Fotos: Dr. Karin Rasmussen, Saskia-Marjanna Schulz, Alexandra Gräfin Dohna

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Sonntag, 11. November 2012

Der Rat der Götter oder: Goethe


Liebe Lilli,

hab ganz herzlichen Dank für Deine Antwort mit den vielen Anregungen und den wunderbaren Zitaten! Es ist einfach toll, immer wieder Beispiele berühmter Denker zu entdecken, in denen die kompliziertesten Zusammenhänge in klare und überzeugende Worte gefasst sind.

Deine Lösung: Du fragst Zeus (und sicher oft auch andere), wenn Du mehr Fragen als Antworten im Kopf hast. Mir fiel dazu spontan ein mehrfach preisgekrönter Film aus meiner Jugend  ein (1). In diesem Film wird – wahrscheinlich unbeabsichtigt – ein Problem vieler Hochbegabter analysiert. Welchen Zielen darf man folgen? Kann man andere für die Folgen des eigenen Handelns verantwortlich machen?  Es geht in diesem Film um die historische Schuld und die Rechtfertigung dieser Schuld aus „Befehlsnotstand“.

Was das mit Hochbegabten zu tun hat? Nun, wir wissen, dass Hochbegabte oft ein stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsbewusstsein und ein tief verankertes Gewissen haben. Sie wollen keinem wissentlich schaden, sondern immer „anständig“ handeln. Da sie gleichzeitig aber wissen, dass sie nie alle Folgen ihres Handelns voraussehen können (und nicht sicher sind, nur anständigen Zielen zu folgen bzw. anständigen „Herren zu dienen“), wissen sie oft auch nicht, wie sie handeln können. Sie haben gewissermaßen Furcht vor sich selbst: Furcht, der Verantwortung nicht gerecht werden zu können, unwissentlich Schuld auf sich zu laden, für andere unverständliche und deshalb unbeherrschbare Risiken zu erzeugen. Du zitierst den US-amerikanische Philosophen Ralph Waldo Emerson: „Furcht besiegt mehr Menschen als irgendetwas anderes auf der Welt.“. In diesem Sinne besiegen Hochbegabte sich manchmal selbst, wenn sie glauben, dass es für sie keine Hilfe gibt.
Deshalb nehmen sie meist auch nicht wie Millionen anderer Menschen Woche für Woche am (scheinbar unanständigen) Glücksspiel teil – obwohl sie damit kaum jemandem schaden würden. Stattdessen versuchen sie lieber, vernünftige und anständige Lösungen für die Probleme der anderen zu finden. Du weißt schon, ich meine die „Klugscheißer und Besserwisser“ unter uns, denn denen erscheinen die Probleme der Anderen nun mal lösbarer als ihre eigenen.

Doch wie Du richtig schreibst: Würden Hochbegabte alles wissen und können, würden wir uns sicher nicht so lange über sie unterhalten. Und uns ihre Probleme, Nöte und Sorgen zu Herzen nehmen. Und stetig darauf hinweisen, dass auch ihnen geholfen werden kann. Denn sie haben nun mal Probleme, Nöte und Sorgen, meist mit sich selbst. Ein Thema, welches in diesem Zusammenhang immer wieder auftaucht, ist die von Dir so schön knapp formulierte Frage: Wenn ich meine Begabung erkannt habe – was mache ich dann? Weitermachen wie bisher? Wohl kaum! Veränderungen müssen her! Welche? Wie? Reformen? Oder Revolutionen?

Und das ist auch der Kern der Hilfe, die hier gebraucht wird: 1. Mut und 2. Fragetechniken. Also Gedanken sortieren, Fragen stellen und auswerten. Und aus den Antworten neue Fragen ableiten.  Fragen, die man Zeus, Goethe oder anderen Vorbildern im stillen Zwiegespräch stellen kann, aber auch direkt ganz „normalen“ Menschen oder per Internet dem geballten Wissen der Menschheit. Coaching ist allerdings anders als Beratung und Therapie: Unsere Hilfe besteht eben gerade nicht darin, dass wir unseren Coachees sagen, „was sie ändern sollen.“ Genau das wollen Hochbegabte ja selbst herausfinden. Und damit die Verantwortung für ihre Änderungen auch selbst behalten. Sie wollen und können im Coaching eigene Antworten auf ihre Fragen finden – oder herausfinden, welche Fragen zu stellen sind. Das Beispiel Deiner wiedergefundenen Malerin ist einfach wunderbar: Nachdem sie ihren stärksten Traum erkannt hatte, konnte sie sich konkretere Fragen stellen. Wie komme ich nach Amerika, um dort malen zu können. Was brauche ich an Kontakten, wer kann mir mit Informationen helfen, was kostet es, wo werde ich wohnen usw. - also alles beantwortbare Fragen. Fragen, die man mit etwas Hilfe von anderen lösen kann und deren Antworten den Entschluss zum Handeln erleichtern. Das heißt nicht: es leicht machen! Aber auch hier stimmt Dein wunderbares Zitat von Lucius Annaeus Seneca: „Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.“

Auch ich wundere mich manchmal, warum nicht mehr Menschen den Mut finden, ihrem Herzen zu folgen und ihre Träume zu leben, nach ihrem Glück zu streben? Aber immer wenn ich darüber nachdenke, ertappe ich mich selbst. Auch ich neige dazu, mir manche Hindernisse unüberwindlich auszumalen, gewissermaßen als Rechtfertigung für mein Zögern (und meine Angst vor dem Versagen). Ich will nicht Kraft, Mut, Zeit und Geld in etwas investieren, was sich „nicht lohnt“. Dabei gibt es doch gar keine Garantie für Erfolg. Ich weiß doch genau, dass Erfolg nur eintreten kann, wenn ich es versuche. Aber …

Meine „Aber“ sind häufig gewisse Risiken des Glücks: Neid, Missgunst, eventuell sogar Mobbing. Noch häufiger aber ist es ein Gefühl der Ungerechtigkeit: Es gibt doch so viele, denen es viel schlechter geht als mir. Viel zu viele! Mir geht es doch eigentlich gut! Habe ich das Recht, nach noch mehr Glück zu streben, als ich schon habe? Kann ich nicht mit meinem „kleinen Glück“ (wie demagogisch!) zufrieden sein? Ich will doch, dass alle glücklich sind. Wenigstens will ich nicht am Unglück der Anderen Schuld sein. Und wer Grund hat, mich zu beneiden, ist der nicht unglücklich durch mich?

Aha, ertappt! So viel Macht habe ich gar nicht. Wer mich beneidet, tut dies nicht durch mich und wegen mir! Und eigentlich ist es auch gar kein schlechtes Gefühl, beneidet zu werden. Aber es ist lästig, mancher wird da schon sehr unangenehm. Doch heißt Glück, allen Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu gehen? Nein, sicher nicht. Im Gegenteil – in der Überwindung dieser Furcht und in der Anstrengung für das eigene Glück liegt nicht nur die Chance auf Erfolg. Es ist an sich schon ein Erfolg! Der Mut, sich selbst zu überwinden. Und auch zu akzeptieren, dass nicht jeder andere glücklich darüber ist. Vielleicht kann das ja sogar anderen helfen, ihrerseits die Furcht vor sich selbst zu überwinden.  „Furcht besiegt mehr Menschen als irgendetwas anderes auf der Welt.“ Ich danke Dir sehr für dieses Zitat – und denke dabei auch an so manche meiner Coachees, welche die Schuld an ihrem Un-Glück bisher bei anderen suchten.

Liebe Lilli, Du ziehst Bilanz über 24 Mails in einem Jahr und über unsere Themen Bescheidenheit, Fairness, Respekt, Forschung, Wunder, Selbstkritik, Selbstzweifel, Small Talk, Unwissenheit, Erfolg, Freiheit, Realitätssinn, Rettung und Träume. Ich freue mich sehr, dass aus dieser Mail-Sammlung ein Buch werden wird. Und dann jedes Jahr ein weiteres hinzu kommt. Auch ich hoffe, es erinnert viele Menschen daran, dass Träume wahr werden können. Natürlich wird durch unseren Gedankenaustausch und die daraus entstehenden Bücher allein niemand glücklich werden – wie hochbegabt die Leser auch immer sein mögen. Aber sie können ermutigt werden. Denn auch Hochbegabte brauchen Mut. Mut für „Fehler“, aus denen sie schnell und nachhaltig lernen werden. Mut für Fragen, denn sie können und müssen nicht alles wissen (vor allem nicht vorher). Mut zum Risiko, denn auch sie haben keine Garantie für Erfolg und es wird ihnen nichts geschenkt. Und wir können ihnen helfen, die richtigen Fragen zu finden und die Suche nach den Antworten zu erleichtern im Sinne von Aristoteles: „Wer Erfolg haben will, muss die richtigen, vorbereiteten Fragen stellen.“ Also Mut zur Selbsthilfe in einem Netzwerk kluger Menschen. Und das ganz besonders dann, wenn sie mal wieder glauben, es ginge nicht weiter!

„Wenn die anderen glauben, man ist am Ende, dann muss man erst richtig anfangen!“ Konrad Adenauer

Wir machen auch weiter! Unser Gedankenaustausch ist schon jetzt  für viele unserer LeserInnen Ermutigung und Anregung, in ihrem Leben etwas in Richtung Glück zu ändern. Mit unserem ersten Buch (und allen folgenden) können sie diese Ermutigung vertiefen und weitertragen. Denn auch andere Menschen brauche Hilfe, der Weg zum Glück ist nicht leicht. Mancher fühlt sich dafür nicht stark genug. Siehe Dein Goethe-Zitat „Vor andern fühl ich mich so klein, Ich werde stets verlegen sein.“

Und doch verdanken wir Goethe unter anderem den „Faust“ (Mein Lieblings- Goethe!) mit seinem uns so vertrauten Streben nach Wissen, seinen Gewissensnöten, dem Selbstzweifel und menschlichen Schwächen und der ewigen Frage „was die Welt im Innersten zusammen hält“. Lass sie uns weiter ermutigen. Ich bin ganz sicher, dass mancher Hochbegabte wie Goethe auch, trotz eigener Verlegenheit Großartiges vollbringt.

Was keiner wagt, das sollt ihr wagen
was keiner sagt, das sagt heraus
was keiner denkt, das wagt zu denken
was keiner anfängt, das führt aus. (aus: Der Zauberlehrling, Johann Wolfgang von Goethe)

In diesem Sinne grüße ich Dich ganz herzlich und wünsche Dir
eine karnevalsfreie Zone für Deinen Geist
Deine Karin


Sonntag, 28. Oktober 2012

Lunch mit Zeus


Liebe Karin,

gestern war es mal wieder soweit: Ich traf Zeus zum Lunch. Das mache ich manchmal, wenn es mehr Fragen als Antworten in meinem Kopf gibt. Dann ziehe ich mich in der Mittagspause zurück ins Abenteuerland Hochbegabung. Treffe Zeus. Und nasche an der Götterspeise, während er meine Fragen beleuchtet.

Es ist nicht so, dass er einfach meine Fragen beantwortet. Es ist so als würde er mir eine Schnitzeljagd-Aufgabe mit auf den Weg geben.

Gestern war ein Freudentag!
Gestern habe ich Dank Zeus‘ Hilfe endlich eine hochbegabte Künstlerin wiedergefunden, die ich aus den Augen verloren hatte.
Gestern dachte ich: Die Welt kann zauberhaft sein  – einfach so beim Lunch mit Zeus. Dem Gott der griechischen Mythologie.

Und so musste ich sehr schmunzeln als ich Deine Zeilen las: „Ich gestehe, Du hast mich mit Deinem Zitat „Herr, gib mir die Kraft, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, die Gelassenheit, das Unabänderliche zu ertragen und die Weisheit, zwischen diesen beiden Dingen die rechte Unterscheidung zu treffen“ des Franz von Assisi genau im richtigen Moment „erwischt“.“

Ich bin sehr beeindruckt, dass es Dir möglich ist, Dir helfen zu lassen: „Manchmal muss auch ich – so wie es Anselm Bilgri empfiehlt (1), zu diesem Stoßgebet Zuflucht nehmen.“

Liebe Karin, ebenso wie Du bin ich der Meinung: „… trotz Unmengen an Büchern – von wissenschaftlich bis Ratgeber- Banalitäten  - gibt es scheinbar seit Jahrtausenden auf die Frage nach dem ICH keine endgültige Antwort.“ Wie ich Dir danke für Dein Geständnis!

Und was ist die Folge davon, dass wir keine Antworten haben, die uns allen bekannt sind? Die wir alle in der Schule gelernt haben? Der US-amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson hat einmal gesagt: „Furcht besiegt mehr Menschen als irgendetwas anderes auf der Welt.“.

Ich frage Dich: Warum lassen sich so wenig Menschen helfen? Weil sie glauben, dass sie Hilfe nicht „verdient“ haben? Oder: Weil sie denken, dass es für sie keine Hilfe gibt? OK. Aber: Warum nehmen dann Millionen Menschen Woche für Woche am Glücksspiel teil?

Bei den hochbegabten Menschen sieht es ja etwas anders aus: Sie denken, dass sie alles allein machen MÜSSEN – frei nach dem Motto: Ein hochbegabter Mensch weiss und kann ALLES.

Wie traurig.

Dabei wissen wir längst, dass dieser Gedanke eine reine Erfindung ist. Würden Hochbegabte alles wissen und können, würden wir uns sicher nicht so lange über sie unterhalten. Und uns ihre Probleme, Nöte und Sorgen zu Herzen nehmen. Und stetig darauf hinweisen, dass auch ihnen geholfen werden kann. Wenn sie es denn zulassen.

Manchmal, ganz selten, gibt es Lichtblicke. Da erkennen Menschen mit einem hohen IQ, dass ihr Leben besser laufen könnte, wenn sie etwas ändern. UND SIE WERDEN AKTIV!

Vor vielen Jahren habe ich einmal einen solchen Freudentag erlebt. Irgendwo an einem Meer hatten wir uns am Morgen die Köpfe heiss geredet bei der Diskussion: Wenn ich meine Begabung erkannt habe – was mache ich dann?

Es war mein ‚Seminar speziell für Frauen‘ und wir hatten alles so geplant, dass wir Urlaub mit Coaching verbinden konnten. Mit Hilfe eines Datenerhebungsverfahrens und der modernen Technik lagen an diesem Vormittag alle Begabungsanalysen – noch verschlossen in einem Umschlag - auf dem Tisch. Und nun wurde es ganz still. Die Ladies öffneten ihre Umschläge. Schreie, Lachen, Freudentränen. Alle – aber auch alle – hatten sich unterschätzt. Und durften nun beglückt feststellen, welchen Reichtum sie in ihrem Kopf und ihrem Herzen trugen.

Irgendwann an diesem Morgen kam dann die Frage: Was mache ich jetzt mit meiner Begabung? Weitermachen wie bisher? Wohl kaum! Veränderungen müssen her! Welche? Wie? Reformen? Oder Revolutionen?

Eine Beamtin aus Norddeutschland war so überwältigt von ihrem Ergebnis, dass sie zu einer echten Revolution bereit war. (2) Aber wie bitte geht Revolution?

Gemeinsam entschieden wir noch einen Kurs im Seminar einzulegen. Technik und Methoden: Von der Theorie zur Praxis.

Du ahnst schon die Themen:

1. Mut
2. Fragetechniken.

Gedanken sortieren, Fragen stellen und auswerten gehört zum Alltagsgeschehen von Journalisten und Wissenschaftlern. Es ist das Handwerkszeug. Wie Köche ihre Messer und Pfannen benutzen. Handwerker ihren Schraubenzieher oder Künstler den Pinsel gebrauchen. Banal aber wahr: Wer es gelernt hat, hat es leichter.

Während wir in unserer Kindheit und Jugend mehr oder weniger kochen gelernt haben und auch Pinsel und Schraubenzieher uns nicht wirklich fremd sind, tun wir uns mit dem Fragenstellen schon etwas schwerer. Während uns das „Fach“ MUT (in Philosophie oder Religion oder in Politik) bekannt  sein dürfte – haben wir „Fragetechniken“ eher selten gelernt. Wozu auch?

Ganz einfach: um das zu erhalten, was wir sein oder haben wollen. Alphatiere sind damit auf die Welt gekommen. Die anderen haben es lernen dürfen. Wie wir an diesem Nachmittag im Seminar. 

Für die  Beamtin aus dem Norden der Republik war das Fragen keine Frage. Das konnte sie schon. Aber mit dem Mut fühlte sie sich noch nicht ganz per Du. Es half, ihr vor Augen zu führen, was das Ergebnis schwarz auf weiss ausgedruckt hatte – und wonach ihr Herz schon ihr ganzes Leben rief: Auf nach Amerika, Mädchen! Malen!

Ein halbes Jahr später erhielt ich eine Postkarte (dass es so etwas noch gibt: eine „Postkarte“): Bin umgezogen. Hab den Himmel auf Erden. Grüsse aus NY!

Wenn ich bedenke, dass hier ein Mensch zwanzig Jahren mit einem weinenden Herzen sich das Lebensglück versagt hat und dann nach einem Sommer-Seminar sein Leben auf den Kopf stellt: Auswandert und es „Himmel auf Erden“ nennt. Dann frage ich mich: Warum fragen nicht mehr Menschen nach ihrem Glück? Warum lassen sie ihr Herz verrosten? (Mit ihrem Auto würden sie das nicht tun!)

 „Furcht besiegt mehr Menschen als irgendetwas anderes auf der Welt.“

Was können WIR tun?

Ach, Karin, ich finde es so wundervoll, dass Du fragen kannst. Und bitten. Und so offen bist für Veränderungen.

Lass uns Bilanz ziehen: Mit dieser Mail  haben wir eine Epoche beendet. Die Epoche von 24 Mails in einem Jahr – 12 Mails von Dir – 12 von mir. Wir haben vor allem diskutiert über Bescheidenheit, Fairness, Respekt, Forschung, Wunder, Selbstkritik, Selbstzweifel, Small Talk, Unwissenheit, Erfolg, Freiheit, Realitätssinn, Rettung und Träume. Im nächsten Jahr wird aus dieser Mail-Sammlung ein Buch werden. Und dann kommt jedes Jahr ein weiteres hinzu.

Auch in der Hoffnung, dass Menschen diese Seiten in die Hand nehmen und sich daran erinnern, dass Träume wahr werden können. Dass neben diesem Satz: „Furcht besiegt mehr Menschen als irgendetwas anderes auf der Welt.“ weitere Sätze lebendig bleiben:


  • Wenn die anderen glauben, man ist am Ende, dann muss man erst richtig anfangen! Konrad Adenauer


  • Wer Erfolg haben will, muss die richtigen, vorbereiteten Fragen stellen. Aristoteles


  • Bewegt man sich zuversichtlich in die Richtung seiner Träume und strebt danach, das Leben zu führen, das man sich vorstellt, erlebt man Erfolge, die man nicht erwartet hat. Henry David Thoreau


  • Eine Weltkarte, die das Land Utopia nicht enthielte, verdiente diesen Namen nicht, denn in ihr fehlte das einzige Land, in dem die Menschheit immer landet. Oscar Wilde


  • Das Geheimnis des Erfolgs? Anders sein als die anderen. Woody Allen (Naja, das sind sie schon, die Hochbegabten. Tragen sie allein deshalb das Geheimnis eines Erfolges in sich?)


Für mich ist es eine grosse Freude, die hochbegabte Künstlerin in der ganz realen Welt wieder gefunden zu haben! Denn mit ihrer Hilfe werden manche meiner Arbeiten leichter. Zuerst habe ich alleine versucht, sie zu finden. Ohne Erfolg. Doch dann kam mir der Gedanke, Zeus um Hilfe zu bitten.

Ich danke Zeus für diese Begegnung. Andere Menschen mögen andere Wesen haben, denen sie vertrauen und die ihnen helfen, ihre Wünsche und Träume wahr werden zu lassen: Gott, die Jungfrau Maria, Jesus, Buddha … AMMA oder die Nachbarin von gegenüber. Manche Menschen werden von ihren Tieren geführt oder motiviert. Von Lichtwesen, Heiligen oder Bäumen.

Menschen brauche Hilfe. Denn der Weg auf Erden ist nicht immer leicht. Doch hier dürfen wir weiterdenken – wie es schon Lucius Annaeus Seneca getan hat: „Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.“

Schwer vorstellbar – aber Johann Wolfgang von Goethe soll einmal gesagt haben: „Vor andern fühl ich mich so klein, Ich werde stets verlegen sein.“
Wie wir wissen, konnte Goethe Hilfe annehmen. In ganz realen Gesprächen oder Briefwechsel mit anderen Menschen. Oder mental, wenn er sich z. B. mit Shakespeare unterhielt.

Und mit seinem Wissen kann er – Goethe – uns heute noch helfen: „In dem Moment, wo du dich einer Sache wirklich verschreibst, rückt der Himmel in deine Reichweite.“

Den „Himmel“ erreichte die Beamtin in New York. Mögest Du den Himmel in Berlin besonders köstlich erleben. Und wie im Film „Der Himmel über Berlin“ mögest Du den Menschen neuen Lebensmut einflössen. DU KANNST DAS!

Auf eine neue Epoche!

Grüsse von Zeus und mir,
Deine Lilli



Sonntag, 14. Oktober 2012

Ich gestehe


Liebe Lilli,

herzlichen Dank für Deine inspirierende Antwort! Trotz Deiner knappen Zeit hast Du mir wieder  wunderbare Anregungen  zum Lesen gegeben. Und:

Ich gestehe, Du hast mich mit Deinem Zitat „Herr, gib mir die Kraft, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, die Gelassenheit, das Unabänderliche zu ertragen und die Weisheit, zwischen diesen beiden Dingen die rechte Unterscheidung zu treffen“ des Franz von Assisi genau im richtigen Moment „erwischt“. Manchmal muss auch ich – so wie es Anselm Bilgri empfiehlt (1), zu diesem Stoßgebet Zuflucht nehmen. Denn trotz Unmengen an Büchern – von wissenschaftlich bis Ratgeber- Banalitäten  - gibt es scheinbar seit Jahrtausenden auf die Frage nach dem ICH keine endgültige Antwort. Die wird es auch wahrscheinlich gar nicht geben, weil ja unser Gehirn immer wieder alles was wir erleben neu bewertet, also auch ständig ein neues Selbstbild schafft. Und was wir denken, wird eben immer auch von unseren Emotionen bestimmt.

Wenn ich z. B. in einem dreistündigen Vortrag nichts wirklich Neues erfahre, dann fange ich schon nach kurzer Zeit an, meiner Frustration zu folgen und den Referenten in Gedanken zu kritisieren, zu korrigieren oder sogar abzuwerten. Dann habe ich ein Fremdbild von ihm für mich geschaffen – und Fremdbilder sind leider viel stabiler als Selbstbilder. Er wird es also in Zukunft sehr viel schwerer haben, meine Anerkennung zu gewinnen. Selbst wenn ich mich bemühe, Entschuldigungen für ihn (oder besser: für diesen einen mangelhaften Auftritt) zu finden, ist doch die Erinnerung daran immer mit dem unguten Gefühl verbunden, dass es für mich vergeudete Zeit war. Und es würde noch schlimmer werden, wenn ich sofort meinem inneren Impuls nachgeben und meine Kritik laut äußern würde. Dann wäre ich trotzdem frustriert – und er wahrscheinlich auch: Ich hätte ihn vorgeführt, sein Image beschädigt und vielleicht sogar dafür gesorgt, dass der weitere Verlauf seines Vortrages noch mangelhafter ausfiele oder auch andere Zuhörer jetzt frustriert wären.

Ich gestehe, auch mein Denken wird von Emotionen gesteuert. Schon die Wahrnehmung unterliegt diesem Filter – weil unser Gehirn gar nicht trennen kann, es nimmt immer gleichzeitig Fakten und Gefühle „wahr“. Insofern können Emotionen auch gar nicht falsch sein, denn die Wahrnehmung macht Erlebtes für uns zur Wahrheit. Mag sein, dass mancher darin eine Schwäche sieht. Ich nicht! Ich glaube, es ist wohlfeil, den Menschen „Schwächen“ zu bescheinigen, und diese so zusammen zu fassen.

Wer entscheidet denn, was eine Schwäche ist? Letztendlich doch nur wir selbst, wenn wir uns die Schuld dafür geben etwas nicht geschafft zu haben, was anderen (scheinbar) gelingt. Vielleicht haben die anderen Zuhörer den Vortrag gar nicht als mangelhaft wahrgenommen, also auch gar keinen Grund zur Kritik und damit zur Zurückhaltung. Vielleicht müssen sie sich gar nicht bemühen, „Dinge zu ertragen die sie nicht ändern können“ (denn der Vortrag würde ja durch Kritik nicht besser und bleibt gerade deshalb schwer erträglich)? Vielleicht ist meine Schwäche, meine enttäuschte Erwartung nur mit Anstrengung ertragen zu können, gerade deshalb für andere gar nicht nachvollziehbar. Und vielleicht ist das, was ich dem Referenten gern als „Schwäche“ angekreidet hätte, gar keine?

Du fragst Dich vielleicht, warum mich das so beschäftigt. Nun, es ist eine Erfahrung, die ich mit vielen Hochbegabten teile: Der innere Wunsch, Dinge richtig zu stellen, andere zu korrigieren oder zu kritisieren, entspringt oft nicht nur einem besseren Wissen, sondern auch einer guten Absicht. Wir wollen helfen, optimieren, aufklären, weiterbilden. Das ist doch eine gute Absicht? Warum ist dann die Wirkung häufig weniger gut? Klar, wir haben den anderen verletzt. Obwohl wir das gar nicht wollten, fühlt er/sie sich vorgeführt, blamiert, angegriffen. Und er/sie zweifelt an unserer guten Absicht, denn der Nutzen unserer Kritik ist nicht sofort erkennbar. Besonders dann nicht, wenn wir in unseren Äußerungen auch gleich noch unsere Emotionen mit verpacken.
Ein aggressiver oder herablassender Ton oder Blick, eine belehrende Geste – und schon haben wir trotz bester Absicht Schaden angerichtet. Und das Paradox dabei: Wenn jemand mit uns so umgeht, empfinden wir selbst es auch genau so. Wir sind verletzt und frustriert. Und vergessen dabei völlig, dass auch der andere in diesem Moment überzeugt ist, es „besser zu wissen“.

Ich gestehe, es fällt mir immer noch schwer, nur auf jene Fragen zu antworten, die gestellt werden. Ich weiß so viel mehr, als gefragt wird. Und ich bin so überzeugt, dass meine Antworten helfen würden – wenn nur einer fragen würde! Aber: Wer oder was stellt uns Ziele? Woher können wir wissen, was wir fragen sollen?

Mich freut die besonders gute Nachricht von Peter Olsson: „Jeder Mensch hat ein besonderes Talent.“ (2)  Und natürlich dürfen sich darüber auch die Hochbegabten freuen. Was Sven Henkel von der Universität St. Gallen (3) sagt, ist wohl der Schlüssel für vielfältige Lösungen:
„Jeder hat aufgrund seiner Anlagen das Potenzial, in ausgewählten Bereichen Außergewöhnliches zu leisten.“ Und wenn er empfiehlt: „ Darum solltest du deine Kompetenzen kennen, auf sie setzen und sie gezielt ausbauen“ – dann muss man sich bewusst machen, dass bei den Hochbegabten die außergewöhnlichen Leistungen eben im Bereich des Denkens (nicht des Wissens!) zu erwarten sind. Denn genau das ist ihr besonderes Talent. Sie können besonders gut, nämlich kompetent, zweifeln. Sie können Widersprüche ebenso gut erkennen wie Muster. Sie sind schnell im Wahrnehmen und schaffen es dabei besonders gut, komplexe Zusammenhänge zu erfassen. Sie können zwar auf viele Fragen antworten, aber noch besser können sie Fragen stellen. Hinterfragen, was als sicher angenommen wird.

Ich gestehe, ich weiß nicht wirklich, ob es in unseren Unternehmen schon die Funktion des hauptamtlichen Fragestellers gibt. Und Forschungsprozesse orientieren sich wahrscheinlich auch eher an erkannten praktischen Problemen als an spannenden Fragen (im Umkehrschluss ist natürlich jedes ungelöste Problem eine spannende Frage – nur gibt es noch viel mehr spannende Fragen, zu denen wir noch gar kein Problem erkannt haben und jede Lösung wirft bekanntlich neue Probleme auf, die spannende Fragen enthalten).  Also sind selbst hochbegabte Forscher immer wieder gezwungen, das oben zitierte Stoßgebet in die Welt zu schicken – denn die Kraft, Dinge zu ändern ist ziemlich ungleich verteilt.

Ich gestehe, ich wünsche mir sehr häufig mehr Verbündete, die den Wert des „reinen“ Denkens zu schätzen wissen, auch wenn ein unmittelbarer praktischer Nutzen nicht sofort erkennbar ist. Die Spaß daran haben, in Gedankenspielen eine „bessere“ Welt nicht nur zu wünschen, sondern zu bauen. Und das nicht in der virtuellen Welt, sondern in der realen! In meinem Workshop „Hochbegabung verstehen - Was ist anders im hochbegabten Gehirn?“ ist deutlich geworden, dass ich mit diesem Wunsch nicht alleine bin. Die Teilnehmer an diesem Workshop haben mit ihren Erfahrungsberichten bestätigt:  beim Denken sollte möglichst selten Angst, Langeweile oder Frust aufkommen – Neugier, Spaß, auch Ärger über Unzulänglichkeiten können viel besser Optimismus und Kreativität auslösen und zur Erschließung der besonderen Talente von Hochbegabten führen. Und dann wächst bestimmt auch das Netzwerk mit anderen Talenten zusammen, mit Ingenieuren, Handwerkern, Künstlern, Organisatoren, Forschern oder Archivaren – eben mit den vielfältigen besonderen Talenten der Anderen. Dann müssen wir uns nicht mehr gegenseitig kritisieren und korrigieren, weil irgendjemand die Erwartungen einer „normalen“ (das ist ein sehr ehrliches Wort, denn es meint NORMiert) Umwelt nicht erfüllt, sondern wir können die Selbstbilder ebenso wie die Fremdbilder an den Talenten, Potenzialen und Kompetenzen der Menschen orientieren. Dann werden wir toleranter, gerechter, humaner miteinander umgehen können und deshalb auch weniger negative Emotionen und Gedanken haben. Ganz zu schweigen von unserem Verhalten!

Ich gestehe, das ist der Traum der mich antreibt. Und es ist auch das, was ich am besten kann – Verständnis und Akzeptanz dort entstehen lassen, wo bisher Kritik und Ablehnung vorherrschen. Allerdings, auch das gestehe ich, kostet mich das immer wieder Energie. Eben die Kraft,  die man braucht, um Dinge zu ändern, die man ändern kann.

Liebe Lilli, da habe ich jetzt eine Geständnis-Liste fabriziert, die irgendwie ziemlich dramatisch erscheint. Dabei ist es eigentlich nur eine Beschreibung meines ganz normalen Alltags. Und der ist ganz gewiss nicht außergewöhnlich – ich weiß, dass es auch anderen Menschen ähnlich geht.
Aber, wie gesagt, Du hast mich mit dem Thema Gelassenheit, Kraft und Weisheit gerade im passenden Moment erwischt. Ich arbeite daran! Und mir scheint, ich werde besser. Aber bestimmt ist das eine Lebensaufgabe (nobody is perfect before died). Und ich bin Dir sehr dankbar, dass Du mich daran erinnert hast.

Du hast in den nächsten Wochen besonders viele Baustellen im wahrsten Sinne des Wortes zu bearbeiten. Ich bin in dieser Zeit auch ziemlich viel unterwegs und außerdem häufig mit meiner eigenen Weiterbildung beschäftigt. Es wird ein ereignisreicher Herbst. Lass Dir deshalb ruhig etwas Zeit mit einer Antwort und denk daran, dass auch Deine Kräfte immer mal wieder aufgefrischt werden wollen.

Ich bin in Gedanken bei Dir und wünsche Dir bei all Deinen Unternehmungen Erfolg und Freude. Und gelegentlich Zeit für einen Herbstspaziergang.

Sei umarmt
Deine Karin



Sonntag, 30. September 2012

Was Hochbegabte nach dem Testergebnis wissen dürfen


Liebe Karin,

Deine Worte sind wieder einmal so wunderbar erhellend! Und von so liebevoller wie  intelligenter Stimmung. 

Ich gestehe: Deine Erlebnisse bei dem 24. Berliner Sommerfest von Mensa e.V. sind mir wieder einmal so richtig unter die Haut gegangen. Du schreibst so plastisch. Als sei ich selbst dabei gewesen.

Dabei ist mir bewusst geworden, dass Deine Erlebnisse genau die Themen beschreiben, die mich aktuell beschäftigt haben. Es sind Erkenntnisse von Menschen, die es sich ebenfalls zur Aufgabe gemacht haben, andere Menschen auf ihrem Weg zu begleiten und die ihr Erleben in Büchern festgehalten haben. Auf den ersten Blick scheinen es sehr unterschiedliche Persönlichkeiten zu sein – auf den zweiten Blick erkennt man die Gemeinsamkeiten.

Ich spreche von Anselm Bilgri, Sven Henkel und von Peter Olsson. Der gebürtige Schwede Olsson ist Berater von Prominenten. Er hat mit vielen Spitzensportlern, Stars und Top-Managern gearbeitet  wie z.B. Oliver Bierhoff, Boris Becker und Katja Flint. In seinem Buch „Erkenne Dein Talent“ (1) interviewt er Prof. Dr. Sven Henkel von der Universität St. Gallen (2) und Vice Director des dort angesiedelten Center of Customer Insight. Henkel forscht in den Bereichen Kommunikation und Personalentwicklung. 

Anselm Bilgri studierte Philosophie und Theologie und war Prior im Kloster Andechs. Er schrieb u.a. das Buch: „Entrümple deinen Geist. Wie man zum Wesentlichen vordringt.“ (3) 2004 verliess er das Kloster und gründete das ‚Zentrum für Unternehmenskultur‘ in München. (4)

Du sprichst zu Beginn Deiner Erzählung von einem ‚verwirrenden Prozess‘, den die Hochbegabten nach dem IQ-Testergebnis durchlaufenden haben. Und Du beendest Deinen Gedankengang mit: „Aber wir lassen jedem sein Selbst! Und damit die Chance, zu allererst sich selbst zu fördern – im wahrsten Sinne des Wortes – seine Schätze zu heben!“ 

Genau dieses SELBST und der Umgang damit ist auch das Thema von Anselm Bilgri, Sven Henkel und Peter Olsson. Jenen Autoren, die ich gerade wieder gelesen habe.

Was sagen sie uns? Anselm Bilgri hält den „unverstellten Blick auf das eigene Ich“  für NÖTIG. Er erinnert an  die alten Griechen (Thales von Milet?). Und ihre Aufforderung über dem Eingang des Apollotempels von Delphi: „Erkenne dich selbst!“

Ich frage Dich: Würde der Satz da stehen, wenn es so einfach wäre, sich selbst zu erkennen? Würden wir heute noch darüber reden?

Der ehemalige Prior bringt es auf das Problem der Selbsterkennung auf den Punkt und nennt den Schuldigen: Es ist der Schweinehund. Der innere, der uns die Probleme macht. 

In Anselm Bilgris Sprache heisst die Erklärung dazu: „In meiner klösterlichen Ausbildung, dem Noviziat, habe ich mich mit den ersten Mönchen, den Wüstenvätern, beschäftigt. Faszinierend ist heute noch bei der Lektüre ihrer Biografien und Aphorismen ihr Kampf mit sich selbst. Heute würde man salopp sagen: mit ihrem inneren Schweinehund.“ Die Analogie aus dem Tierreich erklärt er so: es sind die „ungeordneten Gedanken und Gefühle“, die die Menschen bedrängen.

Als Tipp empfiehlt Anselm Bilgri ein – wie er es hier nennt – „originelles Gebet“:

  • „Gib mir die Gelassenheit, Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann.
  • Gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann.
  • Gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“


Denn: „Das Tun und Umsetzen mit Tatkraft und Verstand sind die eigentliche Antwort auf die Frage: Wer bin ich? (…) Erkenne die Möglichkeiten, die in dir sind. Entdecke deine Potentiale und wecke sie. Fördere deine eigene Entwicklung!“

Es ist das, was auch Du gesagt hast im Kreise Deiner Hochbegabten: „Denn jetzt begannen meine Gesprächspartner langsam zu begreifen, dass ihre Hochbegabung in erster Linie von ihnen selbst genutzt werden muss, ehe sie von anderen erkannt und wertgeschätzt werden kann.“

Und so klingt es auch bei Peter Olsson: „Ich bin überzeugt  davon, dass jeder von uns eine besondere Gabe hat. Es ist eine Gabe, die darauf wartet, entdeckt  und entwickelt zu werden. Oft wird Talent als eine Art Mitgift verstanden, aus der sich Kapital in Form von Ruhm und Reichtum schlagen lässt. Aber darum geht es nicht. Talent ist viel mehr als das. Es ist das, was unsere individuelle Existenz ausmacht, es beeinflusst unser Leben und entscheidet darüber wie glücklich und erfüllt dieses sein wird. Wenn Talent sich mit Hingabe und Leidenschaft verbündet, wird dies in den meisten Fällen mit einer bestimmten Form des Gelingens belohnt werden.“

Die besonders gute Nachricht von Peter Olsson: „Jeder Mensch hat ein besonders Talent.“  Und darüber dürfen sich auch die Menschen freuen, deren IQ nicht die Marke von 130 erreicht hat.

Das hohe Lied vom Talent, das jede/r hat, singt auch Sven Henkel von der Universität St. Gallen: „Jeder hat aufgrund seiner Anlagen das Potenzial, in ausgewählten Bereichen Aussergewöhnliches zu leisten.“ Und er empfiehlt: „ Darum solltest du deine Kompetenzen kennen, auf sie setzen und gezielt ausbauen.“  Mit anderen Worten: Erkenne Dich – und mach‘ das Beste daraus!

Seine Tipps?

  • Ehrlich zu sich selbst sein!
  • Sich selbst  fragen: „Wovon träume ich wirklich? Wo entstehen bei mir Gefühle? Was macht mich glücklich? Welche Themen treiben mich an?“
  • Sein Geheimtipp: „Aber du musst deinem Herzen folgen – und deinem Talent. Die Kraft, die du brauchst, bekommst du nicht aus dem Kopf.“


Liebe Karin, fällt Dir etwas auf? Dies sind unsere Themen: Den richtigen Traum träumen. Auf die Gefühle achten. Und neben dem Kopf auch auf das Herz hören.

Mich freut es sehr – sehr - , wie Du Dich begeistern kannst: „Also: Lass uns diesen Film machen, sobald es geht!“ Während mein Herz schon mal erste Szenarien entwickelt, sitzt mein Kopf noch im Büro und arbeitet die Hausaufgaben ab. Er ist zuverlässig. Und deshalb können wir sicher sein: Er kommt nach.

An Deine Forscherfreundin sende ich mit Kopf und Herz dankbare Grüsse. Ich kann es kaum erwarten, das Forschungsdesign zu lesen.

Und Dir wünsche ich Freude und Erfolg für Deinen nächsten Termin am 05.10.:  „Hochbegabung verstehen - Was ist anders im hochbegabten Gehirn?“ (5)

Fühle Dich herzlich umarmt!
Deine Lilli


5 Am 05.10.2012 lädt die Berliner Mensa-Gruppe ab 17.00 Uhr zu 2 Vorträgen in die SRH Hochschule am Ernst-Reuter-Platz 10 in 10587 Berlin ein. Hierbei werden nicht nur die Vereinsaktivitäten von Mensa in Deutschland e.V. (MinD) vorgestellt, sondern auch Aspekte rund um das Thema IQ aufgegriffen. Gabriela Schnell und Dr. Karin Rasmussen geben einen Einblick in die Besonderheiten des Nachweises von Hochintelligenz/Hochbegabung: Gabriela Schnell: IQ, EQ, soziale oder praktische Intelligenz - was ist das, wie misst man es und was sagt es aus? Karin Rasmussen: Hochbegabung verstehen - Was ist anders im hochbegabten Gehirn? Das komplette Programm findet sich unter |www.mensa.de

Sonntag, 16. September 2012

Unser Selbst – Hochbegabung (all) inclusive!


Liebe Lilli,

danke für Deinen letzten Brief – wie immer sehnsüchtig erwartet, mit Freude gelesen, in Gedanken mehrmals beantwortet und dann doch bis auf den „letzten Moment“ vor mir hergeschoben - weil einfach zu viel passiert.

Also fange ich meine Antwort jetzt einfach mal in der Reihenfolge Deiner Fragen an:

Die Freundin, mit der ich mich an das Forschungsprojekt wagen werde, ist eine hochbegabte reife Frau, Mutter, IT-Spezialistin und gerade (nach mehreren abgeschlossenen anderen Ausbildungen und Studien) mal wieder Fernstudentin im Fach Psychologie. Da wir beide – wie Du ja auch – immer auf mehreren Baustellen gleichzeitig wirken, soll natürlich auch dieses Forschungsprojekt mehrfachen Nutzen bringen. Neben neuen Erkenntnissen aus der Welt der Hochbegabten wollen wir methodische Erfahrungen sammeln in der Anwendung der neuen Kommunikationstechnik für Forschungszwecke (hurra, als IT-Spezialistin kann sie mich um einiges weiter bringen, als ich es selbst geschafft hätte) und natürlich wird sie unsere Ergebnisse auch für ihre Bachelor-Arbeit nutzen. Zurzeit mühen wir uns in unserer knappen Freizeit um das Forschungskonzept  und sammeln Fragestellungen, die von anderen HB-Forschern bisher nicht betrachtet wurden. Das Feld ist groß – und der Ergebnishorizont vorläufig ganz offen.

Eine meiner aktuellen Baustellen ist besagter Workshop „Hochbegabung verstehen – was ist anders im hochbegabten Gehirn?“, der ja am kommenden Montag in Berlin startet. Ich habe inzwischen so viele Anfragen von Interessenten, die diesen Termin nicht nutzen können, dass mir Deine Idee, das Thema in einem Film zu bearbeiten, hervorragend gefällt. Damit könnten wir tatsächlich sehr viel mehr Menschen erreichen und wahrscheinlich auch viel mehr Erkenntnisse bereitstellen, als es die verbreiteten „Wunderkinder“-Reportagen im TV bisher getan haben. Eine wohltuende Ausnahme war da schon die Sendung mit Richard David Precht und Prof. Gerald Hüther (1) am 2. September im ZDF. Zwar ist die Frage „Macht Schule dumm?“ reichlich provokativ – klar, Quotenjagd – aber die Aussage von Prof. Hüther, dass eigentlich jedes Kind hochbegabt ist und Förderung verdient, bietet einen wunderbaren Einstieg in genauere Untersuchungen zu unserem Thema. Denn das, was heute allgemein als Hochbegabung definiert wird, ist ja in Wahrheit eher intellektuelles Hochleistungs- Potenzial. Und die Frage, welche Rolle das Gehirn – im Unterschied zu und im Zusammenwirken mit Umwelt – bei der Umwandlung von Potenzial in Leistung spielt, sollte doch genau so legitim sein, wie die sportmedizinische Forschung es für die Sportförderung ist. Also: Lass uns diesen Film machen, sobald es geht! Auch wenn er wahrscheinlich mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet: Fragen sind der Ursprung des Wissens!

Du fragst Dich (mit Deiner Erfahrung als Fernsehjournalistin) welche Möglichkeiten es geben kann, den inneren Weg zu sich selbst zu finden. Und warum dieser Weg  so wichtig ist? Und Du verweist auf Miller, Damasio und andere, die nachweisen, wie wichtig Gefühle sind.(2) Auch ich glaube, dass es ohne diese Akzeptanz der eigenen Gefühle keinen Weg zum eigenen, inneren Selbst geben kann. Und dabei hilft es oft, wenn man aus Büchern oder Filmen mit der emotionalen Betroffenheit, die diese Medien bewirken können, zu größerer Klarheit kommt.

Erst kürzlich haben mir mehrere Hochbegabte über ihre persönlichen Gefühlskrisen berichtet. Es war beim 24. Berliner Sommerfest von Mensa e.V. (übrigens wieder ein inspirierendes Highlight voller kultureller und intellektueller Anregungen). In verschiedensten Gesprächen kam wiederholt die Frage auf, wie die Nachricht von einer erwiesenen Hochbegabung verarbeitet wurde. Und fast wörtlich übereinstimmend erzählten meine Gesprächspartner über einen verwirrenden Prozess:

Zuerst wollten sie es nicht glauben, hielten das Ergebnis für einen Irrtum oder Fehler.Dann fingen sie an, sich mit dem Thema anhand von Büchern und Blogs zu befassen und erkannten sich selbst in vielen Schilderungen betroffen wieder. Vor allem die Beschreibungen anderer Hochbegabter über die Probleme mit verständnislosen Eltern, Lehrern, Altersgenossen und die erlebte Einsamkeit, den tiefgreifenden Selbstzweifel (mit mir stimmt was nicht) als auch die fortwährende Langeweile bei „altersgerechten“ Anforderungen schienen ein sicheres Symptom dafür zu sein, dass das Testergebnis doch stimmen könnte. Denn: Genau diese Probleme hatten sie selber auch!

Und dann kam die Wut: Nahezu jeder Mensch aus dem näheren Umfeld hätte doch etwas tun müssen, um dieses Potenzial zu fördern, statt immer nur auf Normalität, Zurückhaltung, Bescheidenheit, ja Durchschnittlichkeit zu bestehen! Man war im Stich gelassen worden! Man hatte schon als Kind keine Chance bekommen, man selbst zu sein. So viel Zeit und so viel Mut waren verloren gegangen.

In einigen Gesprächen konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sogar Hass gegen Eltern oder Lehrer eine Rolle spielte, jedenfalls war es mehr als nur einfache Wut. Der Vorwurf der Unterdrückung war unüberhörbar.

Auf meine vorsichtige Gegenfrage, welche Förderung man sich denn damals gewünscht hätte, herrschte dann doch erst mal betretenes Schweigen. Denn das war (und ist) vielfach unklar. Was wäre denn sinnvoll? Und ist die Erziehung in den Grundfragen menschlichen Zusammenlebens – ich nenne das mal „soziale Basis-Kompetenzen“ – wie z. B. Anstrengung, Ausdauer, Gründlichkeit, Fleiß usw. wirklich schädlich für die Hochbegabung? Wohl eher nicht! Sonst gäbe es ja nicht so viele erfolgreiche Hochbegabte, die von ihrer Hochbegabung gar nichts wissen. In Deutschland könnten etwa 1,6 Mio. Menschen hochbegabt sein, aber wie wenige wissen das von sich? (3)

Zu welcher Förderung wären also die Eltern, Lehrer usw. „verpflichtet“ gewesen, wenn die Hochbegabung doch gar nicht erkannt wurde? Gerald Hüther spricht mir aus dem Herzen, wenn er Förderung für jedes Kind verlangt, und das nicht nur in der Schule. Noch mehr: Wir brauchen ein Ende der Beschränkung! Für die meisten Hochbegabten, ob erkannt oder unerkannt, wäre schon der Wegfall vielfältiger Verbote oder Hindernisse ein großer Schritt zum eigenen Selbst.

Davon konnte ich mich bei der Einschulung meines älteren Enkels wieder mal überzeugen. Die Schulleiterin hatte in ihrer feierlichen Begrüßungsrede symbolisch eine „Zuckertüte“ gepackt mit allerhand nützlichen Dingen. Und unter anderem gab es auch ein paar Süßigkeiten für die Erstklässler, wie sie sagte:“… für die bitteren Momente, wenn mal etwas nicht gleich gelingt oder eine Note nicht so gut ausfällt“. Um dann gleich mit deutlich erhobenem Zeigefinger in der Stimme zu ergänzen: „Aber nicht im Unterricht naschen!“ Ich fragte mich sofort: Wen stört ein Bonbon? Wäre es nicht geradezu sinnvoll, die Situation zu nutzen und etwas über Traurigkeit, Enttäuschung, Trost, Durchhaltevermögen, gegenseitige Hilfe, Lebensmittelhygiene, gesunde Ernährung und/oder die umweltschonende Entsorgung von Bonbonpapier und vieles mehr  zu lehren?

Bei meinen Gesprächen mit den frustrierten Hochbegabten, die erst seit kurzem über ihre Hochbegabung wussten, spielten genau diese ungenutzten Chancen schließlich die größte Rolle: Sie hatten schon als Kind das Vertrauen und die Hoffnung in die Hilfe durch die Erwachsenen verloren – wie hätten sie etwas Sinnvolles von jemand lernen können, der so sinnlose Maximen aufstellte und mit aller Autorität verfocht? Die Liste der Bespiele war kunterbunt und ziemlich lang. Von schlechten Noten für ein richtiges Ergebnis in der Mathearbeit „weil wir den Rechenweg noch nicht behandelt haben“ über Betrugsunterstellungen „weil dieses Englisch nicht dem Niveau der anderen Schüler entspricht“ bis zum Verweigern der Gymnasialempfehlung „weil zu viele außerschulische Aktivitäten die Konzentration beeinträchtigen“ reichte die Palette (und ist bestimmt nicht vollständig).

Du kannst Dir vorstellen, dass ich große Mühe hatte, mich von der Frustration nicht anstecken zu lassen. Denn ich weiß ja, dass es auch viele richtig gute Lehrer gibt, viele engagierte Eltern und viele Förderprogramme und Initiativen, auch für die Begabtenförderung. Dass das alles nicht jeden erreicht ist eher eine Herausforderung, als ein Vorwurf. Und dass man für besondere Unterstützung auch eigene Anstrengungen unternehmen sollte, versteht sich von selbst. Über das Internet können heute die meisten Schulen direkt Informationen zur Begabungsförderung abrufen, sie können Eltern und Schüler dazu beraten und sogar guten Beispielen durch eigene Projekte folgen – aber man muss ihnen eben auch die richtigen Fragen stellen und Interesse am Thema zeigen. Einfach nur selbst zu beschließen, dass Hochbegabung kein Thema ist, führt in die falsche Richtung.

Ich habe schließlich versucht, mit meinen Gesprächspartnern eine ganz andere Frage zu klären. Nachdem ich verstanden hatte, dass die Bestätigung ihrer Hochbegabung sie auch zum Nachdenken über ihr Selbst veranlasst hatte, wollte ich wissen: „Was hätte aus Dir werden sollen, wenn Du eher von Deiner Hochbegabung gewusst hättest? Was glaubst Du, was Dir entgangen ist?“ Die Antworten waren sehr aufschlussreich! Meist begannen sie tatsächlich mit „ich hätte...“ – also mit der Vorstellung, selbst aktiv zu sein, etwas zu unternehmen, anzustreben. Das waren meist bislang unerfüllte Wünsche, sich mit einem bestimmten Wissensgebiet intensiv zu befassen, Kurse zu besuchen, Bildungschancen zu nutzen – die zu höherer Qualifikation und damit besseren Berufschancen oder zu einem früheren Abschluss geführt hätten. Klar, das hat mich nicht überrascht. Aber es ging dann immer noch weiter, und das war für mich in dieser Dichte doch eine neue Perspektive: „Ich hätte weniger Unsinn gemacht!“

???

Die selbstkritische Rückschau auf trotzige Aktionen, Verweigerungen, aber auch auf Rückzugsverhalten und Verheimlichung der eigenen Fähigkeiten! Denn jetzt begannen meine Gesprächspartner langsam zu begreifen, dass ihre Hochbegabung in erster Linie von ihnen selbst genutzt werden muss, ehe sie von anderen erkannt und wertgeschätzt werden kann. Und dieses neue Gefühl der eigenen Verantwortlichkeit  für das innere Selbst, die damit verbundene optimistische Klarheit  ist für die meisten der erste Schritt einer neuen Suche: Wie kann ich Versäumtes möglichst schnell nachholen, Lücken schließen, gekappte Verbindungen wieder herstellen, neue Partner gewinnen? Und welche Aufgabe ist die passende? Wo werde ich gebraucht, wie kann ich mit meinen Fähigkeiten auch für andere nützlich sein? Dass mancher auch bei uns Unterstützung sucht, um sich diese Fragen zu beantworten, kann nur gut sein. Wir helfen ja gerne beim Sortieren, Orientieren, Koordinieren. Aber wir lassen jedem sein Selbst! Und damit die Chance, zu allererst sich selbst zu fördern – im wahrsten Sinne des Wortes – seine Schätze zu heben!

Du schreibst: Heute gibt es immer mehr Menschen, die verstehen!
Ja! Zum Glück werden es täglich mehr. Und schon bald wird Hochbegabung kein exotisches Thema mehr sein, sondern so beliebt und gleichzeitig alltäglich wie Kultur und Sport – in allen Varianten. Ich freu mich drauf.

Liebe Lilli, herzlichen Dank auch für Deinen Tipp zu Paturis schulkritischem Buch! (4) Es hat ja bereits im Vorfeld einiges ausgelöst – ich werde es lesen, sobald es zu haben ist.

Dir alles Gute, vor allem weiter viel Optimismus

Herzlichst
Deine Karin


2 Miller, Alice: Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst.
Eine Um- und Fortschreibung. Frankfurt am Main 1991
4 Felix R. Paturi „Denken unerwünscht. Wie deutsche Schulen hochbegabte Kinder traumatisieren“ http://hochbegabungspresse.blogspot.de/2012/08/hochbegabten-buchtipp-denken.html   

Sonntag, 2. September 2012

Wie ein begabter Mensch seine Freiheit findet


Liebe Karin,

Du machst mir eine grosse Freude: Dass Du noch in diesem Jahr ein Forschungskonzept entwickeln wirst, begeistert mich. Karin, Du hättest es sehen sollen: Ich bin gleich durchs Büro getanzt. 

Wer ist die forschende Unbekannte, die sich mit Dir an die Arbeit machen will? Wenn Du magst, berichte mir bitte bald mehr davon. Ich bin aufgeregt vor Freude!

Von Deinem spannenden Workshop „Hochbegabung verstehen - Was ist anders im HB-Gehirn?“ (1) lese ich mit einem mich freuenden und mit einem traurigen Auge. Ich freue mich über die coole Idee. Ich freue mich über die spannenden Fragestellungen wie etwa „Was sind IQ-Bausteine und sind diese gleichzeitig HB-Bausteine?“, „Welche Intelligenzbereiche werden mit dem IQ abgebildet und was sagt das über Begabungen?“ und „Welchen Potenzialvorsprung kann man durch HB haben und wie kann man diesen Vorsprung nutzen?“. Mit Dir. Am 17.09.2012 oder 18.09.2012 in Berlin. Dich und andere Hochbegabte näher kennen lernen. Wer wäre nicht gerne dabei? Glückwunsch denen, die das erleben dürfen. Eine brilliante Idee! (Wir feiern am 17./18. in der Familie einen runden Geburtstag – aber ich werde in Gedanken immer mal in Berlin sein.)

Mein trauriges Auge: Was ist mit den hochbegabten Menschen, die nicht in Berlin sein können? Deren Terminkalender einfach mit dem Kopf schüttelt und NO sagt? Zuerst dachte ich: Wir können gemeinsam ein Buch zu diesem Thema schreiben. Mich fasziniert unser Gehirn seit meiner Kindheit. Seit mein Grossvater nach einem Schlaganfall nicht mehr sprechen konnte. Später an der Uni, bei Praktika in Krankenhäusern und während meiner Trainerausbildung. Aktuell arbeite ich an dem Thema „Interaktion mit einem komatösen Hochbegabten“.

Bald kam mir aber ein anderer Gedanke: Ein Film kann dieses Thema – auch für Angehörige der Hochbegabten – besser transportieren. Und so habe ich ein neues Angebot an Dich – wenn ich meine aktuellen Hausaufgaben gemacht habe – wollen wir gemeinsam einen Film über „Hochbegabung verstehen“ machen? Die Erfahrungen aus Deinem Workshop können dann ein Herzstück dieses Films sein.

Wie gefällt Dir die Idee?

Ich kann mir vorstellen, dass wir dadurch auch Deiner Anregung vor dem Hintergrund Stefan Zweigs  „Wer einmal zu sich selbst gefunden hat, der kann nichts auf dieser Welt mehr verlieren.“ näher kommen: „Ich glaube nämlich: das genau ist es, wonach so viele Hochbegabte – und nicht nur sie – suchen. Wer bin ich, was kann ich, was bedeute ich in der Welt in der ich lebe und was wird von mir bleiben?“

Wie aber können wir zu uns selbst finden?  Wir lernen alles Mögliche in den Schulen, in Akademien und Universitäten – aber wo lernen wir: zu uns selbst zu finden?

Marc Aurels Anregung ist gut und schön: „Blicke in dein Inneres. Da ist die Quelle des Guten, die niemals aufhört zu sprudeln, wenn du nicht aufhörst zu graben.“ Aber mal ganz konkret: Wie geht das, in mein Inneres zu blicken? Gibt es dafür ein Rezept? Wie bei einem Kochkurs? Und: Kann ich das alleine? Oder brauche ich Hilfe? Welche? Von wem? Von Ärzten? Psychologen? Philosophen? Pädagogen? Theologen?

Ich erinnere mich noch genau an einen zauberhaften Sommer vor acht Jahren in Niedersachsen. In der Nähe der Nordsee gab es ein kleines Paradies mit Trainingsräumen. Wir hatten gerade mein „Frauen-Coaching-Seminar“ beendet und standen noch eine Weile zusammen. Eine der Frauen sagte nach einer langen Pause: ein solches Seminar sollte im Fernsehen gezeigt werden. Damit mehr Frauen Mut finden, sich selbst zu entwickeln.

Wenig später flatterte der Brief einer der grössten Fernsehproduktionen auf meinen Schreibtisch. Es war die Casting-Anfrage  für ein tägliches Coaching im Fernsehen, das ich dann übernehmen sollte. Der Gedanke gefiel mir auf Anhieb. Allein die Umsetzung wollte  mir nicht einleuchten. Als gelernte Fernsehjournalistin konnte und kann ich mir nicht vorstellen, wie eine seriöse Umsetzung für ein tägliches Millionenpublikum möglich sein kann. Jedoch denke ich immer mal wieder darüber nach.

Ich frage mich: Welche Möglichkeiten kann es geben, den inneren Weg zu sich zu finden. Und warum ist dieser Weg  so wichtig?

Wer sich auf die Suche nach sich selbst begibt, wird früher oder später „Das Drama des begabten Kindes“ (2) der Psychoanalytikerin Alice Miller in den Händen halten. Sie empfiehlt „die Wahrheit unserer einmaligen und einzigartigen Kindheitsgeschichte emotional zu finden.“ Erst die Wahrheit befreit. Wir können unsere Vergangenheit nicht ändern. Aber unsere Einstellungen zu dieser Vergangenheit. Wir können aufhören, vor dem empfundenen Schmerz und dem Leid zu fliehen. Wir können das Land der Illusionen verlassen. Die Illusionen, die uns scheinbar in Sicherheit wiegen. Und wir können lernen, unserer Wahrheit ins Auge zu blicken.

Wie könnte unsere Wahrheit aussehen? Alice Miller schreibt dazu: „Die frühe Anpassung des Säuglings führt dazu, dass die Bedürfnisse des Kindes nach Liebe, Achtung, Echo, Verständnis, Teilnahme, Spiegelung verdrängt werden müssen. Gleiches gilt für die Gefühlsreaktionen auf die schwerwiegenden Versagungen, was dazu führt, dass bestimmte eigene Gefühle (wie z. B. Eifersucht, Neid, Zorn, Verlassenheit, Ohnmacht, Angst) in der Kindheit und dann im Erwachsenenalter nicht erlebt werden können. Dies ist umso tragischer, als es sich hier um Menschen handelt, die an sich zu differenzierten Gefühlen fähig sind.“ (3)

Wer sich seiner Wahrheit stellt, wird belohnt. Miller: „Es gehört zu den Wendepunkten der Therapie, wenn Menschen zu der emotionalen Einsicht kommen, dass all die ‚Liebe‘, die sie sich mit so viel Anstrengungen und Selbstaufgabe erobert haben, gar nicht dem galt, der sie in Wirklichkeit waren; dass die Bewunderung für ihre Schönheit und Leistungen der Schönheit und den Leistungen galt und nicht eigentlich dem Kind, wie es war. Hinter der Leistung erwacht in der Therapie das kleine einsame Kind und fragt sich: ‚Wie wäre es, wenn ich böse, hässlich, zornig, eifersüchtig, verwirrt vor euch gestanden wäre? Wo wäre denn dann eure Liebe gewesen? (…) Von Anfang an war ich ein kleiner Erwachsener. Meine Fähigkeiten – wurden sie einfach missbraucht?‘“ (4)

Ich nehme jetzt meine Gefühle ernst – ist ein Schritt aus dem inneren Gefängnis. Wir erinnern uns daran, dass Generationen von kleinen Jungs – und manchmal auch Mädchen – mit dem scheinbar heroischen Satz gross geworden sind: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ In Wahrheit ist das Gegenteil der Fall: Auch Indianer kennen Schmerzen, weiss Dr. James Blunk (5) zu berichten. Er ist Anästhesist mit Fachgebiet Schmerztherapie und er hält Vorlesungen an der Heidelberger Kinder-Uni in Medizin. Er klärt die Kinder auf und sagt, wie wichtig das Schmerzempfinden ist: „Alle Menschen empfinden Schmerzen. Schmerzen zu haben ist ausserdem nicht peinlich oder gar schädlich, sondern im Gegenteil überlebenswichtig.“

Wissenschaftler informieren zunehmend wie wichtig Gefühle sind. Zum Beispiel der Neurowissenschaftler António Damásio in seinem Buch „Descartes' Irrtum: Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn“. (6) Er zeigt auf, dass Menschen, die das Zentrum für Emotionen im Gehirn verloren haben (durch Unfall/Krankheit), die Fähigkeit verlieren, ihr Leben zu organisieren und Entscheidungen zu treffen. (7)

Wenn die Menschen lernen, wie wichtig ihre Gefühle sind, kann eine Erleichterung einsetzen. Als Kind konnte die Verleugnung der Gefühle von ihm als lebenswichtig gedeutet werden. Heute darf das Kind von damals erkennen und erleichtert wahrnehmen was ehemals vielleicht abgewürgt werden musste. Und wie wichtig es ist, diese Gefühle ernst zu nehmen. Und in diesem Rahmen eigene Rechte erkennen: Schweigen und Einschüchterung – das war gestern!

Verhängnisvoll, wenn der Weg aus dem Gestern zum Heute nicht gegangen werden kann. Wenn Selbstgefühl fehlt und die "unangezweifelte(n) Sicherheit, dass empfundene Gefühle und Wünsche zum eigenen Selbst gehören". (8)

Ich sah einmal in einem Fernsehinterview eine europäische Prinzessin den folgenden Satz sagen: „Es ist schwer seinen Weg zu finden, wenn einen niemand versteht.“

Das war gestern.
Heute gibt es immer mehr Menschen, die verstehen!

Liebe Karin: danke, dass es Dich gibt! Danke für Deine Begleitung. Deine Umsichten und Einsichten. Sonnenschein für Dich!

Herzlichst
Deine Lilli

PS Ich möchte noch auf das neue Buch von Felix R. Paturi aufmerksam machen, das ab dem 19. September im Handel  sein wird: „Denken unerwünscht. Wie deutsche Schulen hochbegabte Kinder traumatisieren“ Es ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem deutschen Schulsystem. http://hochbegabungspresse.blogspot.de/2012/08/hochbegabten-buchtipp-denken.html


1 Hochbegabung verstehen - Was ist anders im HB-Gehirn? http://www.coaching-fuer-hochbegabte.com/SeminarHochbegabung
2 Miller, Alice: Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst.
Eine Um- und Fortschreibung. Frankfurt am Main 1991 http://www.alice-miller.com/bucher_de.php?page=8
3 a.a.O. Seite 22
4 a.a.O. Seite 29
7 Vgl. Miller, S. 166
8 Miller, Alice: Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst. 1. Auflage 1979, Seite 60