Fotos: Dr. Karin Rasmussen, Saskia-Marjanna Schulz, Alexandra Gräfin Dohna

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Sonntag, 18. März 2012

Die Kraft der Träume … Und der Albträume

Liebe Lilli,

hahaha – Zwillinge! Die Idee gefällt mir, weil man ja Zwillingen eine gewisse Unzertrennlichkeit nachsagt. Aber natürlich sind wir auch sehr verschieden und ich glaube, nicht nur unsere Mütter können uns problemlos auseinander halten. Wir sind eben, obwohl beide hochbegabt und oft gleicher Meinung, doch unverwechselbar einzigartig – wie alle Menschen. Und das liegt nicht nur an unseren verschiedenen Lebensumständen und Biografien.

Ich danke Dir herzlich für Deinen wieder sehr anregenden Brief! Tatsächlich ist da schon sehr viel Stoff zusammen gekommen, aus dem wir Bücher machen sollten. Denn ich denke, es würden sich dafür zahlreiche Interessenten und Leser finden, die nicht immer erst in unserem Blogarchiv stöbern wollen, um einen unserer Gedanken aufzugreifen und weiter zu entwickeln.

Und es gibt ja tatsächlich viele spannende Fragen – wie zum Beispiel das Thema unseres letzten Gedankenaustausches: Was ist der beste Weg, um sich selbst gerecht zu werden und zu bleiben?

All die klugen Menschen und Bücher, die Du erwähnst und auch die von Dir interviewten Elite- Persönlichkeiten haben doch eines gemeinsam: Sie sprechen und schreiben aus ihrer eigenen Erfahrung – nachdem sie etwas erreicht haben! Und auch die gut gemeinten und sehr überzeugend vorgetragenen „Do what you love“- Ratschläge beruhen in der Regel nicht auf Wunschträumen, sondern sind das Ergebnis positiver Erfahrungen. Deshalb werden sie wahrscheinlich auch so gern gehört, gelesen, wiederholt und weiter gereicht. Wir alle brauchen die Hoffnung, dass es einen „richtigen“ Weg zum Erfolg gibt.

Aber- Du weißt schon, welches „Aber“ jetzt kommt: Hochbegabte haben, wie wir beide wissen, nicht nur eine sehr sensible Wahrnehmung und ein komplexes Gedächtnis, sie haben auch eine sehr vielfältige Traumwelt. Es fällt ihnen meist sehr schwer, sich auf eine bestimmte Ich-Vorstellung festzulegen. Sie haben so viele Potenziale und Kenntnisse auf so vielen Gebieten, dass sie nicht nur EINEN, sondern viele Träume haben. Zu viele! Und diese Träume ändern sich im Laufe des Lebens auch noch. So ist es kein Wunder, dass so mancher meiner Coachees (bei Deinen ist es sicher ähnlich?) gar nicht weiß, welchem Traum er oder sie den Vorzug geben, worauf die Kräfte konzentrieren, worum sich mühen soll.

Und dann sind da ja auch noch die negativen Erfahrungen – eigene und fremde, die uns über die Medien oder über Berichte aus dem Bekanntenkreis mitgeteilt werden. Was man schon alles verpasst hat. Wofür es schon längst zu spät ist. Was alles schiefgehen kann, was man alles „falsch“ machen kann! Daraus werden dann ganz schnell Albträume. Besonders dann, wenn man eben nicht schon seit Kindertagen einen unauslöschlichen Lieblingswunsch hatte (ich will fliegen!!!), dazu auch noch realistische Vorstellungen von einem Weg zur Verwirklichung dieses Traumes (ich mache den Pilotenschein, gehe zur Lufthansa o. ä.!!) und die reale Chance, verbunden mit ständiger Ermutigung durch das Umfeld, diesen Weg auch tatsächlich zu gehen (ich werde Airbus-Pilot!).

Da Hochbegabte auch in ihren Träumen häufig sehr kreativ sind, erleben sie sogar unrealistische Gefahren in ihren Albträumen. Da tauchen dämonische Neider auf, die ungeahnte Steinwälle auf dem Weg zum Ziel errichten, gigantische Katastrophen verhindern den Erfolg und erfordern einen zermürbenden Kampf um das nackte Überleben auf dem niedrigsten (Lohn-)Niveau oder aber der Selbstzweifel meldet sich auch im Schlaf und suggeriert ein vorprogrammiertes Versagen: Der Traum ist zu schön, um wahr zu werden, das Ziel zu groß und der Mensch zu klein, um es zu erreichen. Leider können solche Träume tiefe Eindrücke hinterlassen.  Denn auch Hochbegabte erreichen – entgegen anderslautender Klischees – nicht alles „mit Links“! Sie haben durchaus eigene Erfahrungen mit Misserfolgen und Niederlagen. Also scheinen die Albtraum-Szenarien auch begründet zu sein.

Wir beide, und natürlich auch die meisten Hochbegabten, wissen um die Kraft von Vorbildern. Du nennst ja beeindruckende Namen, die Dich beim Nachdenken und in der Auseinandersetzung mit Deinen Selbstzweifeln begleiten. Und auch Deine Interviewpartner haben (Vor-)Bilder von großen Persönlichkeiten ständig vor Augen.

Nun – meine Vorbilder sind weniger „groß“ und gar nicht berühmt. Ich werde nämlich von dem permanenten Zweifel beherrscht, dass in diesen Bildern von „Größe“ nicht der reale Mensch zum Ausdruck kommt. Die Größe wird ja von einer bestimmten Leistung abgeleitet. Zu dieser Leistung war aber nie nur einer allein fähig, wenn man es genau bedenkt. Es sind eben Bilder – nur Ausschnitte der Persönlichkeit, die in einer nachträglichen Würdigung für die Darstellung gewählt wurden. So ähnlich wie in Nachrufen oder Arbeitszeugnissen. Da darf auch nichts Negatives drin stehen. Klar, man sollte sich ja auch nichts Negatives zum Vorbild nehmen.

Ich glaube zutiefst, dass alle Persönlichkeiten, welche wir für „groß“ halten, in ihrem realen Alltag auch ganz „normale“ Menschen sind oder waren. Also kann ich mir auch ganz normale Menschen zum Vorbild nehmen – Menschen, die ich persönlich kenne und die mich vielleicht nur mit einer einzigen Stärke beeindrucken, aber ansonsten nichts Spektakuläres an sich haben. So entgehe ich der Gefahr, dass meine Vorbilder mir zu groß und damit zu unerreichbar erscheinen. Außerdem kann ich sie häufig ganz real beobachten, von manchen habe ich Bilder in meiner privaten Fotosammlung,  – und direkt von ihnen lernen. Ich muss mir nicht vorstellen, was sie „gesagt oder getan hätten“, wenn sie an meiner Stelle wären – denn das sind sie ja nie! Mit meinen Coachees suche ich ebenso nach solchen realen Vorbildern in ihrer Umgebung. Und dabei wird eines sehr oft deutlich: Auch Hochbegabte übersehen die Talente und Fähigkeiten anderer Menschen. Auch Hochbegabte wissen manches nicht zu schätzen und sind mit ihrer Anerkennung für die Leistungen anderer Menschen ziemlich sparsam. Besonders, wenn ihr eigener Leidensdruck zu groß ist, „rächen“ sie sich mit einer Konzentration auf die Fehler und Schwächen der anderen. Und dann finden sie natürlich keine passenden Vorbilder. Aber die sind da!

In kritischen (und meist nicht von den Helden selbst verfassten) Biografien findet man ebenfalls Beschreibungen ihrer Fehler und Schwierigkeiten. Und es finden sich Darstellungen, wie sie damit umgegangen sind. Wie sie aus Niederlagen gelernt haben. Und mit welchem Mut sie sich selbst großen Schwierigkeiten gestellt haben. In diesem Mut finde ich meine Vorbilder. Dass Erfolg neben glücklichen Umständen eben auch Einsatz, persönliche Opfer und häufig auch Kampf bedeutet, erschreckt mich dann nicht mehr, sondern spornt mich an.

Du schreibst, dass Deine rund 50 interviewten Elite-Persönlichkeiten  neben den Vor-Bildern, mit denen sie sich umgaben, vor allem folgende Einstellungen und Verhaltensweisen zeigten:

  1. Sie waren alle international exzellent vernetzt und betrieben aktive Netzwerkarbeit zu einer Zeit als Deutschland in dieser Hinsicht eher ein Entwicklungsland war.
  2. Sie drückten eine starke Wertschätzung gegenüber sich selbst und allen Beteiligten aus. Auch hier waren sie ihrer Zeit voraus.

Das scheint mir ganz entscheidend zu sein! Beides hängt miteinander zusammen: Nur wen ich wertschätze, wird bereit sein, sich mit mir zu vernetzen. Und mit wem ich vernetzt bin, von dem kann ich lernen! In diesem gemeinsamen Lernprozess wächst dann auch wieder die gegenseitige Wertschätzung – denn Vorbilder und „Lehrer“ lieben lernende „Schüler“. Damit ist natürlich nicht das bloße Nachplappern oder Nachäffen großer Worte bzw. Gesten gemeint. Die eigene Wertschätzung würde darunter ja leiden – die Kopie weiß schließlich, dass sie nicht das Original ist – und alle anderen merken das auch! Vielmehr geht es um echtes Nacheifern: mit Eifer, also Einsatz und Durchhaltevermögen, den Erwerb oder die Verbesserung einer Fähigkeit anzustreben.

Denn wer sich selbst Wert schätzt, kann mit gutem Gewissen den Kontakt zu seinen Vorbildern aufnehmen. Meist sind dazu nur wenige Schritte (im Social Network Xing z.B. nur 4 Kontakte der Kontakte) nötig. Und das ist viel sinnvoller, als in Facebook oder Twitter die Spuren meines aktuellen Speiseplans oder ähnliches zu hinterlassen. Das Gefühl der intellektuellen Einsamkeit verflüchtigt sich praktisch sofort, wenn man durch aktive Netzwerkarbeit den direkten Gedankenaustausch zu einem ernsthaften Thema aufnimmt, das einen gerade brennend beschäftigt. Auch wenn man vorläufig mehr Fragen als Antworten hat. Auch wenn man kein Experte ist. Und auch, wenn man zum Beispiel auf der Suche nach dem eigenen inneren ICH ist, die innere Stimme nicht mehr deutlich genug hören kann. Gerade in diesen Momenten zeigt der Gedankenaustausch (aktive Netzwerkarbeit!) die Gemeinsamkeiten mit unseren Vorbildern und bestärkt uns in unseren Träumen oder Zielen. Denn jeder von uns, nicht nur Hochbegabte(!), hat ein sogenanntes besseres Ich. Nur manchmal wird das verdeckt von den Aufgeregtheiten oder Nichtigkeiten des Alltags. Und dem können wir Widerstand leisten. Gemeinsam erkennt man besser, was wirklich wichtig ist – an uns und an den anderen.

Dann erkennt man auch wieder, wie Du schreibst: „dass ein entspannter Umgang mit Kritik, Zweifel und Fehler ein Segen für alle Beteiligte sein kann.“ Du hast ein Unternehmen von innen gesehen, in dem eine solche Kultur herrscht. Prima – das ist ein weiterer Beweis dafür, dass es geht, dass es sich lohnt und dass es gut tut. Prima, der Aufruf des Personalchefs: „Machen Sie Fehler! Machen Sie ruhig Fehler! Aber, machen Sie diese Fehler bitte nur einmal.“

Das ist eine direkte Aufforderung aus einer schuldorientierten Fehlerkultur eine lösungsorientierte Lernkultur zu machen. Welch großartige Herausforderung! Was für ein weites Betätigungsfeld – für uns, unsere Kollegen und unsere Coachees. Denn die sind ja vor Ort unmittelbar betroffen. Und eigentlich träumen wir doch alle davon, die Lösung VOR dem Fehler zu finden. Aber – gleich danach ist auch noch sehr gut!

In dem Zusammenhang faszinieren mich die rasanten Fortschritte der Neurowissenschaften. Wir sind auf dem besten Weg, das Lernen gehirngerecht zu lernen. Und damit alle schmerzhaften, langweiligen, stupiden oder verletzenden Fehleranalysen in beschleunigte, lustvolle Erkenntnisprozesse zu verwandeln. Welch schöne Aussichten für die hungrigen Gehirne unserer hochbegabten Klientel! Wenn es nicht mehr einsame mühevolle Anstrengung, sondern befriedigende gemeinsame Leistung ist, zu lernen. Wenn wir uns zugunsten besseren Wissens von veralteten Ansichten schmerzfrei trennen können, ohne dabei an Akzeptanz zu verlieren. Wenn Autorität nicht mehr allein auf Position und Image beruht, sondern am tatsächlichen Beitrag zur Lösung von echten Problemen gemessen wird.

Aber da bin ich wohl wieder unserer Zeit ein wenig zu weit voraus.
Träume….
Sie treiben mich!

Liebe Lilli, „meine“ Qualitätsmanagerin macht inzwischen riesige Fortschritte. Nachdem wir in ihrer Biografie einige entscheidende Muster (ich hatte ein ähnliches Vorgehen gewählt, wie Du es vorschlägst) gefunden hatten, konnte sie sich einen neuen Kommunikationsstil erarbeiten. Es ging rasend schnell. Na ja, sie ist hochbegabt – und hatte blitzschnell erkannt, worauf es ankommt. Dann hat sie fleißig geübt, mit mehreren ihrer Netzwerkpartner. Die hatten freundlicherweise (aber für mich nicht verwunderlich) auch schnell Verständnis für das Anliegen. Jetzt wagt sie sich an ihre „Problempartner“. Ich werde sie in den nächsten Tagen wiedersehen und dann bestimmt neue Erfolgsberichte hören.

Beschäftigst Du Dich eigentlich auch mit dem Thema Hirnforschung? Kennst Du vielleicht schon eine Studie oder ein Forschungsprojekt zum Lernen bei Hochbegabten? Es würde mich brennend interessieren, ob der Erfolg von Spezialschulen für Hochbegabte allein auf das bessere Lernumfeld oder eher auf besondere Lehr- und Lernkonzepte zurückgeht. Sind es eher die sozialen Faktoren oder ist es eine andere (gehirngerechtere) Lerntechnologie? Schon klar, wahrscheinlich von beidem etwas- aber was wirkt wie?

Ich freue mich jetzt schon auf Deinen nächsten Brief. Bis dahin ist hoffentlich wirklich Frühling, hier ist noch alles grau. Ach ja, Dein Brief würde wahrscheinlich am 1. April kommen – Du hast also das Privileg zum Scherzen!
Viel Spaß bis dahin und alles Gute für Dich und die Deinen.
Von
Deiner Karin

Sonntag, 4. März 2012

Selbstkritik, Selbstzweifel & Einstein

Liebe Karin,

ich muss schon schmunzeln, wenn ich lese, dass Du wiederholt ähnliche Erfahrungen machst wie ich: Von den sorgenvollen Müttern  hochbegabter Kinder bis zu Anfragen von Fernsehproduktionen, die Tipps in Sachen „Superhirne“ erbitten. Wir sind doch keine eineiigen Zwillinge?

Aber – wie erfrischend – ich sehe auch, dass es Unterschiede gibt!
Dazu später.

Wenn es um die Entwicklung von kleinen oder grossen Menschen geht, sehe ich wie Du die > Unsicherheit: Welcher richtige Weg von heute ist der richtige Weg von morgen? Und ich sehe wie Du die Zauberworte „Kraft und Mut“. Jeder Mensch weiss: Im Laufe unseres Lebens gibt es Höhen und Tiefen. Und selbst die besten Ausbildungen reichen nicht aus, wenn sich Fortune von uns abwendet und wir alleine zurechtkommen müssen.

Ja, welches ist nur der richtige Beruf? Welche Karriere bietet die besten Chancen? Wo sind die Hitlisten mit den aussichtsreichsten Branchen? Da muss es doch Wissenschaftler geben, die das erforscht haben, wirst Du wahrscheinlich denken?

Recht hast Du. Allen voran gibt es John Naisbitt.  Der 15-fache Ehrendoktor und Autor des millionenfach verkauften Bestsellers MEGATRENDS. Gemeinsam mit der amerikanischen Trendforscherin Patricia Aburdene hat er 1992 die „Megatrends: Frauen“ geschrieben.

Was meinst Du, welchen Beruf die beiden Forscher empfehlen, wenn sie nach den besten Karriere-Chancen für Frauen gefragt werden? Topmanagerin werden? Im Gesundheitswesen oder im Finanzwesen arbeiten? Naturwissenschaftlerin? Technikerin?

Alles richtig! Aber: Welches ist der grösste Hit? Ich denke, Du ahnst es schon: „Regel Nummer eins heisst deshalb: Verwirklichen Sie Ihren Traum. Der Titel eines spannenden, gut geschriebenen Buches von Marsha Sinetar drückt genau dieses aus: Do What You Love, the Money will Follow. – Wenn die Arbeit Spass macht, kommt der Erfolg von alleine. Die Autorin zeigt Schritt für Schritt, wie Sie Ihren beruflichen Traum in die wirtschaftliche Realität umsetzen können.“

Mir gefällt der Tipp aus zwei Gründen besonders gut:

  1. Frauen können mit ungebremster Begeisterung das tun, was ihnen die grösste Freude bereitet. Ich finde: das ist sehr gesund!
  2. Wer seinen „Traum“ realisiert, wird viel Kraft und Mut aufwenden müssen. Das Kraft-Mut-Kapital, das sich hier aufgebaut wird, kann schwierige Situationen später leichter machen. Ökonomisch und psychologisch gut gedacht.

Und was denkst Du?

Soweit die Frauen. Und was ist mit den Männern? Nun, ich forsche noch. Und denke, dass John Naisbitt, Horst W. Opaschowski, Matthias Horx und Kollegen gute Impulse liefern können.

Warum auch nicht von Vorbildern lernen?

Für Deine nächste Erkenntnis bin ich Dir sehr dankbar: „Ich habe von Vorbildern gelernt!“ Ich auch. Und damit befinden wir uns in bester Gesellschaft.

Ich hatte die Chance, an deutschen universitären Elite-Studien mitzuarbeiten. Du weisst, da werden die Menschen interviewt, die Wissenschaftler als „die Elite“ in Deutschland bezeichnen: Menschen aus der Politik, der Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und dem Sport.

Es war spannend, zu sehen wie sie leben, denken und wie sie die Welt und sich selbst wahrnehmen. Aus den Erfahrungen mit ihnen, den Vor- und Nachgesprächen habe ich auch für mich Erkenntnisse gewonnen.

Die rund 50 Elite-Persönlichkeiten, die ich im Laufe der Zeit näher kennen lernte, zeigten vor allem folgende Einstellungen und Verhaltensweisen:

  1. Sie waren alle international exzellent vernetzt und betrieben aktive Netzwerkarbeit zu einer Zeit als Deutschland in dieser Hinsicht eher ein Entwicklungsland war.
  2. Sie drückten eine starke Wertschätzung gegenüber sich selbst und allen Beteiligten aus. Auch hier waren sie ihrer Zeit voraus.
  3. Sie waren umgeben von Bildern – Fotos und Gemälden – von Vor-Bildern.

Zu den Bildern habe ich sie alle ganz persönlich gefragt: Warum haben Sie hier das Bild von XYZ aufgehängt? Die Antworten: Er motiviert mich. Ich nehme mir ein Beispiel an ihr. Meine Arbeit muss vor ihm bestehen können. Aha.

Die Vorbilder waren Politiker (Friedrich der Grosse, Bismarck, Elizabeth I), politische Denker (Platon, Aristoteles, Hannah Arendt), Naturwissenschaftler, Künstler – seltener: Sportler.

Einer der Interviewpartner erzählte mir, dass er sich immer am Ende des Arbeitstages per Zwiegespräch von seinem Vor-Bild verabschiedet. Erst wenn sein Vor-Bild zufrieden war, verliess er das Büro. Begründung: „Nur durch diese Motivation, Kontrolle und Disziplin habe ich es so weit bringen können.“ Respekt! Denn er sitzt wirklich ganz weit oben.

Seit dieser Zeit bin ich in meinem Büro umgeben von Bildern der Menschen, die mich schon immer fasziniert haben – allen voran: Albert Einstein und Elizabeth I. Und inzwischen spreche ich auch mit ihnen. Ob sie mir nun wirklich antworten oder ob dies selbstkritische Zwiegespräche mit mir sind, vermag ich nicht wirklich zu sagen. Fakt ist aber: Die Reflexionen helfen mir, das Leben auch mal mit anderen Augen zu sehen, die Welt im Allgemeinen und speziellen besser zu verstehen. Dabei erinnere ich mich manchmal daran, dass ein Germanistik-Professor mir einmal gesagt hat: Auch Goethe habe mit Shakespeare Zwiegespräche geführt.

Von ihm – Goethe – habe ich auch die Erkenntnis: „Mit dem Wissen wäscht der Zweifel.“ Zweifeln also vor allem die Gebildeten? Die Wissenden? Die, die sich immer weiter entwickeln? Ist der Zweifel ein Motor für die Weiterentwicklungen unserer Welt?

Brauche ich Selbstzweifel?

Selbstkritik finde ich hilfreich – und notwendig. Und Selbstzweifel auch. Ich bearbeite sie mit Elizabeth. Im Sinne von Alfred Herrhausen, der einmal gesagt hat: "Die meiste Zeit geht dadurch verloren, dass man nicht zu Ende denkt.“ Also denke ich die Zweifel zu Ende - mit Elizabeth, Albert und den anderen. So lange bis ich den Eindruck habe, die Zweifel sind ausgeräumt.

Das ist etwas mühsam. Gewiss. Und es kostet mich Zeit. Viel Zeit. Deshalb kann ich auch nicht wirklich mitreden, wenn meine Freunde die neuesten Tipps über das Marmeladenkochen austauschen. Oder darüber reden, welche Gehstöcke aktuell im Trend liegen, wenn es um die grosse Alpenwanderung geht. Ich weiss auch nicht immer wann welche Ausstellung beginnt, wann welche schliesst und wer gerade da gewesen ist. Aber ich habe dafür das angenehm satte Gefühl, die Selbstzweifel bearbeitet zu haben. Na ja, so lange halt bis die nächsten Zweifel da sind. Und dann gehen die Gespräche wieder von vorne los. Ein Glück, dass meine erlauchten Gesprächspartner so viel Zeit für mich haben.

Und wenn ich Fehler mache? Ich erinnere mich an die Fehlerkultur eines Personalchefs, der in seinem Unternehmer folgende Sätze eingeführt hat: „Machen Sie Fehler! Machen Sie ruhig Fehler! Aber, machen Sie diese Fehler bitte nur einmal.“ Ich habe seine Rede gehört. Und mich nach dem Vortrag im Unternehmen umsehen dürfen. Ich habe mit den Mitarbeitern gesprochen und war sehr beeindruckt von der sozialen Kultur. Die Menschen wirkten hier so befreit und motiviert. Und das Produkt, das sie herstellen ist ein absoluter Bestseller.

Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, dass ein entspannter Umgang mit Kritik, Zweifel und Fehler ein Segen für alle Beteiligte sein kann.

Ganz persönlich haben mir Biografien geholfen. Werke von Politikern, Wissenschaftlern und Künstlern. Sie haben mir geholfen zu erkennen, dass auch andere Menschen trotz Ungerechtigkeit, Benachteiligung und Einschränkungen grosse Ziele ausgedacht und realisiert haben. Zu lesen, wie sie Kritik, Zweifel und Fehlverhalten überwunden haben, hat mich beflügelt

Wenn ich nun an Deine Qualitätsmanagerin denke und an Deine Frage: „Was hättest Du ihr geraten?“ kann ich sagen: Um einen Rat geben zu können, brauche ich tieferes Wissen und ein näheres Gefühl zu ihr. Ein erster Impuls in mir denkt: Ich würde mit ihr eine Analyse ihrer Biografie durchführen. Ich würde danach forschen: wo zeigen sich wie welche Muster? Warum ist das so? Wenn Du von ihr sprichst, gebrauchst Du Worte wie „immer“, „wieder“, „mehrmals wiederholt“. Ich frage mich, ob es sein kann, dass sie sich auch in anderen Zusammenhängen ähnlich verhält. Ob sie ähnliche Einstellungen und Verhaltensweisen hat? Und ob ähnliche Probleme auch in anderen Lebensbereichen aufgetaucht sind oder wahrscheinlich noch auftauchen werden?

Ich bin sicher, dass sie bei Dir in den besten Händen ist!

Wachablösung. Der Mond verschwindet. Nun lichtet sich der Nebel und ganz sanft wagt sich die Sonne an den Tag heran. Guten Morgen, Deutschland. Good morning world.  It's a brand new day ♫☼!

Ein Gedanke, den ich noch nicht zu Ende gedacht habe: Warum unterwerfen sich so viele Hochbegabte dem vermeintlichen (?) Diktat der normal Begabten? Warum leugnen die Hochbegabten ihre Grösse? Warum verstecken sie ihren IQ?

Wie wir alle gelernt haben, heisst der Artikel 1 des Grundgesetzes:
„(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Warum würdigen sich so viele Hochbegabte so wenig?

Mir kommt dazu ein Gedanke, der Nelson Mandela zugeschrieben wird. Das Original schrieb vermutlich Marianne Williamson:

"Unsere tiefgreifendste Angst ist nicht,
dass wir ungenügend sind.

Unsere tiefgreifendste Angst ist, über das
Messbare hinaus kraftvoll zu sein.


Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit,
die uns am meisten Angst macht.

Wir fragen uns, wer bin ich, mich brillant,
großartig, talentiert, phantastisch zu nennen?

... Und wenn wir unser eigenes Licht erscheinen
lassen, geben wir unbewusst anderen Menschen
die Erlaubnis, dasselbe zu tun.

Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind,
befreit unsere Gegenwart automatisch andere."


Wie schön, dass Du Dein Licht leuchten lässt.

Einen sonnigen Sonntag,
Deine Lilli

Sonntag, 19. Februar 2012

Selbstzweifel – das kräfteraubende Bremsmodul

Liebe Lilli,

bitte verzeih, dass ich erst so spät antworte. Ich habe lange über Deinen letzten – sehr ausführlichen – Brief nachgedacht. Ja, es ist in mehrfacher Hinsicht nicht leicht, in jedem Fall zu helfen.

Aber ich glaube, das müssen wir auch nicht. Es gibt (zum Glück) viele gleichgesinnte und hilfsbereite Fachleute, die sowohl online wie offline Verständnis, Beratung und Hilfe für die Probleme von hochbegabten Kindern und Jugendlichen und auch für deren Eltern anbieten. Ich empfehle deshalb bei entsprechenden Anfragen gern weiter oder stelle die mir bekannten Adressen zur Verfügung. Du tust das auch. Wir sind uns also wieder einmal einig.

Natürlich ist es manchmal auch einfach notwendig, zuzuhören. Und manche ehrlich besorgte, tief beunruhigte Mutter eines hochbegabten Jungen (Mädchen sind wirklich seltener sogenannte „Sorgenkinder“) ist schon froh darüber, wenn man ihr vorurteilsfrei zuhört. Zu oft ist sie mit ihrem Bemühen auf der Suche nach dem besten Entwicklungsweg für ihr Kind am Unverständnis der anderen gescheitert. So, als wäre es doch schon ein Riesengeschenk, ein so besonderes Kind zu haben und damit alle Wege in eine glänzende Zukunft für dieses Kind quasi von selbst geebnet. Klagen auf hohem Niveau, selbsterfundene Probleme, Wichtigtuerei? Betroffene wissen, dass dem nicht so ist.

Aber wer kann heute überhaupt noch voraussagen, welcher Weg der beste, welche Entwicklung die erfolgversprechendste ist? Weder bestimmte Schulformen, noch konkrete Berufsfelder garantieren tatsächlich den späteren Erfolg. Es ist sehr schwierig geworden, über mehrere Jahre vorausschauend zu erkennen, welche Entwicklung „sich lohnt“. Es kommt auch sehr darauf an, was man unter einem sinnvollen, erfolgreichen, eben lohnenden Leben versteht.
Ich stimme Dir zu: Es ist – so glaube auch ich – sehr sinnvoll, sich selbst gerecht zu werden. Dazu muss man viel über sich selbst wissen, sich selbst akzeptieren können und häufig muss man auch in der Lage sein, sich selbst „erklären“ zu können. Und man braucht Kraft: Die Kraft, mit Widerständen und Niederlagen umzugehen, sich gegen Angriffe zu wehren und Barrieren zu überwinden. Und den Mut, nicht mit einem leichten, sorgenfreien Leben zu rechnen!

Es gibt leider in unserer Kultur den weit verbreiteten Hang zur Vervollkommnung der anderen.
Wir kritisieren, was das Zeug hält. Wir wissen genau, was andere falsch machen. Ja, auch Hochbegabte beweisen ihre Intelligenz gern, indem sie bei anderen Fehler, Schwächen, Defizite erkennen und benennen. Und sie meinen es damit gut – genau wie all die anderen hilfreichen Kritiker. So hat sich die Vorstellung irgendwie in viele Köpfen fest gesetzt, man müsse/könne nur einfach alles „richtig“ machen, dann hätte man kein Problem. Aber es klappt einfach nicht!
Ist ja auch klar, warum. Fehler werden immer erst erkennbar, nachdem sie passiert sind! Wir alle sind hinterher klüger als vorher. Und was eine Schwäche oder ein Defizit ist, zeigt sich erst im Versagen – wenn es scheinbar zu spät ist. Aber mal ehrlich: Ich habe in meinem Leben aus meinen Fehlern schneller und gründlicher gelernt als aus Lehrbüchern oder wohlmeinenden Erziehervorträgen (von denen es weiß Gott mehr als genug gab und gibt). Und: Ich habe von Vorbildern gelernt! Und damit sind wir beim Thema Selbstzweifel.

Natürlich ärgert sich jeder Mensch, wenn ihm etwas nicht gelingt. Und selbst die sehr kritikfähigen ärgern sich, wenn sie selbst kritisiert werden. Auch dann, wenn sie die Kritik als berechtigt anerkennen müssen. Es tut einfach nicht gut, kritisiert zu werden. Man fühlt sich in seinem Selbstwert angegriffen, meist mit Recht. Denn der Kritiker fühlt sich in diesem Moment sehr überlegen an – und manchmal ist er das auch. Aber bei weitem nicht immer! Du schreibst ganz richtig, dass Hochbegabte nicht gleich Hochbegabte sind. Genaugenommen ist auch schon eine Typisierung – wie die nach dem von Dir erläuterten Hermann-Dominanz-Instrument (HDI) – schwierig und nicht in jeder Situation wirklich hilfreich. Natürlich kann es sehr aufschlussreich sein, seine eigenen vorherrschenden Persönlichkeits-Profil-Bereiche zu kennen, zu berücksichtigen und ihnen weitgehend gerecht zu werden. Deine Beispiele hierzu sind sehr beeindruckend. Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht und weiß, dass derartige Selbsterkenntnis wie eine Erlösung wirken kann. Konflikte werden entschärft, unrealistische Ziele erkannt und durch neue ersetzt, die besser zur eigenen Persönlichkeit passen. Und diese Ziele werden, oft in kurzer Zeit und ohne Selbstquälerei, meist auch erreicht.

Und doch: Immer wieder treten Situationen ein, denen man sich nicht gewachsen fühlt. Immer wieder wird man kritisiert, werden Forderungen laut nach Anpassung, Veränderung, „Vervollkommnung“. Das ist an sich sogar gut, schließlich will sich jeder Mensch ja selbst weiter entwickeln. Aber – wem soll man folgen? Wer hat Recht? Welche Schwäche ist wirklich eine Schwäche? Wenn ein hochbegabtes Kind sich im Unterricht permanent langweilt, weil es schon (fast) alles weiß und seine Zeit lieber sinnvoller mit der Aneignung von neuem Wissen füllen würde – ist das ein Fehler? Wenn es die anderen durch Zappelei und Unsinn stört – will es dann nicht nur Aufmerksamkeit für sein berechtigtes Bedürfnis? Oder wenn ein hochbegabter Mitarbeiter in den Projekten seiner Kollegen Schwachstellen aufdeckt, seine eigenen Projekte aber ständig überarbeitet – ist er dann ein unerträglicher Perfektionist, der nie fertig wird?

Es ist schon wahr, unsere Fehlerkultur führt nicht etwa zu beschleunigten Lernprozessen, sondern in erster Linie zu Ablehnung und Strafe. Und besonders schlimm wird es, wenn einem talentierten Menschen oder einem bekannt hochbegabten etwas schief geht! Das dürfte nämlich eigentlich nicht passieren. Nicht, wenn man Talent hat oder sogar hochbegabt ist. Dann muss man alles wissen, können, richtig machen!!! Die Chance, aus Fehlern zu lernen, steht einem dann gar nicht zu! Schließlich hat man ja schon das Privileg der besonderen Begabung.

Leider, leider haben auch viele Betroffene diese Auffassung schon sehr früh angenommen. Sie glauben selbst, dass Fehler ihnen, gerade ihnen, nicht passieren dürfen. Das lockere „dumm gelaufen“ ist ihnen verboten. Sie verbieten es sich selbst. Sie verzeihen sich selbst keinen Fehler, keine Schwäche, keine Niederlage. Denn sie hätten es besser wissen/können MÜSSEN!

Und dennoch passiert es, auch ihnen! Sie verstoßen gegen ihnen vertraute Regeln – wie z.B. sitz still, stör nicht im Unterricht. Oder sie machen sachliche Fehler – ich z. B. verrechne mich oft, sogar beim kleinen 1X1, andere können die Deutsche Rechtschreibung nicht richtig. Oh, das ist peinlich! Auch „Schlimmeres“ passiert. Die Zensuren sind (zu) schlecht, Termine können nicht gehalten werden oder die Arbeitsleistung lässt zu wünschen übrig. Daher der permanente Selbstzweifel, bis hin zur (Selbst-) Verdächtigung, ein Hochstapler zu sein. Denn immer wieder zeigt sich, dass man es hätte besser machen können. Und oft kann man sich selbst gar nicht erklären, warum man es nicht besser gemacht hat. Die Entschuldigungen der weniger Begabten: nicht ausreichend motiviert, kein wirkliches Interesse, zu wenig Übung/Training, unzureichendes Wissen, zu viele andere Verpflichtungen, Überlastung, Überforderung oder einfach Erschöpfung.
Aber das kann bei einem Hochbegabten doch nicht sein? Dieses „Superhirn“ muss doch besser funktionieren als normale Menschen?

Sind wir wirklich zum Funktionieren verdammt? Misst sich der Wert einer Persönlichkeit tatsächlich daran, was sie „besser“ kann als andere? Ist der Leistungswettbewerb eine Werte-Konkurrenz?

Die Sorgen verzweifelter Eltern, die mit allen Mitteln versuchen, ihren Kindern den „besten“ Entwicklungsweg zu öffnen, verstärken oft noch die ohnehin vorhandenen Selbstzweifel. Denn welches Kind weiß schon, ob es zukünftigen Anforderungen gewachsen sein wird? Wer kann das überhaupt von sich sagen? Die Angst vor dem Versagen wächst, je mehr erwartet wird. Und ganz besonders groß wird diese Angst, wenn man weiß, dass man besonders kritisch beobachtet wird.

Ich wurde in letzter Zeit öfters mal von Medienvertretern gefragt, ob ich nicht den Kontakt zu Hochbegabten mit besonders herausragenden Fähigkeiten herstellen könnte. Man wollte Porträts von „Superhirnen“ fürs Fernsehen, kindlichen Schach-Koryphäen, Klaviervirtuosen im Vorschulalter, Mathegenies mit der Fähigkeit, die dreizehnte Wurzel einer Endloszahl im Kopf zu errechnen usw. Nur keine „normalen“ Hochbegabten. Lilli, kannst Du Dir vorstellen, wie viele solche Talente sich selbst in die Öffentlichkeit drängeln? Keiner, kein einziger! Gelegentlich findet sich einer, der eine bestimmte Begabung intensiv trainiert hat und nun nach vielfältigen Aufforderungen von Eltern, Lehrern oder Freunden endlich das Ergebnis seiner vielen Übungsstunden präsentieren soll. Aber auch diese Kandidaten haben Selbstzweifel und Lampenfieber. Sie wissen aus der Erfahrung ihres Trainings, dass längst nicht jeder Versuch klappt.

Wie viel mehr Selbstzweifel müssen dann Menschen haben, die kein besonders spektakuläres Talent vorzuweisen haben, sondern einfach nur besonders gut denken können? Sie können ja auch in Bezug auf ihre eigenen Fehler-Chancen besonders gut denken! Sie können sich das Risiko der Katastrophe sogar mit mathematischer Genauigkeit ausrechnen! Sie kennen unzählige Varianten von Hindernissen, die sich zwischen ihnen und dem Erfolg auftun können. Und sie wissen, wie tief sie fallen können, wenn das Unvermeidliche eintritt.

Eine gute Freundin von mir hat ein Buch über Risiko-Intelligenz veröffentlicht.  Sie beschreibt darin unter anderem, mit wie viel Fantasie wir Menschen versuchen, vorausschauend Risiken zu erkennen, um ihnen dann erfolgreich vorzubeugen – also der realen Gefahr zu entgehen. Mancher Hochbegabte treibt seinen persönlichen Ehrgeiz tatsächlich so weit, dass er von sich selbst verlangt, immer alles richtig zu machen. Auch dann, wenn das Risiko des Scheiterns sehr gering oder die Gefahr nur virtuell ist – vorbeugen ist schließlich besser als „heulen“! Das kann dann auch mal so weit gehen, dass man das Selbstvertrauen stark beschädigt, weil man mit den eigenen Vorbereitungen auf mögliche Gefahren immer noch nicht zufrieden genug ist. Und glaubt, gar keine zufriedenstellenden Leistungen bringen zu können. Weil die Vorbereitungen noch nicht abgeschlossen sind. Es fehlen immer noch ein paar Informationen, Übungen, Erfahrungen …

Nun ist Selbstkritik ja etwas Gutes. Wer sich selbst überschätzt, wird selten auf Anerkennung stoßen. Und wer nicht bereit ist, aus Fehlern zu lernen, kann sich nicht wirklich weiter entwickeln. Aber wenn der Selbstzweifel schon im Vorfeld dazu führt, dass wir uns vor lauter Versagensangst gar nicht mehr zutrauen, etwas zu tun – dann können wir gar keinen Erfolg haben. Und schlimmer: dann „wissen“ wir auch noch, dass diese Erfolglosigkeit sogar durch uns selbst verursacht wird. Wir haben ja nichts getan! Oder wir haben es nicht mit ganzer Kraft getan. Zu leise, zu vorsichtig, zu spät, zu unauffällig …

Erst kürzlich hatte ich wieder so einen „Fall“, von denen auch Du einigen schon helfen konntest. Eine junge Frau, die erst spät von ihrer Hochbegabung überrascht wurde (dabei hatte sie die doch schon immer?) arbeitslos, schon auf Hartz IV und sehr von sich selbst enttäuscht. Sie spürt die innere Verpflichtung, „mehr“ aus sich zu machen. Auf jeden Fall will sie unbedingt wieder eine sinnvolle Arbeit, die auch ihrer Qualifikation entspricht. Aber ihre bisherigen Erfahrungen in der Berufswelt haben sie ziemlich entmutigt. Immer war es nach kurzer Beschäftigungszeit zu Störungen im Teamklima gekommen. Die Kollegen fühlten sich von ihr unter Druck gesetzt, die Chefs waren ihrer Meinung nach inkompetent und die Prozesse in der Firma fand sie ineffizient organisiert. Aber niemand wollte auf ihre Verbesserungsideen eingehen, ihre Lösungsvorschläge auch nur zur Kenntnis nehmen und ihre Kompetenz anerkennen. Übrigens, sie war für das Qualitätsmanagement verantwortlich – sie hat sich also nie angemaßt, alles besser zu wissen und zu können. Es war ihre Aufgabe! Und trotzdem konnte sie „nichts“ erreichen. Die Frustration darüber führte dann mehrmals zur Trennung. Sie verlor ihre Arbeit schon nach kurzer Zeit wieder, obwohl sie sich doch so engagiert hat. Und obwohl ihre Vorgesetzten im Abschiedsgespräch dieses Engagement immer wieder gelobt haben. Ihre Frage an mich lautete ganz selbstverständlich: “Was mache ich falsch? Was muss ich ändern, damit mir das nicht immer wieder passiert?“

Das ist selbstkritisch! Das ist keine Selbstüberschätzung oder sogar Arroganz, wie sie Hochbegabten so gern nachgesagt wird. Im Gegenteil: Hier hatte jemand tatsächlich vom ersten Tag seiner Beschäftigung an sein Bestes gegeben – und dieses Beste ist bei Hochbegabten eben die Fähigkeit zu schnellem Denken, komplexer Informationsverarbeitung, Problemlösungskompetenz. Ihr „Fehler“ war es, zu jedem erkannten Problem Lösungen zu suchen und um deren schnelle Umsetzung zu ringen. Jedes Problem sollte schnellstmöglich gelöst werden! Dafür fühlte sie sich verantwortlich. Das wollte sie gemeinsam mit den Kollegen und Führungskräften erreichen. Aber: Sie war doch „die Neue“! Und noch jung! Sie hatte zwar eine gründliche Ausbildung (!) erfolgreich (!!) abgeschlossen (!!!), aber das war doch alles Theorie!

Du ahnst schon, worauf das hinaus läuft. Sie hat einfach zu schnell zu viel erwartet. Was ihr selbst als Lösung sofort klar und machbar erschien, war für die Kollegen eher eine Zumutung. Und sie hat vorausgesetzt, dass alle die gleichen guten Absichten und Qualitätsmaßstäbe haben (müssen). Dass Kompetenz wichtiger ist als Beliebtheit versteht sich für sie von selbst. Sie hat sich um Verbündete nicht bemüht, sondern einfach vorausgesetzt, dass alle im Unternehmen auch Verbündete sind. In dem Bemühen, Fehler zu beseitigen, hat sie einen sehr schwerwiegenden Irrtum mehrmals wiederholt: Sie hat angenommen, dass es normal (Norm) ist, die Dinge auf ihre Art zu sehen. Dass alle so unzufrieden mit dem aktuellen Zustand sind und schnell zu Lösungen beitragen wollen. Kleine Erfolge waren natürlich zu verzeichnen gewesen. Gesprächspartner hatte es schon gegeben. Chefs hatten manches eingesehen – aber: Das alles war NICHT GENUG!
Das konnte sie sich nicht wirklich als Erfolg anrechnen.

In unserem Gespräch war schnell klar, dass sie diesen Irrtum in Zukunft nicht wieder begehen wird. Aber sofort kam die nächste verzweifelte Frage: Es ist doch meine Natur, so zu denken – dagegen kann ich doch gar nichts machen! Muss ich mich jetzt auf „klein-klein und immer schön langsam“ umstellen, mit so wenig zufrieden sein? Was hättest Du ihr geraten?

Zum Glück hat sie gerade ein attraktives Jobangebot (Dank sei dem Fachkräftemangel), das auch ihrer Qualifikation entspricht und bei dem sie mehr Verantwortung als bisher trägt. Aber nun hat sie Angst, dieses Angebot anzunehmen. Es könnte ja wieder schief gehen. Es könnte wieder nach kurzer Zeit Schluss sein – Erfolge hat sie ja bisher nicht vorzuweisen. Die Herausforderung ist sogar noch höher als in ihren früheren Tätigkeiten, wegen der Verantwortung für mehrere Prozesse gleichzeitig. An die Chance, durch mehr Verantwortung auch bessere Möglichkeiten zur Umsetzung ihrer Ideen zu haben, hat sie bisher nicht gedacht. Und so richtig traut sie sich auch noch gar nicht, daran zu glauben. Sie ist ein wenig misstrauisch: Warum bietet man ihr eine solche Stelle, wo sie doch bisher noch gar nicht bewiesen hat, was sie kann? Sie hat doch erst so wenig vorzuweisen?

Nun, ich hoffe sie noch zu überzeugen, dass sie diese Chance durchaus verdient hat. Denn was sie als geringfügigen Erfolg wertet, ist durchaus eine anerkennenswerte Leistung. Auch und vielleicht sogar gerade deshalb, weil sie eben NICHT die spektakuläre Umstrukturierung eines Unternehmens mit medienwirksamen Verwerfungen in allen Abläufen und den entsprechenden dramatischen Auswirkungen anstreben wird, kann sie schnell Verbündete finden. Sie kann gemeinsam mit den Teams in ihrer neuen Funktion nachhaltige Problemlösungen finden und umsetzen. Und sie wird ihre Begabung dafür brauchen! Denn mehr Verantwortung bedeutet eben auch mehr Probleme, mehr Information, mehr Komplexität – und mehr Risiko.

Liebe Lilli, jetzt bin ich zwar mit dem Thema Selbstzweifel nicht wirklich fertig – aber ich höre an dieser Stelle erst mal auf. Demnächst werde ich einen Vortrag vor Eltern hochbegabter Kinder zu diesem Thema halten dürfen. Das gibt bestimmt wieder interessante Anregungen und neue Fragen. Bis dahin habe ich noch ein paar spannende Wochen und bald ist ja auch der Karneval endlich vorbei, den mag ich nämlich gar nicht. Aber als Frühlingsauftakt verstehe ich ihn doch!

Alles Gute, genieße wenn Du kannst auch mal ein paar ruhige Stunden und liebe Lilli, ich freue mich auf Deine nächste Nachricht.
Deine Karin

Sonntag, 5. Februar 2012

Small Talk: Wer ihn liebt, wer ihn nicht braucht und was man stattdessen tun kann. Oder: Wie Freudentränen einer hochbegabten Mutter geholfen haben

Liebe Karin,

ich hätte Dich zu gern lachen gesehen! Bitte beim nächsten Mal auf Video  ;))!

Dann lass uns mal wieder loslegen: Du schreibst zu meiner kühnen Smalltalk-Skilift-Szene – wir erinnern uns: „Guten Morgen allerseits! Was meinen Sie: Sollte ich meinen Kindern zuerst  Einsteins Relativitätstheorie oder erst Goethes Faust II erklären? Und sollte ich da geschlechtsspezifische Unterschiede machen – also das Mädchen zuerst auf Einstein ansetzen oder …? -

„Klar, ich selbst würde mit Ablehnung reagieren.“

OK. Ich würde vielleicht auch so reagieren. Wer wagt es so früh am Skilift meine eigene Gedankenwelt zu stören? Wo ich doch noch im Geiste mit dem Skilehrer beschäftigt bin! Ausserdem habe ich  noch nicht zu Ende gedacht: mit wem will ich am Abend meinen Ingwertee trinken? Und warum habe ich schon wieder meine Sonnencreme vergessen?

Aber dann würde ich neugierig werden auf diese Frau mit den hochbegabten Kids. Und ich würde mir diese Mutter genauer ansehen.

Was sehe ich da? Da steht eine sorgenvolle Frau am Skilift – ihre beiden Kinder an der Hand. Sie ringt um die richtige Erziehung. Warum macht sie es sich so schwer? Und warum gerade hier und jetzt? Die Mutter mag vielleicht ein wenig gewöhnungsbedürftig daher kommen – ein bisschen crazy vielleicht. Aber: Wer spürt, dass sie ein Stück verzweifelt ist, wird ihr helfen wollen.

Und Deine Antwort ist aus meiner Sicht  goldrichtig: „Ich würde mit Goethe anfangen und warten, bis die Einstein-Frage nach Raum und Zeit vom Kind kommt, denn dann ist es soweit für E=mc²!“

Wirklich: eine sehr kluge Antwort. Wenn ich sie mal treffe – diese Mutter – dann werde ich es ihr sagen.

Diese Szene erinnert mich an zwei Themen – mal mit, mal ohne Smalltalk -  die mich gerade jetzt beschäftigen:

1. Hochbegabte Kinder und Jugendliche -  ihre Sorgen
2. Hochbegabte Erwachsene -  ihre Denkstile

Zuerst zu den Kids. Bitte zügele noch einen Augenblick Deine Smalltalk-Neugier. Ich komme gleich mit neuen Ideen darauf zurück.

1. Hochbegabte Kinder und Jugendliche und ihre Sorgen

Gestern erhielt ich die Mail einer hochbegabten 13jährigen. Sie beschrieb darin ihr Leid. Und das klang in etwa so:

Ich bin total überfordert mit der Schule, weil sie so langweilig ist. Weil ich schon fast alles weiss. Das nervt Lehrer und Mitschüler. Weil ich mich langweile, kann ich nicht still sitzen. Da mache ich schon mal Unsinn. Und dann bekomme ich schlechte Noten. Und weil ich schlechte Noten habe, kann ich nicht zum Gymnasium gehen. Wie komme ich aus diesem Dilemma raus?

Kürzlich bekam ich den Anruf eines Irakers mit Zwischenstopp in Deutschland. Sein Begehren: Welches ist für meinen hochbegabten Sohn die beste Universität in den Vereinigten Staaten von Amerika? Und eine Mutter aus Süddeutschland fragte mich nach Fördermöglichkeiten für ihren Erfinder-Sohn (11 Jahre).

Oft beginnen diese Mails mit Sätzen wie: „Es kostet mich grosse Überwindung Ihnen heute zu schreiben, aber …“

Ich habe inzwischen eine Datei mit hilfreichen Adressen – online und offline. Aber da mich solche Mails/Anrufe/Briefe fast täglich erreichen, finde ich die Adressen-Weitergabe ziemlich frustrierend. Das kann man doch noch besser machen! Jedoch: Wie?

Letzte Woche erreichte mich die sehr ausführliche Mail einer besorgten Frau. Besonders hochbegabte Mütter sind oft talentierte Schriftstellerinnen. Sie beschrieb den Schicksalsweg ihres Sohnes – es geht übrigens öfter um Jungs als um Mädels – warum? Sie fragte, wie ich ihr und ihrem Sohn helfen könne. Ich habe gerade bei ihr den Eindruck gehabt, dass es nicht nur um Informationen geht. Sondern auch darum, dass sie in ihrem Leid wahrgenommen, verstanden und aufgenommen werden wollte.

Es geht ganz allgemein darum, mit dem Schicksal nicht alleine zu sein. Austausch mit anderen ist eher selten die Lösung. Es geht besonders darum, dass andere (!) helfen (!!) sollen (!!!). Wie es scheint, haben diese Mütter und Väter bereits so viel gelitten, sich lange allein und hilflos gefühlt, dass sie erwarten, dass andere jetzt einmal etwas für sie tun. Professionell, möglichst kostenfrei, emphatisch. Es geht um Verständnis, Fürsorge, Beratung, Mitgefühl und Hilfe.

Ich kann diesen Kindern, Jugendlichen und Eltern nicht wirklich helfen. Denn ich habe mich auf Coaching/Beratung für Erwachsene und deren Talente, Ziele, Handicaps spezialisiert. Deshalb habe ich die Problematik der hochbegabten Kids bereits an die Regierung in NRW herangetragen. Und an den Bundespräsidenten – zu einer Zeit als ich noch dachte, er interessiere sich für solche Themen. In beiden Fällen: keine Antwort.

Ich denke: eine kostenfreie Hotline wäre vielleicht eine erste Lösung. Man müsste Sponsoren finden. Aber wer könnte das in die Hand nehmen, organisieren und zu einer guten Einrichtung führen? Ich bin gespannt, was Du dazu denkst.

2.   Hochbegabte Erwachsene und ihre Denkstile

Zurück zum Skilift. Während ich über Deine Gedanken nachdenke, erinnere ich mich an die Unterschiedlichkeit der Hochbegabten – an ihre sehr differenzierten Denk- und Handlungsweisen. Will sagen: Hochbegabte sind nicht gleich Hochbegabte. Ebenso wie Berliner nicht gleich Berliner sind. Leipziger nicht gleich Leipziger. Kölner nicht gleich Kölner. Ich denke: Du weisst, was ich meine.

Nicht alle Hochbegabte sind Naturwissenschaftler. Nicht alle Menschen mit einem IQ >130 lieben Mathe (oh, bitte nicht so laut schreien!!!) Ist ja gut. Also: Fast alle Hochbegabte lieben Mathe – ausser so ein paar Hundertausend, die ihre Liebe noch nicht entdeckt haben.

Nicht alle Hochbegabte haben diesen „erblühten Blumenstrauss“ auf ihrem Schreibtisch stehen, der da heisst: erblühte Souveränität,  Selbstsicherheit, Selbständigkeit, erblühtes Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl.

Nicht alle „130er“ können so schnell, kühn und um die Ecke denken wie die „180er“.

Ja, ja. Ich bin immer noch beim Smalltalk. Und bei dem Gedanken: Wie reagieren Hochbegabte auf den Smalltalk? „Die“ Hochbegabten gibt es nicht. Also gibt es dazu auch nicht nur „die“ eine Antwort, sondern viele.

Deshalb hier mein Gedanke einer möglichen Struktur: Wir haben sehr unterschiedliche Talente auch innerhalb der Hochbegabung. Und da das Thema nicht nur den Smalltalk betrifft, sondern weite Strecken unseres Lebens, möchte ich kurz darauf eingehen.

 „Warum verstehen sich meine Physikerfreunde so gut mit meinen Malerfreunden – aber weniger gut mit meinen Musikerfreunden?“ So oder so ähnlich dachte einmal der Amerikaner Ned Herrmann. Er war damals Manager der General Electric Company in den USA und für die Führungskräfteentwicklung verantwortlich. Ned hatte Physik und Musik studiert und war ebenfalls ein angesagter Maler. Sein Lieblingsthema war die Erforschung der Funktionsweisen des Gehirns. Besonders inspirierten ihn die Arbeiten des Neurobiologen Roger Wolcott Sperry - Nobelpreis in Medizin 1981 – sowie des Hirnforschers Paul D. MacLean.

Und zunehmend ging es nicht nur darum, warum denn die einen Freunde so gut miteinander konnten – und die anderen weniger gut.  Es ging auch darum, Antworten für das Management zu finden. Es ging darum in einer Analyse aufzuzeigen, wie wir Menschen mit welchen Dominanzen denken, fühlen, (re)agieren.

20 Jahre später legte Ned eine solche Methode vor. Sie wird nach ihrem Entwickler H.B.D.I./H.D.I./HDI genannt: Herrmann-Dominanz-Instrument. Nun ist dieses Instrument keins, das man in die Hand nehmen oder auf dem man spielen kann. Es ist eine Analyse, basierend auf der eigenen Selbsteinschätzung. (Für die Wissenschaftlerin in Dir: Es ist ein inzwischen weltweit anerkanntes und validiertes Persönlichkeits-Modell.)

Dieses Instrument ist ein einfaches 4-Quadranten-Model. Es zeigt die relative Verteilung unserer bevorzugten Denk- und Verhaltensweisen. Stelle Dir dazu bitte einen Kreis vor – und teile ihn in vier Quadranten.

Nun benennen wir diese Teile: Der obere linke Quadrant ist das A, der untere linke Quadrant das B, der rechte untere Quadrant ist das C – oben rechts ist der Quadrant D. Diesem Modell zufolge sind wir Menschen alle Mischtypten aus A, B, C und D. Jeder Mensch hat Anteile aller vier Quadranten in seinem Modell. Jedoch: die meisten Menschen haben einen oder zwei Quadranten, die  stärker ausgeprägt sind. Seltener sind es drei oder vier Quadranten, die ähnlich stark sind.

Und was bedeutet das für uns? Was haben wir davon, dass wir das wissen? Ganz einfach: wir können uns besser erkennen. Besser im Sinne von sicherer mit uns und anderen umgehen. Nach meinen Erfahrungen „tunt“ es das Selbstbewusstsein. Man ist sich seiner Stärken besser bewusst, kann Talente endlich besser anerkennen und mehr daraus machen.

Fangen wir einfach mal  mit dem A an. Das A besagt, dass dieser Mensch sich „zu Hause“ fühlt in der Technik, der Bewertung, den Finanzen, der Machbarkeit, der kritischen Beurteilung. Menschen mit einer hohen A-Ausprägung arbeiten oft in entsprechenden Berufen: sie sind Naturwissenschaftler, Techniker, Steueranwälte. Die A-Menschen sind die Denker.

Im B ist eher das Gefühl zu Hause: Organisation, Genauigkeit, Verwaltung, Durchführung, Planung, praktische Aufgaben. Hier trifft man nicht selten Verwaltungsangestellte. Wenn ein starker A-Anteil hinzu kommt, ist der Mensch je nachdem Steuerberater und/oder Buchhalter. Mit einem starken C können dies auch Gesundheits- und Krankenpfleger sein.

C zeichnet sich aus durch Begabung in der Kommunikation, Gespür für Bedürfnisse, Teambewusstsein. Das C ist die soziale Kompetenz. Kinderärzte, Psychologen, Musiker sind mit diesen Begabungen ausgestattet. Zumeist auch Coaches. Menschen mit einem hohen C sind herzlich, gesellig, mitfühlend.
(Fussball-)Spieler, Schauspieler, Forscher und auch alle Kreativen wie Designer, Maler, Marketingexperten haben das „D-Gen“. Hier lebt die Leichtigkeit, die Innovation, die Vision. D-Menschen sind die geborenen Smalltalker. Für sie ist das ein Kinderspiel. Wenn ein hohes C dazu kommt, wirkt es herzlich und öffnet die Menschen für die Kommunikation.

Wie gesagt: Zum Glück gibt es keine reinen A-, B-, C- oder D-Menschen. Im Durchschnitt sind die Menschen in zwei Bereichen stark. Und diese Bereiche bringen besonders bei Hochbegabten die spannenden Talente zum Vorschein.
Allgemein gesehen sind die Menschen mit einer starken A-D-Kombi die Chefs – die Vor-Denker, die Top-Manager. Wer stark in B&C ist, mag lieber assistierend arbeiten: Sekretäre, Gesundheits- und Krankenpfleger, Assistenten.

So – und jetzt verstehen wir auch, warum die Freunde von Ned Herrmann sich gut oder auch nicht so gut verstanden haben: A (Physiker) und D (Maler) können glänzend harmonieren. Auch D (Maler) und C (Musiker) verstehen sich zumeist. A und C kommen hingegen nicht so schnell so gut miteinander zurecht: starke Logik trifft grosse Gefühle. Wenn beide sehr weit in ihrer Persönlichkeitsentwicklung voran geschritten sind, kann eine von Respekt, Wertschätzung und Wohlwollen getragene Beziehung entstehen. Wenn einer oder beide nur das Defizit des anderen sehen können, tun sie sich schwer einander mit Achtung und Toleranz zu begegnen.

Ich erinnere mich hier an eine hochbegabte Bibliothekarin (A). Sie hatte im Seminar soeben ihr individuelles H.D.I. erhalten und brach spontan in Tränen aus. Freudentränen – versteht sich. Das ist sehr untypisch für einen Menschen mit einem hohen A und wir waren alle sehr verwirrt. Aber bald schon konnten wir verstehen,  was ihr auf der Seele brannte: Ihr Sohn, ein Musiker, war ihr Problem. Sie litt sehr darunter, dass er nichts mit ihr zu tun haben wollte.

Nun konnte das Missverständnis aufgeklärt werden: Er hat sie nie verstehen können. Und sie hat auch ihn nie verstanden. Warum sollten sie also miteinander reden? Warum sollten sie sich sehen? Aber jetzt war alles anders. Und so wurden wir Zeugen einer langen Mutter-Sohn-Aufarbeitung am Telefon. Es folgten weitere. Und weitere Gespräche. Gabi telefonierte nur noch.

Vor unseren Augen entwickelte sich Gabriele zu einer anderen Frau. Binnen weniger Tage wirkte sie zehn Jahre jünger, entspannter und um einiges hübscher!

Wer arbeitet sonst noch mit dieser Methode? In Deutschland die üblichen Verdächtigen: Grosse Automobilhersteller aus dem süddeutschen Raum, Sparkassen, führende Computerfirmen, Marktführer in der  Telekommunikation, Fernsehanstalten. Die prominenten deutschen Namen eben. Oder mittelständische Unternehmen. Eine der führenden Werbeagenturen in Europa hat das H.D.I.-Profil jedes Mitarbeiters und jeder Mitarbeiterin an der Aussenseite der jeweiligen Bürotür angebracht. Damit der Buchhalter (B) immer weiss, wenn er mit dem Art-Direktor (D) spricht: jetzt muss er Geduld aufbringen – und umgekehrt. Trotzdem oder gerade deswegen fanden  alle Teammitglieder die Ned-Herrmann-Analysen ungemein befruchtend: Von den Azubis (D) über die Buchhalter (B/A/C) bis zu den Chefs (A/C/D).

Wenn wir uns zurück erinnern an den Skilift: Wer hier leicht ins Gespräch kommt, ist der Mensch mit dem hohen D. C-Menschen gehen ebenfalls gerne auf andere Menschen zu und ihnen fallen erste Kontakte förmlich in den Schoss. Menschen mit einer starken B-Ausprägung brauchen die Geborgenheit der Gleichgesinnten oder eine andere Form der Sicherheit, bevor sie warm werden. Aber dann ist die Chance gross, einen treuen, verlässlichen Partner zu finden, mit dem sie ihre  Briefmarkensammlung austauschen können.

Und die A-Menschen? Wie wir wissen, sind hier die Chefs zu Hause. Und die haben so viele Kontakte, dass sie eher nicht auf der Suche sind. Wenn sie Kontakt aufnehmen wollen dann auf Tagungen, auf Messen oder in ihren Clubs. Sollte jedoch mal am Lift ein interessanter Mensch stehen, dann werden sie vermutlich ihre Visitenkarte zücken. Und das machen sie ohne grosse Worte. Man versteht sich unter seinesgleichen ohne Smalltalk.

Zurück bleiben die, die sich nicht trauten. Selbstzweifel – oder nur mit dem falschen Bein aufgestanden? Nach meinen Erfahrungen könnte Selbstzweifel der zweite Vorname der Hochbegabten sein. Auch Du erwähntest kürzlich etwas in dieser Richtung. Selbstzweifel: Lass uns doch mal darüber nachdenken!

Brrrrrrr. Uns schwirren inzwischen so viele Themen der Hochbegabten durch und über die Köpfe – wir sollten Bücher schreiben!

Der kleine See vor meiner Haustür wirkt so still und friedlich in der Sonne. Er ist eingefroren. Mal testen, ob ich da Schlittschuh laufen werde.  Welche Möglichkeiten gibt es jetzt in Berlin? Du hast ja Chancen ohne Ende! Was wirst Du machen bei diesem herrlichen Sonnenschein?  In der Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten  ?

Arrivederci,
Deine Lilli