Fotos: Dr. Karin Rasmussen, Saskia-Marjanna Schulz, Alexandra Gräfin Dohna

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Sonntag, 14. Oktober 2012

Ich gestehe


Liebe Lilli,

herzlichen Dank für Deine inspirierende Antwort! Trotz Deiner knappen Zeit hast Du mir wieder  wunderbare Anregungen  zum Lesen gegeben. Und:

Ich gestehe, Du hast mich mit Deinem Zitat „Herr, gib mir die Kraft, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, die Gelassenheit, das Unabänderliche zu ertragen und die Weisheit, zwischen diesen beiden Dingen die rechte Unterscheidung zu treffen“ des Franz von Assisi genau im richtigen Moment „erwischt“. Manchmal muss auch ich – so wie es Anselm Bilgri empfiehlt (1), zu diesem Stoßgebet Zuflucht nehmen. Denn trotz Unmengen an Büchern – von wissenschaftlich bis Ratgeber- Banalitäten  - gibt es scheinbar seit Jahrtausenden auf die Frage nach dem ICH keine endgültige Antwort. Die wird es auch wahrscheinlich gar nicht geben, weil ja unser Gehirn immer wieder alles was wir erleben neu bewertet, also auch ständig ein neues Selbstbild schafft. Und was wir denken, wird eben immer auch von unseren Emotionen bestimmt.

Wenn ich z. B. in einem dreistündigen Vortrag nichts wirklich Neues erfahre, dann fange ich schon nach kurzer Zeit an, meiner Frustration zu folgen und den Referenten in Gedanken zu kritisieren, zu korrigieren oder sogar abzuwerten. Dann habe ich ein Fremdbild von ihm für mich geschaffen – und Fremdbilder sind leider viel stabiler als Selbstbilder. Er wird es also in Zukunft sehr viel schwerer haben, meine Anerkennung zu gewinnen. Selbst wenn ich mich bemühe, Entschuldigungen für ihn (oder besser: für diesen einen mangelhaften Auftritt) zu finden, ist doch die Erinnerung daran immer mit dem unguten Gefühl verbunden, dass es für mich vergeudete Zeit war. Und es würde noch schlimmer werden, wenn ich sofort meinem inneren Impuls nachgeben und meine Kritik laut äußern würde. Dann wäre ich trotzdem frustriert – und er wahrscheinlich auch: Ich hätte ihn vorgeführt, sein Image beschädigt und vielleicht sogar dafür gesorgt, dass der weitere Verlauf seines Vortrages noch mangelhafter ausfiele oder auch andere Zuhörer jetzt frustriert wären.

Ich gestehe, auch mein Denken wird von Emotionen gesteuert. Schon die Wahrnehmung unterliegt diesem Filter – weil unser Gehirn gar nicht trennen kann, es nimmt immer gleichzeitig Fakten und Gefühle „wahr“. Insofern können Emotionen auch gar nicht falsch sein, denn die Wahrnehmung macht Erlebtes für uns zur Wahrheit. Mag sein, dass mancher darin eine Schwäche sieht. Ich nicht! Ich glaube, es ist wohlfeil, den Menschen „Schwächen“ zu bescheinigen, und diese so zusammen zu fassen.

Wer entscheidet denn, was eine Schwäche ist? Letztendlich doch nur wir selbst, wenn wir uns die Schuld dafür geben etwas nicht geschafft zu haben, was anderen (scheinbar) gelingt. Vielleicht haben die anderen Zuhörer den Vortrag gar nicht als mangelhaft wahrgenommen, also auch gar keinen Grund zur Kritik und damit zur Zurückhaltung. Vielleicht müssen sie sich gar nicht bemühen, „Dinge zu ertragen die sie nicht ändern können“ (denn der Vortrag würde ja durch Kritik nicht besser und bleibt gerade deshalb schwer erträglich)? Vielleicht ist meine Schwäche, meine enttäuschte Erwartung nur mit Anstrengung ertragen zu können, gerade deshalb für andere gar nicht nachvollziehbar. Und vielleicht ist das, was ich dem Referenten gern als „Schwäche“ angekreidet hätte, gar keine?

Du fragst Dich vielleicht, warum mich das so beschäftigt. Nun, es ist eine Erfahrung, die ich mit vielen Hochbegabten teile: Der innere Wunsch, Dinge richtig zu stellen, andere zu korrigieren oder zu kritisieren, entspringt oft nicht nur einem besseren Wissen, sondern auch einer guten Absicht. Wir wollen helfen, optimieren, aufklären, weiterbilden. Das ist doch eine gute Absicht? Warum ist dann die Wirkung häufig weniger gut? Klar, wir haben den anderen verletzt. Obwohl wir das gar nicht wollten, fühlt er/sie sich vorgeführt, blamiert, angegriffen. Und er/sie zweifelt an unserer guten Absicht, denn der Nutzen unserer Kritik ist nicht sofort erkennbar. Besonders dann nicht, wenn wir in unseren Äußerungen auch gleich noch unsere Emotionen mit verpacken.
Ein aggressiver oder herablassender Ton oder Blick, eine belehrende Geste – und schon haben wir trotz bester Absicht Schaden angerichtet. Und das Paradox dabei: Wenn jemand mit uns so umgeht, empfinden wir selbst es auch genau so. Wir sind verletzt und frustriert. Und vergessen dabei völlig, dass auch der andere in diesem Moment überzeugt ist, es „besser zu wissen“.

Ich gestehe, es fällt mir immer noch schwer, nur auf jene Fragen zu antworten, die gestellt werden. Ich weiß so viel mehr, als gefragt wird. Und ich bin so überzeugt, dass meine Antworten helfen würden – wenn nur einer fragen würde! Aber: Wer oder was stellt uns Ziele? Woher können wir wissen, was wir fragen sollen?

Mich freut die besonders gute Nachricht von Peter Olsson: „Jeder Mensch hat ein besonderes Talent.“ (2)  Und natürlich dürfen sich darüber auch die Hochbegabten freuen. Was Sven Henkel von der Universität St. Gallen (3) sagt, ist wohl der Schlüssel für vielfältige Lösungen:
„Jeder hat aufgrund seiner Anlagen das Potenzial, in ausgewählten Bereichen Außergewöhnliches zu leisten.“ Und wenn er empfiehlt: „ Darum solltest du deine Kompetenzen kennen, auf sie setzen und sie gezielt ausbauen“ – dann muss man sich bewusst machen, dass bei den Hochbegabten die außergewöhnlichen Leistungen eben im Bereich des Denkens (nicht des Wissens!) zu erwarten sind. Denn genau das ist ihr besonderes Talent. Sie können besonders gut, nämlich kompetent, zweifeln. Sie können Widersprüche ebenso gut erkennen wie Muster. Sie sind schnell im Wahrnehmen und schaffen es dabei besonders gut, komplexe Zusammenhänge zu erfassen. Sie können zwar auf viele Fragen antworten, aber noch besser können sie Fragen stellen. Hinterfragen, was als sicher angenommen wird.

Ich gestehe, ich weiß nicht wirklich, ob es in unseren Unternehmen schon die Funktion des hauptamtlichen Fragestellers gibt. Und Forschungsprozesse orientieren sich wahrscheinlich auch eher an erkannten praktischen Problemen als an spannenden Fragen (im Umkehrschluss ist natürlich jedes ungelöste Problem eine spannende Frage – nur gibt es noch viel mehr spannende Fragen, zu denen wir noch gar kein Problem erkannt haben und jede Lösung wirft bekanntlich neue Probleme auf, die spannende Fragen enthalten).  Also sind selbst hochbegabte Forscher immer wieder gezwungen, das oben zitierte Stoßgebet in die Welt zu schicken – denn die Kraft, Dinge zu ändern ist ziemlich ungleich verteilt.

Ich gestehe, ich wünsche mir sehr häufig mehr Verbündete, die den Wert des „reinen“ Denkens zu schätzen wissen, auch wenn ein unmittelbarer praktischer Nutzen nicht sofort erkennbar ist. Die Spaß daran haben, in Gedankenspielen eine „bessere“ Welt nicht nur zu wünschen, sondern zu bauen. Und das nicht in der virtuellen Welt, sondern in der realen! In meinem Workshop „Hochbegabung verstehen - Was ist anders im hochbegabten Gehirn?“ ist deutlich geworden, dass ich mit diesem Wunsch nicht alleine bin. Die Teilnehmer an diesem Workshop haben mit ihren Erfahrungsberichten bestätigt:  beim Denken sollte möglichst selten Angst, Langeweile oder Frust aufkommen – Neugier, Spaß, auch Ärger über Unzulänglichkeiten können viel besser Optimismus und Kreativität auslösen und zur Erschließung der besonderen Talente von Hochbegabten führen. Und dann wächst bestimmt auch das Netzwerk mit anderen Talenten zusammen, mit Ingenieuren, Handwerkern, Künstlern, Organisatoren, Forschern oder Archivaren – eben mit den vielfältigen besonderen Talenten der Anderen. Dann müssen wir uns nicht mehr gegenseitig kritisieren und korrigieren, weil irgendjemand die Erwartungen einer „normalen“ (das ist ein sehr ehrliches Wort, denn es meint NORMiert) Umwelt nicht erfüllt, sondern wir können die Selbstbilder ebenso wie die Fremdbilder an den Talenten, Potenzialen und Kompetenzen der Menschen orientieren. Dann werden wir toleranter, gerechter, humaner miteinander umgehen können und deshalb auch weniger negative Emotionen und Gedanken haben. Ganz zu schweigen von unserem Verhalten!

Ich gestehe, das ist der Traum der mich antreibt. Und es ist auch das, was ich am besten kann – Verständnis und Akzeptanz dort entstehen lassen, wo bisher Kritik und Ablehnung vorherrschen. Allerdings, auch das gestehe ich, kostet mich das immer wieder Energie. Eben die Kraft,  die man braucht, um Dinge zu ändern, die man ändern kann.

Liebe Lilli, da habe ich jetzt eine Geständnis-Liste fabriziert, die irgendwie ziemlich dramatisch erscheint. Dabei ist es eigentlich nur eine Beschreibung meines ganz normalen Alltags. Und der ist ganz gewiss nicht außergewöhnlich – ich weiß, dass es auch anderen Menschen ähnlich geht.
Aber, wie gesagt, Du hast mich mit dem Thema Gelassenheit, Kraft und Weisheit gerade im passenden Moment erwischt. Ich arbeite daran! Und mir scheint, ich werde besser. Aber bestimmt ist das eine Lebensaufgabe (nobody is perfect before died). Und ich bin Dir sehr dankbar, dass Du mich daran erinnert hast.

Du hast in den nächsten Wochen besonders viele Baustellen im wahrsten Sinne des Wortes zu bearbeiten. Ich bin in dieser Zeit auch ziemlich viel unterwegs und außerdem häufig mit meiner eigenen Weiterbildung beschäftigt. Es wird ein ereignisreicher Herbst. Lass Dir deshalb ruhig etwas Zeit mit einer Antwort und denk daran, dass auch Deine Kräfte immer mal wieder aufgefrischt werden wollen.

Ich bin in Gedanken bei Dir und wünsche Dir bei all Deinen Unternehmungen Erfolg und Freude. Und gelegentlich Zeit für einen Herbstspaziergang.

Sei umarmt
Deine Karin



Sonntag, 30. September 2012

Was Hochbegabte nach dem Testergebnis wissen dürfen


Liebe Karin,

Deine Worte sind wieder einmal so wunderbar erhellend! Und von so liebevoller wie  intelligenter Stimmung. 

Ich gestehe: Deine Erlebnisse bei dem 24. Berliner Sommerfest von Mensa e.V. sind mir wieder einmal so richtig unter die Haut gegangen. Du schreibst so plastisch. Als sei ich selbst dabei gewesen.

Dabei ist mir bewusst geworden, dass Deine Erlebnisse genau die Themen beschreiben, die mich aktuell beschäftigt haben. Es sind Erkenntnisse von Menschen, die es sich ebenfalls zur Aufgabe gemacht haben, andere Menschen auf ihrem Weg zu begleiten und die ihr Erleben in Büchern festgehalten haben. Auf den ersten Blick scheinen es sehr unterschiedliche Persönlichkeiten zu sein – auf den zweiten Blick erkennt man die Gemeinsamkeiten.

Ich spreche von Anselm Bilgri, Sven Henkel und von Peter Olsson. Der gebürtige Schwede Olsson ist Berater von Prominenten. Er hat mit vielen Spitzensportlern, Stars und Top-Managern gearbeitet  wie z.B. Oliver Bierhoff, Boris Becker und Katja Flint. In seinem Buch „Erkenne Dein Talent“ (1) interviewt er Prof. Dr. Sven Henkel von der Universität St. Gallen (2) und Vice Director des dort angesiedelten Center of Customer Insight. Henkel forscht in den Bereichen Kommunikation und Personalentwicklung. 

Anselm Bilgri studierte Philosophie und Theologie und war Prior im Kloster Andechs. Er schrieb u.a. das Buch: „Entrümple deinen Geist. Wie man zum Wesentlichen vordringt.“ (3) 2004 verliess er das Kloster und gründete das ‚Zentrum für Unternehmenskultur‘ in München. (4)

Du sprichst zu Beginn Deiner Erzählung von einem ‚verwirrenden Prozess‘, den die Hochbegabten nach dem IQ-Testergebnis durchlaufenden haben. Und Du beendest Deinen Gedankengang mit: „Aber wir lassen jedem sein Selbst! Und damit die Chance, zu allererst sich selbst zu fördern – im wahrsten Sinne des Wortes – seine Schätze zu heben!“ 

Genau dieses SELBST und der Umgang damit ist auch das Thema von Anselm Bilgri, Sven Henkel und Peter Olsson. Jenen Autoren, die ich gerade wieder gelesen habe.

Was sagen sie uns? Anselm Bilgri hält den „unverstellten Blick auf das eigene Ich“  für NÖTIG. Er erinnert an  die alten Griechen (Thales von Milet?). Und ihre Aufforderung über dem Eingang des Apollotempels von Delphi: „Erkenne dich selbst!“

Ich frage Dich: Würde der Satz da stehen, wenn es so einfach wäre, sich selbst zu erkennen? Würden wir heute noch darüber reden?

Der ehemalige Prior bringt es auf das Problem der Selbsterkennung auf den Punkt und nennt den Schuldigen: Es ist der Schweinehund. Der innere, der uns die Probleme macht. 

In Anselm Bilgris Sprache heisst die Erklärung dazu: „In meiner klösterlichen Ausbildung, dem Noviziat, habe ich mich mit den ersten Mönchen, den Wüstenvätern, beschäftigt. Faszinierend ist heute noch bei der Lektüre ihrer Biografien und Aphorismen ihr Kampf mit sich selbst. Heute würde man salopp sagen: mit ihrem inneren Schweinehund.“ Die Analogie aus dem Tierreich erklärt er so: es sind die „ungeordneten Gedanken und Gefühle“, die die Menschen bedrängen.

Als Tipp empfiehlt Anselm Bilgri ein – wie er es hier nennt – „originelles Gebet“:

  • „Gib mir die Gelassenheit, Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann.
  • Gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann.
  • Gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“


Denn: „Das Tun und Umsetzen mit Tatkraft und Verstand sind die eigentliche Antwort auf die Frage: Wer bin ich? (…) Erkenne die Möglichkeiten, die in dir sind. Entdecke deine Potentiale und wecke sie. Fördere deine eigene Entwicklung!“

Es ist das, was auch Du gesagt hast im Kreise Deiner Hochbegabten: „Denn jetzt begannen meine Gesprächspartner langsam zu begreifen, dass ihre Hochbegabung in erster Linie von ihnen selbst genutzt werden muss, ehe sie von anderen erkannt und wertgeschätzt werden kann.“

Und so klingt es auch bei Peter Olsson: „Ich bin überzeugt  davon, dass jeder von uns eine besondere Gabe hat. Es ist eine Gabe, die darauf wartet, entdeckt  und entwickelt zu werden. Oft wird Talent als eine Art Mitgift verstanden, aus der sich Kapital in Form von Ruhm und Reichtum schlagen lässt. Aber darum geht es nicht. Talent ist viel mehr als das. Es ist das, was unsere individuelle Existenz ausmacht, es beeinflusst unser Leben und entscheidet darüber wie glücklich und erfüllt dieses sein wird. Wenn Talent sich mit Hingabe und Leidenschaft verbündet, wird dies in den meisten Fällen mit einer bestimmten Form des Gelingens belohnt werden.“

Die besonders gute Nachricht von Peter Olsson: „Jeder Mensch hat ein besonders Talent.“  Und darüber dürfen sich auch die Menschen freuen, deren IQ nicht die Marke von 130 erreicht hat.

Das hohe Lied vom Talent, das jede/r hat, singt auch Sven Henkel von der Universität St. Gallen: „Jeder hat aufgrund seiner Anlagen das Potenzial, in ausgewählten Bereichen Aussergewöhnliches zu leisten.“ Und er empfiehlt: „ Darum solltest du deine Kompetenzen kennen, auf sie setzen und gezielt ausbauen.“  Mit anderen Worten: Erkenne Dich – und mach‘ das Beste daraus!

Seine Tipps?

  • Ehrlich zu sich selbst sein!
  • Sich selbst  fragen: „Wovon träume ich wirklich? Wo entstehen bei mir Gefühle? Was macht mich glücklich? Welche Themen treiben mich an?“
  • Sein Geheimtipp: „Aber du musst deinem Herzen folgen – und deinem Talent. Die Kraft, die du brauchst, bekommst du nicht aus dem Kopf.“


Liebe Karin, fällt Dir etwas auf? Dies sind unsere Themen: Den richtigen Traum träumen. Auf die Gefühle achten. Und neben dem Kopf auch auf das Herz hören.

Mich freut es sehr – sehr - , wie Du Dich begeistern kannst: „Also: Lass uns diesen Film machen, sobald es geht!“ Während mein Herz schon mal erste Szenarien entwickelt, sitzt mein Kopf noch im Büro und arbeitet die Hausaufgaben ab. Er ist zuverlässig. Und deshalb können wir sicher sein: Er kommt nach.

An Deine Forscherfreundin sende ich mit Kopf und Herz dankbare Grüsse. Ich kann es kaum erwarten, das Forschungsdesign zu lesen.

Und Dir wünsche ich Freude und Erfolg für Deinen nächsten Termin am 05.10.:  „Hochbegabung verstehen - Was ist anders im hochbegabten Gehirn?“ (5)

Fühle Dich herzlich umarmt!
Deine Lilli


5 Am 05.10.2012 lädt die Berliner Mensa-Gruppe ab 17.00 Uhr zu 2 Vorträgen in die SRH Hochschule am Ernst-Reuter-Platz 10 in 10587 Berlin ein. Hierbei werden nicht nur die Vereinsaktivitäten von Mensa in Deutschland e.V. (MinD) vorgestellt, sondern auch Aspekte rund um das Thema IQ aufgegriffen. Gabriela Schnell und Dr. Karin Rasmussen geben einen Einblick in die Besonderheiten des Nachweises von Hochintelligenz/Hochbegabung: Gabriela Schnell: IQ, EQ, soziale oder praktische Intelligenz - was ist das, wie misst man es und was sagt es aus? Karin Rasmussen: Hochbegabung verstehen - Was ist anders im hochbegabten Gehirn? Das komplette Programm findet sich unter |www.mensa.de

Sonntag, 16. September 2012

Unser Selbst – Hochbegabung (all) inclusive!


Liebe Lilli,

danke für Deinen letzten Brief – wie immer sehnsüchtig erwartet, mit Freude gelesen, in Gedanken mehrmals beantwortet und dann doch bis auf den „letzten Moment“ vor mir hergeschoben - weil einfach zu viel passiert.

Also fange ich meine Antwort jetzt einfach mal in der Reihenfolge Deiner Fragen an:

Die Freundin, mit der ich mich an das Forschungsprojekt wagen werde, ist eine hochbegabte reife Frau, Mutter, IT-Spezialistin und gerade (nach mehreren abgeschlossenen anderen Ausbildungen und Studien) mal wieder Fernstudentin im Fach Psychologie. Da wir beide – wie Du ja auch – immer auf mehreren Baustellen gleichzeitig wirken, soll natürlich auch dieses Forschungsprojekt mehrfachen Nutzen bringen. Neben neuen Erkenntnissen aus der Welt der Hochbegabten wollen wir methodische Erfahrungen sammeln in der Anwendung der neuen Kommunikationstechnik für Forschungszwecke (hurra, als IT-Spezialistin kann sie mich um einiges weiter bringen, als ich es selbst geschafft hätte) und natürlich wird sie unsere Ergebnisse auch für ihre Bachelor-Arbeit nutzen. Zurzeit mühen wir uns in unserer knappen Freizeit um das Forschungskonzept  und sammeln Fragestellungen, die von anderen HB-Forschern bisher nicht betrachtet wurden. Das Feld ist groß – und der Ergebnishorizont vorläufig ganz offen.

Eine meiner aktuellen Baustellen ist besagter Workshop „Hochbegabung verstehen – was ist anders im hochbegabten Gehirn?“, der ja am kommenden Montag in Berlin startet. Ich habe inzwischen so viele Anfragen von Interessenten, die diesen Termin nicht nutzen können, dass mir Deine Idee, das Thema in einem Film zu bearbeiten, hervorragend gefällt. Damit könnten wir tatsächlich sehr viel mehr Menschen erreichen und wahrscheinlich auch viel mehr Erkenntnisse bereitstellen, als es die verbreiteten „Wunderkinder“-Reportagen im TV bisher getan haben. Eine wohltuende Ausnahme war da schon die Sendung mit Richard David Precht und Prof. Gerald Hüther (1) am 2. September im ZDF. Zwar ist die Frage „Macht Schule dumm?“ reichlich provokativ – klar, Quotenjagd – aber die Aussage von Prof. Hüther, dass eigentlich jedes Kind hochbegabt ist und Förderung verdient, bietet einen wunderbaren Einstieg in genauere Untersuchungen zu unserem Thema. Denn das, was heute allgemein als Hochbegabung definiert wird, ist ja in Wahrheit eher intellektuelles Hochleistungs- Potenzial. Und die Frage, welche Rolle das Gehirn – im Unterschied zu und im Zusammenwirken mit Umwelt – bei der Umwandlung von Potenzial in Leistung spielt, sollte doch genau so legitim sein, wie die sportmedizinische Forschung es für die Sportförderung ist. Also: Lass uns diesen Film machen, sobald es geht! Auch wenn er wahrscheinlich mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet: Fragen sind der Ursprung des Wissens!

Du fragst Dich (mit Deiner Erfahrung als Fernsehjournalistin) welche Möglichkeiten es geben kann, den inneren Weg zu sich selbst zu finden. Und warum dieser Weg  so wichtig ist? Und Du verweist auf Miller, Damasio und andere, die nachweisen, wie wichtig Gefühle sind.(2) Auch ich glaube, dass es ohne diese Akzeptanz der eigenen Gefühle keinen Weg zum eigenen, inneren Selbst geben kann. Und dabei hilft es oft, wenn man aus Büchern oder Filmen mit der emotionalen Betroffenheit, die diese Medien bewirken können, zu größerer Klarheit kommt.

Erst kürzlich haben mir mehrere Hochbegabte über ihre persönlichen Gefühlskrisen berichtet. Es war beim 24. Berliner Sommerfest von Mensa e.V. (übrigens wieder ein inspirierendes Highlight voller kultureller und intellektueller Anregungen). In verschiedensten Gesprächen kam wiederholt die Frage auf, wie die Nachricht von einer erwiesenen Hochbegabung verarbeitet wurde. Und fast wörtlich übereinstimmend erzählten meine Gesprächspartner über einen verwirrenden Prozess:

Zuerst wollten sie es nicht glauben, hielten das Ergebnis für einen Irrtum oder Fehler.Dann fingen sie an, sich mit dem Thema anhand von Büchern und Blogs zu befassen und erkannten sich selbst in vielen Schilderungen betroffen wieder. Vor allem die Beschreibungen anderer Hochbegabter über die Probleme mit verständnislosen Eltern, Lehrern, Altersgenossen und die erlebte Einsamkeit, den tiefgreifenden Selbstzweifel (mit mir stimmt was nicht) als auch die fortwährende Langeweile bei „altersgerechten“ Anforderungen schienen ein sicheres Symptom dafür zu sein, dass das Testergebnis doch stimmen könnte. Denn: Genau diese Probleme hatten sie selber auch!

Und dann kam die Wut: Nahezu jeder Mensch aus dem näheren Umfeld hätte doch etwas tun müssen, um dieses Potenzial zu fördern, statt immer nur auf Normalität, Zurückhaltung, Bescheidenheit, ja Durchschnittlichkeit zu bestehen! Man war im Stich gelassen worden! Man hatte schon als Kind keine Chance bekommen, man selbst zu sein. So viel Zeit und so viel Mut waren verloren gegangen.

In einigen Gesprächen konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sogar Hass gegen Eltern oder Lehrer eine Rolle spielte, jedenfalls war es mehr als nur einfache Wut. Der Vorwurf der Unterdrückung war unüberhörbar.

Auf meine vorsichtige Gegenfrage, welche Förderung man sich denn damals gewünscht hätte, herrschte dann doch erst mal betretenes Schweigen. Denn das war (und ist) vielfach unklar. Was wäre denn sinnvoll? Und ist die Erziehung in den Grundfragen menschlichen Zusammenlebens – ich nenne das mal „soziale Basis-Kompetenzen“ – wie z. B. Anstrengung, Ausdauer, Gründlichkeit, Fleiß usw. wirklich schädlich für die Hochbegabung? Wohl eher nicht! Sonst gäbe es ja nicht so viele erfolgreiche Hochbegabte, die von ihrer Hochbegabung gar nichts wissen. In Deutschland könnten etwa 1,6 Mio. Menschen hochbegabt sein, aber wie wenige wissen das von sich? (3)

Zu welcher Förderung wären also die Eltern, Lehrer usw. „verpflichtet“ gewesen, wenn die Hochbegabung doch gar nicht erkannt wurde? Gerald Hüther spricht mir aus dem Herzen, wenn er Förderung für jedes Kind verlangt, und das nicht nur in der Schule. Noch mehr: Wir brauchen ein Ende der Beschränkung! Für die meisten Hochbegabten, ob erkannt oder unerkannt, wäre schon der Wegfall vielfältiger Verbote oder Hindernisse ein großer Schritt zum eigenen Selbst.

Davon konnte ich mich bei der Einschulung meines älteren Enkels wieder mal überzeugen. Die Schulleiterin hatte in ihrer feierlichen Begrüßungsrede symbolisch eine „Zuckertüte“ gepackt mit allerhand nützlichen Dingen. Und unter anderem gab es auch ein paar Süßigkeiten für die Erstklässler, wie sie sagte:“… für die bitteren Momente, wenn mal etwas nicht gleich gelingt oder eine Note nicht so gut ausfällt“. Um dann gleich mit deutlich erhobenem Zeigefinger in der Stimme zu ergänzen: „Aber nicht im Unterricht naschen!“ Ich fragte mich sofort: Wen stört ein Bonbon? Wäre es nicht geradezu sinnvoll, die Situation zu nutzen und etwas über Traurigkeit, Enttäuschung, Trost, Durchhaltevermögen, gegenseitige Hilfe, Lebensmittelhygiene, gesunde Ernährung und/oder die umweltschonende Entsorgung von Bonbonpapier und vieles mehr  zu lehren?

Bei meinen Gesprächen mit den frustrierten Hochbegabten, die erst seit kurzem über ihre Hochbegabung wussten, spielten genau diese ungenutzten Chancen schließlich die größte Rolle: Sie hatten schon als Kind das Vertrauen und die Hoffnung in die Hilfe durch die Erwachsenen verloren – wie hätten sie etwas Sinnvolles von jemand lernen können, der so sinnlose Maximen aufstellte und mit aller Autorität verfocht? Die Liste der Bespiele war kunterbunt und ziemlich lang. Von schlechten Noten für ein richtiges Ergebnis in der Mathearbeit „weil wir den Rechenweg noch nicht behandelt haben“ über Betrugsunterstellungen „weil dieses Englisch nicht dem Niveau der anderen Schüler entspricht“ bis zum Verweigern der Gymnasialempfehlung „weil zu viele außerschulische Aktivitäten die Konzentration beeinträchtigen“ reichte die Palette (und ist bestimmt nicht vollständig).

Du kannst Dir vorstellen, dass ich große Mühe hatte, mich von der Frustration nicht anstecken zu lassen. Denn ich weiß ja, dass es auch viele richtig gute Lehrer gibt, viele engagierte Eltern und viele Förderprogramme und Initiativen, auch für die Begabtenförderung. Dass das alles nicht jeden erreicht ist eher eine Herausforderung, als ein Vorwurf. Und dass man für besondere Unterstützung auch eigene Anstrengungen unternehmen sollte, versteht sich von selbst. Über das Internet können heute die meisten Schulen direkt Informationen zur Begabungsförderung abrufen, sie können Eltern und Schüler dazu beraten und sogar guten Beispielen durch eigene Projekte folgen – aber man muss ihnen eben auch die richtigen Fragen stellen und Interesse am Thema zeigen. Einfach nur selbst zu beschließen, dass Hochbegabung kein Thema ist, führt in die falsche Richtung.

Ich habe schließlich versucht, mit meinen Gesprächspartnern eine ganz andere Frage zu klären. Nachdem ich verstanden hatte, dass die Bestätigung ihrer Hochbegabung sie auch zum Nachdenken über ihr Selbst veranlasst hatte, wollte ich wissen: „Was hätte aus Dir werden sollen, wenn Du eher von Deiner Hochbegabung gewusst hättest? Was glaubst Du, was Dir entgangen ist?“ Die Antworten waren sehr aufschlussreich! Meist begannen sie tatsächlich mit „ich hätte...“ – also mit der Vorstellung, selbst aktiv zu sein, etwas zu unternehmen, anzustreben. Das waren meist bislang unerfüllte Wünsche, sich mit einem bestimmten Wissensgebiet intensiv zu befassen, Kurse zu besuchen, Bildungschancen zu nutzen – die zu höherer Qualifikation und damit besseren Berufschancen oder zu einem früheren Abschluss geführt hätten. Klar, das hat mich nicht überrascht. Aber es ging dann immer noch weiter, und das war für mich in dieser Dichte doch eine neue Perspektive: „Ich hätte weniger Unsinn gemacht!“

???

Die selbstkritische Rückschau auf trotzige Aktionen, Verweigerungen, aber auch auf Rückzugsverhalten und Verheimlichung der eigenen Fähigkeiten! Denn jetzt begannen meine Gesprächspartner langsam zu begreifen, dass ihre Hochbegabung in erster Linie von ihnen selbst genutzt werden muss, ehe sie von anderen erkannt und wertgeschätzt werden kann. Und dieses neue Gefühl der eigenen Verantwortlichkeit  für das innere Selbst, die damit verbundene optimistische Klarheit  ist für die meisten der erste Schritt einer neuen Suche: Wie kann ich Versäumtes möglichst schnell nachholen, Lücken schließen, gekappte Verbindungen wieder herstellen, neue Partner gewinnen? Und welche Aufgabe ist die passende? Wo werde ich gebraucht, wie kann ich mit meinen Fähigkeiten auch für andere nützlich sein? Dass mancher auch bei uns Unterstützung sucht, um sich diese Fragen zu beantworten, kann nur gut sein. Wir helfen ja gerne beim Sortieren, Orientieren, Koordinieren. Aber wir lassen jedem sein Selbst! Und damit die Chance, zu allererst sich selbst zu fördern – im wahrsten Sinne des Wortes – seine Schätze zu heben!

Du schreibst: Heute gibt es immer mehr Menschen, die verstehen!
Ja! Zum Glück werden es täglich mehr. Und schon bald wird Hochbegabung kein exotisches Thema mehr sein, sondern so beliebt und gleichzeitig alltäglich wie Kultur und Sport – in allen Varianten. Ich freu mich drauf.

Liebe Lilli, herzlichen Dank auch für Deinen Tipp zu Paturis schulkritischem Buch! (4) Es hat ja bereits im Vorfeld einiges ausgelöst – ich werde es lesen, sobald es zu haben ist.

Dir alles Gute, vor allem weiter viel Optimismus

Herzlichst
Deine Karin


2 Miller, Alice: Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst.
Eine Um- und Fortschreibung. Frankfurt am Main 1991
4 Felix R. Paturi „Denken unerwünscht. Wie deutsche Schulen hochbegabte Kinder traumatisieren“ http://hochbegabungspresse.blogspot.de/2012/08/hochbegabten-buchtipp-denken.html   

Sonntag, 2. September 2012

Wie ein begabter Mensch seine Freiheit findet


Liebe Karin,

Du machst mir eine grosse Freude: Dass Du noch in diesem Jahr ein Forschungskonzept entwickeln wirst, begeistert mich. Karin, Du hättest es sehen sollen: Ich bin gleich durchs Büro getanzt. 

Wer ist die forschende Unbekannte, die sich mit Dir an die Arbeit machen will? Wenn Du magst, berichte mir bitte bald mehr davon. Ich bin aufgeregt vor Freude!

Von Deinem spannenden Workshop „Hochbegabung verstehen - Was ist anders im HB-Gehirn?“ (1) lese ich mit einem mich freuenden und mit einem traurigen Auge. Ich freue mich über die coole Idee. Ich freue mich über die spannenden Fragestellungen wie etwa „Was sind IQ-Bausteine und sind diese gleichzeitig HB-Bausteine?“, „Welche Intelligenzbereiche werden mit dem IQ abgebildet und was sagt das über Begabungen?“ und „Welchen Potenzialvorsprung kann man durch HB haben und wie kann man diesen Vorsprung nutzen?“. Mit Dir. Am 17.09.2012 oder 18.09.2012 in Berlin. Dich und andere Hochbegabte näher kennen lernen. Wer wäre nicht gerne dabei? Glückwunsch denen, die das erleben dürfen. Eine brilliante Idee! (Wir feiern am 17./18. in der Familie einen runden Geburtstag – aber ich werde in Gedanken immer mal in Berlin sein.)

Mein trauriges Auge: Was ist mit den hochbegabten Menschen, die nicht in Berlin sein können? Deren Terminkalender einfach mit dem Kopf schüttelt und NO sagt? Zuerst dachte ich: Wir können gemeinsam ein Buch zu diesem Thema schreiben. Mich fasziniert unser Gehirn seit meiner Kindheit. Seit mein Grossvater nach einem Schlaganfall nicht mehr sprechen konnte. Später an der Uni, bei Praktika in Krankenhäusern und während meiner Trainerausbildung. Aktuell arbeite ich an dem Thema „Interaktion mit einem komatösen Hochbegabten“.

Bald kam mir aber ein anderer Gedanke: Ein Film kann dieses Thema – auch für Angehörige der Hochbegabten – besser transportieren. Und so habe ich ein neues Angebot an Dich – wenn ich meine aktuellen Hausaufgaben gemacht habe – wollen wir gemeinsam einen Film über „Hochbegabung verstehen“ machen? Die Erfahrungen aus Deinem Workshop können dann ein Herzstück dieses Films sein.

Wie gefällt Dir die Idee?

Ich kann mir vorstellen, dass wir dadurch auch Deiner Anregung vor dem Hintergrund Stefan Zweigs  „Wer einmal zu sich selbst gefunden hat, der kann nichts auf dieser Welt mehr verlieren.“ näher kommen: „Ich glaube nämlich: das genau ist es, wonach so viele Hochbegabte – und nicht nur sie – suchen. Wer bin ich, was kann ich, was bedeute ich in der Welt in der ich lebe und was wird von mir bleiben?“

Wie aber können wir zu uns selbst finden?  Wir lernen alles Mögliche in den Schulen, in Akademien und Universitäten – aber wo lernen wir: zu uns selbst zu finden?

Marc Aurels Anregung ist gut und schön: „Blicke in dein Inneres. Da ist die Quelle des Guten, die niemals aufhört zu sprudeln, wenn du nicht aufhörst zu graben.“ Aber mal ganz konkret: Wie geht das, in mein Inneres zu blicken? Gibt es dafür ein Rezept? Wie bei einem Kochkurs? Und: Kann ich das alleine? Oder brauche ich Hilfe? Welche? Von wem? Von Ärzten? Psychologen? Philosophen? Pädagogen? Theologen?

Ich erinnere mich noch genau an einen zauberhaften Sommer vor acht Jahren in Niedersachsen. In der Nähe der Nordsee gab es ein kleines Paradies mit Trainingsräumen. Wir hatten gerade mein „Frauen-Coaching-Seminar“ beendet und standen noch eine Weile zusammen. Eine der Frauen sagte nach einer langen Pause: ein solches Seminar sollte im Fernsehen gezeigt werden. Damit mehr Frauen Mut finden, sich selbst zu entwickeln.

Wenig später flatterte der Brief einer der grössten Fernsehproduktionen auf meinen Schreibtisch. Es war die Casting-Anfrage  für ein tägliches Coaching im Fernsehen, das ich dann übernehmen sollte. Der Gedanke gefiel mir auf Anhieb. Allein die Umsetzung wollte  mir nicht einleuchten. Als gelernte Fernsehjournalistin konnte und kann ich mir nicht vorstellen, wie eine seriöse Umsetzung für ein tägliches Millionenpublikum möglich sein kann. Jedoch denke ich immer mal wieder darüber nach.

Ich frage mich: Welche Möglichkeiten kann es geben, den inneren Weg zu sich zu finden. Und warum ist dieser Weg  so wichtig?

Wer sich auf die Suche nach sich selbst begibt, wird früher oder später „Das Drama des begabten Kindes“ (2) der Psychoanalytikerin Alice Miller in den Händen halten. Sie empfiehlt „die Wahrheit unserer einmaligen und einzigartigen Kindheitsgeschichte emotional zu finden.“ Erst die Wahrheit befreit. Wir können unsere Vergangenheit nicht ändern. Aber unsere Einstellungen zu dieser Vergangenheit. Wir können aufhören, vor dem empfundenen Schmerz und dem Leid zu fliehen. Wir können das Land der Illusionen verlassen. Die Illusionen, die uns scheinbar in Sicherheit wiegen. Und wir können lernen, unserer Wahrheit ins Auge zu blicken.

Wie könnte unsere Wahrheit aussehen? Alice Miller schreibt dazu: „Die frühe Anpassung des Säuglings führt dazu, dass die Bedürfnisse des Kindes nach Liebe, Achtung, Echo, Verständnis, Teilnahme, Spiegelung verdrängt werden müssen. Gleiches gilt für die Gefühlsreaktionen auf die schwerwiegenden Versagungen, was dazu führt, dass bestimmte eigene Gefühle (wie z. B. Eifersucht, Neid, Zorn, Verlassenheit, Ohnmacht, Angst) in der Kindheit und dann im Erwachsenenalter nicht erlebt werden können. Dies ist umso tragischer, als es sich hier um Menschen handelt, die an sich zu differenzierten Gefühlen fähig sind.“ (3)

Wer sich seiner Wahrheit stellt, wird belohnt. Miller: „Es gehört zu den Wendepunkten der Therapie, wenn Menschen zu der emotionalen Einsicht kommen, dass all die ‚Liebe‘, die sie sich mit so viel Anstrengungen und Selbstaufgabe erobert haben, gar nicht dem galt, der sie in Wirklichkeit waren; dass die Bewunderung für ihre Schönheit und Leistungen der Schönheit und den Leistungen galt und nicht eigentlich dem Kind, wie es war. Hinter der Leistung erwacht in der Therapie das kleine einsame Kind und fragt sich: ‚Wie wäre es, wenn ich böse, hässlich, zornig, eifersüchtig, verwirrt vor euch gestanden wäre? Wo wäre denn dann eure Liebe gewesen? (…) Von Anfang an war ich ein kleiner Erwachsener. Meine Fähigkeiten – wurden sie einfach missbraucht?‘“ (4)

Ich nehme jetzt meine Gefühle ernst – ist ein Schritt aus dem inneren Gefängnis. Wir erinnern uns daran, dass Generationen von kleinen Jungs – und manchmal auch Mädchen – mit dem scheinbar heroischen Satz gross geworden sind: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ In Wahrheit ist das Gegenteil der Fall: Auch Indianer kennen Schmerzen, weiss Dr. James Blunk (5) zu berichten. Er ist Anästhesist mit Fachgebiet Schmerztherapie und er hält Vorlesungen an der Heidelberger Kinder-Uni in Medizin. Er klärt die Kinder auf und sagt, wie wichtig das Schmerzempfinden ist: „Alle Menschen empfinden Schmerzen. Schmerzen zu haben ist ausserdem nicht peinlich oder gar schädlich, sondern im Gegenteil überlebenswichtig.“

Wissenschaftler informieren zunehmend wie wichtig Gefühle sind. Zum Beispiel der Neurowissenschaftler António Damásio in seinem Buch „Descartes' Irrtum: Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn“. (6) Er zeigt auf, dass Menschen, die das Zentrum für Emotionen im Gehirn verloren haben (durch Unfall/Krankheit), die Fähigkeit verlieren, ihr Leben zu organisieren und Entscheidungen zu treffen. (7)

Wenn die Menschen lernen, wie wichtig ihre Gefühle sind, kann eine Erleichterung einsetzen. Als Kind konnte die Verleugnung der Gefühle von ihm als lebenswichtig gedeutet werden. Heute darf das Kind von damals erkennen und erleichtert wahrnehmen was ehemals vielleicht abgewürgt werden musste. Und wie wichtig es ist, diese Gefühle ernst zu nehmen. Und in diesem Rahmen eigene Rechte erkennen: Schweigen und Einschüchterung – das war gestern!

Verhängnisvoll, wenn der Weg aus dem Gestern zum Heute nicht gegangen werden kann. Wenn Selbstgefühl fehlt und die "unangezweifelte(n) Sicherheit, dass empfundene Gefühle und Wünsche zum eigenen Selbst gehören". (8)

Ich sah einmal in einem Fernsehinterview eine europäische Prinzessin den folgenden Satz sagen: „Es ist schwer seinen Weg zu finden, wenn einen niemand versteht.“

Das war gestern.
Heute gibt es immer mehr Menschen, die verstehen!

Liebe Karin: danke, dass es Dich gibt! Danke für Deine Begleitung. Deine Umsichten und Einsichten. Sonnenschein für Dich!

Herzlichst
Deine Lilli

PS Ich möchte noch auf das neue Buch von Felix R. Paturi aufmerksam machen, das ab dem 19. September im Handel  sein wird: „Denken unerwünscht. Wie deutsche Schulen hochbegabte Kinder traumatisieren“ Es ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem deutschen Schulsystem. http://hochbegabungspresse.blogspot.de/2012/08/hochbegabten-buchtipp-denken.html


1 Hochbegabung verstehen - Was ist anders im HB-Gehirn? http://www.coaching-fuer-hochbegabte.com/SeminarHochbegabung
2 Miller, Alice: Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst.
Eine Um- und Fortschreibung. Frankfurt am Main 1991 http://www.alice-miller.com/bucher_de.php?page=8
3 a.a.O. Seite 22
4 a.a.O. Seite 29
7 Vgl. Miller, S. 166
8 Miller, Alice: Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst. 1. Auflage 1979, Seite 60

Sonntag, 19. August 2012

Emotional kompetente Hochbegabte, bitte melden!


Liebe Lilli,

das war ja wieder eine tolle Rundum-Gedanken-Tour und zugleich ein brennendes Thema  in
Deiner Antwort. 

Herzlichen Dank für die Reise von Gulliver zu den Stoikern bis zu Stefan Zweig! Bei diesem möchte ich gleich mal bleiben:

 „Wer einmal zu sich selbst gefunden hat, der kann nichts auf dieser Welt mehr verlieren.“

Ich glaube nämlich: das genau ist es, wonach so viele Hochbegabte – und nicht nur sie – suchen. Wer bin ich, was kann ich, was bedeute ich in der Welt in der ich lebe und was wird von mir bleiben?

Und bei der Suche nach den Antworten auf diese Fragen geraten sie dann immer wieder in Zweifel. Das sind nicht immer Zweifel an ihrem Wissen und Können, sondern eben oft auch Zweifel, die aus emotionalen Dissonanzen entstehen. Darf ich mich so gut finden? Darf ich von mir glauben, mehr zu können als andere, bin ich nicht arrogant, wenn ich so denke? Dein Zitat von dem schwedischen Regisseur Ingmar Bergmann mag auf viele Menschen zutreffen:  „Wir sind Analphabeten, wenn es um Gefühle geht. Wir lernen … kein Wort über die Seele. Wir sind bodenlos und ungeheuer unwissend, wenn es um uns selbst und andere geht. Wie soll man jemals andere verstehen, wenn man nichts über sich selbst weiß.“ Dein Coachee Alexander sagt sinngemäß: Mein IQ hat irgendwann mal meinen EQ erschlagen.

Nun ja, ich glaube, so schlimm ist es in Wahrheit nur selten. Es ist wohl eher ein weit verbreitetes und inzwischen in zahlreichen wissenschaftlichen Studien widerlegtes Klischee, dass hohe Intelligenz mit verminderter Sozialkompetenz einhergeht. Der so genannte EQ oder die emotionale Kompetenz ist doch nur eine Komponente der Persönlichkeit und es kann schon vorkommen, dass die kognitive Intelligenz die emotionale Intelligenz eine Zeit lang „überholt“. Doch bei genauem Hinsehen ist emotionale Intelligenz ja die Anwendung der allgemeinen Intelligenz auf emotionale Sachverhalte. Aus dieser intellektuellen Leistung entsteht dann Sozialkompetenz – oder auch nicht. Und hier komme ich zu Gulliver:

So wie er gefesselt am Boden liegt und sich trotz seiner überlegenen Kräfte nicht wehrt, mag er hilflos wirken. Aber seine Kraft ist doch nicht verloren! Er ist immer noch genau so stark wie vorher. Und die Menschen in Lilliput fühlen das genau – deshalb haben sie ihn ja gefesselt! So wie viele von uns gefesselt werden von moralisierenden „Lilliputanern“ mit Bescheidenheits-, Demuts-, Zurückhaltungs- oder Unauffälligkeits-Forderungen. Und wie Gulliver wehren auch sie sich ganz freiwillig nicht dagegen, denn sie selbst wollen doch keinem schaden, niemanden verletzen, nicht auffallen!

Obwohl Gulliver durchaus erkennt, dass der Lilliputanerstaat ganz genau so funktioniert wie seine britische Heimat (sie haben ein Parlament und politische Parteien, es gibt Fürsten und Minister, sie debattieren und intrigieren und befehden sich. Ja, man führt auch Krieg mit Nachbarstaaten), so erscheint ihm dies alles doch lächerlich, ja sogar verachtenswert – weil sie so winzig sind!

Manchmal habe ich im Gespräch mit Hochbegabten den Eindruck, dass es ihnen in Bezug auf ihre Umgebung genau so geht. Und gleichzeitig schämen sie sich dieser Empfindungen. Denn ihre eigene „Größe“ haben sie nicht erworben oder erarbeitet, sie ist einfach da… Und ihre eigene Welt funktioniert auch genau so wie die der anderen, nach den gleichen – nicht nur moralischen – Grundsätzen und Strukturen. Worin also sollten ihre Überlegenheitsgefühle eine akzeptable Rechtfertigung finden?
Erinnerst Du Dich, warum Gulliver bei der Kaiserin von Lilliput in Ungnade fällt? Er löscht einen Brand in ihrem winzigen Palast mit einer natürlichen Körperfunktion, was bei seiner Größe und dem Fassungsvermögen seiner Blase einer Sintflut gleichkommt. Doch er kann nicht stoppen!

So geht es wohl, wenn man seine „natürlichen Kräfte“ – im Fall der Hochbegabung eben die Intelligenz – ungezügelt wirken lässt. Gerade unsere deutsche Geschichte kennt ja nicht nur positive Beispiele dafür. Und es ist verständlich, wenn selbst Hochbegabte manchmal vor ihrer eigenen Intelligenz erschrecken, weil sie spüren, dass sie nicht „stoppen“ können. Sie wollen helfen, verbessern, vielleicht sogar retten, was ihrer Meinung nach falsch läuft – wissen aber genau, dass sie damit anderen bedrohlich oder schädlich erscheinen. Daher die Hilflosigkeit gegenüber den eigenen Gefühlen. Und oft auch der Eindruck, dass ihre gute Absicht nicht gesehen, nicht verstanden wird.

Was aber, wenn sie ihre Kraft – also ihre kognitive und emotionale Intelligenz – einsetzen, um diese emotionalen Dissonanzen aufzulösen?

Ich erlebe hier in meinem Netzwerk ein wunderbares Beispiel dafür, dass das geht. Eine junge hochintelligente Frau mit ähnlichen Problemen wie Dein Coachee Alexander, die häufig ihre eigenen emotionalen Reaktionen und die der anderen gar nicht wahrnimmt. Da sie Schwierigkeiten hat, Mimik und Gestik situationsbezogen zu verstehen und ihr Intellekt vor allem kognitiv funktioniert, sucht sie immer wieder vergeblich nach rationalen, logischen Deutungen für das Verhalten. Aber nachdem sie das mit Hilfe einiger kluger Menschen in ihrem Umfeld und viel eigener Analyse-Arbeit erkannt hatte, begann sie einen intensiven Lernprozess.

Sie kam zu mir erst ziemlich am Ende dieses Prozesses mit der Frage, ob ihre Hochbegabung „Schuld hat“ an ihrer emotionalen Hilflosigkeit. Nun, ich konnte ihr zunächst zu dieser Frage nur gratulieren – denn Fragen fördern die Erkenntnis. Und da sie wirklich gefragt hatte und nicht nur eine Bestätigung ihrer vorgefassten Meinung suchte, konnte ich sie zugleich beruhigen: Es ist keine Frage der Schuld, sondern der Chancen! Sie kann wie alle Hochbegabten die Aufgabe des Verstehens vom Instinkt auf den Verstand übertragen – was zwar zunächst Mühe bedeutet, dann aber auch Erleichterung bringt. So wie es Blinden hilft, ihr Gehör viel besser zu trainieren als Sehende, können emotionale und kognitive Intelligenz gezielt trainiert werden und somit unterschiedliche Anteile an einer Gesamtleistung (Verständnis für mich selbst, für andere, für die Welt…) erbringen. Nur sind sich leider viele Hochbegabte dessen gar nicht bewusst. Ich habe mich deshalb entschlossen, einen Workshop zu dem Thema „Was ist anders im hochbegabten Gehirn?“ anzubieten.(1) Denn wenn die Betroffenen selbst genauer wissen, was die Hochbegabung „mit ihnen macht“, können sie ihr auch besser gerecht werden. Sie müssen sich nicht mehr als zu große oder zu kleine Fremdlinge in einer anderen Welt fühlen und Angst haben, mit ihrer Besonderheit anderen Menschen gefährlich zu erscheinen. Ja: sie können lernen, so wie Du es auch Alexander ermöglicht hast, intelligent mit ihren eigenen Gefühlen und denen der anderen umzugehen!

Und jetzt habe ich gleich noch eine erfreuliche Nachricht: Unser Forschungsprojekt scheint doch mehr Interessenten zu finden als es zunächst schien.

Ich werde gemeinsam mit einer Freiwilligen (vielleicht kommen noch mehr dazu?) bis zum Jahresende ein Forschungskonzept entwickeln, um mit hoffentlich vielen Hochbegabten genau dieser Frage nach der Wechselwirkung von IQ und EQ auf den Grund zu gehen. Natürlich werden im Ergebnis auch einige Schlussfolgerungen darüber möglich sein, welche spezifischen Anforderungen Hochbegabte an ihre Förderung bezüglich der emotionalen und sozialen Kompetenz haben. Unsere Leser hier sind herzlich eingeladen, sich mit ihren Ideen oder Vorschlägen für unsere Forschung an mich zu wenden.

Und ich bin ziemlich sicher: Wenn es immer mehr Hochbegabten gelingt, dem stoischen Lebensgrundsatz von Marc Aurel zu folgen (2), dann werden immer weniger von ihnen sich gezwungen fühlen, sich klein zu machen oder ihre Fähigkeiten zu verbergen. Sie müssen allerdings nicht nur nach dem Guten in sich selbst suchen, sondern das Gefundene dann auch zeigen. Sichtbar machen, was sie Nützliches oder Vergnügliches oder einfach Neues für das Gute in der Welt beitragen. Um dieses Gute in sich selbst zu finden und die „Quelle des Guten“ nicht versiegen zu lassen, sollten sie ihre Intelligenz nutzen. Dass diese Intelligenz da ist, reicht allein nicht aus und bedeutet nicht per se etwas „Gutes“. Sie ist aber die Chance, Gutes zu erreichen.
Mir gefällt das Arthur Schopenhauer zugeschriebene Zitat, welches Dir Alexander entgegengehalten hat:  „Hätte wohl je ein großer Geist sein Ziel erreichen und ein dauerhaftes Werk erschaffen können, wenn er das hüpfende Irrlicht der öffentlichen Meinung, d.h. der Meinung kleiner Geister, zu seinem Leitstern gemacht hätte?“ Ich glaube nämlich, dass Hochbegabte leider zu selten nach den lohnenden Leitsternen in ihrer Umgebung und bei sich selber suchen. Aber einfach ganz allgemein jeden Widerspruch und jede Kritik als die ungerechtfertigte Äußerung „kleiner Geister“ abzutun ist mit wahrer Intelligenz nicht vereinbar.

Die Auswahl der Leitsterne jenseits von Mode und Mainstream, das Finden von Vorbildern, Mentoren oder eben auch eines passenden Coaches, das ist eine selbst zu erbringende Leistung, für die sich der Einsatz von Intelligenz allemal lohnt. Gemeinsam kann dann die Quelle des Guten in jedem gefunden und zu anhaltendem Sprudeln gebracht werden – und davor bewahrt werden, zu verschmutzen oder gar verstopft zu werden.

Liebe Lilli, ich freue mich jetzt auf das 24. Berliner Sommerfest von Mensa (3) und hoffe, dass der Sommer so lange hält, was er im Moment verspricht. Da werden wieder viele Hochbegabte miteinander Spaß haben, dabei miteinander und voneinander lernen und sich – vielleicht zunächst unmerklich – wieder ein wenig verändern.

Und gleich danach geht es an die Vorbereitung für den Internationalen Tag der Intelligenz (4), der wieder viele interessante Aktivitäten in vielen Städten zu bieten hat. Außerdem stehen natürlich auch weitere Coaching- Aufträge an und unser Forschungsprojekt wird in Angriff genommen. Ich werde Dich und unsere Leser auf dem Laufenden halten.

Ach ja, Du fragtest, wie mir denn die Queen als Bond-Girl gefallen hat? Naja, wenn ich nicht so viel Respekt vor ihr als Persönlichkeit hätte, würde ich sie wohl rein auf ihren Unterhaltungswert reduzieren. Und da fand ich ihre Geburtstagsparaden passender. Eine fliegende Großmutter ist zwar ganz lustig, aber leider zu schnell ganz unten.

Liebe Lilli, ich hoffe, Du kannst auch noch ein wenig den Sommer genießen und trotz Arbeit und Verpflichtungen vielleicht Deine stoischen Grundsätze ein wenig pflegen. Ich werde das tun – und trotz einer gewissen gefühlten Ungeduld auf Deine Antwort in aller Ruhe warten.

Sei lieb gegrüßt bis zum nächsten Mal

Deine Karin

2  Marc Aurel; Blicke in dein Inneres. Da ist die Quelle des Guten, die niemals aufhört zu sprudeln, wenn du nicht aufhörst zu graben.

Sonntag, 5. August 2012

IQ zum EQ: Wie wär's mit uns beiden?

Liebe Karin,
zuerst einmal Tausend Dank für Dein Zitat aus Wilhelm Meisters Wanderjahre. Ich bin mit WM Lehrjahre aufgewachsen. Wilhelm und Mignon waren meine Freunde als ich Teenager war

Die Wanderjahre habe ich mir  für später aufbewahrt. Jetzt bin ich so berührt, dass Du sie erwähnst. Eine echte Freude.

Du hast natürlich Recht. Die hochbegabten und hochsensiblen Menschen,  die wir kennen, brüten zumeist über Büchern oder schreiben selbst welche. Oder sie arbeiten in Laboratorien. Seltener in Werkstätten oder Organisationsbüros. Aber auch dort – in den Werkstätten und Orga-Büros, wo viel GETAN wird - habe ich erstaunliche Menschen mit IQ 130 +  erlebt: ihren Ideenreichtum, ihren Erfindergeist, ihre Kreativität. Bemerkenswerte Arbeit, die GETAN wurde und wird.

Spannend wäre, wenn sich z.B. die Orga-Hochbegabten mit den Bücher-Hochbegabten und den Internet-IQ>130  in einer Werkstatt treffen würden. Beim Kochen? Oder Restaurieren? Oder sonst irgendwie bei Ausgleichsarbeiten. Man könnte  z.B. gemeinsam mit einer Internet-Seite beginnen, wie etwa: „Hochbegabtenförderung im hessischen Schulwesen“. Vorbildlich diese Informationen mit Links. Mehr dazu unter meinem PS! Und für den Anfang brauchen wir nicht 1000 – es reichen ja erst einmal ein Dutzend Hände. Ich kann es mir schon ausdenken, was damit alles erreicht werden könnte.

Ich freue mich für die begabte „einfache Hausfrau“, dass Du sie hier nachhaltig gewürdigt hast. Ich wünsche, sie kann Deine Anerkennung lesen. Ihre Dankbarkeit und meine sind Dir gewiss.

Danke auch für Deine erhellende Analyse zu der Förderung von Hochbegabten. Dieser Me-too-Gedanke von Dir ist vollkommend richtig. Diejenigen, die sich ausgeschlossen, vernachlässigt und übersehen fühlen, melden sich hier zu Wort.

Inzwischen kam mir noch ein ergänzender Gedanke: Sicher gibt es die hochbegabten Männer und Frauen, die gefördert werden wollen. Aber ebenso denke ich inzwischen, dass es manchen von ihnen vor allem darum geht, GEHÖRT  zu werden. Einfach reden können. Einfach Wertschätzung erfahren. Aufmerksamkeit und Anerkennung. Wirkliches Interesse. Vielleicht auch einen besonderen Respekt. Lob. Denn viele von ihnen fühlen sich einfach un-erhört.

Wie sich Hochbegabte oft fühlen mit ihren Gefühlen, durfte ich in den letzten Monaten immer wieder erleben. Einen von ihnen möchte ich hier stellvertretend zu Wort kommen lassen. Nennen wir ihn Alexander.

Manchmal, wenn ich mit Hochbegabten arbeite, denke ich an meine Kindertage. Ich sehe: Ich öffne mein Englisch-Buch und erblicke darin den Riesen Gulliver (1). Er liegt auf dem Boden. Hilflos. Gefesselt von Liliputaner, die ihn überwältigt haben. Ich frage mich: Warum wehrt er sich nicht? Zweifelt er an seinem Können? An seiner Stärke? Kann er nicht erkennen, dass er mächtiger ist, als alle Liliputaner zusammen?

Daran muss ich oft denken, wenn ich heute hochbegabte Menschen höre, die sagen: „Ich muss mich immer klein machen.“ Oder: „Ich verheimliche, dass ich in der Schule zwei Klassen übersprungen habe.“ Oder: „Ich zähle fast immer bis 10 bevor ich eine Antwort gebe, damit die anderen nicht merken, wie schnell ich denken kann.“ Alexander ist einer eben dieser Hochbegabten.

Der Publizist Ludwig Börne hat einmal gesagt: „Du musst klein sein, willst du den Menschen gefallen.“

Da ist sie wieder, sagt Alexander: diese Selbstverleugnung. Die Lüge. Der Betrug. Und was ist mit Ehrlichkeit? Treue zu sich selbst? Au­then­ti­zi­tät?

Von Stefan Zweig ist der Satz bekannt: „Wer einmal zu sich selbst gefunden hat, der kann nichts auf dieser Welt mehr verlieren.“

Ach so: die Selbstfindung ist das Geheimnis? Na ja, sagt Alexander, deswegen bin ich ja hier. Ich will mich selbst verstehen können. Und selbst zu mir stehen – und aufhören, mich klein machen zu müssen.

Warum ist das denn so schwer?

Die Gefühle. Meine Gefühle sind ein Buch mit sieben Siegeln für mich. Und irgendwie mag ich auch nicht ran – an das Buch.

Der schwedische Regisseur Ingmar Bergmann hat einmal gesagt: „Wir sind Analphabeten, wenn es um Gefühle geht. Wir lernen alles über den Ackerbau in Rhodesien und den Körper und die Wurzel aus Pi oder wie das heißt, aber kein Wort über die Seele. Wir sind bodenlos und ungeheuer unwissend, wenn es um uns selbst und andere geht. Wie soll man jemals andere verstehen, wenn man nichts über sich selbst weiß?“ „… Analphabeten, wenn es um Gefühle geht …“ Meinen Sie es so?

Genau! Mein IQ hat irgendwann mal meinen EQ erschlagen.

Und jetzt?

Ich will Frieden schliessen. Mit mir und meinem EQ. Aber das ist nicht so einfach.

Was meinen Sie: warum nicht?

:-( Hm. Hm. Hm.

Sie haben keine Worte für Ihre Gefühle?

:-) Richtig!

Ich sehe jetzt, wie der Riese Gulliver am Boden liegt. Wie er von seinen Gefühlen (Liliputanern) gefoltert wird. Unfähig, sich zu wehren. Unfähig überhaupt die Gefühle angemessen wahrzunehmen, sie auszudrücken und sie zu verarbeiten.

Immer öfter sprechen hochbegabte und hochsensible Menschen in letzter Zeit davon, dass sie ihren Emotionen z. T. hilflos gegenüberstehen. So sicher wie sie sich auf dem Feld ihres IQ bewegen – so unberechenbar ausgeliefert fühlen sie sich gegenüber ihrer Emotionalen Intelligenz (EI). Oder wie manche sagen: EQ.

Die gute Nachricht für Alexander: Man kann lernen, intelligent mit den eigenen Gefühlen und den Empfindungen anderer umzugehen. Denkansätze dazu geben in jüngerer Zeit z.B. Peter Salovey (2), John D. Mayer (3) und Daniel Goleman (4).

Über Gefühle und den Umgang mit ihnen nachzudenken ist nicht neu. Wenn wir uns ein wenig umsehen, entdecken wir in diesem Kontext z.B. die Beliebtheit antiker Lebensweisheiten von Lucius Annaeus Seneca (5), Epiktet (6) und Marc Aurel (7) und der anderen Stoiker. Während sich die einen mit einem Häppchen Seneca hier und da begnügen, steigen die anderen tiefer ein. Das Gedankengut der Stoa ist nach rund 2000 Jahren immer noch eine Erfolgsgeschichte: „Die stoische Ethik ist noch heute, namentlich in der angelsächsischen Welt, lebendig; ihr entspricht das Erziehungsideal des ‚Gentleman‘“ (8). Erziehungsideal des Gentleman? Wer heute die Weltgeschichte aufmerksam verfolgt, kann sich vielleicht des Gedankens nicht verwehren, der eine oder andere dieser Herren möge seine Stoa-Lektion noch etwas gründlicher lesen. Und dabei denke ich durchaus auch an den einen oder anderen blaublütigen Gentleman. Und die Ladies?

Gleichwohl: Was macht die Philosophie der Stoiker  für uns so spannend?

Sich klein machen, um anderen Menschen zu gefallen? Das wäre Zenon von Kition, Panaitios von Rhodos und Gaius Musonius Rufus nicht in den Sinn gekommen. Im Zentrum ihres Gedankenguts steht der ‚Selbsterhaltungstrieb‘. Die Ziele sind innere Befriedigung und Glück, sich selbst treu sein und der Natur gemäss zu leben. (9)

„Selbsterhaltung und Selbstbehauptung“ sind die Zauberworte und das heisst: sich selbst fördern UND ZUGLEICH das allgemeine Wohl fördern. (10)

In einer Zeit, in der der Egoismus gepflegt wird und eine starke Ich-Bezogenheit die Hitparaden stürmt, kommen Gedanken wie „niemand ist vornehmer als ein anderer“ besonders erfrischend daher. (11)

Und was sagt Alexander dazu?

Er überrascht mich mit einem Zitat des Philosophen Arthur Schopenhauer: „Hätte wohl je ein großer Geist sein Ziel erreichen und ein dauerhaftes Werk erschaffen können, wenn er das hüpfende Irrlicht der öffentlichen Meinung, d.h. der Meinung kleiner Geister, zu seinem Leitstern gemacht hätte?“

Wir lernen, dass wir uns ändern können.
Wir alle lernen, dass wir uns ändern müssen.

Ach ja: Wie hat Dir denn die Queen als Bond-Girl gefallen?


Der Himmel über Berlin – ich wünsche ihn Dir stets mit zauberhaftem Sonnen- und Mondenschein,

herzliche Grüsse in den Urlaub
Deine
Lilli


PS
„Hochbegabtenförderung im hessischen Schulwesen“
Fachgerechte Beratung und Diagnostik sowie individuelle Förderung von Hochbegabten in Hessen

Walter Diehl
Hessisches Kultusministerium - Referat I.4
Rel.l. MinRat Walter Diehl M.A.
Luisenplatz 10
65185 Wiesbaden
Mail: Walter.Diehl@hkm.hessen.de
Tel.: 0611 - 368 - 2708      / - 2518     / - 2238


(4) Goleman, Daniel: EQ. Emotionale Intelligenz. München 1997 http://www.amazon.de/EQ-Emotionale-Intelligenz-Daniel-Goleman/dp/3423360208
(5) Ich habe damit begonnen, mir selbst ein Freund zu sein. Damit ist schon viel gewonnen, man kann dann nicht mehr einsam sein. Wisse auch, dass ein solcher Mensch, allen ein rechter Freund sein wird.
(6)  Es sind nicht die Dinge selbst, die uns bewegen, sondern die Ansichten, die wir von Ihnen haben.
(7) Blick in dein Inneres. Da ist die Quelle des Guten, die niemals aufhört zu sprudeln, wenn du nicht aufhörst zu graben.
(8)  Philosophisches Wörterbuch. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1955. S. 572f
(10) Philosophisches Wörterbuch. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1955. S. 572f
(11) „Dieselben Anfänge haben alle Menschen, denselben Ursprung; niemand ist vornehmer als ein anderer, außer wenn er sich durch eine aufrechte und aufgrund guter Charaktereigenschaften bessere Gesinnung auszeichnet.“ De beneficiis 2,28,1; zit. n. U. Blank-Sangmeister: Seneca-Brevier. Stuttgart 1996