Fotos: Dr. Karin Rasmussen, Saskia-Marjanna Schulz, Alexandra Gräfin Dohna

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Samstag, 19. Januar 2013

Das Erfolgsgeheimnis des amerikanischen Professors


Liebe Karin,

das war eine gelungene vorweihnachtliche Überraschung: drei neue Strophen für den Hochbegabungssong! (1) Meine Bewunderung! Hier noch einmal zum Mitsingen:

„Ich war nie wirklich klein, das hab ich nur gedacht.
So wie ich bin, bin ich o.k. Die Klarheit gibt mir Kraft.
Ich mach mich nicht mehr klein, ich zeige was ich kann.
Weil es so viel zu tun gibt, pack ich es mutig an.

IQ kann dabei helfen, ich nutze was ich hab –
und gebe so das Beste für alle andern ab.
Die andern können auch sehr viel, ich nehme gerne an.
Was andere so leisten ist auch sehr gut getan

Niemand wird klein geredet – ob schön, ob jung, ob klug
Wir brauchen jeder jeden, zu tun gibt es genug.
So kann ein jeder wachsen nach seinem Potenzial
Was er für andre leistet, ist seine eigne Wahl!“

Selbstbewusstsein. Selbstsicherheit. Selbstvertrauen.
Altruismus. Respekt. Wertschätzung.
Vision. Evolution. Freiheit.

Grossartig!

Und dann war da noch Deine Geschichte von „Du bist gut!“ (2), die sich als Motivation perfekt anschliesst. Danke.

Warum ist das nicht selbstverständlich, dass Menschen denken: „Ich bin gut!“? Warum kommen Menschen erst gar nicht auf den Gedanken? Und wenn er sich einschleicht – warum bekommt er dann gleich die gelbe – wenn nicht die rote – Karte? Klar, Zweifel sind auch gut. Reinigend. Klärend. Also nützlich. Aber immer?

In Biografien grosser Persönlichkeiten lesen wir auch von Zweifeln. Von Misserfolgen. Von Problemen, die nicht bewältigt werden konnten. Aber überwiegend von einer soliden Selbstsicherheit, Selbstannahme und Selbstvertrauen.

Eine solche Persönlichkeit habe ich einmal erleben dürfen. Und gefragt, was das Erfolgsgeheimnis ist. Und das kam so:

In den 90er Jahren forschte unser Institut gemeinsam mit einem deutschen Wirtschaftsmagazin nach den Ursachen des Erfolgs. So wollten wir u.a. wissen, wer in den internationalen Medien als „Papst auf seinem Gebiet“ deklariert wird. Das war damals noch etwas aufregender als heute: die Welt von Google war noch nicht geboren. Und so stiegen wir in die Archive, in die Bibliotheken und fragten Experten am Telefon. Einer dieser „Päpste“ war ein amerikanischer Wissenschaftler. Er hatte vier Studiengänge absolviert. Promoviert. Habilitiert. Professor und stellvertretender Rektor einer Universität. Weltweit wurde er als Coach und Berater angefragt. Irgendwann kam er auch nach Deutschland.

Im Laufe der Recherche lud er mich zu seinen deutschen Freunden ein. Wir sprachen auch über Persönliches und so fragte ich ihn: „Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?“ Er musste lachen. Und wollte zunächst nicht wirklich darauf antworten. Er meinte, die Frage sei zu intim. Leider war ich hartnäckig. Nun, sagte er, mein Vater. Ihr Vater? „Ja, mein Vater.“

Als er die Fragezeichen in meinen Augen sah, wurde er deutlicher: „ Mein Vater hat mir als Kind gesagt: ‚Da oben im Himmel gibt es den lieben Gott. Und Du, mein Sohn, bist ein kleiner ‚Lieber Gott.‘ Und immer, wenn ich nicht weiter wusste, eine Prüfung bestehen musste oder so richtig Probleme hatte  - dann sagte ich mir: Du bist ein kleiner ‚Lieber Gott‘. DU schaffst es!“

Ich war nicht so erstaunt wie mein Gegenüber es erwartet hatte. Ich hatte einen Lehrer. Der legte uns einen Bibelsatz aus dem Psalm 82 ans Herz: „Ich habe gesagt: Götter seid ihr, und Söhne des Höchsten seid ihr alle…“ (3) und ergänzte, dass auch die Töchter gemeint sind. WOW! Wir sind alle Götter?

Später habe ich dann bei Johannes 11.22 nachgelesen, was das bedeuten kann. Ich las: „Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben …“ (4)

Nee, das stimmt doch nicht. Besser gesagt: Es stimmt nicht immer. Aber: Von was ist es abhängig, dass Wünsche erfüllt werden? Liegt es daran, wie, wann und/oder für wen oder was ich bitte?

Selbstbewusstsein.
Foto: Saskia-Marjanna Schulz (11)


Ich schaute mal wieder bei unseren Lieblingsdichter Johann Wolfgang von Goethe rein und bekam hier eine klare Antwort: „Ich darf sagen, ich kam nie leer zurück, wenn ich unter Druck und Not Gott gesucht hatte.“ Also ist Gott so eine Art „Notarzt“? Die 112 für unsere Seele?

Nicht nur, wenn man Voltaire glauben will: „Ich habe bisher nur ein einziges kurzes Gebet zum Herrn gesprochen: ‚Oh Herr, bitte mache alle meine Feinde recht lächerlich.‘ Und Gott erhörte mich.“

Plausibel erscheint mir, was Hildegard von Bingen sagt: „Wenn du willens bist, zu Gott zu eilen, wird er dir helfen.“

Aha! Man muss sich helfen lassen wollen.
Oh, das ist Schwerstarbeit für Hochbegabte.




Selbstsicherheit. Selbstvertrauen.
Foto: Saskia-Marjanna Schulz


Aber nicht für alle, wie DER SPIEGEL einmal zu berichten wusste(5). Die Rede ist von Dr. Chauncey Crandall (6),  einem „hoch trainierten Herzspezialist“.  An der Palm Beach Cardiovascular Clinic in Florida betet er „regelmäßig mit seinen Patienten“ (5). Er legt „ihnen die Hand auf die Stirn“ und bittet „mit fester Stimme um göttlichen Beistand“.

Sein Credo: "Das Leiden bekämpfen wir mit konventionellen Methoden, aber auch mit Gebeten." Hilft es? Chauncey Crandall erinnert sich. An einen Mann mit schwerem Herzinfarkt, der bereits 40 Minuten ohne Puls war: "Sein Gesicht, seine Arme, seine Beine waren schon ganz schwarz. Ich sagte, lasst uns aufhören, da ist kein Leben mehr." Aber dann betete Crandall. Ordnete eine letzte Elektroschockbehandlung an – kurze Zeit später: "Und plötzlich zeigte der Monitor einen perfekten Herzschlag."

Ach Karin, wie könnte unser Leben sein, wenn wir die Freiheit hätten, frei zu denken. Wenn wir nicht gebunden wären an die negativen Elemente unserer Sozialisationen. Wenn wir uns befreien könnten von unseren destruktiven Glaubenssätzen – „Ich bin nicht gut genug. Und (deshalb) habe ich auch nichts Gutes verdient“ u.a.m. Wenn wir offen wären und uns die Erlaubnis geben könnten, selbst zu denken.



Vision. Evolution. Freiheit.
Foto: Saskia-Marjanna Schulz



Wie wäre es, wenn wir einfach (wieder) singen:


  • “Die Gedanken sind frei“ (7) – danke, dass Du uns daran erinnert hast.
  • Marius Müller Westernhagen: „Freiheit“ (8)
  • Unheilig: „Freiheit“ (9)

Wer frei sein will, muss auch mutig sein. Zum Beispiel den Mut haben zu fragen: Welche Chancen haben wir, frei zu sein – wenn dies unser Wille ist? In der PRAXIS können wir uns an die Nicolaikirche in Leipzig erinnern - 1989. In der THEORIE mal bei dem Philosophen Niccolò Machiavelli, dem „Denker der Krise“ (FAZ), nachfragen. Ja, bei DEM Niccolò Machiavelli, dessen Name manchmal nur hinter vorgehaltener Hand geflüstert wird. Es ist der Niccolò Machiavelli, der 1513 den Leitfaden für das AUSÜBEN DER MACHT verfasste: „Der Fürst“ (Il Principe) (10). Achtung: Weltliteratur!

Und dieser Machiavelli sagte einmal zum Thema Freiheit: „Wisst ihr denn nicht, dass keine Gewalt den Willen der Freiheit bändigt?“

Hoffnung?
Hoffnung!

Aus unserem kuschelig verschneiten Dorf grüsse ich Dich von Herzen,
Deine Lilli

PS Danke für den Buchtipp: ‚Erlebe Deine Kraft‘ von Thomas Schneider und Karl Werner Ehrhardt! Das Buch liegt schon im Koffer und freut sich mit mir auf meine nächste Lese-Reise.

3 „Nun sag, wie hast du‘s mit den Göttern?“ Eine Forschungsgeschichte zu Ps 82. Diplomarbeit von Sebastian Diez, „die am 05. Mai 2009 an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Julius-Maximilians-Universität Würzburg eingereicht wurde.“
Siehe dazu auch den Textauszug des Internet-Angebots der Deutschen Bibelgesellschaft, gemeinnützige kirchliche Stiftung öffentlichen Rechts: „Wohl habe ich gesagt: Ihr seid Götter und allzumal Söhne des Höchsten …“ http://www.die-bibel.de/online-bibeln/luther-bibel-1984/bibeltext/bibelstelle/Psalm%2082,0/
5 Religion und Medizin. Im Namen der heilenden Kraft
6 Dr. Chauncey Crandall http://chaunceycrandall.com/
Siehe auch: Free mp3 - Leonhard Cohen: Die Gedanken sind frei! http://freiklick.at/index.php?option=com_content&task=view&id=109&Itemid=61
8 Marius Müller Westernhagen: Freiheit http://www.youtube.com/watch?v=queDnG9ZeNk
10 Macchiavellis Buch vom Fürsten by Niccolò Machiavelli http://www.gutenberg.org/ebooks/39816 Siehe auch: Eine Analyse des XVII. Kapitel des "Fürsten" von Matthias Paskowsky
11 Saskia-Marjanna Schulz http://yesbusinesscoach.blogspot.de/

Sonntag, 23. Dezember 2012

Gesegnete Festtage


Foto: Saskia-Marjanna Schulz


Liebe Hochbegabte,

wir wünschen Ihnen und Ihren Lieben gesegnete Festtage.

Ab dem 20. Januar freuen wir uns wieder auf Sie.

Herzlichst 
Ihre 
Karin Rasmussen und Lilli Cremer-Altgeld 

Sonntag, 9. Dezember 2012

Das Hohelied der Begabung



Liebe Lilli,

Herzlichen Dank für Deine spannende Antwort. Ja, das sind faszinierende Themen: Moral, Gehorsam, Mut, Kraft und: Freiheit! Ich meine die Freiheit des Denkens, aber auch des Handelns. 

Der liebe alte Kant hat uns da ein Thema hinterlassen, was weit über das Verständnis seiner Zeit hinaus ging. (Von Hochbegabung war damals wahrscheinlich gar nicht die Rede, und seine Talente auszuleben hatte wohl auch nicht jeder die Chance).

Der Gedanke war von Hannah Arendt: „Wir sind auch für unseren Gehorsam verantwortlich.“ Und das ist die geniale Zusammenfassung einer der schwierigsten Aufgaben im Prozess der Persönlichkeitsentwicklung! Wie das bei Hochbegabten häufig vorkommt, zweifeln sie nämlich auch an der Notwendigkeit von Gehorsam schon sehr früh. In der Folge entwickeln sie nicht selten eine allgemeine Ablehnung von Autorität und Widerstand gegen Autoritäten.

Und schon tun sich die ersten moralischen Fragen auf: Ist Ungehorsam anständig oder unanständig? Ist jede Form von Gehorsam ein Zeichen von Verantwortungslosigkeit? Hannah Arendt sagt: „Kein Mensch hat bei Kant das Recht zu gehorchen“ (1), als wäre es ein Gut, was einem zugesprochen würde – je nach Gutdünken von wem? Wer entscheidet darüber, ob wir gehorchen dürfen, müssen, können?

Ich freue mich gelegentlich an der tiefen Weisheit des alten Volksliedes: 

Die Gedanken sind frei


Die Gedanken sind frei, 
wer kann sie erraten? 

Sie fliegen vorbei 
wie nächtliche Schatten. 
Kein Mensch kann sie wissen, 
kein Jäger erschießen 
mit Pulver und Blei. 
Die Gedanken sind frei! 

Ich denke, was ich will 
und was mich beglücket, 
doch alles in der Still', 
und wie es sich schicket. 
Mein Wunsch und Begehren 
kann niemand verwehren, 
es bleibet dabei: 
Die Gedanken sind frei! 

Und sperrt man mich ein 
im finsteren Kerker, 
ich spotte der Pein 
und menschlicher Werke; 
denn meine Gedanken 
zerreißen die Schranken 
und Mauern entzwei: 
Die Gedanken sind frei! 

Drum will ich auf immer 
den Sorgen entsagen, 
und will mich auch nimmer 
mit Grillen mehr plagen. 
Man kann ja im Herzen 
stets lachen und scherzen 
und denken dabei: 
Die Gedanken sind frei! (2)


Wenigstens das haben doch alle Philosophen gekonnt und getan, sie haben gedacht! Dass nicht jeder seine Gedanken für sich behalten hat, ist für uns heute ein großer Vorteil: Wir müssen nicht jeden Gedanken selbst neu finden, sondern können die der Vordenker auseinandernehmen – und akzeptieren oder widerlegen. Auch das ist nämlich so eine moralische Frage: Wieso glaubt ein Mensch wie Kant, ausgerechnet er könne ein Prinzip finden, das für alle Menschen gleichermaßen gilt? Ist das nicht anmaßend und somit unmoralisch? Ist er denn berufen, anderen Prinzipien zu geben? Wer hätte ihn dazu berufen können?

Arme Sophie (3) (danke Dir, liebe Lilli für den Video- Tipp), da muss sie nun für ihr Referat ausgerechnet mit ihrem persönlichen Dilemma, ihrer Liebe zu einem verheirateten Mann, als Feuerprobe für Kants Moralphilosophie herhalten. Dabei ist Liebe doch eine Naturgewalt! Und die Ehe ist es nicht – sie ist eine zivilisatorische „Errungenschaft“, zu deren Rechtfertigung ganze Gesetzbücher und Ideologien existieren.

Wie schön, wenn man darüber nur philosophieren darf und keine Lösung suchen muss! Denn für moralische Konflikte gibt es nun mal keine Lösung, die für alle Menschen gleichermaßen die  richtige oder die falsche Lösung wäre! Und zum Glück muss auch Sophie nur für sich selbst entscheiden: Verzicht oder bewusster Regelverstoß betreffen ihr Verhalten – und je nachdem wie sie sich entscheidet, wird sie entweder viel Kraft und Mut brauchen oder ziemlich viel leiden müssen. Aber immer wird das, was sie danach erlebt, auf ihre Entscheidung zurückzuführen sein. Sie wird sich selbst sagen können: Ich habe meine Entscheidung getroffen – und dazu stehe ich, auch wenn es nicht jeder versteht oder akzeptiert.

Auch mir hat die Geschichte sehr gut gefallen, denn sie zeigt durch ihre Dialoge neue Perspektiven auf und verhilft so vielleicht manchen Menschen zu mehr Weisheit.

Liebe Lilli, Du hast ja soooo Recht! Ent-Spannung setzt Kräfte frei!
Tatsächlich kenne ich auch verschiedene Varianten, sich mit Tiefenentspannung in den Alpha-Theta- Zustand der inneren Klarheit zu versetzen. Ein von mir sehr geschätzter Freund und Kollege hat mit einem Partner zusammen dazu gerade ein sehr praktisches Buch herausgebracht: Erlebe Deine Kraft. Lass Dein Unterbewusstsein für Dich arbeiten und erreiche alle Deine Ziele (4).

Das ist etwas für diejenigen, die verstehen möchten, was da passiert. Und die sicher sein möchten, dass sie nicht von jemand anderem manipuliert werden – sondern tatsächlich selbst der Kapitän ihres Lebensschiffes sind. Es ist kein Chaka – Zauber- Brimborium, sondern einfach die bewusste Nutzung des eigenen Unterbewusstseins FÜR und nicht GEGEN die eigene Natur.

Denn dort landen ja schließlich auch bei unseren Hochbegabten meist die moralischen Kraftfresser: Im Unterbewusstsein. Und der Gedächtnis-Speicher der vielen anerzogenen „Du darfst nicht“, „Man muss doch“, „Wenn nun jeder“ usw. enthält bei Hochbegabten ein ganz besonders umfangreiches Archiv von (gefälligst zu vermeidenden) Fehler- Risiken. Klar, dass einem diese Fehler bei anderen eher auffallen – aber man möchte ja auch selbst möglichst keine Fehler machen. Also lieber erst noch mal  überlegen…

Und dazu braucht man natürlich außer Zeit auch Kraft: Unser Gehirn verbraucht schon im „Ruhezustand“ (wie geht der? – es gibt keinen „OFF“- Knopf!) 20% der Energie und 50% des Sauerstoffs vom Gesamthaushalt unseres Organismus! Kein Wunder also, wenn uns auch vom Denken manchmal die Kraft ausgeht.

Wie Du hatte ich vor kurzem auch so ein wundersames Erlebnis: Ich war unterwegs zu einem Vorstellungsgespräch bei einem Konzern in Leverkusen. Wie immer klappte die Bahnverbindung nicht zuverlässig und ich musste einen Umweg mit der S-Bahn von Köln fahren. Und wie ich so frustriert aus dem Fenster schaue und versuche, keine unangenehme Stimmung aufkommen zu lassen, fährt da draußen (scheinbar) ein Plakat vorbei: Ein Mädchengesicht und ganz groß der Schriftzug: „Du bist gut!“

Ha, danke dem Erfinder! Und dem Gestalter! Und der Philosophie dahinter!
Denn das ist es, was wir uns immer wieder sagen sollten: Wir sind gut!
Das bedeutet keineswegs „besser als andere“, sondern einfach nur „gut“. Und es gelang mir, genau das zu tun, was Du vorschlägst:

„Schlagen wir dem Stress doch einfach mal ein ‚Schnippchen’! Und das tun wir in erster Linie mit einer neuen Einstellung und Haltung zu uns und unserem Leben.“

Georg Bernard Shaw mag zwar Recht haben: „Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das von sich eine schlechte Meinung hat.“ Aber es geht ja auch anders! Da der Mensch nun mal unausweichlich eine Meinung von sich selber haben muss, warum sollte dies nicht eine gute Meinung sein?

Man muss dazu nicht unbedingt eine „Größe“ sein, ein VIP oder eine exotische Berühmtheit. Die „kleinen“ Heldentaten des Alltags machen uns viel häufiger zu guten Menschen, als uns das bewusst ist.
Egal, ob wir Blut spenden, Nachhilfe-Unterricht geben oder einfach dem Kollegen aus einer verflixten Computerfalle heraushelfen – wir können so vielen andern Menschen nützlich sein. Und deshalb habe ich die Idee, Deinem Song für Hochbegabte eine weitere Strophe hinzuzufügen:

Ich war nie wirklich klein, das hab ich nur gedacht.
So wie ich bin, bin ich o.k. Die Klarheit gibt mir Kraft.
Ich mach mich nicht mehr klein, ich zeige was ich kann.
Weil es so viel zu tun gibt, pack ich es mutig an.

IQ kann dabei helfen, ich nutze was ich hab –
und gebe so das Beste für alle andern ab.
Die andern können auch sehr viel, ich nehme gerne an.
Was andere so leisten ist auch sehr gut getan

Niemand wird klein geredet – ob schön, ob jung, ob klug
Wir brauchen jeder jeden, zu tun gibt es genug.
So kann ein jeder wachsen nach seinem Potenzial
Was er für andre leistet, ist seine eigne Wahl!

(Naja, eine Dichterin wird aus mir wohl doch nicht werden)



Die Linden sind auch nachts grün




Troika mit Tausenden



Wahrheit

Fotos: Karin Rasmussen


Liebe Lilli, das Weihnachtsfest und der Jahreswechsel rücken ungestüm auf uns zu und damit ein weiterer Höhepunkt: Die Mensa-Silvesterparty in Berlin mit jetzt schon mehr als 300 Gästen aus ganz Europa (5) und zahlreichen interessanten, amüsanten, inspirierenden und: verbindenden(!) Veranstaltungen. Ich freu mich riesig! Vielleicht treffe ich sogar ein paar von unseren LeserInnen?

Und Dir wünsche ich eine besinnliche, entspannte, freudvolle Weihnachtspause. Wir werden uns wohl erst im Neuen Jahr wieder unserem Gedankenaustausch widmen. Das ist ganz gut. So können wir mal in  Ruhe Revue passieren lassen, was uns schon alles bewegt hat, Bilanz über die bisherigen Fortschritte ziehen und auswählen, was wir in unser Buch packen.

Lass es Dir also gut gehen.
Sei herzlich umarmt.
Und Danke, dass es Dich gibt.
Alles Liebe

Deine Karin

1 zit. nach: Hannah Arendt im Gespräch mit Joachim Fest. Eine Rundfunksendung aus dem Jahre 1964,
2 Volkslied, ca. 1790 bearbeitet von Hoffmann von Fallersleben, 1841 (Erstdruck 1842)

Sonntag, 25. November 2012

Neu: Ein frecher Song für Hochbegabte


Liebe Karin,

ich bin sehr berührt, durch Dich an den Film „Der Rat der Götter“ erinnert zu werden. Irgendwann in meiner Jugend habe ich tief betroffen davon gehört. Ein Gedanke von Hannah Arendt geht mir durch den Kopf: „Wir sind auch für unseren Gehorsam verantwortlich.“ Wiedergefunden! Danke sehr!

Du hast ja mal wieder spannendes mitgebracht zu unserem Gedankenaustausch. Da fange ich gleich mal an mit den ‚Zielen‘. Du fragst: „Welchen Zielen darf man folgen?“ Und Du fragst nach den Folgen des Handelns.  Auch mir sind diese Gedanken vertraut.

Hier in meinen Räumen gibt es den Kunstdruck von Raffael:  „Die Schule von Athen“. Der Mittelpunkt: Aristoteles – mit seiner Ethik. Neben ihm Platon - mit seinem Timaios: Ethische Organisation und ideelles Prinzip.  Davor bleibe ich hin und wieder stehen, wenn ich denke.

Als Antwort auf Deine Frage nach den ‚Folgen des Handelns‘ musste ich heute an Immanuel Kant denken. Und an seinen ‚Kategorischen Imperativ‘ (1) aus dem Jahre 1788: »Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.« Schön und gut, denke ich. Aber: Was heisst das genau?  Und was hat der Imperativ uns heute noch zu sagen?

Diese Frage stellt sich auch die Philosophie-Studentin Sophie. Sie arbeitet gerade an einem Referat über den kategorischen Imperativ. Und während sie noch liest und denkt – erscheint der Philosoph Kant persönlich (!) und beantwortet ihre Fragen zur Moralphilosophie und Ethik. Soweit die Theorie. Aber was ist mit der Praxis?

Denn so einfach ist das mit dem Imperativ auch nicht für eine Philosophie-Schülerin. Ihr Problem? Sophie ist  verliebt. In einen verheirateten Mann. Die uralte Frage: Was tun, wenn wir zwischen Pflicht und Neigung stehen? Wie soll man handeln, wenn man dem Geiste Kants folgen will?

Diese kleine Story läuft aktuell auf BR alpha und ist jederzeit im Internet (2) abrufbar: Kant, Sophie und der kategorische Imperativ.

Vielleicht denkst Du: Wenn ich Sophies Geschichte gesehen habe -  weiss ich dann, wie ich mich entscheiden soll?

Sagen wir mal so: Die Fragen und Antworten erweitern den Horizont.  Das Handikap wird klarer. Und die gewonnene Sensibilität für das Problem kann neue Erkenntnisse hervorbringen. Denken können wir doch alle selbst.

Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen. Zeigt sie durch tiefer gehende Dialoge neue Perspektiven und so eine Liebe zu den Menschen und der Weisheit.

Gleichwohl mag ich Kants Worte nicht unkritisch stehen lassen. Wenn Du Dich zu diesem Thema hingezogen fühlst, so empfehle ich auch mal einen Blick auf z. B. die Gedanken von Georg Wilhelm Friedrich Hegel (3) und Jürgen Habermas (4) zu werfen.

Auf Wiedersehen, Ihr Philosophen!

Willkommen, Herr Prof. Dr. Alltag! So sagte einer meiner Lehrer manchmal, wenn wir die Theorie verlassen haben und uns wieder dem Alltäglichen zuwenden wollten.

Ich meine jetzt die alltägliche Abwesenheit von Mut, wenn wir wieder einmal vor unserem persönlichen Glück stehen. Oder wie Du es so schön ausdrückst: „Auch ich wundere mich manchmal, warum nicht mehr Menschen den Mut finden, ihrem Herzen zu folgen und ihre Träume zu leben, nach ihrem Glück zu streben? Aber immer wenn ich darüber nachdenke, ertappe ich mich selbst. Auch ich neige dazu, mir manche Hindernisse unüberwindlich auszumalen, gewissermaßen als Rechtfertigung für mein Zögern (und meine Angst vor dem Versagen). Ich will nicht Kraft, Mut, Zeit und Geld in etwas investieren, was sich „nicht lohnt“. Dabei gibt es doch gar keine Garantie für Erfolg. Ich weiß doch genau, dass Erfolg nur eintreten kann, wenn ich es versuche. Aber …“


Ent-Spannung setzt Kräfte frei!

Kann es sein, dass es bei Deinen Gedanken nicht (nur) um Mut, sondern auch um Kraft geht? Nicht selten sind wir heutzutage so gefordert, dass wir auf Reserve fahren. Und kaum wagen wir, noch ein neues Projekt, ein neues Ziel, ins Augen zu fassen. Wissend, dass wir kaum die Kraft haben, es wirklich zu realisieren?

Ich möchte Dir dazu ein Erlebnis aus diesem Sommer erzählen: Während meiner Reise durch Deutschland landete ich auch in einem Kloster. Bücher über Bücher und die schönste Musik durfte ich bestaunen. Magisch angezogen fühlte ich mich von einer CD: „Tiefenentspannung! Von Nicolaus Klein.“ (5) Hurra! Ein weiteres Stück für meine Sammlung. Zu Hause probierte ich die Meditation gleich aus und war sehr angenehm überrascht. Ein neues Wohlgefühl begann sich einzustellen. Nach ein paar Tagen wollte ich nicht mehr auf diese Tiefenentspannung verzichten. Ich hatte das Gefühl: Hier gibt es nicht nur Entspannung. Diese CD ist auch eine Krafttankstelle. Heute gehört die Meditation zu meinen Top Ten.

Was zeichnet diese Tiefenentspannung besonders aus? Meine Coachees sprechen von der angenehmen Stimme des Autors. Und sie sagen, dass sie nach der Meditation eine grössere Leichtigkeit empfinden. Mehr Stabilität und Harmonie. Einer spricht von Befreiung, von abnehmender Angst. Insgesamt erleben die Menschen, dass die Tatkraft (!) gewachsen ist.

Jeder Mensch reagiert anders auf Tiefenentspannung. Und manche mögen sich gar nicht entspannen. Doch bei dieser Meditation habe ich bisher nur positive Rückmeldungen bekommen. Es könnte sein, dass sich die CD zu einem Geheimtipp entwickelt. Besonders jetzt im Advent, in der Zeit zunehmender Strapazen.  Jetzt, wo die Belastungen schon mal die Macht über uns übernehmen.

Wollen wir das zulassen?

Schlagen wir dem Stress doch einfach mal ein „Schnippchen“! Und das tun wir in erster Linie mit einer neuen Einstellung und Haltung zu uns und unserem Leben. Zum Beispiel mit der Haltung: „Es geht mir von Tag zu Tag immer besser und besser.“  Und/oder: „Ich habe Mut, mir geht es gut!“ Und/oder: „In mir sind Ruhe und Gelassenheit und der Friede Gottes durchströmt mich.“

Manchmal geht es auf dem Weg zur eigenen Grösse – zum eigenen Glück -  auch um Handicaps, die ziemlich blöd auf der Strecke liegen. Wie etwa: „Ich bin nicht gut genug – und deshalb habe ich nichts Gutes verdient.“ So kultivieren wir Schuld, Selbstzweifel, Selbstverleugnung.  Georg Bernard Shaw bringt es auf den Punkt: „Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das von sich eine schlechte Meinung hat.“

Wie können wir für unser Glück kämpfen, für unsere Grösse, wenn uns Liebe, Achtung und der Respekt für uns selbst fehlen? Gut, wir können lernen, uns zu lieben und zu achten.

Eine weitere Lösung?

Ich habe erlebt, dass Menschen, die sich für andere einsetzen, über sich selbst hinauswachsen. Ob für den Mann – die Frau – die Kinder, für Freunde oder für Menschen, für die sie Verantwortung übernommen haben.  Dieser Einsatz kann Kräfte freisetzen, die wir selbst nicht für möglich gehalten haben. Und mit dieser Liebe kann sich ein Engagement entwickeln, das uns selbst zu einer neuen Dynamik führt.

Geht es nur mir so oder zeichnet sich da ein Trend ab? Ich sehe zunehmend Menschen, die sich für andere Menschen einsetzen. Wenn sie interviewt werden, wirken sie stark, zufrieden und von ihrem Leben erfüllt. Indem ich gut zu den anderen bin – bin ich gut zu mir?

Die Grössen, die ich in meinem Leben interviewen durfte, wirkten überwiegend zufrieden mit sich und ihrem Leben. Und ausnahmslos setzten sie sich für andere Menschen ein. Das war für sie ganz einfach selbstverständlich. Auch so wuchsen sie über sich selbst hinaus. Edel-Mut macht mutig?

Ganz besondere Menschen, von denen ich vor kurzem hören durfte, sind die tibetischen Mönche aus Mustang: Abt Kunga Tenzin und Lama Tsering Tashi. Sie besuchen alle zwei Jahre Alters- und Pflegeeinrichtungen in der Schweiz und Süddeutschland. Mit Hingabe zaubern sie für die alten und kranken Menschen sowie für die Besucher ein Medizinbuddha Sandmandala. Der Erlös der Spenden, die sie erhalten, trägt zum Fortbestand der Klosterschule in Lo-Manthang bei (6). Meine Kollegin, Saskia-Marjanna Schulz (7), hat die Mönche begleitet und die schönen Fotos mitgebracht.






Fotos: Saskia-Marjanna Schulz

Liebe Karin, ich wünsche Dir eine fröhliche Adventszeit. Mögen Dir Kipferln, Printen und Makronen gut munden. Und ich wünsche Dir eine kraftvolle Zeit: für Deine Pläne, Ziele und einfach zum Vergnügen!

Und einfach so zum Vergnügen stelle ich Dir vor: meinen ersten Song für Hochbegabte:


130 ist die Zauberzahl                                   

1                                                     
Sie ist nicht wirklich schön,                       
Sagt die Mutter:                             
Die Füsse sind zu gross.                           
Und ihr Haar ist zu dünn.                         

Kein richtiges Mädchen,                  
Meint der Vater:                              
Nicht mal kochen kann sie.                       
So kriegt sie keinen Mann.                       

Die haben mich immer klein gemacht.                
Haben mich immer nur ausgelacht.           
Ha, ha, ha, ha, ha.                                    


2                                                    
Ich bin nicht wirklich schön,                     
Sagt die Mutter:                             
Meine Füsse – zu gross.                           
Und mein Haar ist zu dünn.                      

Kein richtiges Mädchen,                  
Meint der Vater:                              
Nicht mal kochen kann ich.                       
So krieg ich keinen Mann.                        

Ich hab‘ mich immer klein gemacht.          
Die haben mich immer ausgelacht.                                       
Ha, ha, ha, ha, ha.

                          
3                                                     
Bin nur der Bücherwurm,                          
So denke ich:                                           
Mathe, Physik, Chemie.                            
Hilbert  und die Curie.                              

Zahlen sind meine Welt,                  
Wird mir jetzt klar:                                   
Chi-Quadrat-Verteilung –                         
Damit lebe ich auf!                                   

Ich hab‘ mich immer klein gemacht.          
Die haben mich immer ausgelacht.                                                 
Ha, ha, ha, ha, ha.


4
Meine Welt ist anders,
aber OK:
Ich liebe die Zahlen.
Ja: Und sie lieben mich.

Zahlen können helfen,
das weiss ich ja:
Sie werden mich befrei’n.
Hab‘ Mut! Mach‘ jetzt den Test!

Ich hab‘ mich immer klein gemacht.
Damit wird jetzt aber Schluss gemacht!
Ha, ha, ha, ha, ha.


5
Du bist ja wirklich klug,
Ruft der Tester:
Du hast 130.
Intelligenzquotient!

Hochbegabt! Hochbegabt!
Ich wusste es!
Ich bin hochbegabt! Und
Nicht allein auf der Welt!

130 ist die Zauberzahl.
Ha! Mein Traum beginnt – ich hab‘ die Wahl!
Ha, ha, ha, ha, ha.


Alles Liebe,
Deine Lilli





3 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich:  Aufsätze aus dem Kritischen Journal der Philosophie. Bd. 2, S. 463.

4 Habermas, Jürgen: Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln, S. 77.

5 Klein, Nicolaus: Meditative Tiefenentspannung (CD) http://www.nicolaus-klein.com/Publikationen.htm

6 Schulverein Lo-Manthang www.lo-manthang.ch

7 Saskia-Marjanna Schulz http://yesbusinesscoach.blogspot.de/

Sonntag, 11. November 2012

Der Rat der Götter oder: Goethe


Liebe Lilli,

hab ganz herzlichen Dank für Deine Antwort mit den vielen Anregungen und den wunderbaren Zitaten! Es ist einfach toll, immer wieder Beispiele berühmter Denker zu entdecken, in denen die kompliziertesten Zusammenhänge in klare und überzeugende Worte gefasst sind.

Deine Lösung: Du fragst Zeus (und sicher oft auch andere), wenn Du mehr Fragen als Antworten im Kopf hast. Mir fiel dazu spontan ein mehrfach preisgekrönter Film aus meiner Jugend  ein (1). In diesem Film wird – wahrscheinlich unbeabsichtigt – ein Problem vieler Hochbegabter analysiert. Welchen Zielen darf man folgen? Kann man andere für die Folgen des eigenen Handelns verantwortlich machen?  Es geht in diesem Film um die historische Schuld und die Rechtfertigung dieser Schuld aus „Befehlsnotstand“.

Was das mit Hochbegabten zu tun hat? Nun, wir wissen, dass Hochbegabte oft ein stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsbewusstsein und ein tief verankertes Gewissen haben. Sie wollen keinem wissentlich schaden, sondern immer „anständig“ handeln. Da sie gleichzeitig aber wissen, dass sie nie alle Folgen ihres Handelns voraussehen können (und nicht sicher sind, nur anständigen Zielen zu folgen bzw. anständigen „Herren zu dienen“), wissen sie oft auch nicht, wie sie handeln können. Sie haben gewissermaßen Furcht vor sich selbst: Furcht, der Verantwortung nicht gerecht werden zu können, unwissentlich Schuld auf sich zu laden, für andere unverständliche und deshalb unbeherrschbare Risiken zu erzeugen. Du zitierst den US-amerikanische Philosophen Ralph Waldo Emerson: „Furcht besiegt mehr Menschen als irgendetwas anderes auf der Welt.“. In diesem Sinne besiegen Hochbegabte sich manchmal selbst, wenn sie glauben, dass es für sie keine Hilfe gibt.
Deshalb nehmen sie meist auch nicht wie Millionen anderer Menschen Woche für Woche am (scheinbar unanständigen) Glücksspiel teil – obwohl sie damit kaum jemandem schaden würden. Stattdessen versuchen sie lieber, vernünftige und anständige Lösungen für die Probleme der anderen zu finden. Du weißt schon, ich meine die „Klugscheißer und Besserwisser“ unter uns, denn denen erscheinen die Probleme der Anderen nun mal lösbarer als ihre eigenen.

Doch wie Du richtig schreibst: Würden Hochbegabte alles wissen und können, würden wir uns sicher nicht so lange über sie unterhalten. Und uns ihre Probleme, Nöte und Sorgen zu Herzen nehmen. Und stetig darauf hinweisen, dass auch ihnen geholfen werden kann. Denn sie haben nun mal Probleme, Nöte und Sorgen, meist mit sich selbst. Ein Thema, welches in diesem Zusammenhang immer wieder auftaucht, ist die von Dir so schön knapp formulierte Frage: Wenn ich meine Begabung erkannt habe – was mache ich dann? Weitermachen wie bisher? Wohl kaum! Veränderungen müssen her! Welche? Wie? Reformen? Oder Revolutionen?

Und das ist auch der Kern der Hilfe, die hier gebraucht wird: 1. Mut und 2. Fragetechniken. Also Gedanken sortieren, Fragen stellen und auswerten. Und aus den Antworten neue Fragen ableiten.  Fragen, die man Zeus, Goethe oder anderen Vorbildern im stillen Zwiegespräch stellen kann, aber auch direkt ganz „normalen“ Menschen oder per Internet dem geballten Wissen der Menschheit. Coaching ist allerdings anders als Beratung und Therapie: Unsere Hilfe besteht eben gerade nicht darin, dass wir unseren Coachees sagen, „was sie ändern sollen.“ Genau das wollen Hochbegabte ja selbst herausfinden. Und damit die Verantwortung für ihre Änderungen auch selbst behalten. Sie wollen und können im Coaching eigene Antworten auf ihre Fragen finden – oder herausfinden, welche Fragen zu stellen sind. Das Beispiel Deiner wiedergefundenen Malerin ist einfach wunderbar: Nachdem sie ihren stärksten Traum erkannt hatte, konnte sie sich konkretere Fragen stellen. Wie komme ich nach Amerika, um dort malen zu können. Was brauche ich an Kontakten, wer kann mir mit Informationen helfen, was kostet es, wo werde ich wohnen usw. - also alles beantwortbare Fragen. Fragen, die man mit etwas Hilfe von anderen lösen kann und deren Antworten den Entschluss zum Handeln erleichtern. Das heißt nicht: es leicht machen! Aber auch hier stimmt Dein wunderbares Zitat von Lucius Annaeus Seneca: „Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.“

Auch ich wundere mich manchmal, warum nicht mehr Menschen den Mut finden, ihrem Herzen zu folgen und ihre Träume zu leben, nach ihrem Glück zu streben? Aber immer wenn ich darüber nachdenke, ertappe ich mich selbst. Auch ich neige dazu, mir manche Hindernisse unüberwindlich auszumalen, gewissermaßen als Rechtfertigung für mein Zögern (und meine Angst vor dem Versagen). Ich will nicht Kraft, Mut, Zeit und Geld in etwas investieren, was sich „nicht lohnt“. Dabei gibt es doch gar keine Garantie für Erfolg. Ich weiß doch genau, dass Erfolg nur eintreten kann, wenn ich es versuche. Aber …

Meine „Aber“ sind häufig gewisse Risiken des Glücks: Neid, Missgunst, eventuell sogar Mobbing. Noch häufiger aber ist es ein Gefühl der Ungerechtigkeit: Es gibt doch so viele, denen es viel schlechter geht als mir. Viel zu viele! Mir geht es doch eigentlich gut! Habe ich das Recht, nach noch mehr Glück zu streben, als ich schon habe? Kann ich nicht mit meinem „kleinen Glück“ (wie demagogisch!) zufrieden sein? Ich will doch, dass alle glücklich sind. Wenigstens will ich nicht am Unglück der Anderen Schuld sein. Und wer Grund hat, mich zu beneiden, ist der nicht unglücklich durch mich?

Aha, ertappt! So viel Macht habe ich gar nicht. Wer mich beneidet, tut dies nicht durch mich und wegen mir! Und eigentlich ist es auch gar kein schlechtes Gefühl, beneidet zu werden. Aber es ist lästig, mancher wird da schon sehr unangenehm. Doch heißt Glück, allen Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu gehen? Nein, sicher nicht. Im Gegenteil – in der Überwindung dieser Furcht und in der Anstrengung für das eigene Glück liegt nicht nur die Chance auf Erfolg. Es ist an sich schon ein Erfolg! Der Mut, sich selbst zu überwinden. Und auch zu akzeptieren, dass nicht jeder andere glücklich darüber ist. Vielleicht kann das ja sogar anderen helfen, ihrerseits die Furcht vor sich selbst zu überwinden.  „Furcht besiegt mehr Menschen als irgendetwas anderes auf der Welt.“ Ich danke Dir sehr für dieses Zitat – und denke dabei auch an so manche meiner Coachees, welche die Schuld an ihrem Un-Glück bisher bei anderen suchten.

Liebe Lilli, Du ziehst Bilanz über 24 Mails in einem Jahr und über unsere Themen Bescheidenheit, Fairness, Respekt, Forschung, Wunder, Selbstkritik, Selbstzweifel, Small Talk, Unwissenheit, Erfolg, Freiheit, Realitätssinn, Rettung und Träume. Ich freue mich sehr, dass aus dieser Mail-Sammlung ein Buch werden wird. Und dann jedes Jahr ein weiteres hinzu kommt. Auch ich hoffe, es erinnert viele Menschen daran, dass Träume wahr werden können. Natürlich wird durch unseren Gedankenaustausch und die daraus entstehenden Bücher allein niemand glücklich werden – wie hochbegabt die Leser auch immer sein mögen. Aber sie können ermutigt werden. Denn auch Hochbegabte brauchen Mut. Mut für „Fehler“, aus denen sie schnell und nachhaltig lernen werden. Mut für Fragen, denn sie können und müssen nicht alles wissen (vor allem nicht vorher). Mut zum Risiko, denn auch sie haben keine Garantie für Erfolg und es wird ihnen nichts geschenkt. Und wir können ihnen helfen, die richtigen Fragen zu finden und die Suche nach den Antworten zu erleichtern im Sinne von Aristoteles: „Wer Erfolg haben will, muss die richtigen, vorbereiteten Fragen stellen.“ Also Mut zur Selbsthilfe in einem Netzwerk kluger Menschen. Und das ganz besonders dann, wenn sie mal wieder glauben, es ginge nicht weiter!

„Wenn die anderen glauben, man ist am Ende, dann muss man erst richtig anfangen!“ Konrad Adenauer

Wir machen auch weiter! Unser Gedankenaustausch ist schon jetzt  für viele unserer LeserInnen Ermutigung und Anregung, in ihrem Leben etwas in Richtung Glück zu ändern. Mit unserem ersten Buch (und allen folgenden) können sie diese Ermutigung vertiefen und weitertragen. Denn auch andere Menschen brauche Hilfe, der Weg zum Glück ist nicht leicht. Mancher fühlt sich dafür nicht stark genug. Siehe Dein Goethe-Zitat „Vor andern fühl ich mich so klein, Ich werde stets verlegen sein.“

Und doch verdanken wir Goethe unter anderem den „Faust“ (Mein Lieblings- Goethe!) mit seinem uns so vertrauten Streben nach Wissen, seinen Gewissensnöten, dem Selbstzweifel und menschlichen Schwächen und der ewigen Frage „was die Welt im Innersten zusammen hält“. Lass sie uns weiter ermutigen. Ich bin ganz sicher, dass mancher Hochbegabte wie Goethe auch, trotz eigener Verlegenheit Großartiges vollbringt.

Was keiner wagt, das sollt ihr wagen
was keiner sagt, das sagt heraus
was keiner denkt, das wagt zu denken
was keiner anfängt, das führt aus. (aus: Der Zauberlehrling, Johann Wolfgang von Goethe)

In diesem Sinne grüße ich Dich ganz herzlich und wünsche Dir
eine karnevalsfreie Zone für Deinen Geist
Deine Karin