie beschreibt darin unter anderem, mit wie viel Fantasie wir Menschen versuchen, vorausschauend Risiken zu erkennen, um ihnen dann erfolgreich vorzubeugen – also der realen Gefahr zu entgehen. Mancher Hochbegabte treibt seinen persönlichen Ehrgeiz tatsächlich so weit, dass er von sich selbst verlangt, immer alles richtig zu machen. Auch dann, wenn das Risiko des Scheiterns sehr gering oder die Gefahr nur virtuell ist – vorbeugen ist schließlich besser als „heulen“! Das kann dann auch mal so weit gehen, dass man das Selbstvertrauen stark beschädigt, weil man mit den eigenen Vorbereitungen auf mögliche Gefahren immer noch nicht zufrieden genug ist. Und glaubt, gar keine zufriedenstellenden Leistungen bringen zu können. Weil die Vorbereitungen noch nicht abgeschlossen sind. Es fehlen immer noch ein paar Informationen, Übungen, Erfahrungen …

Nun ist Selbstkritik ja etwas Gutes. Wer sich selbst überschätzt, wird selten auf Anerkennung stoßen. Und wer nicht bereit ist, aus Fehlern zu lernen, kann sich nicht wirklich weiter entwickeln. Aber wenn der Selbstzweifel schon im Vorfeld dazu führt, dass wir uns vor lauter Versagensangst gar nicht mehr zutrauen, etwas zu tun – dann können wir gar keinen Erfolg haben. Und schlimmer: dann „wissen“ wir auch noch, dass diese Erfolglosigkeit sogar durch uns selbst verursacht wird. Wir haben ja nichts getan! Oder wir haben es nicht mit ganzer Kraft getan. Zu leise, zu vorsichtig, zu spät, zu unauffällig …

Erst kürzlich hatte ich wieder so einen „Fall“, von denen auch Du einigen schon helfen konntest. Eine junge Frau, die erst spät von ihrer Hochbegabung überrascht wurde (dabei hatte sie die doch schon immer?) arbeitslos, schon auf Hartz IV und sehr von sich selbst enttäuscht. Sie spürt die innere Verpflichtung, „mehr“ aus sich zu machen. Auf jeden Fall will sie unbedingt wieder eine sinnvolle Arbeit, die auch ihrer Qualifikation entspricht. Aber ihre bisherigen Erfahrungen in der Berufswelt haben sie ziemlich entmutigt. Immer war es nach kurzer Beschäftigungszeit zu Störungen im Teamklima gekommen. Die Kollegen fühlten sich von ihr unter Druck gesetzt, die Chefs waren ihrer Meinung nach inkompetent und die Prozesse in der Firma fand sie ineffizient organisiert. Aber niemand wollte auf ihre Verbesserungsideen eingehen, ihre Lösungsvorschläge auch nur zur Kenntnis nehmen und ihre Kompetenz anerkennen. Übrigens, sie war für das Qualitätsmanagement verantwortlich – sie hat sich also nie angemaßt, alles besser zu wissen und zu können. Es war ihre Aufgabe! Und trotzdem konnte sie „nichts“ erreichen. Die Frustration darüber führte dann mehrmals zur Trennung. Sie verlor ihre Arbeit schon nach kurzer Zeit wieder, obwohl sie sich doch so engagiert hat. Und obwohl ihre Vorgesetzten im Abschiedsgespräch dieses Engagement immer wieder gelobt haben. Ihre Frage an mich lautete ganz selbstverständlich: “Was mache ich falsch? Was muss ich ändern, damit mir das nicht immer wieder passiert?“

Das ist selbstkritisch! Das ist keine Selbstüberschätzung oder sogar Arroganz, wie sie Hochbegabten so gern nachgesagt wird. Im Gegenteil: Hier hatte jemand tatsächlich vom ersten Tag seiner Beschäftigung an sein Bestes gegeben – und dieses Beste ist bei Hochbegabten eben die Fähigkeit zu schnellem Denken, komplexer Informationsverarbeitung, Problemlösungskompetenz. Ihr „Fehler“ war es, zu jedem erkannten Problem Lösungen zu suchen und um deren schnelle Umsetzung zu ringen. Jedes Problem sollte schnellstmöglich gelöst werden! Dafür fühlte sie sich verantwortlich. Das wollte sie gemeinsam mit den Kollegen und Führungskräften erreichen. Aber: Sie war doch „die Neue“! Und noch jung! Sie hatte zwar eine gründliche Ausbildung (!) erfolgreich (!!) abgeschlossen (!!!), aber das war doch alles Theorie!

Du ahnst schon, worauf das hinaus läuft. Sie hat einfach zu schnell zu viel erwartet. Was ihr selbst als Lösung sofort klar und machbar erschien, war für die Kollegen eher eine Zumutung. Und sie hat vorausgesetzt, dass alle die gleichen guten Absichten und Qualitätsmaßstäbe haben (müssen). Dass Kompetenz wichtiger ist als Beliebtheit versteht sich für sie von selbst. Sie hat sich um Verbündete nicht bemüht, sondern einfach vorausgesetzt, dass alle im Unternehmen auch Verbündete sind. In dem Bemühen, Fehler zu beseitigen, hat sie einen sehr schwerwiegenden Irrtum mehrmals wiederholt: Sie hat angenommen, dass es normal (Norm) ist, die Dinge auf ihre Art zu sehen. Dass alle so unzufrieden mit dem aktuellen Zustand sind und schnell zu Lösungen beitragen wollen. Kleine Erfolge waren natürlich zu verzeichnen gewesen. Gesprächspartner hatte es schon gegeben. Chefs hatten manches eingesehen – aber: Das alles war NICHT GENUG!
Das konnte sie sich nicht wirklich als Erfolg anrechnen.

In unserem Gespräch war schnell klar, dass sie diesen Irrtum in Zukunft nicht wieder begehen wird. Aber sofort kam die nächste verzweifelte Frage: Es ist doch meine Natur, so zu denken – dagegen kann ich doch gar nichts machen! Muss ich mich jetzt auf „klein-klein und immer schön langsam“ umstellen, mit so wenig zufrieden sein? Was hättest Du ihr geraten?

Zum Glück hat sie gerade ein attraktives Jobangebot (Dank sei dem Fachkräftemangel), das auch ihrer Qualifikation entspricht und bei dem sie mehr Verantwortung als bisher trägt. Aber nun hat sie Angst, dieses Angebot anzunehmen. Es könnte ja wieder schief gehen. Es könnte wieder nach kurzer Zeit Schluss sein – Erfolge hat sie ja bisher nicht vorzuweisen. Die Herausforderung ist sogar noch höher als in ihren früheren Tätigkeiten, wegen der Verantwortung für mehrere Prozesse gleichzeitig. An die Chance, durch mehr Verantwortung auch bessere Möglichkeiten zur Umsetzung ihrer Ideen zu haben, hat sie bisher nicht gedacht. Und so richtig traut sie sich auch noch gar nicht, daran zu glauben. Sie ist ein wenig misstrauisch: Warum bietet man ihr eine solche Stelle, wo sie doch bisher noch gar nicht bewiesen hat, was sie kann? Sie hat doch erst so wenig vorzuweisen?

Nun, ich hoffe sie noch zu überzeugen, dass sie diese Chance durchaus verdient hat. Denn was sie als geringfügigen Erfolg wertet, ist durchaus eine anerkennenswerte Leistung. Auch und vielleicht sogar gerade deshalb, weil sie eben NICHT die spektakuläre Umstrukturierung eines Unternehmens mit medienwirksamen Verwerfungen in allen Abläufen und den entsprechenden dramatischen Auswirkungen anstreben wird, kann sie schnell Verbündete finden. Sie kann gemeinsam mit den Teams in ihrer neuen Funktion nachhaltige Problemlösungen finden und umsetzen. Und sie wird ihre Begabung dafür brauchen! Denn mehr Verantwortung bedeutet eben auch mehr Probleme, mehr Information, mehr Komplexität – und mehr Risiko.

Liebe Lilli, jetzt bin ich zwar mit dem Thema Selbstzweifel nicht wirklich fertig – aber ich höre an dieser Stelle erst mal auf. Demnächst werde ich einen Vortrag vor Eltern hochbegabter Kinder zu diesem Thema halten dürfen. Das gibt bestimmt wieder interessante Anregungen und neue Fragen. Bis dahin habe ich noch ein paar spannende Wochen und bald ist ja auch der Karneval endlich vorbei, den mag ich nämlich gar nicht. Aber als Frühlingsauftakt verstehe ich ihn doch!

Alles Gute, genieße wenn Du kannst auch mal ein paar ruhige Stunden und liebe Lilli, ich freue mich auf Deine nächste Nachricht.
Deine Karin

Sonntag, 5. Februar 2012

Small Talk: Wer ihn liebt, wer ihn nicht braucht und was man stattdessen tun kann. Oder: Wie Freudentränen einer hochbegabten Mutter geholfen haben

Liebe Karin,

ich hätte Dich zu gern lachen gesehen! Bitte beim nächsten Mal auf Video  ;))!

Dann lass uns mal wieder loslegen: Du schreibst zu meiner kühnen Smalltalk-Skilift-Szene – wir erinnern uns: „Guten Morgen allerseits! Was meinen Sie: Sollte ich meinen Kindern zuerst  Einsteins Relativitätstheorie oder erst Goethes Faust II erklären? Und sollte ich da geschlechtsspezifische Unterschiede machen – also das Mädchen zuerst auf Einstein ansetzen oder …? -

„Klar, ich selbst würde mit Ablehnung reagieren.“

OK. Ich würde vielleicht auch so reagieren. Wer wagt es so früh am Skilift meine eigene Gedankenwelt zu stören? Wo ich doch noch im Geiste mit dem Skilehrer beschäftigt bin! Ausserdem habe ich  noch nicht zu Ende gedacht: mit wem will ich am Abend meinen Ingwertee trinken? Und warum habe ich schon wieder meine Sonnencreme vergessen?

Aber dann würde ich neugierig werden auf diese Frau mit den hochbegabten Kids. Und ich würde mir diese Mutter genauer ansehen.

Was sehe ich da? Da steht eine sorgenvolle Frau am Skilift – ihre beiden Kinder an der Hand. Sie ringt um die richtige Erziehung. Warum macht sie es sich so schwer? Und warum gerade hier und jetzt? Die Mutter mag vielleicht ein wenig gewöhnungsbedürftig daher kommen – ein bisschen crazy vielleicht. Aber: Wer spürt, dass sie ein Stück verzweifelt ist, wird ihr helfen wollen.

Und Deine Antwort ist aus meiner Sicht  goldrichtig: „Ich würde mit Goethe anfangen und warten, bis die Einstein-Frage nach Raum und Zeit vom Kind kommt, denn dann ist es soweit für E=mc²!“

Wirklich: eine sehr kluge Antwort. Wenn ich sie mal treffe – diese Mutter – dann werde ich es ihr sagen.

Diese Szene erinnert mich an zwei Themen – mal mit, mal ohne Smalltalk -  die mich gerade jetzt beschäftigen:

1. Hochbegabte Kinder und Jugendliche -  ihre Sorgen
2. Hochbegabte Erwachsene -  ihre Denkstile

Zuerst zu den Kids. Bitte zügele noch einen Augenblick Deine Smalltalk-Neugier. Ich komme gleich mit neuen Ideen darauf zurück.

1. Hochbegabte Kinder und Jugendliche und ihre Sorgen

Gestern erhielt ich die Mail einer hochbegabten 13jährigen. Sie beschrieb darin ihr Leid. Und das klang in etwa so:

Ich bin total überfordert mit der Schule, weil sie so langweilig ist. Weil ich schon fast alles weiss. Das nervt Lehrer und Mitschüler. Weil ich mich langweile, kann ich nicht still sitzen. Da mache ich schon mal Unsinn. Und dann bekomme ich schlechte Noten. Und weil ich schlechte Noten habe, kann ich nicht zum Gymnasium gehen. Wie komme ich aus diesem Dilemma raus?

Kürzlich bekam ich den Anruf eines Irakers mit Zwischenstopp in Deutschland. Sein Begehren: Welches ist für meinen hochbegabten Sohn die beste Universität in den Vereinigten Staaten von Amerika? Und eine Mutter aus Süddeutschland fragte mich nach Fördermöglichkeiten für ihren Erfinder-Sohn (11 Jahre).

Oft beginnen diese Mails mit Sätzen wie: „Es kostet mich grosse Überwindung Ihnen heute zu schreiben, aber …“

Ich habe inzwischen eine Datei mit hilfreichen Adressen – online und offline. Aber da mich solche Mails/Anrufe/Briefe fast täglich erreichen, finde ich die Adressen-Weitergabe ziemlich frustrierend. Das kann man doch noch besser machen! Jedoch: Wie?

Letzte Woche erreichte mich die sehr ausführliche Mail einer besorgten Frau. Besonders hochbegabte Mütter sind oft talentierte Schriftstellerinnen. Sie beschrieb den Schicksalsweg ihres Sohnes – es geht übrigens öfter um Jungs als um Mädels – warum? Sie fragte, wie ich ihr und ihrem Sohn helfen könne. Ich habe gerade bei ihr den Eindruck gehabt, dass es nicht nur um Informationen geht. Sondern auch darum, dass sie in ihrem Leid wahrgenommen, verstanden und aufgenommen werden wollte.

Es geht ganz allgemein darum, mit dem Schicksal nicht alleine zu sein. Austausch mit anderen ist eher selten die Lösung. Es geht besonders darum, dass andere (!) helfen (!!) sollen (!!!). Wie es scheint, haben diese Mütter und Väter bereits so viel gelitten, sich lange allein und hilflos gefühlt, dass sie erwarten, dass andere jetzt einmal etwas für sie tun. Professionell, möglichst kostenfrei, emphatisch. Es geht um Verständnis, Fürsorge, Beratung, Mitgefühl und Hilfe.

Ich kann diesen Kindern, Jugendlichen und Eltern nicht wirklich helfen. Denn ich habe mich auf Coaching/Beratung für Erwachsene und deren Talente, Ziele, Handicaps spezialisiert. Deshalb habe ich die Problematik der hochbegabten Kids bereits an die Regierung in NRW herangetragen. Und an den Bundespräsidenten – zu einer Zeit als ich noch dachte, er interessiere sich für solche Themen. In beiden Fällen: keine Antwort.

Ich denke: eine kostenfreie Hotline wäre vielleicht eine erste Lösung. Man müsste Sponsoren finden. Aber wer könnte das in die Hand nehmen, organisieren und zu einer guten Einrichtung führen? Ich bin gespannt, was Du dazu denkst.

2.   Hochbegabte Erwachsene und ihre Denkstile

Zurück zum Skilift. Während ich über Deine Gedanken nachdenke, erinnere ich mich an die Unterschiedlichkeit der Hochbegabten – an ihre sehr differenzierten Denk- und Handlungsweisen. Will sagen: Hochbegabte sind nicht gleich Hochbegabte. Ebenso wie Berliner nicht gleich Berliner sind. Leipziger nicht gleich Leipziger. Kölner nicht gleich Kölner. Ich denke: Du weisst, was ich meine.

Nicht alle Hochbegabte sind Naturwissenschaftler. Nicht alle Menschen mit einem IQ >130 lieben Mathe (oh, bitte nicht so laut schreien!!!) Ist ja gut. Also: Fast alle Hochbegabte lieben Mathe – ausser so ein paar Hundertausend, die ihre Liebe noch nicht entdeckt haben.

Nicht alle Hochbegabte haben diesen „erblühten Blumenstrauss“ auf ihrem Schreibtisch stehen, der da heisst: erblühte Souveränität,  Selbstsicherheit, Selbständigkeit, erblühtes Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl.

Nicht alle „130er“ können so schnell, kühn und um die Ecke denken wie die „180er“.

Ja, ja. Ich bin immer noch beim Smalltalk. Und bei dem Gedanken: Wie reagieren Hochbegabte auf den Smalltalk? „Die“ Hochbegabten gibt es nicht. Also gibt es dazu auch nicht nur „die“ eine Antwort, sondern viele.

Deshalb hier mein Gedanke einer möglichen Struktur: Wir haben sehr unterschiedliche Talente auch innerhalb der Hochbegabung. Und da das Thema nicht nur den Smalltalk betrifft, sondern weite Strecken unseres Lebens, möchte ich kurz darauf eingehen.

 „Warum verstehen sich meine Physikerfreunde so gut mit meinen Malerfreunden – aber weniger gut mit meinen Musikerfreunden?“ So oder so ähnlich dachte einmal der Amerikaner Ned Herrmann. Er war damals Manager der General Electric Company in den USA und für die Führungskräfteentwicklung verantwortlich. Ned hatte Physik und Musik studiert und war ebenfalls ein angesagter Maler. Sein Lieblingsthema war die Erforschung der Funktionsweisen des Gehirns. Besonders inspirierten ihn die Arbeiten des Neurobiologen Roger Wolcott Sperry - Nobelpreis in Medizin 1981 – sowie des Hirnforschers Paul D. MacLean.

Und zunehmend ging es nicht nur darum, warum denn die einen Freunde so gut miteinander konnten – und die anderen weniger gut.  Es ging auch darum, Antworten für das Management zu finden. Es ging darum in einer Analyse aufzuzeigen, wie wir Menschen mit welchen Dominanzen denken, fühlen, (re)agieren.

20 Jahre später legte Ned eine solche Methode vor. Sie wird nach ihrem Entwickler H.B.D.I./H.D.I./HDI genannt: Herrmann-Dominanz-Instrument. Nun ist dieses Instrument keins, das man in die Hand nehmen oder auf dem man spielen kann. Es ist eine Analyse, basierend auf der eigenen Selbsteinschätzung. (Für die Wissenschaftlerin in Dir: Es ist ein inzwischen weltweit anerkanntes und validiertes Persönlichkeits-Modell.)

Dieses Instrument ist ein einfaches 4-Quadranten-Model. Es zeigt die relative Verteilung unserer bevorzugten Denk- und Verhaltensweisen. Stelle Dir dazu bitte einen Kreis vor – und teile ihn in vier Quadranten.

Nun benennen wir diese Teile: Der obere linke Quadrant ist das A, der untere linke Quadrant das B, der rechte untere Quadrant ist das C – oben rechts ist der Quadrant D. Diesem Modell zufolge sind wir Menschen alle Mischtypten aus A, B, C und D. Jeder Mensch hat Anteile aller vier Quadranten in seinem Modell. Jedoch: die meisten Menschen haben einen oder zwei Quadranten, die  stärker ausgeprägt sind. Seltener sind es drei oder vier Quadranten, die ähnlich stark sind.

Und was bedeutet das für uns? Was haben wir davon, dass wir das wissen? Ganz einfach: wir können uns besser erkennen. Besser im Sinne von sicherer mit uns und anderen umgehen. Nach meinen Erfahrungen „tunt“ es das Selbstbewusstsein. Man ist sich seiner Stärken besser bewusst, kann Talente endlich besser anerkennen und mehr daraus machen.

Fangen wir einfach mal  mit dem A an. Das A besagt, dass dieser Mensch sich „zu Hause“ fühlt in der Technik, der Bewertung, den Finanzen, der Machbarkeit, der kritischen Beurteilung. Menschen mit einer hohen A-Ausprägung arbeiten oft in entsprechenden Berufen: sie sind Naturwissenschaftler, Techniker, Steueranwälte. Die A-Menschen sind die Denker.

Im B ist eher das Gefühl zu Hause: Organisation, Genauigkeit, Verwaltung, Durchführung, Planung, praktische Aufgaben. Hier trifft man nicht selten Verwaltungsangestellte. Wenn ein starker A-Anteil hinzu kommt, ist der Mensch je nachdem Steuerberater und/oder Buchhalter. Mit einem starken C können dies auch Gesundheits- und Krankenpfleger sein.

C zeichnet sich aus durch Begabung in der Kommunikation, Gespür für Bedürfnisse, Teambewusstsein. Das C ist die soziale Kompetenz. Kinderärzte, Psychologen, Musiker sind mit diesen Begabungen ausgestattet. Zumeist auch Coaches. Menschen mit einem hohen C sind herzlich, gesellig, mitfühlend.
(Fussball-)Spieler, Schauspieler, Forscher und auch alle Kreativen wie Designer, Maler, Marketingexperten haben das „D-Gen“. Hier lebt die Leichtigkeit, die Innovation, die Vision. D-Menschen sind die geborenen Smalltalker. Für sie ist das ein Kinderspiel. Wenn ein hohes C dazu kommt, wirkt es herzlich und öffnet die Menschen für die Kommunikation.

Wie gesagt: Zum Glück gibt es keine reinen A-, B-, C- oder D-Menschen. Im Durchschnitt sind die Menschen in zwei Bereichen stark. Und diese Bereiche bringen besonders bei Hochbegabten die spannenden Talente zum Vorschein.
Allgemein gesehen sind die Menschen mit einer starken A-D-Kombi die Chefs – die Vor-Denker, die Top-Manager. Wer stark in B&C ist, mag lieber assistierend arbeiten: Sekretäre, Gesundheits- und Krankenpfleger, Assistenten.

So – und jetzt verstehen wir auch, warum die Freunde von Ned Herrmann sich gut oder auch nicht so gut verstanden haben: A (Physiker) und D (Maler) können glänzend harmonieren. Auch D (Maler) und C (Musiker) verstehen sich zumeist. A und C kommen hingegen nicht so schnell so gut miteinander zurecht: starke Logik trifft grosse Gefühle. Wenn beide sehr weit in ihrer Persönlichkeitsentwicklung voran geschritten sind, kann eine von Respekt, Wertschätzung und Wohlwollen getragene Beziehung entstehen. Wenn einer oder beide nur das Defizit des anderen sehen können, tun sie sich schwer einander mit Achtung und Toleranz zu begegnen.

Ich erinnere mich hier an eine hochbegabte Bibliothekarin (A). Sie hatte im Seminar soeben ihr individuelles H.D.I. erhalten und brach spontan in Tränen aus. Freudentränen – versteht sich. Das ist sehr untypisch für einen Menschen mit einem hohen A und wir waren alle sehr verwirrt. Aber bald schon konnten wir verstehen,  was ihr auf der Seele brannte: Ihr Sohn, ein Musiker, war ihr Problem. Sie litt sehr darunter, dass er nichts mit ihr zu tun haben wollte.

Nun konnte das Missverständnis aufgeklärt werden: Er hat sie nie verstehen können. Und sie hat auch ihn nie verstanden. Warum sollten sie also miteinander reden? Warum sollten sie sich sehen? Aber jetzt war alles anders. Und so wurden wir Zeugen einer langen Mutter-Sohn-Aufarbeitung am Telefon. Es folgten weitere. Und weitere Gespräche. Gabi telefonierte nur noch.

Vor unseren Augen entwickelte sich Gabriele zu einer anderen Frau. Binnen weniger Tage wirkte sie zehn Jahre jünger, entspannter und um einiges hübscher!

Wer arbeitet sonst noch mit dieser Methode? In Deutschland die üblichen Verdächtigen: Grosse Automobilhersteller aus dem süddeutschen Raum, Sparkassen, führende Computerfirmen, Marktführer in der  Telekommunikation, Fernsehanstalten. Die prominenten deutschen Namen eben. Oder mittelständische Unternehmen. Eine der führenden Werbeagenturen in Europa hat das H.D.I.-Profil jedes Mitarbeiters und jeder Mitarbeiterin an der Aussenseite der jeweiligen Bürotür angebracht. Damit der Buchhalter (B) immer weiss, wenn er mit dem Art-Direktor (D) spricht: jetzt muss er Geduld aufbringen – und umgekehrt. Trotzdem oder gerade deswegen fanden  alle Teammitglieder die Ned-Herrmann-Analysen ungemein befruchtend: Von den Azubis (D) über die Buchhalter (B/A/C) bis zu den Chefs (A/C/D).

Wenn wir uns zurück erinnern an den Skilift: Wer hier leicht ins Gespräch kommt, ist der Mensch mit dem hohen D. C-Menschen gehen ebenfalls gerne auf andere Menschen zu und ihnen fallen erste Kontakte förmlich in den Schoss. Menschen mit einer starken B-Ausprägung brauchen die Geborgenheit der Gleichgesinnten oder eine andere Form der Sicherheit, bevor sie warm werden. Aber dann ist die Chance gross, einen treuen, verlässlichen Partner zu finden, mit dem sie ihre  Briefmarkensammlung austauschen können.

Und die A-Menschen? Wie wir wissen, sind hier die Chefs zu Hause. Und die haben so viele Kontakte, dass sie eher nicht auf der Suche sind. Wenn sie Kontakt aufnehmen wollen dann auf Tagungen, auf Messen oder in ihren Clubs. Sollte jedoch mal am Lift ein interessanter Mensch stehen, dann werden sie vermutlich ihre Visitenkarte zücken. Und das machen sie ohne grosse Worte. Man versteht sich unter seinesgleichen ohne Smalltalk.

Zurück bleiben die, die sich nicht trauten. Selbstzweifel – oder nur mit dem falschen Bein aufgestanden? Nach meinen Erfahrungen könnte Selbstzweifel der zweite Vorname der Hochbegabten sein. Auch Du erwähntest kürzlich etwas in dieser Richtung. Selbstzweifel: Lass uns doch mal darüber nachdenken!

Brrrrrrr. Uns schwirren inzwischen so viele Themen der Hochbegabten durch und über die Köpfe – wir sollten Bücher schreiben!

Der kleine See vor meiner Haustür wirkt so still und friedlich in der Sonne. Er ist eingefroren. Mal testen, ob ich da Schlittschuh laufen werde.  Welche Möglichkeiten gibt es jetzt in Berlin? Du hast ja Chancen ohne Ende! Was wirst Du machen bei diesem herrlichen Sonnenschein?  In der Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten  ?

Arrivederci,
Deine Lilli

Samstag, 21. Januar 2012

Small Talk

Liebe Lilli,

herzlichen Dank!!! Du hast mir einen sehr vergnüglichen Start in den Sonntag beschert: Deine (gedachte) Begrüßungsszene am Skilift –„soll ich meinen Kindern zuerst  Einsteins Relativitätstheorie oder erst Goethes Faust II erklären? Und sollte ich da geschlechtsspezifische Unterschiede machen – also das Mädchen zuerst auf Einstein ansetzen oder …?“

Ich habe laut und lange gelacht bei der Vorstellung, welche Gesichter wohl diese Begrüßung auslösen würde.

Klar, ich selbst würde mit Ablehnung reagieren. Nicht nur, weil ein solches Verhalten ungewöhnlich ist, sondern weil es mich überfordern würde: gibt es auf diese Fragen denn überhaupt „small“ Antworten? Und da ja Hochbegabte erstens gerne warten, bis sie gefragt werden bzw. eine Frage erkennen können, zweitens jede Frage ernst nehmen und drittens ernsthaft antworten möchten, hätte ich mehr Zeit zum Nachdenken gebraucht, als der Skilift mir gelassen hätte. Also wäre ich sauer, diese Fragen gerade jetzt gestellt zu bekommen. Denn es sind spannende, interessante Fragen. Und dass sie mir ohne die Chance auf meine Antwort gestellt würden, ließe mich an der Fragestellerin zweifeln. Meint sie es ernst? Weiß sie, was sie spricht? Will sie sich nur wichtig machen, Leute beeindrucken? Nimmt sie mich nicht ernst?

Vielleicht passiert es Hochbegabten öfter als anderen, dass sie mit genau diesem Verhalten (interessante anspruchsvolle Themen zum falschen Zeitpunkt in unpassender Situation zu besprechen) den Eindruck mangelnder Sozialkompetenz erwecken. Andererseits: Da hochbegabte Menschen ja schneller denken als andere, erschien der Fragestellerin die Zeit am Lift vielleicht gar nicht zu kurz? Vielleicht hätte eine kurze Antwort genügt? „Ich würde mit Goethe anfangen und warten, bis die Einstein-Frage nach Raum und Zeit vom Kind kommt, denn dann ist es soweit für E=mc²!“

So schnell ist kein Skilift! Und das ist besser  als „… mach doch was Du willst…

Aber auf solche Antworten kommt man eben nicht, wenn man vor Überraschung sauer ist und die Schuld für den eigenen Frust beim andern sucht! Weil negative Emotionen den Intellekt in die falsche Richtung lenken: sie machen aggressiv und veranlassen uns, einen Schuldigen zu suchen (und zu finden), gegen den wir „kämpfen“ können. Und sei es auch nur intellektuell, indem wir uns selbst erklären, was an ihm „falsch“, also inakzeptabel, unangemessen, gar verachtenswürdig ist.

Inzwischen ist der Lift da, sogar schon abgefahren, die Ursprungsfrage vergessen und die passende, packende, interessante Antwort überflüssig – weil sie die Fragestellerin nicht mehr erreicht.

Also behalten wir die Antwort bei uns (dieses hochbegabte Elefantengedächtnis ist ja die Ursache dafür, dass wir immer zu viel wissen), schleppen sie mit uns durchs Leben und warten auf die nächste annähernd passende Gelegenheit, bei der wir etwas ähnliches gefragt werden, um dann mit einer ausschweifenden Antwort vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen – und das Gegenüber zu verschrecken.

Ach ja, Small Talk ist eben wirklich nicht einfach! Vor allem dann nicht, wenn man es nicht früh genug und oft genug geübt hat, vielleicht weil man es nicht zu brauchen glaubte.

Darauf bringt mich auch Dein Zitat: „Ein Berliner Psychologe hat das einmal  so ausgedrückt: Vor allem diese Frauen sitzen im Keller (!), unter dem Tisch (!!) Ihres eigenen Schlosses (!!!). Punkt.“

Ich glaube, das ist nicht nur bei vielen hochbegabten Frauen so, auch manchen Männern geht es ähnlich. Dabei gefällt mir das Bild sehr gut, denn wie Du weiter schreibst, “… arbeiten wir daran, um im Bild zu bleiben, ihnen den Schlosspark, den Tanzsaal und die Bibliothek in ihrem Schloss schmackhaft zu machen. Und an ihrer Seite zu sein, wenn sie all die Köstlichkeiten staunend erleben. Wenn sie in ihrem Schloss, in ihrem Leben, ihren wirklichen Platz einnehmen.“

Und ich würde sogar noch weiter gehen:

Es sollte uns gelingen, unseren Coachees ihre Rolle nicht nur als Eigentümer sondern auch als Gastgeber in diesem Schloss bewusst zu machen. Ihnen zu zeigen, wie viele unterschiedlichste Gäste sie einladen, mit Small Talk freundlich begrüßen und reich beschenken können. Denn wenn sie diesen Gästen nach deren Wünschen diskret (niemand wird gern zur Entgegennahmen von ungebetenen Geschenken genötigt!), großzügig und freimütig einen Zugang zu allen ihren intellektuellen Schätzen gewähren, werden sie dadurch selbst gewinnen.

Wie ein herzlicher und großzügiger Gastgeber viele Gegeneinladungen erhält, oft weiterempfohlen wird und immer auf freundlichen Empfang bei anderen hoffen darf, so können auch unsere Coachees immer wieder von den „Schätzen“ der anderen bereichert werden. Sei es durch weiteres Wissen, durch bereitwillig hergestellte Kontakte oder gar persönliche Empfehlungen zur Beschleunigung einer Karriere. Nur: dies wären die Folgen, nicht die Ursachen eigener Großzügigkeit, Herzlichkeit und Freimütigkeit. Man darf eben nicht vergessen, die Einladungen auszusprechen! Denn nichts ist trauriger als ein menschenleeres Schloss. Nur zu warten (im Keller unterm Tisch hihi!), dass mein riesiges schönes Schloss möglichst viele Besucher anzieht, wird wohl nicht klappen. Wahrscheinlich kommen da eher Diebe, Plünderer, ungebetene Heimsuchungen eben, und vielleicht spielende Kinder. Aber genau diese Kinder könnten als eingeladene Gäste noch mehr Spaß haben. Und die Diebe würden von den anderen Gästen in Schach gehalten. Plünderer hätten gar keine Chance – wenn ein Gastgeber oder eine Gastgeberin als Hausherr/in für gute Stimmung, allgemeines Wohlbefinden, gegenseitigen Respekt und anspruchsvolle Unterhaltung sorgen würde.

Großzügigen, freimütigen und herzlichen Gastgebern geht es ja nicht darum, zu „zeigen, was sie haben“, sondern es zur Verfügung zu stellen. Und es dadurch zu vermehren. Und das ist – nach meiner Erfahrung – auch der Wunsch vieler Hochbegabter. Sie wollen ihr Wissen und Können sinnvoll einbringen, gebraucht werden und nützlich sein.

Also, liebe Hochbegabte: Gästeliste!!!

Es ist schon mit Arbeit verbunden, die „Richtigen“ zu ermitteln. So wie sich nicht jeder Besucher in jedem Raum von weitläufigen, großartigen Schlossanlagen wohlfühlt, so kann auch nicht jedes Gegenüber von intellektueller Hochleistung begeistert sein. Die Mühe lohnt sich, das eigene Schloss genauer zu beschreiben – was habe ich zu bieten, in welcher Tiefe/Breite kenne ich mich auf welchen Gebieten aus, was fasziniert mich so stark, dass ich davon nicht lassen kann/will…

Und dann: wer braucht das, wer hätte einen Nutzen davon oder seine Freude daran – und welche Gegenleistung („Fahrgemeinschaft“ = Empfehlung, „Gastgeschenk“ = Beförderung, Prämie, Gehaltserhöhung, „Gegeneinladung“ = Geschäfts- Partnerschaft, Anstellung u. ä.) kann ich erwarten, worum kann ich bitten?

Es ist nicht nur erlaubt und sinnvoll, auch über diese möglichen Gegenleistungen für mein intellektuelles Engagement nachzudenken. Im Gegenteil – es erleichtert mir zu erkennen, ob und wo ich gebraucht werde. Und es ist ein Zeichen des Respekts und der Wertschätzung für meine (potenziellen) Gäste: Wenn ich ihnen eine angemessene Gegenleistung zutraue, dann ist mein Engagement kein Almosen für sie, was sie vom Status des Gastes in den des abhängigen Bedürftigen degradieren würde. Wir werden gleichwertige Partner in einem gemeinsamen Prozess, wenn dieser auch jeden von uns auf einem anderen Entwicklungsweg vorwärtsbringt. Gäste sind ja schließlich keine Mieter oder gar Gefangene. Sie bleiben also auch frei, zu kommen und zu gehen, wann und wohin sie wollen. Und ich habe das gleiche Recht! Wenn mein Schloss ein offenes Haus bleibt, so bleibe ich doch der/die Hausherr/in. Denn dies ist unser unausweichlicher Vorteil: Unser Intellekt ist an unsere Person gebunden – man kriegt ihn nicht, ohne uns im Ganzen zu nehmen! Und dabei immer schön an das gemeinsame Wohlbefinden denken.

Ach Lilli, würde doch jeder Sonntag so vergnüglich starten wie dieser! Gelegentlich gibt es leider auch weniger Vergnügliches zu tun – da der Jahresabschluss fällig ist, muss ich mich jetzt den für mich eher profanen Einzelheiten meiner Buchführung zuwenden. Aber mit der Motivation durch Deine anregende Nachricht wird es heute bestimmt schneller gehen als sonst, ich werde mich weniger ablenken! Und ganz unbescheiden hoffen, dass Du mich wissen lässt, was Altokumuli oder Altostratuswolken sind, sobald Du es herausgefunden hast?

Alles Gute einstweilen, wieder etwas mehr Sonne als in den letzten Tagen und auch beruflich schönes Wetter wünscht

Deine Karin

Samstag, 7. Januar 2012

Was ist das überhaupt: Bescheidenheit?

Liebe Karin,

Weihnachten. Ist das nicht schon so lange her? Kaum waren die letzten Kerzen ausgepustet. Das letzte Lied gesungen. Da waren wir auch schon wieder mitten drin. In der Politik und im Leben unserer Grossfamilie Deutschland. Christian Wulff. Werden auch hier bald die Lichter ausgehen? War er zu unbescheiden?

Was ist das überhaupt: Bescheidenheit?

Kürzlich habe ich einen Beitrag von Dieter Thomä, dem Professor für Philosophie an der Universität St. Gallen,  in der ZEIT ONLINE gelesen. Er geht davon aus, dass es eine innere und eine äussere Bescheidenheit gibt.  Die äussere umschreibt er kurz: „Wenn es um äussere Bescheidenheit geht, tut der Volksmund Wahrheit kund: ‚Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.‘“

Die innere beschreibt er als „Mässigung“: „Sie fordert wohlgemerkt nicht Entsagung und Verzicht, sondern die Beachtung des rechten ‚Masses‘, also die ‚Angemessenheit‘.“  Eine ganz gesunde Bescheidenheit: keine Hybris  (Übermut, Anmassung) und keine Unterwürfigkeit. Nicht Schwarz oder Weiss. Aber auch kein Grau. Die Bescheidenheit liegt in der Mitte. Ist aber kein Mittel-Mass. Ein „Mass“ ist sie schon. Das sogenannte rechte Mass.

Thomä folgert: „Wer ein angemessenes, massgerechtes Selbstbild hat, kann sich schwer damit tun, seine Stärken hinauszuposaunen. Er folgt womöglich nicht der richtigen Devise ‚Klappern gehört zum Handwerk‘, sondern stellt sein Licht unter den Scheffel.“

Vor dem Hintergrund der angemessenen Bescheidenheit – wie ist da ein „Klappern“ möglich, damit das eigene Licht nicht unter dem Scheffel landet? Kann es sein, dass Thomä hier genau das Dilemma der Hochbegabten beschreibt? Wie kann ich angemessen bescheiden sein und dabei mein Wissen und Können in die Welt hinausposaunen? Das ist doch ein Widerspruch. Dies vor allem in einem Klima und in einer Zeit, in der gerade die eher Mittelmässigen mit dem grossen Schaumlöffel auf sich aufmerksam machen?

Wenn die Hochbegabten nicht auf sich aufmerksam machen, werden sie übersehen und überhört werden. Klar, dass das ein Weg in die Einsamkeit sein kann. Aber: Praktizieren sie „Klappern“, werden sie sich in ihrer Haut nicht wohl fühlen. In ihrer feinen, differenzierten Wahrnehmung bleiben die IQ>130-Menschen in eben dieser Gedankenfalle sitzen. Und warten darauf,  entdeckt, erlöst, erkannt zu werden. Manche warten schon gar nicht mehr.

Ein Berliner Psychologe hat das einmal  so ausgedrückt: Vor allem diese Frauen sitzen im Keller (!), unter dem Tisch (!!) Ihres eigenen Schlosses (!!!). Punkt.

Und wir – Du, unsere geschätzten Kolleginnen sowie Kollegen und ich – arbeiten daran, um im Bild zu bleiben, ihnen den Schlosspark, den Tanzsaal und die Bibliothek in ihrem Schloss schmackhaft zu machen. Und an ihrer Seite zu sein, wenn sie all die Köstlichkeiten staunend erleben. Wenn sie in ihrem Schloss, in ihrem Leben, ihren wirklichen Platz einnehmen.

Nun können wir ja nicht alle Hochbegabte coachen – und nicht alle wollen gecoacht werden. Was können wir ihnen sagen?

o Finde die dir angemessenen Orientierungsmenschen. Wer fällt mir da spontan ein? Steve Jobs? Gertrud Höhler, Professorin für Literatur, der Journalist Uli Wickert, der Unternehmer Warren Buffett, die First Lady der USA,  Michelle Obama.
o Lies die Selbstbetrachtungen von Marc Aurel. Der römische Kaiser war Philosoph der Stoa – einer Denkrichtung, die in dem Verdacht steht, dass sie die Leitlinien der englisch-amerikanischen Eliteausbildung nicht unwesentlich beeinflusst.
o Teste deine Grenzen aus.

Angemessen bescheiden zu sein, uns in der Welt zu positionieren und dabei auf  unsere Authentizität zu achten, lernen wir nicht von heute auf morgen. So wie wir kaum von heute auf morgen eine neue Sportart beherrschen oder eine weitere Fremdsprache sprechen können. Wir lernen es bei stetigem Einsatz.

Genau so wie es nicht ausreicht, dass wir uns hin und wieder die Zähne putzen, so dürfen wir auch bei unserer Selbstentwicklung stets am Ball bleiben. Warum also nicht täglich? Am Anfang wird es uns eher Pflicht als Kür sein. Aber das Blatt kann sich bald wenden. Wir erleben, dass es Spass macht wertschätzend, wie Du so schön schreibst, mit uns und anderen Menschen umzugehen.

Und ich zitiere Dich weiter: „Und wenn erst mal verstanden ist, dass diese Wertschätzung eine Quelle von Mut, Kraft, Selbstbewusstsein sein kann, dann wird es auch leichter, mit den eigenen Selbstzweifeln umzugehen.“ Wie Recht Du hast.

Und da wir nun selbstbewusst sind, können wir auch lockerer mit dem Smalltalk umgehen und ihn sehen als das, was er ist: ein Entrée-Gespräch. Vergleichbar mit einem Amuse-Gueule – der Gaumenfreude – zum Beginn eines guten Essens.

Manche Menschen verdrehen allein bei dem Gedanken an Smalltalk die Augen. Lehnen diese Art des einführenden Gesprächs als zu oberflächlich ab. Gewiss: Oberflächliche kleine Gespräche gibt es auch. Genau so wie es Menschen gibt, die sich wenig geschmackvoll kleiden oder ihre Haare auf eine Art tragen, die uns nicht gefällt.

Wenn wir nicht mit einem natürlich guten Stilbewusstsein auf die Welt gekommen sind. Und/oder dies im Laufe unseres Lebens gelernt haben, weil Eltern, Freunde, Kollegen uns darauf aufmerksam gemacht haben, können wir schon mal etwas gewöhnungsbedürftig aussehen. Aber das heisst doch nicht, dass wir nicht ein besonderer Mensch sind. Ich finde: jeder Mensch ist ein besonderer Mensch. Jeder Mensch hat Qualitäten, Talente und Begabungen. Manche kennen sie. Bei manchen sind sie eher weniger entwickelt.

Und so gibt es Menschen, die dieses kleine unkomplizierte Gespräch schon ganz gut beherrschen – wir merken das meistens gar nicht, weil es so natürlich klingt. Und es gibt Menschen, die eher verkrampft witzig oder originell sein wollen. Dabei ist das Einfache oft so naheliegend. Ich habe einmal erlebt, dass der Kapitän eines Fliegers das ganze Flugzeug zum Lachen gebracht hat als er durchs Mikro diesen kleinen einfachen Satz sagte: Wir können noch nicht fliegen: Auf der Startbahn sitzt ein kleiner Hase und will einfach nicht weggehen.

Auch Du hast die Erfahrung gemacht, dass sich viele hochbegabte Menschen einsam fühlen. Mit dem Smalltalk kommen sie aus dieser Sackgasse raus.

Networking funktioniert nicht nur im Internet, sondern auch im richtigen Leben. Warum nicht an der Theke beim Bäcker die Nachbarin fragen, wie das tolle Parfum heisst?

Smalltalk: Wie funktioniert nun dieses Einstiegsgespräch? Machen Sie sich locker. Seien Sie ganz Sie selbst. Bleiben Sie natürlich. Beginnen Sie mit der Einstellung: Ich bin interessiert an anderen Menschen. Wählen Sie leichte, unkomplizierte Themen. Smalltalk-Anfänger sprechen über Naheliegendes wie etwa über:

·        das Wetter
·        den  Anlass (Geburtstag eines Freundes, Hochzeit, Abifeier)
·        den Ort – wo man sich trifft (Ski-Lift, Aufzug).

Ein leichter Einstieg über das Wetter ist meistens willkommen: „Haben Sie heute Morgen auch so gegen Eis und Schnee kämpfen müssen?“ Das mag profan klingen. Aber: wer hat das noch nie erlebt: Eis und Schnee über Nacht?

Jeder kann das wohl nachvollziehen. Und sagen oder denken: Das kenne ich auch.  Und schon haben wir den ersten Schritt in eine Gruppe getan. Und die Sympathie ist auf unserer Seite.

Sicher. Wir können das auch anders machen. Direkt morgens am Aufzug einen Knaller starten wie etwa: „Guten Morgen allerseits! Was meinen Sie: Sollte ich meinen Kindern zuerst  Einsteins Relativitätstheorie oder erst Goethes Faust II erklären? Und sollte ich da geschlechtsspezifische Unterschiede machen – also das Mädchen zuerst auf Einstein ansetzen oder …?

Auf mich würde so ein Gesprächs-Beginn am Skilift eher befremdlich wirken. Andererseits: warum eigentlich nicht mal kühn sein?

So, jetzt schnell zur Tankstelle, ich will mir noch ein paar Zeitungen kaufen. Mal sehen, wen wir da wieder treffen. Um ein bisschen zu smalltalken. Das Wetter ist mein Lieblingsthema. Altokumuli oder Altostratuswolken. Das habe ich noch nicht verstanden …

Ciao Karin. Nach dem Sturm der letzten Wochen wünsche ich Dir einen erholsamen Sonntag mit Sonnerschein und liebenswerten Menschen.

Herzlichst,
Deine Lilli

Samstag, 31. Dezember 2011

Bescheidenheit

Liebe Lilli,

nun ja - die Weihnachtstage geben Anlass zu so mancher Betrachtung. Im Familienkreis und darüber hinaus. Einerseits die ewig gleichen Rituale, immer dieselben Geschichten, das viel zu üppige Essen – andererseits die Freude am Fest, die Entwicklung der Enkel (man sieht sich leider nicht oft genug, aber dadurch fallen die Fortschritte besonders ins Auge) und das schöne Gefühl, dazu zu gehören.

Und schon bin ich wieder bei unserem Lieblingsthema – den Besonderheiten der Hochbegabung.

Tatsache ist, dass viele meiner Coachees von einer besonderen Art der Einsamkeit berichten. Sie können einfach keinen „small talk“ – weder selber führen noch ertragen. Das führt dazu, dass sie entweder nur schwer mit anderen ins Gespräch kommen (man lässt sie einfach stehen, links liegen sozusagen) oder aber im Gespräch das Gefühl bekommen, den anderen lästig zu sein, ihnen auf die Nerven zu gehen.

Du fragst Dich – und jetzt auch mich – wie können wir Schüchternheit, Bescheidenheit, Selbstbewusstsein, Selbstwertschätzung und Selbstbehauptung vor dem Hintergrund von Hochbegabung sortieren? Ich bin gespannt!

Zunächst mal hat das alles meiner Meinung nach mehr mit Erziehung, mit kultureller und sozialer Prägung zu tun, als mit Hochbegabung. Zur Bescheidenheit wird man genau so erzogen wie zur Selbstwertschätzung. Das geschieht allerdings zu großen Teilen nicht bewusst, durch aktive Einflussnahme, sondern überwiegend unbewusst durch Vorbildwirkung. Wer in einem sozialen Umfeld aufwächst, in dem jeder unabhängig von seinen Talenten und Leistungen als Persönlichkeit respektvoll behandelt und wertgeschätzt wird, der wird kaum zu übertriebener Schüchternheit oder falscher Bescheidenheit neigen.

Nur leider ist in unserer Kultur die bedingungslose Wertschätzung der Persönlichkeit kein weit verbreitetes Gut. Wir glauben häufig, dass wir die Erfüllung bestimmter Leistungsansprüche zur Bedingung und Voraussetzung für Wertschätzung machen müssen. Demzufolge gibt es dann auch „Abstriche“ an der Wertschätzung, die wir dem anderen entgegenbringen, wenn er unsere (!?) Ansprüche nicht oder unzureichend erfüllt. Als Alibi muss dabei oft „die Allgemeinheit“, die „Gesellschaft“ oder ein dubioses „man“ herhalten – wir beanspruchen die Macht der Mehrheit, um unsere ganz eigenen Erwartungen an den anderen zu rechtfertigen. Wer uns nicht passt, hat Wertschätzung nicht „verdient“.

Hochbegabte durchschauen diesen Mechanismus sehr früh. Und wenn es schlecht läuft, versuchen sie lebenslang vergeblich, den Ansprüchen der anderen gerecht zu werden, um sich damit Wertschätzung zu erwerben.

Gleichzeitig – und vielleicht sogar als Reaktion auf diesen Zusammenhang – stellen sie selbst Erwartungen an die anderen. Also: mich interessieren inhaltsleere Gespräche gar nicht, deshalb finde ich small talk doof und verweigere mich. Wenn Du kein interessantes Thema „drauf hast“, will ich mit Dir nicht reden. Und wer mit mir nicht reden will, der muss ja nicht – er interessiert mich sowieso nicht.

Zu dumm, dass eben auch Hochbegabte den gleichen Sozialisationsprozessen unterworfen sind wie alle anderen – sie machen demzufolge auch die gleichen Erfahrungen. Nur gehen sie etwas anders damit um.

Obwohl sie intellektuell durchaus verstanden haben, dass allen Menschen eine achtungsvollere Kommunikation, ein respektvollerer Umgang und eine bedingungslose persönliche Wertschätzung gut tun würde, können sie sich selbst zu so einem Verhalten nur schwer durchringen. Sie sind ja geprägt von den Maßstäben ihrer eigenen Umwelt. Wenn sie also selbst keine Wertschätzung, keinen respektvollen Umgang erlebt haben – warum sollen sie ihn anderen entgegenbringen.

Und nun meldet sich das hochbegabte Gehirn mit dem zugehörigen schlechten Gewissen: „Du weißt, dass es gut wäre! Du solltest es können! Tue es als erster, sei Vorbild!“ Und es widersprechen die Emotionen (die –teufelnochmal – nicht auf den Intellekt hören wollen): „Warum gerade ich? Wer weiß denn mich wertzuschätzen? Wer behandelt mich respektvoll? Und wenn mein Vorbild nicht wirkt sondern ich ausgelacht werde?“

In meinen Coachings gibt es gelegentlich richtig harte Arbeit zu leisten, um diese emotionalen Fragen wieder im Intellekt zu verankern und darauf Antworten zu finden. Aber es funktioniert! Immer wieder können wir erfreut feststellen, dass es doch Menschen gibt (seien es auch wenige), die respektvollen Umgang kennen, praktizieren und weitergeben. Dass Wertschätzung gelebt wird- auch wenn man als Hochbegabter vielleicht nicht den gängigen Mustern der Allgemeinheit entspricht. Und wenn erst mal verstanden ist, dass diese Wertschätzung eine Quelle von Mut, Kraft, Selbstbewusstsein sein kann, dann wird es auch leichter, mit den eigenen Selbstzweifeln umzugehen. Dann kann auch ein Hochbegabter, der genau weiß, wessen Ansprüche er wieder mal enttäuschen wird, ganz selbstbewusst zu sich selber stehen.

Er wird nämlich nicht mehr vergeblich auf Anerkennung hoffen – sondern selbstbewusst zugeben, dass auch er unvollkommen ist und es nicht jedem Recht machen kann und will. In diesem Sinne hat Selbstbehauptung auch etwas mit Bescheidenheit zu tun – der Bescheidenheit, sich selbst trotz Hochbegabung für normal zu halten. Die eigenen Grenzen zu kennen und zu ihnen zu stehen. Und zu wissen, dass man mit dem eigenen komplexen Kommunikationsstil für andere bisweilen arg anstrengend wird – also nicht immer sehr anziehend wirken kann.

Uuuuups - da habe ich wohl gerade selbst ein Beispiel für diese Marotte geliefert?

Kurz gesagt: Ob ein hochbegabter Mensch selbstbewusst oder bescheiden oder beides gleichzeitig ist und auch so gesehen wird, hängt am wenigsten von ihm selber ab. Die Maßstäbe und die Voraussetzungen dafür sind einfach zu verschieden. Und glaub mir, ich kenne sowohl die extrem selbstbewussten wie auch die übertrieben bescheidenen Varianten – sowohl bei Hochbegabten als auch bei durchschnittlich intelligenten Menschen. Manchmal glaube ich schon, dass der Begriff „normal“ nicht nur Fiktion, sondern völlig überflüssig ist, wenn man damit einen massenhaften Durchschnitt meint. Schließlich ist doch jeder Mensch unverwechselbar einzigartig, ob hochbegabt oder nicht.

Liebe Lilli, das neue Jahr scheint uns mit einem gnädig milden Winter zu begrüßen. Darüber bin ich ganz froh, verbringe ich doch ziemlich viel Zeit auf Reisen. Dir geht es ja sicher ähnlich – deshalb sei bitte nicht enttäuscht, falls mal eine Antwort von mir etwas länger auf sich warten lässt. Ich müh mich – aber auch mir fällt die Kurzfassung meist schwer.

Dir alles Gute, einen guten Start und viel Freude bei Deiner / unserer Arbeit mit dieser besonders interessanten Klientel.

Liebe Grüße
Deine Karin