Fotos: Dr. Karin Rasmussen, Saskia-Marjanna Schulz, Alexandra Gräfin Dohna

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Sonntag, 2. September 2012

Wie ein begabter Mensch seine Freiheit findet


Liebe Karin,

Du machst mir eine grosse Freude: Dass Du noch in diesem Jahr ein Forschungskonzept entwickeln wirst, begeistert mich. Karin, Du hättest es sehen sollen: Ich bin gleich durchs Büro getanzt. 

Wer ist die forschende Unbekannte, die sich mit Dir an die Arbeit machen will? Wenn Du magst, berichte mir bitte bald mehr davon. Ich bin aufgeregt vor Freude!

Von Deinem spannenden Workshop „Hochbegabung verstehen - Was ist anders im HB-Gehirn?“ (1) lese ich mit einem mich freuenden und mit einem traurigen Auge. Ich freue mich über die coole Idee. Ich freue mich über die spannenden Fragestellungen wie etwa „Was sind IQ-Bausteine und sind diese gleichzeitig HB-Bausteine?“, „Welche Intelligenzbereiche werden mit dem IQ abgebildet und was sagt das über Begabungen?“ und „Welchen Potenzialvorsprung kann man durch HB haben und wie kann man diesen Vorsprung nutzen?“. Mit Dir. Am 17.09.2012 oder 18.09.2012 in Berlin. Dich und andere Hochbegabte näher kennen lernen. Wer wäre nicht gerne dabei? Glückwunsch denen, die das erleben dürfen. Eine brilliante Idee! (Wir feiern am 17./18. in der Familie einen runden Geburtstag – aber ich werde in Gedanken immer mal in Berlin sein.)

Mein trauriges Auge: Was ist mit den hochbegabten Menschen, die nicht in Berlin sein können? Deren Terminkalender einfach mit dem Kopf schüttelt und NO sagt? Zuerst dachte ich: Wir können gemeinsam ein Buch zu diesem Thema schreiben. Mich fasziniert unser Gehirn seit meiner Kindheit. Seit mein Grossvater nach einem Schlaganfall nicht mehr sprechen konnte. Später an der Uni, bei Praktika in Krankenhäusern und während meiner Trainerausbildung. Aktuell arbeite ich an dem Thema „Interaktion mit einem komatösen Hochbegabten“.

Bald kam mir aber ein anderer Gedanke: Ein Film kann dieses Thema – auch für Angehörige der Hochbegabten – besser transportieren. Und so habe ich ein neues Angebot an Dich – wenn ich meine aktuellen Hausaufgaben gemacht habe – wollen wir gemeinsam einen Film über „Hochbegabung verstehen“ machen? Die Erfahrungen aus Deinem Workshop können dann ein Herzstück dieses Films sein.

Wie gefällt Dir die Idee?

Ich kann mir vorstellen, dass wir dadurch auch Deiner Anregung vor dem Hintergrund Stefan Zweigs  „Wer einmal zu sich selbst gefunden hat, der kann nichts auf dieser Welt mehr verlieren.“ näher kommen: „Ich glaube nämlich: das genau ist es, wonach so viele Hochbegabte – und nicht nur sie – suchen. Wer bin ich, was kann ich, was bedeute ich in der Welt in der ich lebe und was wird von mir bleiben?“

Wie aber können wir zu uns selbst finden?  Wir lernen alles Mögliche in den Schulen, in Akademien und Universitäten – aber wo lernen wir: zu uns selbst zu finden?

Marc Aurels Anregung ist gut und schön: „Blicke in dein Inneres. Da ist die Quelle des Guten, die niemals aufhört zu sprudeln, wenn du nicht aufhörst zu graben.“ Aber mal ganz konkret: Wie geht das, in mein Inneres zu blicken? Gibt es dafür ein Rezept? Wie bei einem Kochkurs? Und: Kann ich das alleine? Oder brauche ich Hilfe? Welche? Von wem? Von Ärzten? Psychologen? Philosophen? Pädagogen? Theologen?

Ich erinnere mich noch genau an einen zauberhaften Sommer vor acht Jahren in Niedersachsen. In der Nähe der Nordsee gab es ein kleines Paradies mit Trainingsräumen. Wir hatten gerade mein „Frauen-Coaching-Seminar“ beendet und standen noch eine Weile zusammen. Eine der Frauen sagte nach einer langen Pause: ein solches Seminar sollte im Fernsehen gezeigt werden. Damit mehr Frauen Mut finden, sich selbst zu entwickeln.

Wenig später flatterte der Brief einer der grössten Fernsehproduktionen auf meinen Schreibtisch. Es war die Casting-Anfrage  für ein tägliches Coaching im Fernsehen, das ich dann übernehmen sollte. Der Gedanke gefiel mir auf Anhieb. Allein die Umsetzung wollte  mir nicht einleuchten. Als gelernte Fernsehjournalistin konnte und kann ich mir nicht vorstellen, wie eine seriöse Umsetzung für ein tägliches Millionenpublikum möglich sein kann. Jedoch denke ich immer mal wieder darüber nach.

Ich frage mich: Welche Möglichkeiten kann es geben, den inneren Weg zu sich zu finden. Und warum ist dieser Weg  so wichtig?

Wer sich auf die Suche nach sich selbst begibt, wird früher oder später „Das Drama des begabten Kindes“ (2) der Psychoanalytikerin Alice Miller in den Händen halten. Sie empfiehlt „die Wahrheit unserer einmaligen und einzigartigen Kindheitsgeschichte emotional zu finden.“ Erst die Wahrheit befreit. Wir können unsere Vergangenheit nicht ändern. Aber unsere Einstellungen zu dieser Vergangenheit. Wir können aufhören, vor dem empfundenen Schmerz und dem Leid zu fliehen. Wir können das Land der Illusionen verlassen. Die Illusionen, die uns scheinbar in Sicherheit wiegen. Und wir können lernen, unserer Wahrheit ins Auge zu blicken.

Wie könnte unsere Wahrheit aussehen? Alice Miller schreibt dazu: „Die frühe Anpassung des Säuglings führt dazu, dass die Bedürfnisse des Kindes nach Liebe, Achtung, Echo, Verständnis, Teilnahme, Spiegelung verdrängt werden müssen. Gleiches gilt für die Gefühlsreaktionen auf die schwerwiegenden Versagungen, was dazu führt, dass bestimmte eigene Gefühle (wie z. B. Eifersucht, Neid, Zorn, Verlassenheit, Ohnmacht, Angst) in der Kindheit und dann im Erwachsenenalter nicht erlebt werden können. Dies ist umso tragischer, als es sich hier um Menschen handelt, die an sich zu differenzierten Gefühlen fähig sind.“ (3)

Wer sich seiner Wahrheit stellt, wird belohnt. Miller: „Es gehört zu den Wendepunkten der Therapie, wenn Menschen zu der emotionalen Einsicht kommen, dass all die ‚Liebe‘, die sie sich mit so viel Anstrengungen und Selbstaufgabe erobert haben, gar nicht dem galt, der sie in Wirklichkeit waren; dass die Bewunderung für ihre Schönheit und Leistungen der Schönheit und den Leistungen galt und nicht eigentlich dem Kind, wie es war. Hinter der Leistung erwacht in der Therapie das kleine einsame Kind und fragt sich: ‚Wie wäre es, wenn ich böse, hässlich, zornig, eifersüchtig, verwirrt vor euch gestanden wäre? Wo wäre denn dann eure Liebe gewesen? (…) Von Anfang an war ich ein kleiner Erwachsener. Meine Fähigkeiten – wurden sie einfach missbraucht?‘“ (4)

Ich nehme jetzt meine Gefühle ernst – ist ein Schritt aus dem inneren Gefängnis. Wir erinnern uns daran, dass Generationen von kleinen Jungs – und manchmal auch Mädchen – mit dem scheinbar heroischen Satz gross geworden sind: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ In Wahrheit ist das Gegenteil der Fall: Auch Indianer kennen Schmerzen, weiss Dr. James Blunk (5) zu berichten. Er ist Anästhesist mit Fachgebiet Schmerztherapie und er hält Vorlesungen an der Heidelberger Kinder-Uni in Medizin. Er klärt die Kinder auf und sagt, wie wichtig das Schmerzempfinden ist: „Alle Menschen empfinden Schmerzen. Schmerzen zu haben ist ausserdem nicht peinlich oder gar schädlich, sondern im Gegenteil überlebenswichtig.“

Wissenschaftler informieren zunehmend wie wichtig Gefühle sind. Zum Beispiel der Neurowissenschaftler António Damásio in seinem Buch „Descartes' Irrtum: Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn“. (6) Er zeigt auf, dass Menschen, die das Zentrum für Emotionen im Gehirn verloren haben (durch Unfall/Krankheit), die Fähigkeit verlieren, ihr Leben zu organisieren und Entscheidungen zu treffen. (7)

Wenn die Menschen lernen, wie wichtig ihre Gefühle sind, kann eine Erleichterung einsetzen. Als Kind konnte die Verleugnung der Gefühle von ihm als lebenswichtig gedeutet werden. Heute darf das Kind von damals erkennen und erleichtert wahrnehmen was ehemals vielleicht abgewürgt werden musste. Und wie wichtig es ist, diese Gefühle ernst zu nehmen. Und in diesem Rahmen eigene Rechte erkennen: Schweigen und Einschüchterung – das war gestern!

Verhängnisvoll, wenn der Weg aus dem Gestern zum Heute nicht gegangen werden kann. Wenn Selbstgefühl fehlt und die "unangezweifelte(n) Sicherheit, dass empfundene Gefühle und Wünsche zum eigenen Selbst gehören". (8)

Ich sah einmal in einem Fernsehinterview eine europäische Prinzessin den folgenden Satz sagen: „Es ist schwer seinen Weg zu finden, wenn einen niemand versteht.“

Das war gestern.
Heute gibt es immer mehr Menschen, die verstehen!

Liebe Karin: danke, dass es Dich gibt! Danke für Deine Begleitung. Deine Umsichten und Einsichten. Sonnenschein für Dich!

Herzlichst
Deine Lilli

PS Ich möchte noch auf das neue Buch von Felix R. Paturi aufmerksam machen, das ab dem 19. September im Handel  sein wird: „Denken unerwünscht. Wie deutsche Schulen hochbegabte Kinder traumatisieren“ Es ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem deutschen Schulsystem. http://hochbegabungspresse.blogspot.de/2012/08/hochbegabten-buchtipp-denken.html


1 Hochbegabung verstehen - Was ist anders im HB-Gehirn? http://www.coaching-fuer-hochbegabte.com/SeminarHochbegabung
2 Miller, Alice: Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst.
Eine Um- und Fortschreibung. Frankfurt am Main 1991 http://www.alice-miller.com/bucher_de.php?page=8
3 a.a.O. Seite 22
4 a.a.O. Seite 29
7 Vgl. Miller, S. 166
8 Miller, Alice: Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst. 1. Auflage 1979, Seite 60

Sonntag, 19. August 2012

Emotional kompetente Hochbegabte, bitte melden!


Liebe Lilli,

das war ja wieder eine tolle Rundum-Gedanken-Tour und zugleich ein brennendes Thema  in
Deiner Antwort. 

Herzlichen Dank für die Reise von Gulliver zu den Stoikern bis zu Stefan Zweig! Bei diesem möchte ich gleich mal bleiben:

 „Wer einmal zu sich selbst gefunden hat, der kann nichts auf dieser Welt mehr verlieren.“

Ich glaube nämlich: das genau ist es, wonach so viele Hochbegabte – und nicht nur sie – suchen. Wer bin ich, was kann ich, was bedeute ich in der Welt in der ich lebe und was wird von mir bleiben?

Und bei der Suche nach den Antworten auf diese Fragen geraten sie dann immer wieder in Zweifel. Das sind nicht immer Zweifel an ihrem Wissen und Können, sondern eben oft auch Zweifel, die aus emotionalen Dissonanzen entstehen. Darf ich mich so gut finden? Darf ich von mir glauben, mehr zu können als andere, bin ich nicht arrogant, wenn ich so denke? Dein Zitat von dem schwedischen Regisseur Ingmar Bergmann mag auf viele Menschen zutreffen:  „Wir sind Analphabeten, wenn es um Gefühle geht. Wir lernen … kein Wort über die Seele. Wir sind bodenlos und ungeheuer unwissend, wenn es um uns selbst und andere geht. Wie soll man jemals andere verstehen, wenn man nichts über sich selbst weiß.“ Dein Coachee Alexander sagt sinngemäß: Mein IQ hat irgendwann mal meinen EQ erschlagen.

Nun ja, ich glaube, so schlimm ist es in Wahrheit nur selten. Es ist wohl eher ein weit verbreitetes und inzwischen in zahlreichen wissenschaftlichen Studien widerlegtes Klischee, dass hohe Intelligenz mit verminderter Sozialkompetenz einhergeht. Der so genannte EQ oder die emotionale Kompetenz ist doch nur eine Komponente der Persönlichkeit und es kann schon vorkommen, dass die kognitive Intelligenz die emotionale Intelligenz eine Zeit lang „überholt“. Doch bei genauem Hinsehen ist emotionale Intelligenz ja die Anwendung der allgemeinen Intelligenz auf emotionale Sachverhalte. Aus dieser intellektuellen Leistung entsteht dann Sozialkompetenz – oder auch nicht. Und hier komme ich zu Gulliver:

So wie er gefesselt am Boden liegt und sich trotz seiner überlegenen Kräfte nicht wehrt, mag er hilflos wirken. Aber seine Kraft ist doch nicht verloren! Er ist immer noch genau so stark wie vorher. Und die Menschen in Lilliput fühlen das genau – deshalb haben sie ihn ja gefesselt! So wie viele von uns gefesselt werden von moralisierenden „Lilliputanern“ mit Bescheidenheits-, Demuts-, Zurückhaltungs- oder Unauffälligkeits-Forderungen. Und wie Gulliver wehren auch sie sich ganz freiwillig nicht dagegen, denn sie selbst wollen doch keinem schaden, niemanden verletzen, nicht auffallen!

Obwohl Gulliver durchaus erkennt, dass der Lilliputanerstaat ganz genau so funktioniert wie seine britische Heimat (sie haben ein Parlament und politische Parteien, es gibt Fürsten und Minister, sie debattieren und intrigieren und befehden sich. Ja, man führt auch Krieg mit Nachbarstaaten), so erscheint ihm dies alles doch lächerlich, ja sogar verachtenswert – weil sie so winzig sind!

Manchmal habe ich im Gespräch mit Hochbegabten den Eindruck, dass es ihnen in Bezug auf ihre Umgebung genau so geht. Und gleichzeitig schämen sie sich dieser Empfindungen. Denn ihre eigene „Größe“ haben sie nicht erworben oder erarbeitet, sie ist einfach da… Und ihre eigene Welt funktioniert auch genau so wie die der anderen, nach den gleichen – nicht nur moralischen – Grundsätzen und Strukturen. Worin also sollten ihre Überlegenheitsgefühle eine akzeptable Rechtfertigung finden?
Erinnerst Du Dich, warum Gulliver bei der Kaiserin von Lilliput in Ungnade fällt? Er löscht einen Brand in ihrem winzigen Palast mit einer natürlichen Körperfunktion, was bei seiner Größe und dem Fassungsvermögen seiner Blase einer Sintflut gleichkommt. Doch er kann nicht stoppen!

So geht es wohl, wenn man seine „natürlichen Kräfte“ – im Fall der Hochbegabung eben die Intelligenz – ungezügelt wirken lässt. Gerade unsere deutsche Geschichte kennt ja nicht nur positive Beispiele dafür. Und es ist verständlich, wenn selbst Hochbegabte manchmal vor ihrer eigenen Intelligenz erschrecken, weil sie spüren, dass sie nicht „stoppen“ können. Sie wollen helfen, verbessern, vielleicht sogar retten, was ihrer Meinung nach falsch läuft – wissen aber genau, dass sie damit anderen bedrohlich oder schädlich erscheinen. Daher die Hilflosigkeit gegenüber den eigenen Gefühlen. Und oft auch der Eindruck, dass ihre gute Absicht nicht gesehen, nicht verstanden wird.

Was aber, wenn sie ihre Kraft – also ihre kognitive und emotionale Intelligenz – einsetzen, um diese emotionalen Dissonanzen aufzulösen?

Ich erlebe hier in meinem Netzwerk ein wunderbares Beispiel dafür, dass das geht. Eine junge hochintelligente Frau mit ähnlichen Problemen wie Dein Coachee Alexander, die häufig ihre eigenen emotionalen Reaktionen und die der anderen gar nicht wahrnimmt. Da sie Schwierigkeiten hat, Mimik und Gestik situationsbezogen zu verstehen und ihr Intellekt vor allem kognitiv funktioniert, sucht sie immer wieder vergeblich nach rationalen, logischen Deutungen für das Verhalten. Aber nachdem sie das mit Hilfe einiger kluger Menschen in ihrem Umfeld und viel eigener Analyse-Arbeit erkannt hatte, begann sie einen intensiven Lernprozess.

Sie kam zu mir erst ziemlich am Ende dieses Prozesses mit der Frage, ob ihre Hochbegabung „Schuld hat“ an ihrer emotionalen Hilflosigkeit. Nun, ich konnte ihr zunächst zu dieser Frage nur gratulieren – denn Fragen fördern die Erkenntnis. Und da sie wirklich gefragt hatte und nicht nur eine Bestätigung ihrer vorgefassten Meinung suchte, konnte ich sie zugleich beruhigen: Es ist keine Frage der Schuld, sondern der Chancen! Sie kann wie alle Hochbegabten die Aufgabe des Verstehens vom Instinkt auf den Verstand übertragen – was zwar zunächst Mühe bedeutet, dann aber auch Erleichterung bringt. So wie es Blinden hilft, ihr Gehör viel besser zu trainieren als Sehende, können emotionale und kognitive Intelligenz gezielt trainiert werden und somit unterschiedliche Anteile an einer Gesamtleistung (Verständnis für mich selbst, für andere, für die Welt…) erbringen. Nur sind sich leider viele Hochbegabte dessen gar nicht bewusst. Ich habe mich deshalb entschlossen, einen Workshop zu dem Thema „Was ist anders im hochbegabten Gehirn?“ anzubieten.(1) Denn wenn die Betroffenen selbst genauer wissen, was die Hochbegabung „mit ihnen macht“, können sie ihr auch besser gerecht werden. Sie müssen sich nicht mehr als zu große oder zu kleine Fremdlinge in einer anderen Welt fühlen und Angst haben, mit ihrer Besonderheit anderen Menschen gefährlich zu erscheinen. Ja: sie können lernen, so wie Du es auch Alexander ermöglicht hast, intelligent mit ihren eigenen Gefühlen und denen der anderen umzugehen!

Und jetzt habe ich gleich noch eine erfreuliche Nachricht: Unser Forschungsprojekt scheint doch mehr Interessenten zu finden als es zunächst schien.

Ich werde gemeinsam mit einer Freiwilligen (vielleicht kommen noch mehr dazu?) bis zum Jahresende ein Forschungskonzept entwickeln, um mit hoffentlich vielen Hochbegabten genau dieser Frage nach der Wechselwirkung von IQ und EQ auf den Grund zu gehen. Natürlich werden im Ergebnis auch einige Schlussfolgerungen darüber möglich sein, welche spezifischen Anforderungen Hochbegabte an ihre Förderung bezüglich der emotionalen und sozialen Kompetenz haben. Unsere Leser hier sind herzlich eingeladen, sich mit ihren Ideen oder Vorschlägen für unsere Forschung an mich zu wenden.

Und ich bin ziemlich sicher: Wenn es immer mehr Hochbegabten gelingt, dem stoischen Lebensgrundsatz von Marc Aurel zu folgen (2), dann werden immer weniger von ihnen sich gezwungen fühlen, sich klein zu machen oder ihre Fähigkeiten zu verbergen. Sie müssen allerdings nicht nur nach dem Guten in sich selbst suchen, sondern das Gefundene dann auch zeigen. Sichtbar machen, was sie Nützliches oder Vergnügliches oder einfach Neues für das Gute in der Welt beitragen. Um dieses Gute in sich selbst zu finden und die „Quelle des Guten“ nicht versiegen zu lassen, sollten sie ihre Intelligenz nutzen. Dass diese Intelligenz da ist, reicht allein nicht aus und bedeutet nicht per se etwas „Gutes“. Sie ist aber die Chance, Gutes zu erreichen.
Mir gefällt das Arthur Schopenhauer zugeschriebene Zitat, welches Dir Alexander entgegengehalten hat:  „Hätte wohl je ein großer Geist sein Ziel erreichen und ein dauerhaftes Werk erschaffen können, wenn er das hüpfende Irrlicht der öffentlichen Meinung, d.h. der Meinung kleiner Geister, zu seinem Leitstern gemacht hätte?“ Ich glaube nämlich, dass Hochbegabte leider zu selten nach den lohnenden Leitsternen in ihrer Umgebung und bei sich selber suchen. Aber einfach ganz allgemein jeden Widerspruch und jede Kritik als die ungerechtfertigte Äußerung „kleiner Geister“ abzutun ist mit wahrer Intelligenz nicht vereinbar.

Die Auswahl der Leitsterne jenseits von Mode und Mainstream, das Finden von Vorbildern, Mentoren oder eben auch eines passenden Coaches, das ist eine selbst zu erbringende Leistung, für die sich der Einsatz von Intelligenz allemal lohnt. Gemeinsam kann dann die Quelle des Guten in jedem gefunden und zu anhaltendem Sprudeln gebracht werden – und davor bewahrt werden, zu verschmutzen oder gar verstopft zu werden.

Liebe Lilli, ich freue mich jetzt auf das 24. Berliner Sommerfest von Mensa (3) und hoffe, dass der Sommer so lange hält, was er im Moment verspricht. Da werden wieder viele Hochbegabte miteinander Spaß haben, dabei miteinander und voneinander lernen und sich – vielleicht zunächst unmerklich – wieder ein wenig verändern.

Und gleich danach geht es an die Vorbereitung für den Internationalen Tag der Intelligenz (4), der wieder viele interessante Aktivitäten in vielen Städten zu bieten hat. Außerdem stehen natürlich auch weitere Coaching- Aufträge an und unser Forschungsprojekt wird in Angriff genommen. Ich werde Dich und unsere Leser auf dem Laufenden halten.

Ach ja, Du fragtest, wie mir denn die Queen als Bond-Girl gefallen hat? Naja, wenn ich nicht so viel Respekt vor ihr als Persönlichkeit hätte, würde ich sie wohl rein auf ihren Unterhaltungswert reduzieren. Und da fand ich ihre Geburtstagsparaden passender. Eine fliegende Großmutter ist zwar ganz lustig, aber leider zu schnell ganz unten.

Liebe Lilli, ich hoffe, Du kannst auch noch ein wenig den Sommer genießen und trotz Arbeit und Verpflichtungen vielleicht Deine stoischen Grundsätze ein wenig pflegen. Ich werde das tun – und trotz einer gewissen gefühlten Ungeduld auf Deine Antwort in aller Ruhe warten.

Sei lieb gegrüßt bis zum nächsten Mal

Deine Karin

2  Marc Aurel; Blicke in dein Inneres. Da ist die Quelle des Guten, die niemals aufhört zu sprudeln, wenn du nicht aufhörst zu graben.

Sonntag, 5. August 2012

IQ zum EQ: Wie wär's mit uns beiden?

Liebe Karin,
zuerst einmal Tausend Dank für Dein Zitat aus Wilhelm Meisters Wanderjahre. Ich bin mit WM Lehrjahre aufgewachsen. Wilhelm und Mignon waren meine Freunde als ich Teenager war

Die Wanderjahre habe ich mir  für später aufbewahrt. Jetzt bin ich so berührt, dass Du sie erwähnst. Eine echte Freude.

Du hast natürlich Recht. Die hochbegabten und hochsensiblen Menschen,  die wir kennen, brüten zumeist über Büchern oder schreiben selbst welche. Oder sie arbeiten in Laboratorien. Seltener in Werkstätten oder Organisationsbüros. Aber auch dort – in den Werkstätten und Orga-Büros, wo viel GETAN wird - habe ich erstaunliche Menschen mit IQ 130 +  erlebt: ihren Ideenreichtum, ihren Erfindergeist, ihre Kreativität. Bemerkenswerte Arbeit, die GETAN wurde und wird.

Spannend wäre, wenn sich z.B. die Orga-Hochbegabten mit den Bücher-Hochbegabten und den Internet-IQ>130  in einer Werkstatt treffen würden. Beim Kochen? Oder Restaurieren? Oder sonst irgendwie bei Ausgleichsarbeiten. Man könnte  z.B. gemeinsam mit einer Internet-Seite beginnen, wie etwa: „Hochbegabtenförderung im hessischen Schulwesen“. Vorbildlich diese Informationen mit Links. Mehr dazu unter meinem PS! Und für den Anfang brauchen wir nicht 1000 – es reichen ja erst einmal ein Dutzend Hände. Ich kann es mir schon ausdenken, was damit alles erreicht werden könnte.

Ich freue mich für die begabte „einfache Hausfrau“, dass Du sie hier nachhaltig gewürdigt hast. Ich wünsche, sie kann Deine Anerkennung lesen. Ihre Dankbarkeit und meine sind Dir gewiss.

Danke auch für Deine erhellende Analyse zu der Förderung von Hochbegabten. Dieser Me-too-Gedanke von Dir ist vollkommend richtig. Diejenigen, die sich ausgeschlossen, vernachlässigt und übersehen fühlen, melden sich hier zu Wort.

Inzwischen kam mir noch ein ergänzender Gedanke: Sicher gibt es die hochbegabten Männer und Frauen, die gefördert werden wollen. Aber ebenso denke ich inzwischen, dass es manchen von ihnen vor allem darum geht, GEHÖRT  zu werden. Einfach reden können. Einfach Wertschätzung erfahren. Aufmerksamkeit und Anerkennung. Wirkliches Interesse. Vielleicht auch einen besonderen Respekt. Lob. Denn viele von ihnen fühlen sich einfach un-erhört.

Wie sich Hochbegabte oft fühlen mit ihren Gefühlen, durfte ich in den letzten Monaten immer wieder erleben. Einen von ihnen möchte ich hier stellvertretend zu Wort kommen lassen. Nennen wir ihn Alexander.

Manchmal, wenn ich mit Hochbegabten arbeite, denke ich an meine Kindertage. Ich sehe: Ich öffne mein Englisch-Buch und erblicke darin den Riesen Gulliver (1). Er liegt auf dem Boden. Hilflos. Gefesselt von Liliputaner, die ihn überwältigt haben. Ich frage mich: Warum wehrt er sich nicht? Zweifelt er an seinem Können? An seiner Stärke? Kann er nicht erkennen, dass er mächtiger ist, als alle Liliputaner zusammen?

Daran muss ich oft denken, wenn ich heute hochbegabte Menschen höre, die sagen: „Ich muss mich immer klein machen.“ Oder: „Ich verheimliche, dass ich in der Schule zwei Klassen übersprungen habe.“ Oder: „Ich zähle fast immer bis 10 bevor ich eine Antwort gebe, damit die anderen nicht merken, wie schnell ich denken kann.“ Alexander ist einer eben dieser Hochbegabten.

Der Publizist Ludwig Börne hat einmal gesagt: „Du musst klein sein, willst du den Menschen gefallen.“

Da ist sie wieder, sagt Alexander: diese Selbstverleugnung. Die Lüge. Der Betrug. Und was ist mit Ehrlichkeit? Treue zu sich selbst? Au­then­ti­zi­tät?

Von Stefan Zweig ist der Satz bekannt: „Wer einmal zu sich selbst gefunden hat, der kann nichts auf dieser Welt mehr verlieren.“

Ach so: die Selbstfindung ist das Geheimnis? Na ja, sagt Alexander, deswegen bin ich ja hier. Ich will mich selbst verstehen können. Und selbst zu mir stehen – und aufhören, mich klein machen zu müssen.

Warum ist das denn so schwer?

Die Gefühle. Meine Gefühle sind ein Buch mit sieben Siegeln für mich. Und irgendwie mag ich auch nicht ran – an das Buch.

Der schwedische Regisseur Ingmar Bergmann hat einmal gesagt: „Wir sind Analphabeten, wenn es um Gefühle geht. Wir lernen alles über den Ackerbau in Rhodesien und den Körper und die Wurzel aus Pi oder wie das heißt, aber kein Wort über die Seele. Wir sind bodenlos und ungeheuer unwissend, wenn es um uns selbst und andere geht. Wie soll man jemals andere verstehen, wenn man nichts über sich selbst weiß?“ „… Analphabeten, wenn es um Gefühle geht …“ Meinen Sie es so?

Genau! Mein IQ hat irgendwann mal meinen EQ erschlagen.

Und jetzt?

Ich will Frieden schliessen. Mit mir und meinem EQ. Aber das ist nicht so einfach.

Was meinen Sie: warum nicht?

:-( Hm. Hm. Hm.

Sie haben keine Worte für Ihre Gefühle?

:-) Richtig!

Ich sehe jetzt, wie der Riese Gulliver am Boden liegt. Wie er von seinen Gefühlen (Liliputanern) gefoltert wird. Unfähig, sich zu wehren. Unfähig überhaupt die Gefühle angemessen wahrzunehmen, sie auszudrücken und sie zu verarbeiten.

Immer öfter sprechen hochbegabte und hochsensible Menschen in letzter Zeit davon, dass sie ihren Emotionen z. T. hilflos gegenüberstehen. So sicher wie sie sich auf dem Feld ihres IQ bewegen – so unberechenbar ausgeliefert fühlen sie sich gegenüber ihrer Emotionalen Intelligenz (EI). Oder wie manche sagen: EQ.

Die gute Nachricht für Alexander: Man kann lernen, intelligent mit den eigenen Gefühlen und den Empfindungen anderer umzugehen. Denkansätze dazu geben in jüngerer Zeit z.B. Peter Salovey (2), John D. Mayer (3) und Daniel Goleman (4).

Über Gefühle und den Umgang mit ihnen nachzudenken ist nicht neu. Wenn wir uns ein wenig umsehen, entdecken wir in diesem Kontext z.B. die Beliebtheit antiker Lebensweisheiten von Lucius Annaeus Seneca (5), Epiktet (6) und Marc Aurel (7) und der anderen Stoiker. Während sich die einen mit einem Häppchen Seneca hier und da begnügen, steigen die anderen tiefer ein. Das Gedankengut der Stoa ist nach rund 2000 Jahren immer noch eine Erfolgsgeschichte: „Die stoische Ethik ist noch heute, namentlich in der angelsächsischen Welt, lebendig; ihr entspricht das Erziehungsideal des ‚Gentleman‘“ (8). Erziehungsideal des Gentleman? Wer heute die Weltgeschichte aufmerksam verfolgt, kann sich vielleicht des Gedankens nicht verwehren, der eine oder andere dieser Herren möge seine Stoa-Lektion noch etwas gründlicher lesen. Und dabei denke ich durchaus auch an den einen oder anderen blaublütigen Gentleman. Und die Ladies?

Gleichwohl: Was macht die Philosophie der Stoiker  für uns so spannend?

Sich klein machen, um anderen Menschen zu gefallen? Das wäre Zenon von Kition, Panaitios von Rhodos und Gaius Musonius Rufus nicht in den Sinn gekommen. Im Zentrum ihres Gedankenguts steht der ‚Selbsterhaltungstrieb‘. Die Ziele sind innere Befriedigung und Glück, sich selbst treu sein und der Natur gemäss zu leben. (9)

„Selbsterhaltung und Selbstbehauptung“ sind die Zauberworte und das heisst: sich selbst fördern UND ZUGLEICH das allgemeine Wohl fördern. (10)

In einer Zeit, in der der Egoismus gepflegt wird und eine starke Ich-Bezogenheit die Hitparaden stürmt, kommen Gedanken wie „niemand ist vornehmer als ein anderer“ besonders erfrischend daher. (11)

Und was sagt Alexander dazu?

Er überrascht mich mit einem Zitat des Philosophen Arthur Schopenhauer: „Hätte wohl je ein großer Geist sein Ziel erreichen und ein dauerhaftes Werk erschaffen können, wenn er das hüpfende Irrlicht der öffentlichen Meinung, d.h. der Meinung kleiner Geister, zu seinem Leitstern gemacht hätte?“

Wir lernen, dass wir uns ändern können.
Wir alle lernen, dass wir uns ändern müssen.

Ach ja: Wie hat Dir denn die Queen als Bond-Girl gefallen?


Der Himmel über Berlin – ich wünsche ihn Dir stets mit zauberhaftem Sonnen- und Mondenschein,

herzliche Grüsse in den Urlaub
Deine
Lilli


PS
„Hochbegabtenförderung im hessischen Schulwesen“
Fachgerechte Beratung und Diagnostik sowie individuelle Förderung von Hochbegabten in Hessen

Walter Diehl
Hessisches Kultusministerium - Referat I.4
Rel.l. MinRat Walter Diehl M.A.
Luisenplatz 10
65185 Wiesbaden
Mail: Walter.Diehl@hkm.hessen.de
Tel.: 0611 - 368 - 2708      / - 2518     / - 2238


(4) Goleman, Daniel: EQ. Emotionale Intelligenz. München 1997 http://www.amazon.de/EQ-Emotionale-Intelligenz-Daniel-Goleman/dp/3423360208
(5) Ich habe damit begonnen, mir selbst ein Freund zu sein. Damit ist schon viel gewonnen, man kann dann nicht mehr einsam sein. Wisse auch, dass ein solcher Mensch, allen ein rechter Freund sein wird.
(6)  Es sind nicht die Dinge selbst, die uns bewegen, sondern die Ansichten, die wir von Ihnen haben.
(7) Blick in dein Inneres. Da ist die Quelle des Guten, die niemals aufhört zu sprudeln, wenn du nicht aufhörst zu graben.
(8)  Philosophisches Wörterbuch. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1955. S. 572f
(10) Philosophisches Wörterbuch. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1955. S. 572f
(11) „Dieselben Anfänge haben alle Menschen, denselben Ursprung; niemand ist vornehmer als ein anderer, außer wenn er sich durch eine aufrechte und aufgrund guter Charaktereigenschaften bessere Gesinnung auszeichnet.“ De beneficiis 2,28,1; zit. n. U. Blank-Sangmeister: Seneca-Brevier. Stuttgart 1996

Samstag, 21. Juli 2012

In die Forschung einsteigen? Oder lieber TUN?


Liebe Lilli,

Meine Hochachtung! Du schreibst: „Bevor ich in die Forschung einsteigen kann, gilt es, unsere aktuellen Arbeiten zu einem guten Ende zu führen.“ 

Klar, ich wusste schon, dass Du verantwortungsvoll mit Deiner Zeit und Deinen Aufgaben umgehst. Aber Dir gelingt offenbar auch etwas, was vielen Hochbegabten schwerfällt, nämlich keine Zersplitterung durch immer neue reizvolle „Ablenkungen“ zuzulassen.

Besonders dann, wenn man mittendrin steckt in einer nun schon vertrauten Aufgabe, wenn das Ergebnis in sicherer Nähe scheint und „nur“ noch ein paar Bausteine fehlen, stürzt mancher sich gern in die nächste aufregende Herausforderung. Es scheint so, als wäre der tatsächliche Abschluss einer Aufgabe, der nachweisbare Erfolg nicht mehr reizvoll genug, um auch diese letzten Schritte zu tun und den Sieg (in Deinem Sinne den Sieg über sich selbst) tatsächlich zu erreichen. Man ist ja sicher, dass man ihn erreichen KÖNNTE!

Woher kommt diese Sicherheit?  Ist es Wunschdenken oder Flucht vor der anstrengenden Alltäglichkeit, z. B. in Form von Prüfungen, Abschlussarbeiten oder Berichten? Ich muss immer schmunzeln bei diesem Zitat: „Jede Tätigkeit des Geistes ist leicht, wenn sie nicht der Wirklichkeit untergeordnet werden muss.“(1) 


Einerseits  ist diese unbeschwerte Leichtigkeit des Geistes eine wichtige Voraussetzung für Kreativität, Innovation und Empathie. Andererseits ist es oft wie in Deinem Beispiel: ein bekannter Fabrikant wollte in seiner Stadt ein Haus für die Öffentlichkeit bauen. Man hatte Euch ein Problem präsentiert. Und die „ganz einfache Hausfrau“ wie sie sich selbst nannte, hatte Euch die Lösung GESCHENKT??? Es war wohl eher die IDEE zu einer Lösung, ein echtes Geschenk, mit Leichtigkeit des Geistes erzeugt, weil unbeschwert von praktischen Grenzen! Und die Umsetzung der Idee war dann wieder mit vielen alltäglichen Mühen und Widerständen verbunden – aber am Ende eben doch mit einem großen Erfolg für viele Menschen. Und weil die Idee ja ein Geschenk gewesen war, wird diese „einfache Hausfrau“ außer in Deiner Erinnerung und vielleicht auch noch im Bewusstsein einiger weniger Betroffener kaum noch Erwähnung finden. 

Denn als LEISTUNG wird selbstverständlich eher die Bereitstellung der Finanzen, die Erstellung des Bauplanes, der Erwerb und die Erschließung des Geländes, der Bau des Hauses, dessen Ausgestaltung und nicht zuletzt die sinnvolle Nutzung, also die mühsame Meisterung des Alltäglichen gewertet. Es ist wieder ein praktischer Beweis für die tiefe Wahrheit unseres gemeinsamen Lieblingsdichters: „Dass sich das größte Werk vollende, genügt ein Geist für tausend Hände.“(2) Nur was wäre dieser Geist ohne die Hände?

Und eben das erleben viele Hochbegabte: Sie haben tolle Ideen, nützliche, sinnvolle, für viele Menschen vorteilhafte Vorschläge – und können diese mit nur ihren eigenen zwei Händen natürlich nicht umsetzen. Aber um die „tausend Hände“ zusammen zu führen, sind sie nicht anerkannt und angepasst genug – und zu „bescheiden“, um es jemals zu werden.

Deshalb bin ich geradezu begeistert von Deiner Idee, die Organisationstalente aufzurufen, ein Netzwerk von Helfern zu bilden, um gute Ideen auch in die Tat umzusetzen.

Ich habe allerdings große Zweifel, dass unter denen, die sich dazu bereit finden, viele Hochbegabte sein werden! Denn HELFEN heißt TUN. Und das scheint mir etwas zu sein, was sich nur wenige Hochbegabte zutrauen oder wünschen. Ich habe für diesen Zweifel mehrere Gründe: Nicht nur, dass bisher nur eine sehr magere Reaktion auf meine Frage zu unserem Forschungsprojekt erfolgte („Lass uns doch gleich diese Frage an unsere LeserInnen stellen: Wer können die möglichen Partner und Geldgeber sein?“). Nein, auch sonst erlebe ich wie Du eher das Gegenteil:

Es beginnt auch bei mir häufig mit: „Sie machen doch sowas mit Hochbegabung.“ Und dann gibt es die Lebensgeschichte. Nun will „man“ als Hochbegabter endlich erzählen, was „man“ alles weiss, kann und schon gemacht hat – und wie wenig das anerkannt wurde. Aber dass man ja eigentlich gar nicht um der Anerkennung willen....

Ja, spät erkannte Hochbegabte kommen schwer aus der Tarnung und wissen meist nicht genau, was sie ändern wollen sollen – sie haben nur das Gefühl, etwas ändern zu müssen. Ist das gefühlte Verpflichtung zur Nutzung der Hochbegabung oder ein Versuch der Selbst-Erlösung aus erlittenem Unverständnis?

Aber eines ist allen gemeinsam: Sie wollen alle gefördert werden! Nur wissen sie selbst nicht wie, von wem und wohin!!! Ist es Neid? „Ich will auch, me too“ – weil die Gerechtigkeit es verlangt? Die anderen kriegen mehr als ich? Oder ist es die erlebte Hilflosigkeit – ich kann alleine nichts bewegen und brauche dringend Hilfe, um die Partner zur Umsetzung meiner Ideen zu finden?

Selbstredend müsste diese Förderung entweder ohnehin freiwillig und kostenlos erfolgen oder schlimmstenfalls vom Staat organisiert und bezahlt werden.

Du schreibst, dass Du im Laufe Deines Lebens immer wieder Menschen getroffen hast, die gerne anderen Menschen helfen. Im Krankenhaus, in einem Hospiz. Oder in Bildungseinrichtungen. Ja, das kenne ich auch. Das wollen auch viele Hochbegabte, die selbst riesige Probleme haben. Bei denen man den Eindruck gewinnen kann, dass Anderen „helfen“ eine Flucht vor den eigenen Problemen ist! Dass sie sich selbst Wichtigkeit beweisen wollen durch Lösungen für die „kleinen“ Probleme der Anderen, und dabei die eigenen Probleme als unlösbar dämonisieren (als Hochbegabter dürfte man doch gar keine Probleme haben)???

Ein grandioser Gedanke, die Einen mit den Anderen zusammen zu bringen. Die Lösungen für die Probleme von Hochbegabten durch Hochbegabte suchen und finden zu lassen! Und dann auch gleich noch das Netzwerk für die „tausend Hände“ zu installieren. „Das Leben selbst führt uns nach und nach, von Fall zu Fall, zu der Wahrnehmung, dass alles das, was uns für unser Herz oder für unseren Geist das Allerwichtigste ist, uns nicht durch vernunftmäßige Überlegung zuteil wird, sondern durch andere Mächte.“ (3)


Genau dafür könnte unser Forschungsprojekt wichtige Anregungen geben. Aufschluss darüber, was Hochbegabte wirklich brauchen um sich ganz und gar zu zeigen. Ohne sie damit in ein bürokratisiertes, abrechnungszentriertes Fördersystem zu zwingen. „Alles, was unseren Geist befreit, ohne uns die Herrschaft über uns selbst zu geben, ist verderblich.“ (4)

Ich hoffe wie Du, dass sich doch noch interessierte LeserInnen finden und melden, die an unserem Forschungsprojekt mitwirken wollen. Oder Helfer für das ganz praktisch-alltägliche Problemlösen auf Hochbegabten-Art. Menschen, die im Sinne Kennedys nicht fragen, was ihr Land für sie tun kann – sondern, die sich fragen, was sie für ihr Land (ihre Mitbürger/innen) tun können.


„Andere Menschen sind Objektive, durch die wir unseren eigenen Geist lesen.“ (5)


Und auch wir werden gemeinsam weiter denken und planen.


Liebe Lilli, auch wenn wir beide wegen anderer Aufgaben im Moment nicht in großen Schritten mit unserem Forschungsprojekt vorankommen und von dem versprochenen, nun endlich kommen sollenden, Sommer kaum etwas haben werden, so bin ich doch glücklich über unseren Gedankenaustausch. Ich wünsche Dir viele tatkräftige Partner und Helfer, beglückende „Siege“ und gelegentlich doch umfassende Erholung

Herzlichst
Deine Karin


(1) Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Bde. 1-3, 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2000, S. 2114 (Sodom und Gomorra)   ISBN: 3518397095

(2) Johann Wolfgang von Goethe: Werke - Hamburger Ausgabe Bd. 3, Dramatische Dichtungen I, Faust II, 11. Aufl. München: dtv, 1981, S. 346 (Mitternacht, 11509-10)      ISBN: 3423590386

(3) Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Bde. 1-3   Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2000, S. 3326

(4) Johann Wolfgang von Goethe, Werke - Hamburger Ausgabe Bd. 8, Romane und Novellen III, Wilhelm Meisters Wanderjahre

(5) Ralph Waldo Emerson, Essays and Poems
(Original englisch: Other men are lenses trough which we read our own minds.)
Ralph Waldo Emerson: Essays and Poems, New York: Barnes & Noble, 2004, S. 281

Sonntag, 8. Juli 2012

Wie eine Hausfrau den Lebenstraum eines Fabrikanten rettete


Liebe Karin,

grossartig! Ganz Grossartig! Wie Du Dich begeistern kannst. Ich spüre die Forschungsfreude durch Deine Zeilen hindurch. Das wirkt auf mich sehr ansteckend. 

Obwohl ich dazu einen kleinen Wertmutstropfen beitragen muss: Ich habe die Verantwortung für laufende Projekte – und vor allem für die Menschen, die in diese Projekte eingebunden sind. Bevor ich in die Forschung einsteigen kann, gilt es, unsere aktuellen Arbeiten zu einem guten Ende zu führen.

Aber wir können gemeinsam weiter denken und planen. So bin ich dankbar, dass Du den Appell an unsere Leserinnen und Leser gegeben hast: Wenn Sie Lust und Zeit haben an diesem Projekt mitzuarbeiten, so schreiben Sie uns per Mail. Danke, dass nun alle diese Mails bei Dir auflaufen dürfen.

Du hast so eine praktische Ader – das liebe ich an Dir: „Lass uns doch gleich diese Frage an unsere LeserInnen stellen: Wer können die möglichen Partner und Geldgeber sein?“

Und Du hast so etwas Selbstverständliches: „Tatsächlich werden so auch Träume in manchmal zähem Ringen mit dem Gewohnten, Althergebrachten verwirklicht. Sie werden zu Zielen von sozialen, kulturellen, politischen Bewegungen. Und diese Ziele motivieren und verbinden. Nicht nur im Großen, oft auch in kleinen Alltäglichkeiten.“

Das Alltägliche. Genau. Dazu möchte ich Dir eine Geschichte von einem hochbegabten Mann erzählen. Nennen wir ihn „Herrn Müller“.  Es dauerte vier oder fünf Telefongespräche bis ich erfahren konnte, was  Herr Müller mir sagen wollte. Solche Art von Gesprächen kommen mit schöner Regelmässigkeit. Und ich denke: Du wie auch unsere Kolleginnen und Kollegen erleben ähnliches.

Es beginnt mit: „Sie machen doch sowas mit Hochbegabung.“ Und dann gibt es schüchtern verpackte Informationen. Und schliesslich – wenn Vertrauen gefasst wurde – gibt es die Lebensgeschichte. Nun darf „man“ als Hochbegabter auch erzählen, was „man“ alles weiss, kann und schon gemacht hat. Es sind übrigens bis jetzt immer die Männer, die so etwas verhalten um nicht zu sagen sybillinisch – geheimnisvoll-rätselhaft – daherkommen.

Herr Müller erzählte mir von seinen Erfindungen. Und wie diese Erfindungen Arbeitsplätze geschafft und besseres Leben ermöglicht haben. Und nun brauche er selbst Hilfe, um sein Leben selbst in den Griff zu bekommen. Trotz ärztlicher Betreuung käme er nicht so richtig von der Stelle.

Er wirkte etwas chaotisch. Diffus. Hilflos. Fragen wollte er nicht wirklich beantworten. Was wollte er?

Es schien, dass er einen Menschen suchte, der ihm aufmerksam zuhörte. Zunächst. Aber irgendwann konnte er es auf den Punkt bringen: Förderung. Er wollte gefördert werden. Als hochbegabter Mensch - doch irgendwie wie ein Kind, das an die Hand genommen werden will. Mir fiel unweigerlich der Spruch ein: „Eine 1+ in Mathe – aber die Schuhe nicht alleine zubinden können.“

Selbstredend sollte diese Förderung vom Staat organisiert und bezahlt werden.

Ein paar Tage später sass ich im Zug. Wieder einmal musste die Fahrt unterbrochen werden, weil ein Mensch sich auf dieser Strecke das Leben genommen hatte. Warum kann so vielen Menschen nicht geholfen werden?

Ich weiss nicht warum, aber ich musste an Herrn Müller denken. Er schien so unfassbar nach einer „Dea ex macchina“  zu suchen. Wie die Iphigenie von Euripides?  Die in der gleichnamigen Tragödie von einer Gottesgestalt in die Freiheit geführt wurde. Ein Happy End wie im Märchen?

Ich fragte mich, ob es nicht irgendwo einen Menschen geben würde, der ihm helfen könnte.

Im Laufe meines Lebens habe ich immer wieder Menschen getroffen, die gerne anderen Menschen helfen. Im Krankenhaus, in einem Hospiz. Oder in Bildungseinrichtungen.

Wieder andere Menschen würden es gerne tun. Aber ihnen fehlt das Selbstbewusstsein. Der Mut. Die Courage. Sie sagen: Wer bin ich schon? Ich – ich bin doch nur eine einfache Hausfrau. Was kann ich denn schon tun?

Dazu möchte ich Dir eine Geschichte erzählen, die ich Ende der 80er Jahre erlebt habe. Eines Tages klopfte ein Marketingleiter an unsere Tür. Er hatte irgendetwas von mir gelesen und meinte, ich könne ihm helfen. Sein Chef – ein bekannter Fabrikant in seiner Stadt – wollte sich einen Lebenstraum erfüllen. Er wollte ein Haus für die Öffentlichkeit bauen. Es sollte ein ganz besonderes Haus sein. Originell. Einladend. Ein offenes Haus für viele Menschen.

Irgendwie kam der Plan ins Stocken. Und von uns wurde nun erwartet, dass wir  eine Lösung liefern. Ich hatte damals eine neue Methode in der Marktforschung entwickelte und so bot ich ihm an, seine Fragen in unsere Testreihe einzuarbeiten. Mit dem Einverständnis der Probandinnen (Hausfrauen) filmten wir, damit die Diskussionsentwicklung gut nachvollziehbar wurde.

Wir waren mitten drin als ich fragte: „Und wie sollte ein solches Haus aussehen?“ Pause. Dann – wie aus der Pistole geschossen eine der anwesenden Hausfrauen: XYZ (Beschreibung des Hauses)! Ich habe heute noch Gänsehaut, wenn ich an diese Antwort denke. Genial! Und sie schob noch hinzu: Und es sollte genau da und da stehen! Applaus von der ganzen Gruppe. Der Filmmensch hatte Tränen in den Augen.
                                                                                               
Bauaufsicht? Ordnungsamt? Denkmalschutz? Kein Gedanke daran. Ob eine solche Form des Hauses erlaubt sein würde? Keine Frage. Ob dieses Grundstück frei war? Bezahlbar? Unbeirrt blieb die Hausfrau bei ihrer Idee.

Man hatte uns ein Problem präsentiert. Und eine Hausfrau hatte uns die Lösung geschenkt. Eine „ganz einfache Hausfrau“ wie sie sich selbst nannte. Keine Architektin im Mutterschutz. Keine Denkmalschützerin. Keine Kunststudentin.

Du kannst es Dir schon denken: Das Haus wurde gebaut. Genauso wie die Hausfrau es beschrieben hatte. Es steht genau an dem Platz, den sie ausgesucht hatte. Und es gibt in dieser Stadt kaum ein Kind, das dieses Haus nicht kennt. Alle lieben es.

Und Du wirst auch schon wissen, warum ich Dir die Geschichte erzählt habe: Geschätzte 99% der Hochbegabten wissen nicht, dass sie hochbegabt sind. Aber hin und wieder bricht es dann doch durch. Ganz selbstverständlich. Bei Hausfrauen, Postbeamten, Verkäuferinnen, Altenpflegern, Polizistinnen, Rentnern, Hebammen, Lehrern, Fluglotsinnen, Bankern, Friseurinnen, Fotografen, Tierärztinnen …

Das erinnert mich an den „Panther“ von Rilke:

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe 
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, 
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille 
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.“

Manchmal zeigen sich die Hochbegabten. Mag sein, dass ein Stimulus sie weckt. Oder ihre innere Stimme sie ruft. Dann stehen sie auf. Fast überrascht von sich selbst. Und überrascht, dass andere Menschen das nicht genau so sehen können. Und in dem nahenden Bewusstsein, eine Sternminute ausgelöst zu haben, verschliessen sie sich wieder.

Ach könnte man sie doch locken, sich ganz und gar zu zeigen.

Und nun schliesst sich der Kreis zu Herrn Müller. Und zu all den anderen, die sich immer wieder an Menschen wenden, die „etwas mit Hochbegabung zu tun haben“.

Es gibt nicht nur die Menschen, die Hilfe suchen. Es gibt auch die, die gerne helfen würden. Die es können. Die sich gerne die Zeit nehmen würden. Denen aber hier und da der Mut fehlt auf eben diese Menschen zuzugehen. Oder die nicht wissen, dass es solche Hilfesuchenden gibt.
                                                                              
Ich möchte hiermit anregen, dass sich die Organisationstalente angesprochen fühlen. Die Frauen und Männer, die wissen wie ein solcher Kreis aufgebaut und geführt werden kann. Die im Sinne Kennedys nicht fragen, was ihr Land für sie tun kann – sondern, die sich fragen, was sie für ihr Land (ihre Mitbürger/innen) tun können. Die Menschen, die eine Leidenschaft spüren und anderen bei der Geburt ihrer Talente zur Seite zu stehen wollen. Bis sie alleine auf den eigenen Talentfüssen stehen können. Ich möchte diesen Menschen sagen: Liebe Menschen! Bitte melden. Hochbegabte warten schon auf Sie!

Ich wünsche mir, die Menschen können gerade diesen Appell von Goethe hören: „Habt doch endlich einmal die Courage, euch den Eindrücken hinzugeben, euch ergötzen zu lassen, euch rühren zu lassen, euch erheben zu lassen, ja euch belehren und entflammen zu lassen.“

Liebe Karin, und damit bin ich auch schon beim „Siegen“. Denn mein Siegen hat etwas mit dem „Siegen über sich selbst“ zu tun. Ich könnte auch sagen: Über den eigenen Schatten springen. Wie oft haben wir uns etwas vorgenommen. Wie oft wollten wir uns etwas angewöhnen, abgewöhnen oder einfach „es tun“. 

Und wie zufrieden sind wir, wenn wir es endlich erreicht haben. Das kann ganz alltägliche Lebensumstände betreffen: Den Keller aufräumen, wieder mit dem Sport anfangen oder endlich den einen wichtigen Brief schreiben. Sich selbst besiegen. „Es“ endlich geschafft zu haben. Ist das nicht ein Sieg, den wir uns alle wünschen? Pedro Calderón de la Barca sagte einmal: „Der größte Sieg: sich selbst besiegen.“

Aber auch im Sport und Spiel darf es für mich um Siege gehen. Oder auch um Siege im Sinne Platons: „Kultur ist der Sieg der Überzeugung über die Gewalt.“ 
Ach, Karin. Ich denke, darüber werden wir wohl noch mal diskutieren.

Herzlichst
Deine Lilli